Je suis Böhmi

Satire-"Skandal" Gibt es denn wirklich kein wichtigeres Thema in diesem Land?
Ulrike Baureithel | Ausgabe 16/2016 6
Je suis Böhmi
Hat sich selbst inzwischen abgesetzt: Jan Böhmermann

Bild: Imago/Sven Simon

Vier quälend lange Wochen böhmert und böllert es nun schon durchs Land, von den zentralen Marktplätzen der Hauptstadt und aus den hintersten Windfängen der Provinz. Die ursprünglichen Akteure: ein öffentlich-rechtlich bestallter und deshalb hauptsächlich über sich selbst witzelnder Satiriker, ein dünnhäutig-egomanischer Staatspräsident, eine aufgescheuchte Kanzlerin – und eine Medienrepublik, die offenbar kein Maß und keine Verhältnismäßigkeit mehr kennt.

Da wird mitgezwitschert und mitgepöbelt, es werden Solidaritätsfanfaren angestimmt, Empörungswellen aufgeblasen und Manifeste für die Kunstfreiheit ans Kanzleramt angeschlagen. Wer meint, hierzulande etwas zu sein, will dabei sein beim demonstrativen „Je suis Böhmi“, auch wenn mancher den Härtetest wohl nicht ernsthaft antreten würde, denn wer begibt sich mit allen fünf Sinnen schon auf dieses Niveau?

Ja, gibt es denn hierzulande nichts anderes, als über eine hirnrissige Comedy und einen überkommenen feudalen Beleidungsparagrafen zu debattieren? Hat das Land keine anderen Sorgen als die Zone unter der Gürtellinie und die dazugehörige Substanz? Der Fall erinnert ein bisschen an die Eulenburg-Affäre im dahindämmernden Kaiserreich, das Medienspektakel um einen angeblich homosexuellen Fürsten, Intimus von Wilhelm II. Eine Stellvertretergeschichte, die den Kaiser desavouieren sollte. In der Causa Böhmermann geht es ja auch nicht um den Witzbold und einen humorlosen Türken, sondern um Angela Merkel. Dem Kaiser wurde die Führung der Armee abgesprochen, der „erpressbaren“ Merkel die Regierungsfähigkeit.

Aber wenn die denn in Zweifel steht: Wäre es dann nicht angemessener, über die Folgen des Flüchtlingsdeals mit Erdoğan zu sprechen? Darüber, dass sich seit dem Abkommen mit der EU die Lebensbedingungen in den türkischen Flüchtlingslagern katastrophal verschlechtert haben, wie Menschenrechtsorganisationen berichten? Dass sich die Geplagten nun andere, risikoreichere Routen suchen? Und im Mittelmeer wieder massenhaft Menschen ertrinken und darüber nachgedacht wird, mit noch weniger vertrauenerweckenden Staaten als der Türkei ähnliche Abkommen zu schließen?

Man müsste auch darüber sprechen, dass das gerade auf den Weg gebrachte Integrationsgesetz höchstens für einen kleinen Teil der Flüchtlinge Wirkung zeigen wird. Was soll mit der Masse der in Deutschland Gestrandeten geschehen? Was mit denen, die irgendwo an einem Grenzzaun hängen bleiben?

Ja, es singt sich leicht Erdowie, Erdowo, Erdowann. Zwei Drittel der Deutschen meinen, dass Merkel vor Erdoğan eingeknickt sei, als sie den Fall Böhmermann der Justiz überantwortete. Aber sicher finden es auch zwei Drittel der Deutschen – offen oder eben nur klammheimlich – ganz toll, dass nun nicht mehr massenhaft Flüchtlinge über deutsche Grenzen kommen. Immerhin Merkels Verdienst, ein fragwürdiges.

Die Freiheit der Kunst ist das eine. Die Freiheit, über diese Freiheit auf Kosten anderer zu witzeln, die zweite Drehung. Und der medialen Öffentlichkeit steht es frei, sich dazu zu verhalten. Ihr allerdings täte es Not, sich um die Freiheit und die Existenz derer zu kümmern, für die Satire jenseits aller Möglichkeiten ist. „Hering, Hering, so fett wie der Göring“, lautete ein Flüsterwitz im Nationalsozialismus, den meine bald 95-jährige Mutter heute noch zitiert. Dafür konnte man damals ins KZ kommen.

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06:00 18.05.2016
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

Ausgabe 27/2020

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