Kirre im Quadrat

Bühne Autor Thomas Melle erzählt seine Erfahrung mit der bipolaren Störung noch einmal neu, im Theater. Dafür hat er ein Alter Ego erfunden – ausgerechnet einen Lehrer

Die Schule ist die Welt im Kleinen, ein Gemeinplatz. Auf die Theaterbühne gehoben, lassen sich an ihr Widersprüche und Abgründe der Gesellschaft ausloten, mit minimalen Mitteln. Minimalistisch angelegt ist auch die Inszenierung im Kammerspiel des Deutschen Theaters Berlin: Ein großes azurnes Quadrat, der blaue Planet sozusagen, einzig mit einem Aquarium bestückt. Es treten auf: Lehrer, Eltern und Schüler, knapp vor dem Ertrinken. Es geht um große und kleine Pädagogik, um Wollen und Können, Können und Müssen, und über all dem wie ein imaginäres Spruchband der Titel des Stücks Versetzung.

Kennt jeder, der schon mal die Schulbank gedrückt hat, aber in diesem Fall sind gar nicht so sehr die Schüler gemeint, sondern ein Lehrer, Rupp mit Namen, Roland gerufen. Er ist das theatertaugliche Alter Ego des Autors Thomas Melle, der 2016 einen Roman vorgelegt hat (Die Welt im Rücken), in dem er von seinen Erfahrungen mit einer manisch-depressiven Störung berichtet hat, sehr differenziert, sehr in sich hineinhorchend, sehr philosophisch.

Rettendes Sonett

Weil sich Melle aber im Rahmen der Auftragsarbeit nicht gut selbst auf die Bühne stellen kann, hat er Roland erfunden, einen dieser engagierten Pädagogen, die, im Rollkragenpullover (undefinierbar beige wie er selbst), noch an das Richtige und Wahre glauben und davon überzeugt sind, ihre Schutzbefohlenen auf den richtigen Weg bringen zu können. Vor der Klasse doziert er eingangs über den Begriff „Opfer“. Und lässt keinen Zweifel daran, das Opfer, das ist er. Später wird ihm sein renitenter, aber kluger Schüler Leon entgegenhalten: Opfer? Das hieße jetzt Jude. Uff.

Daniel Hoevels und Caner Sunar, die dieses Duo verkörpern, nimmt man den Lehrer-Schüler-Clinch durchaus ab: Der eine will den anderen pädagogisch einfangen, der andere durchschaut die humanistisch getränkte Pose: „Sie lagern sich aus, sie verstellen sich.“ Dieser Leon Mollenhauer, der mit einem besessenen Vater, Impfgegner, Verschwörungstheoretiker und leider auch Elternsprecher (Michael Goldberg in ein, zwei brillanten Auftritten) geschlagen ist, hat ein Gefühl für Falsches. Aber ist er so luzide, um in die Abgründe Rupps zu blicken, seine sorgsam austarierte Balance, seine Angst vor dem nächsten Schub? „Wir sind Kippfiguren“, proklamiert der Lehrer eingangs, „die Positionen sind ständig in Bewegung, auch wenn alles für immer festzustehen scheint.“

Ein ganzes Arsenal solcher „Kippfiguren“ setzt Regisseurin Brit Bartkowiak in dieser Uraufführung gegeneinander. Schütz, den Rektor, defensiv seinen beruflichen Rückzug vorbereitend und berührend verletzlich gegeben von Helmut Mooshammer. Die beiden sich bekriegenden Lehrer, Philosophie und Naturwissenschaft, knapp an der Abbruchkante zur Karikatur (Judith Hofmann und Christoph Franken). Manu, die Mutter des Strebermädchens Sarah, lasziv und intrigant, die behauptet, Rupp habe sie sexuell bedrängt. Und nicht zuletzt Rupps Frau Kathleen (Anja Schneider), ein bisschen schwanger, ein bisschen einfältig und vielleicht doch die Einzige, die ihm in die Seele schaut: „Wenn du weg bist, bist du anwesender, als wenn du da bist.“

Es sind Figuren, die leben wie hinter Glas. Schütz, der sich in einem aussichtslosen Kampf gegen „Attentäter“ sieht: „Ich bin der Endfeind.“ Die Schüler, die unter den Spannungen der Erwachsenen leiden. Die Lehrer, die Gutes wollen und Schlechtes säen oder einfach nur karrieregeil sind. Viel Schul- und Lebensmist also, und das ist das Problem, denn darunter droht das eigentliche Thema zu verschwinden, Rolands bipolare Störung und die Frage, ob ein solcher Lehrer zumutbar ist für die Kinder und die noch dringlichere Frage, wer nämlich vom ganzen Personal am meisten gestört ist.

Das geht auch zurück auf die unentschiedene Regiekonzeption, denn der eigentlich tragische Fall wird ironisch zersetzt (Kathleen: „Krise als Chance“) oder kalauernd heruntergewirtschaftet (Rupp: „Ihr Sohn ist ein Spinner/ich habe keinen Schimmer“). Rupps „Versetzung“ ist nicht nur beruflicher Art, sondern betrifft das gesamte Personal, das sich am Ende sprachlich in die Form, in den deutschen Blankvers und das Sonett rettet, um überhaupt noch ein „Geländer“ zu haben, denn „die Welt ist, was das Wort ist“. Im Chor werfen sie das Bild zurück, das Rupp von sich hat: „Verloren ist, wer sich verrennt, verkennt ...“

Einige große – immer monologische – Szenen ragen auf: Die Rede des Hilflosigkeit und Würde ausstrahlenden Rektors, Rupps fiktive Ansprache an die Eltern, einzelne dichte Momente, wenn zwei Schüler über den Schulbetrieb sinnieren. Aber leider werden diese Reden überbordet vom philosophisch ambitionierten Anspruch des Autors, der im Roman entfaltet werden kann, auf der Bühne knirschen die sperrigen Sätze aber zwischen den Zähnen der Schauspieler und hemmen die Spielwut. Es wird viel behauptet in diesem Stück, aber (zu) wenig gezeigt, obwohl sich die Darsteller mühen, die Fallhöhe des Falls glaubhaft zu machen. Am Ende kippt mit dem Geschehen die Bühne, aber aus dem Aquarium fließt eben doch nur: Wasser.

Info

Versetzung Regie: Brit Bartkowiak Deutsches Theater, Berlin

06:00 25.12.2017
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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