Innere Stimmen

Naher Osten Die prominente israelische Soziologin Eva Illouz fordert die Erneuerung des jüdischen Staats
Ulrike Baureithel | Ausgabe 25/2015 2
Innere Stimmen
Orthodoxe Juden bei Bet Schemesch im Bezirk Jerusalem

Foto: Jack Guez/AFP/Getty Images

Wenn von der Wiederkehr der Religion und theokratischen Herrschaften die Rede ist, denken wir gemeinhin an den Islam, an Kalifate, die Taliban oder den IS. Israel würde auf einer derartigen Landkarte wohl kaum auftauchen, denn immerhin ist das Land die einzige stabile Demokratie im Nahen Osten. Wenn Israel also bezichtigt wird, langsam in eine „religiöse Ethnokratie“ abzudriften, wiegt das schwer. Umso schwerer, wenn dieser Vorwurf von einer prominenten Stimme aus dem Innern Israels kommt, einer Frau zumal, die weit über die Grenzen hinaus gehört wird.

Die Soziologin Eva Illouz, in Deutschland eigentlich eher für ihre luziden Analysen über die Liebe bekannt, ist eine engagierte politische Streiterin. Zwischen 2012 und 2014 hat sie in der englischen Ausgabe der liberalen Tageszeitung Haaretz ein gutes Dutzend Essays veröffentlicht, in denen sie die Lage ihres Landes kritisch beleuchtet. Zusammengefasst sind diese jetzt in einem Band mit dem lapidaren Titel Israel erschienen. Dieser Umstand erklärt auch bereits gewisse Redundanzen des Buchs.

Wenn Religion zur Pflicht wird

Als „eingreifende“ Intellektuelle verhehlt Illouz vorab ihren Rollenkonflikt nicht: 1961 in eine sephardisch-jüdische Familie in Marokko hineingeboren und streng religiös in Frankreich aufgewachsen, hat sie ein inniges Verhältnis zum Judentum. Ihr religiöses Bekenntnis war im laizistischen Frankreich jedoch rein privat, und später, in den USA, war sie unauffälliger Teil in einer vielfältigen religiösen Koexistenz. Erst in Israel erlebte sie, wie Religion zur Pflicht gemacht wurde.

Da sie sich gleichzeitig als Angehörige einer säkularen akademischen Gemeinschaft versteht, die sich der Verteidigung universaler Werte verpflichtet fühlt, setzte eine Entfremdung ein. Kritik ist in Israel aber nur zulässig, wenn sie „in einen Code der Liebe und Solidarität eingebettet“ wird, wie sie im Rekurs auf die Auseinandersetzung zwischen Hannah Arendt und Gershom Scholem schreibt und mit den Gründungsbedingungen Israels erklärt. Den Verdacht der Illoyalität, dem sie sich als jüdische Intellektuelle, von der die Rechtfertigung der jüdischen Partikularinteressen erwartet wird, ausgesetzt sieht, weist sie aber entschieden zurück. Ihre Essays seien als Engagement für die Erneuerung der jüdischen Existenz in Israel und als nichtreligiöse Antwort auf die Herausforderungen des Universalismus zu verstehen. Bei allen Sicherheitsbedürfnissen des Landes seien die Menschenrechte als ein Mindeststandard ohne Wenn und Aber zu verteidigen. „Die israelische Gesellschaft“, behauptet Illouz, „ist vor langer Zeit der heiligen Dreieinigkeit von Siedlern, Religiösen und Reichen in die Hände gefallen. Können wir uns den Tyranneien widersetzen, die den demokratischen Geist Israels ausgelöscht haben?“

Die ersten Beiträge lesen sich wie eine historische Bestandsaufnahme. Die jüdische Diaspora, die institutionalisierte Erinnerung an den Holocaust und der Zionismus als Projekt der Identifikation hätten dazu beigetragen, dass der israelische Staat immer gleichgesetzt wurde mit einer ethnischen Gruppe, was mit dem Ausschluss aller anderen einherging.

Besessen von der Verteidigung der jüdischen Identität im Exil, habe sich das Gebot der „Hypersolidarität“ bis in die Gründung Israels verlängert: „Israel ist ein jüdisches Land unter Führung der Juden, in dem Nichtjuden nur eine marginale Rolle spielen können.“ Diese glaubensbasierte Ethnizität, die nur Juden kennt und durch den wachsenden Einfluss der Ultraorthodoxen auf die israelische Gesellschaft und Politik forciert wird, führt Illouz zufolge zu „unerträglichen Ungleichheiten“.

