Kein Biss

Tortenspalten Das Jüdische Museum beschenkt Freud zum 150. Geburtstag

Ist er wirklich noch modern? Oder hoffnungslos antiquiert mit seinem Ödipuskomplex und den Kastrationsängsten; mit der zeitgenössischen "weiblichen" Hysterie, der Verdrängung und ihrer Wiederkehr; der Abwehr von Wünschen und ihrer Sublimierung? Sind sexuelle Perversionen "krank" oder nur die andere Seite des Erlaubten, das, was Normalität überhaupt erst ermöglicht? Solchermaßen abgefragt, reagieren Experten - wie kürzlich in der ehrwürdigen Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaft - überaus differenziert: Gerühmt wird Freud dann als Archäologe des Unbewussten oder als Kulturkritiker; und kritisiert als in den Todestrieb verliebter Melancholiker oder sexbesessener Guru, der gottflüchtigen Intellektuellen eine adäquate Ersatzreligion bereit gestellt hat.

So differenziert geht es in der Ausstellung zur Feier des 150. Geburtstags von Sigmund Freud nun wahrlich nicht zu; das Berliner Jüdische Museum präsentiert einen Freud zum Anfassen und, wenn man mag, zum Verzehr. Die eingangs präsentierte Sahnetorte, die die Lebensstationen des Jubilars aufruft, ist einerseits köstlich süß (fabriziert von der Berliner Confisserie), andererseits höchst analytisch: So viele Spalten, in denen der begabte Sigmund hätte verschwinden können! Der schwarz behaarten seiner Mutter ist er entronnen durch gelehrte Sublimierung im Wiener Gymnasium; der väterlichen Kastration durch Selbstanalyse; der Krankheitsmachete durch eine chirurgische Prothese (im Haus Freud "Monster" genannt); nur die Nazis - welch posthumer Triumph - schienen dann fähig, einen Keil in die Wiener Analytikerwelt zu treiben. Dieses Sahnestück ist - sinnfällig - von der Torte abgelöst. Der betagte Freud, ewiger Wahlwiener, hat in der Londoner Emigration nur ein Jahr überlebt.

Der Mensch Freud wohlgemerkt, nicht sein Werk. Denn überlebt hat Freud nach dem Willen der Ausstellungsmacher zumindest in der Popkultur. Die Schlüsselbegriffe blitzen, stroboskopisch illuminiert, hinter der Sahnetorte auf. Kein Schüler, keine Schülerin, die nicht einen "Zwangi" oder "Klemmi" zu identifizieren wüsste oder einen "Maso" abzuwatschen; keiner und keine, die nicht den spezifischen Witz draufhätte, der alle Zweifel erledigt. Rührte Freud einst am Intellekt, berühren die museumspädagogisch animierten Kids das ausgestellte Spielzeug: weinende Puppen, wiehernde Pferden oder Kucki-Gebisse. Alles sehr bunt. Alles sehr süß. Und sehr, sehr harmlos. Wo bleibt der psychonanalytische Biss, das "Unbehagen in der Kultur"?

In gewisser Hinsicht stellt es sich ein, wenn man vorbei defiliert an den 300 Couchen, die die praktizierenden Berliner Analytiker fotografisch bereitgestellt haben. Zum einen, weil ein gravierendes Gefälle vom analytisch wohl versorgten Berliner Westen in den bedürftigen Osten verläuft und der bürgerlichen Sprachmächtigkeit (Voraussetzung jeder Analyse) späten Tribut zollt; zum andern und vor allem, weil die Aussichten von der Couch einen so kleinen, bewusst segmentierten Horizont auf die "Welt" eröffnen: auf den Gummibaum, den Stuck, barocken Kitsch aller Art. So beschränkt eben, wie der bürgerliche Blick auf das "Gestell" ist, das die Seele justiert und von dem Max Weber annahm, es sei das Korsett aller Entwicklung. Diese kulturkritische Seite Freuds bleibt in der Ausstellung weitgehend ausgeblendet. Die Fallgeschichten - von Anna O. und Dora über den kleinen Hans bis zum Rattenmann und Schreber - rufen zwar das psychoanalytische Begriffsarsenal auf, wirken in ihren puppenhaften Verkleinerungen allerdings eher komisch denn als Stoff einer sublimen Theorie.

Dabei hat Freud in einem Augenblick, in dem sich die wissenschaftliche Laborsituation durchsetzte und die Objekte mittels experimenteller Anordnungen verfügbar machte, ein Setting geschaffen, das zwar äußerlich diesen Bedingungen gehorcht, sich der wissenschaftlichen Überprüfbarkeit jedoch entzieht. Wer darüber etwas erfahren will, muss schon zum Begleitbuch greifen, dessen lesenswerte Beiträge über die Pop-Grafik hinweg trösten. Darin finden sich auch Hinweise darauf, auf welche Weise Freuds Theorie den jüdischen Horizont erhellt und was diese Ausstellung überhaupt im Jüdischen Museum zu suchen hat.

Dort klärt ein Bonbonpapier immerhin darüber auf, dass das Sahnehäubchen der bürgerlichen Selbstvergewisserung seit 1967 solidarisch finanziert wird und eine analytische Sitzung derzeit mit
66,12 Euro zu Buche schlägt. Die eingangs erwähnten Experten bekundeten, Freud könnte am Ende weniger seiner Antiquiertheit als der Gesundheitsrationierung zum Opfer fallen.

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Ihre Freitag-Redaktion

00:00 14.04.2006
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

Ausgabe 15/2021

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