Im Weinberg des Herrn

Tatort Die neue Folge des „Tatort“ aus Saarbrücken präsentiert sich wein- und vor allem familienselig

Im Wein ist Wahrheit, weiß der Volksmund, aber auch Zucker, Farbstoff, Düngemittel und sogar Salzsäure, „da fällsch glad vom Glaube ab“, gibt Gregor Weber alias Stefan Deininger fassungslos zu Protokoll. Und der Glaube an der Obermosel liegt nun mal, wie in jeder guten Weingegend, einzig im Gottessaft.

Den geschmäcklerisch zu beurteilen wurde dem Weinkontrolleur Gerhard Nieser (Nomen est Omen!) zum tödlichen Verhängnis, und so stieg das saarländische Ermittlungsduo Kappl/Deininger in ihrem vierten Fall nicht in das stinkende Dunkel der Kanalisation hinab, wie kürzlich ihre Berliner Kollegen, sondern – das gibt schon der genussfreudige Landstrich und seine Touristikbranche auf – in die abgründigen Weinkeller an der deutsch-französischen Grenze.

Der Winzerkrieg zu Bernheim, wo der preisgekrönte Wein des von Thomas Sarbacher wortkarg gegebenen Eigenbrötlers Richard Altpeter den Neid der Konkurrenten erregt und alte Liebe neuen Hass, war ernüchternd. Je tiefer der sprillige Franz Kappl (der in dieser Hinsicht ganz unbayrisch posierende Maximillian Brückner) und sein bräsiger Kompagnon mit dem sich auffüllenden Palu-Wanst ins Probierglas schauten, mussten sie feststellen, dass auch im Winzerhimmel der liebe Gott gelegentlich Auszeit nimmt.

Da wurde dann nicht Wasser zu Wein, sondern Wein zu Essig und mit Wasserstoffperoxyd die ein bisschen blasse Weinkönigin Ariane I. (Lisa Maria Potthoff) aufgehübscht. In deren Bett – kleine Entgleisung an der Saarschleife - ermittelte der schwiegermuttertaugliche Tuba-Franz, um danach, dies wiederum „Tatort“-Klischee, mit dem gefoppten Deininger in Protokoll-Clinch zu geraten. Wie nach Willen des Drehbuchautors Andreas Pflüger überhaupt die Chemie des Weines und die Chemie der Liebe zwischen Männern und Frauen und Eltern und Kindern all die dörflichen Verwerfungen mischte, in denen „niemand ein gottverdammtes Motiv“ zu haben schien, wie Deininger –das von der auch dieses Mal unverwechselbar komischen „Büromuddi“ Gerda Braun (Alice Hoffmann) geherzte „Stefansche“ – irgendwann entnervt ausstieß.

Denn als unserer Mütter und vor allem Väter Kinder auf die Probe gestellt, war dieser „Tatort“ gar nicht so wein-, sondern ganz und gar grün- (die bilderbuchgemäße Weinberg-Kamera führte Andreas Doub) und familienselig. Der backenbärtige Deininger zum Beispiel, dessen Vater von der Kohlenschlacke erwischt worden ist und dessen Mutter die letzten 200 Mark in den schwarzen Begräbnisanzug für den Sohn investiert hat, träumt noch immer vom „schönen Leben“ der Anderen. Den introvertierten Winzer Richard belastet die vom Vater hinterlassene, vergessene alte Parabellum. An der kühl kalkulierenden Isabel Weickert (Katharina Müller-Elmau) nagt noch immer der väterliche Ruin, für den sie Richard mit seinem „Öko-Scheiß“ verantwortlich macht. Und der sprachstolprige rotblonde Benedikt, eine blassere Version von Ben Becker, der mit dem milieu-affinen Tatort-Kultstreifen „Tod im Häcksel“ berühmt wurde, hat so eine Scheißangst vor seinem Vater, dem Jähgickel Eckes, dass er sogar ins Wasser springt. Martin Wißner und Timo Dierkes verkörpern nicht gerade das familienpolitische Aushängeschild von Ursula von der Leyen.

„Sei froh, dass du noch’n Vadder hasch“, tröstet Deiniger trotzdem den Kappl-Franz, als dessen kranker Vater Ludwig plötzlich in Saarbrücken aufläuft. Mit Konstantin Wecker als Gast durfte die „Freitag“-Leserschaft einen altverbundenen Wegbegleiter im Geiste begrüßen, den die Saarländer ihrerseits nun regelmäßig als Ass in die Tatort-Runde werfen wollen. Ob er im Weinberg des Herrn die Früchte für das ungleiche Kommissar-Duo pflücken wird oder mit Kappl alles bajuwarisch vergärt? Was den Wein betrifft, war die Botschaft der Winzer doppeldeutig: Kein Holz, nur noch Plastik und irgendwann auch keine Korken mehr, sondern nur noch Schraubverschlüsse: „Aber Sie werden sich wundern“, prophezeite Bürgermeister Eckes, „es schmeckt dann genauso“.

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