Dieser ethnisch-religiöse Essenzialismus der israelischen Gesellschaft gründe auf dem angenommenen privilegierten Verhältnis der Juden zu Gott. Als transnationale Gemeinschaft hätten sie in ihrer Exklusivität auch ein besonderes Verständnis von Differenz ausgebildet. Das sei in der Diaspora überlebenswichtig gewesen, verkehre sich in Israel aber ins Gegenteil, in einen Rassismus, der sich auch in den Gesetzen des Staats niederschlage.

In gewisser Hinsicht, meint Illouz, sei Israel eine vormoderne Gesellschaft. Der Staat kontrolliere den Landbesitz, die Religion und das Militär nähmen eine besondere Rolle ein, und insgesamt sei das Land wie eine Kastengesellschaft organisiert. Das „feudale“ Israel verfüge über drei Stände: Nichtjuden, davon die Mehrzahl Araber, Juden, die beten und nicht kämpfen, sowie Juden, die sowohl beten als auch kämpfen. Die durchaus marktorientierte Ideologie stehe dabei in krassem Widerspruch zur „ideologisch motivierten Hingabe an die Nation als militärisches und religiöses Kollektiv“. Grundsätzlich fühlten sich Juden zu Gehorsam gegenüber dem Staat verpflichtet, verstärkt durch die disziplinierende Wirkung des Militärdiensts.

Aufschlussreich ist, was die Soziologin über die innerjüdischen Widersprüche aschkenasischer und misrachischer Juden schreibt. Die aus Nord- und Osteuropa stammenden Aschkenasim, die den Landstrich am Meer zuerst besetzten und die Spielregeln machten, fühlten sich als Flüchtlinge und Opfer des Holocaust berechtigt, die aus den arabischen Ländern stammenden Mizrachim zu dominieren und deren unterprivilegierte Situation auch noch als gottgegeben zu bemänteln. Aber auch den diskriminierten Mizrachim wirft Illouz Versäumnisse vor: Eingemauert in ihre ethnische Zugehörigkeit, seien sie nie „über eine Politik der Opferrolle hinausgekommen“.

Intellektuelle Hybris

Illouz lässt keinen Zweifel daran, dass nur die strikte Trennung von Staat und Kirche die Voraussetzung schaffen könnte, das Land auf eine liberalere Grundlage zu stellen. Dass sie dabei die universalistischen Tugenden Frankreichs geradezu hymnisch glorifiziert und offenbar überhaupt nicht wahrnimmt, dass in den letzten Jahren dort geradezu ein jüdischer Exodus nach Israel stattgefunden hat und noch andauert, mag der rückwärtsgewandten Verklärung geschuldet sein, denn das Frankreich, in dem Illouz aufgewachsen ist, hielt dem multiethnischen Härtetest möglicherweise noch stand.

Als furchtlose, „parrhesiastische“ Sprecherin in der Nachfolge Polyneikes’, die weiß, dass sie für ihre Rede bestraft werden kann, sieht sich Illouz als eine Kritikerin, die in der Gruppe bleiben und sie zugleich von außen betrachten will. Dass sie die Wahrheit zu wissen glaubt, gehört zur intellektuellen Hybris. Wie viele nichtreligiöse Israelis fühlt sie sich vom Staat nicht mehr repräsentiert. Doch selbst diejenigen, die 2011 protestierend auf die Straße gingen, begleitet von Angriffen der ultraorthodoxen Rechten, verhielten sich dem Staat gegenüber loyal, indem sie keine politischen, sondern nur soziale Forderungen stellten.

In einem interessanten Gedankenexperiment rekapituliert Illouz die Dreyfus-Affäre und bezieht sie auf das moderne Israel. Sie kommt zu dem Schluss, dass der Zionismus erst sein Ziel erreicht haben werde, wenn Israel zu einer solchen Dreyfus-Affäre, das heißt zur moralischen Empörung eines jüdischen Offiziers gegenüber dem Unrecht, das einen Araber trifft, fähig sei.

Info

Israel. Soziologische Essays Eva Illouz Suhrkamp 2015, 229 S., 18 €

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 22.06.2015
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

Ausgabe 43/2020

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