Jeder für sich

Corona Gemeinsam gegen das Virus – das war einmal. Inzwischen denkt jedes Land nur noch an sich: Willkommen also in der Kriegswirtschaft
Jeder für sich
Schlange vor einem Impfzentrum im britischen Epson

Foto: Dan Kitwood/Getty Inages

Beim wöchentlichen Ritual, das der Chef des Robert-Koch-Instituts zusammen mit Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) auf der Bundespressekonferenz zelebriert, bemühte Lothar Wieler einmal mehr eine Metapher aus dem Sport: Wir befänden uns, bestärkte er den Durchhaltewillen der Bevölkerung, nun im letzten anstrengenden Drittel des olympischen Dauerlaufs, das es zu bestehen gelte.

Wer seit einem Jahr alleine zu Hause hockt oder gerade wieder den heimischen Turbo-Schulalltag managt, mag jene Einsamkeit des Heimzöglings Smith nachempfinden, der in Alan Sillitoes berühmter Erzählung für den Langstreckenlauf trainiert. Im Unterschied zu Smith, der sich gegen die Erwartungen seines Heimleiters für die Niederlage und damit seine Freiheit entscheidet, sind Politik und Gesellschaft allerdings zum unbedingten Sieg verdammt: Nicht durchzuhalten im Hinblick auf Abstand, Hygiene, Testen und Impfen bedeutet steigende Inzidenzwerte, mehr Tote und anhaltender Lockdown. Amtierende Politiker:innen bezahlen das höchstens mit ihrer Karriere. Die Kosten für uns alle sind noch nicht ausgepreist.

Der olympische Lauf hat nun erst einmal einen herben Rückschlag erlebt. Nach Dänemark und anderen europäischen Ländern hat auch Deutschland die Impfung mit AstraZeneca ausgesetzt, nachdem möglicherweise mit der Impfung in Verbindung stehende Fälle von Hirnembolien aufgetreten sind. Bewiesen ist das noch nicht. Die restriktive Maßnahme, die bisher weder von der WHO noch von der Europäischen Arzneimittelbehörde gedeckt wird, reiht sich ein in eine lange Folge von Forschungshindernissen, Desinformationspolitiken und Lieferpannen rund um den britisch-schwedischen Impfstoff, der wie kein anderer im Zentrum des internationalen Impfkriegs steht und Staaten, die es sich leisten können, zu einer Art Kriegswirtschaft greifen lässt. Die Instrumente kennt man: Warenhortung, Preiskämpfe und Exportverbote, wobei die EU auch keine rühmliche Rolle spielt.

Der Krieg um den Impfstoff wurde eingeläutet, als die USA im Sommer begannen, sich möglichst große Kontingente zu sichern, Preis nebensächlich. Unter Verkennung der eigenen wirtschaftlichen Stärke und mit vorläufiger Rücksicht auf die ärmeren Länder der Gemeinschaft glaubte die EU-Kommission, einen Preiskampf inszenieren zu können, dessen Folgen der Kontinent nun zu spüren bekommt. Allerdings, auch das gehört zur Wahrheit, verfügen die reichen EU-Länder anteilmäßig über größere Mengen etwa des Biontech-Impfstoffs als die ärmeren, die auf ihren Anteil verzichten, weil sie ihn sich nicht leisten können. Davon profitieren die Aufkäufer, insbesondere Dänemark und die Niederlande, also jene Länder, die nun vorerst auf AstraZeneca verzichten.

Die USA hingegen haben nie einen Hehl daraus gemacht, die eigene Bevölkerung überversorgen zu wollen, daran hat auch der Regierungswechsel in Washington nichts geändert. Und obwohl AstraZeneca in den USA noch gar nicht zugelassen ist, wird der Stoff dort zurückgehalten, um ihn gegebenenfalls nach Asien weiterzuverkaufen und die chinesischen Konkurrenten auszustechen. Eine Anfrage, einen Teil des Warenlagers in die EU zu transferieren, wurde abgelehnt. Auch mit den 1,4 Millionen Dosen des neuen Impfstoffs von Johnson & Johnson ist erst ab Ende April zu rechnen, weil die USA praktisch ein Exportverbot für Impfstoffe verhängt haben.

Bekanntlich reagierte aber auch die EU mit Exportkontrollen, nachdem AstraZeneca im Februar seinen Lieferungen nicht nachkommen konnte und aktuell wieder Lieferengpässe meldet; Italien wiederum hat den Impfstoff, der im eigenen Land verschmäht wird, nach Australien vertickt. Und Großbritannien geriert sich als europäischer Impfmeister, weil es die Hand über das im eigenen Land produzierte Serum hält. All dies sind Anzeichen für ein in Kriegswirtschaften typisches Autarkiesystem, das nun auch hierzulande Anhänger findet. Ab 2022, kündigte der Impfstoffbeauftragte der Regierung, Christoph Krupp (SPD), an, werde sich Deutschland durch Produktionsausweitungen selbst mit Impfstoff versorgen können. Wenn schon Recht auf Gewinne, dann im eigenen Haus. Wer bestimmt die Ordnung der Ungleichheit?

Ob es sich bei der Impfaussetzung von AstraZeneca nun um eine Drohgebärde handelt oder um tatsächliche Sicherheitsbedenken, bleibt dahingestellt. Aber Sicherheit, auch das sollte klar sein, ist kein Marketenderspiel. Nun wird mit angezogener Handbremse weitergeimpft, mit allen Folgen für das Pandemiegeschehen. Jens Spahn hat den Impfgipfel vertagt, und niedergelassene Ärzte scharren weiter mit den Hufen. Aufgrund der Engpässe bei AstraZeneca haben das Saarland und Baden-Württemberg schon vor Spahns Rückpfiff Impfstofftermine abgesagt. Der Mangel könnte dem russischen „Sputnik V“ noch eine europäische Karriere bescheren.

Der Imageschaden ist riesig, für AstraZeneca und die gesamte Kampagne. Auch wenn der Stoff wieder genutzt werden sollte, wird die Impfreihenfolge durcheinandergewirbelt werden. Impflinge könnten dann „Sonderrechte“ fordern. Markus Söder (CSU) kann sich bereits vorstellen, dass Geimpfte im Sommer anders behandelt werden. Den Malochern, Kassiererinnen und Servicekräften bleibt der Langstreckenlauf, ohne Aussicht auf Freiheit.

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 18.03.2021
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

Ausgabe 19/2021

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