Kommentar

Erstes Klon-Baby Markt sei Dank!

Wer sich auf die hinteren Seiten dieser Zeitung vorarbeiten sollte, wird über eine eigenartigen Begriff stolpern: "Spontane Zeugung" sagt da die Hamburger Ärztin Cordula Bindt und hebt dieses - soll man nun sagen: Konstrukt? - ab von dem, was heutzutage üblicherweise in den Labors der Repro-Mediziner stattfindet. "Spontane Zeugung" ist das, was entsteht, wenn weder die "Natur", noch die Biokeule dazwischen funkt; "alles andere" ist mehr oder weniger "künstlich", man nennt das in der Fachsprache "assistierte Reproduktion".

Die "Assistenten" (Gottes) sind Ärzte mit mehr oder minder starkem Verantwortungsgefühl. Hierzulande behaupten sie nachdrücklich, lediglich unfruchtbaren Paaren helfen zu wollen; jenseits der Alpen, in Italien, sagen sie dasselbe: Man wolle aussichtslose Kinderwünsche realisieren helfen, beteuerte im März vergangenen Jahres Severino Antinori, Italiens berüchtigter Repro-Papst, vor Fachpublikum im Hörsaal der römischen Universitätsklinik "La Sapienza" - wenn nötig, mit Hilfe der verpönten reproduktiven Klontechnik.

Nun scheint es so weit zu sein: Kürzlich berichteten die in den Vereinigten Arabischen Emiraten erscheinenden Gulf News, Antinori habe nicht nur das erste Klon-Baby der Welt produziert, sondern die betreffende Frau ginge damit bereits acht Wochen schwanger. New Scientist und die italienischen Medien zogen nach. Seither hagelt es Proteste und wissenschaftliche Zweifel, Ärzteverbände fordern standesrechtliche Konsequenzen gegen Antinori, denn sie fürchten um die Akzeptanz des sogenannten "therapeutischen Klonens", wie es in Großbritannien oder den USA praktiziert wird. Die Grenze zwischen gerade noch Hingenommenem und Inkriminiertem ist grau, und von der "weißen" zur "schwarzen" Magie nur ein kleiner Schritt.

Eben dies ist die Brisanz. Hier geht es nicht um ein Atomprogramm, zu dem ein aufwändiger Apparat und viel Geld notwendig wäre und das versteckt nicht entwickelt werden könnte; wer über das notwendige know how verfügt, kann in der Gentechnologie hinter verschlossenen Türen experimentieren - deshalb kann heute niemand mit letzter Sicherheit sagen, ob es nicht irgendwo auf der Welt schon einen Klon-Menschen gibt.

Einzig dem Markt und wissenschaftlicher Eitelkeit, die um Fußnoten in der Weltgeschichte buhlt, ist es zu verdanken, dass man von solcherart Treiben überhaupt erfährt und es eventuell unterbinden kann. Ian Wilmut, der "Vater" von des Klon-Schafs Dolly, warnt stetig vor geklonten Menschen-"Produkten" und erklärt Haftungs-Notstand. Vielleicht sollte man Leute wie Antinori vorab in "Produkthaftung" nehmen.

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Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Redakteurin „Politik“ (Freie Mitarbeiterin)

Ulrike Baureithel studierte nach ihrer Berufsausbildung Literaturwissenschaft, Geschichte und Soziologie und arbeitete während des Studiums bereits journalistisch. 1990 kam sie nach Berlin zur Volkszeitung, war im November 1990 Mitbegründerin des Freitag und langjährige Redakteurin in verschiedenen Ressorts. Seit 2009 schreibt sie dort als thematische Allrounderin, zuletzt vor allem zuständig für das Pandemiegeschehen. Sie ist außerdem Buchautorin, Lektorin und seit 1997 Lehrbeauftragte am Institut für deutsche Literatur der Humboldt Universität zu Berlin.

Ulrike Baureithel

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