KONFEKTIONS-BARONESSEN

Berliner Abende "Berlin, müssen Sie wissen, das war mal eine berühmte Konfektionsstadt!" Verzückter Augenschlag, flüchtiger Strich über die schwarze Arbeitsrobe von ...

"Berlin, müssen Sie wissen, das war mal eine berühmte Konfektionsstadt!" Verzückter Augenschlag, flüchtiger Strich über die schwarze Arbeitsrobe von der Stange. "... heute ist davon nichts mehr übrig geblieben. Dabei ließen sich da so viele Arbeitsplätze schaffen." Durch das ehrwürdige Ephraim-Palais am Mühlendamm schweben Begriffe wie Billiglöhne und Out-Sourcing, verharren vage im Raum, prallen ab an knisternden Seidenkrinolinen, um schließlich von Hunderten von Fischbeinstäbchen in die opulenten Culs der Damen, die solcherart korsettiert Unter den Linden zum Nachmittagstee wandelten, abgeleitet zu werden. Dann verebbt der Redefluss, der Museumswärter schlägt traurig die Augen nieder und sinniert seinem Entwurf von Globalisierung in den Niederungen vestimentärer Arbeitsbeschaffung nach. Das Ephraim-Palais beherbergt nicht nur die formidablen Modekreationen der letzten 170 Jahre, sondern auch veritable Interpreten des städtischen Niedergangs.

Wir nutzen den günstigen Augenblick und flüchten uns von den historischen Mode-Reminiszenzen ins Designer-Stockwerk des 21. Jahrhunderts. Die Titel der Arrangements sind so flüchtig wie ihre stoffliche Basis; tragbar nur unter Vorbehalt. Und garantiert nicht arbeitsmarkttauglich.

Vorbehaltlos tragbar avisieren dagegen die Modestudentinnen der Friedrichshainer Fachhochschule ihre Kollektion: Sie haben den Satz "Berlin, müssen Sie wissen, das war einmal eine berühmte Konfektionsstadt ..." vom historischen Kopf auf die pragmatischen Füße gestellt und machen - was sonst heutzutage? - Business daraus. 30paarhaende heißt das Label, mit dem sie ihre Kreationen an die Frau bringen wollen.

Im Unterschied zum weiträumigen Ephraim-Palais herrscht im Glashaus an der Karl-Marx-Allee drangvolle Enge. Schwerer Rauch verbürgt kreative Verausgabung, über allem wogt stampfendes Inferno aus der Hochleistungs-Box. Nach Stirnfaltenwurf und low-budget Outfit zu urteilen, sitzt hier vorab studentisches Publikum. Kein Kostümfest à la Vivienne Westwood für die Berliner Kultur-Schickeria, die sich auf garden-events sehen lässt.

"Florence-Nightingale-Look", hatte mich eine ehemalige Studentin der FHTW vorgewarnt. Viel weiß, das stimmt. Hemdblusen mit blassblauem Spinnennetzdruck. Liebliches Glockengeröck im Stile Sonja Ziemanns. Hüfthosen und -röcke mit doppeltem Bund; geht einmal sogar als glatte Känguru-Tasche durch. Das ist praktisch für´s Baby.

Überhaupt ist Pragmatismus angesagt: Klare Schnitte, dezente Formen, Unifarben. Dazu passen spindeldürre Mädels auf dem Laufsteg zur Karriere. Kein Knie, kein Busen, kein Nabel, der Männer- oder Frauenblicke fangen, verwirren und vom straighten Weg nach oben abhalten könnte. Keusche Verhüllung ohne Anfechtung, auch wenn hie und da eine Rüsche oder eigensinnige Raffung mit den Asymmetrien spielt.

Wie barock dagegen die konvexen Höhen und konkaven Ebenen der Damen am Mühlendamm! Selbst dort, wo das modische Diktat Weiblichkeit verleugnet, sind die Linien aufgeladen mit sinnlichem Versprechen. Heutzutage fehle die Geschlechterspannung, klagt mein fachkundiger Begleiter, damit ende auch die Mode. Soso, nicke ich. Mir ist elend heiß, und der Typ zur Linken schlotet.

Man gehe einen ganz neuen Weg, doziert der verantwortliche Prof später im Keller, weil dort der einzige Ort ist, wo man sich überhaupt unterhalten kann. Die Modelle sollen tatsächlich einmal getragen werden, und so habe man ein Unternehmen gegründet, das die Kollektionen an Händler weiter vermittle. Die Zusammenarbeit mit einem italienischen Stoffdesigner sei schon auf dem Weg, und vielleicht hängen 30paarhaende bald in einigen führenden Berliner Salons. Hofft er. Zwei Absolventinnen nicken heftig mit dem Kopf, in dem die Illusionen blühen. Frau Bulmahn wäre entzückt von so viel studentischem Unternehmensgeist. Senator in Sachen Wirtschaft auch.

Eigentlich nicht sehr zeitgemäß, überlege ich, als ich später die wenig anheimelnde Karl-Marx-Allee entlang spaziere und erinnere mich an die amerikanische no-logo-Bewegung. Der U-Bahn-Verkehr an der Schillingstraße ist wieder mal "unregelmäßig". Auf dem Bahnsteig patroullieren Uniformierte, garantiert ohne 30paarhaende-Label. Männerkonfektion, sagte der Prof, sei schwierig, wenn sie nicht wie Konstümierung wirken soll. In der Tat.

Als meine Bahn den Hausvogteiplatz passiert, fallen mir die großen jüdischen Konfektionshäuser ein, die später von den Nazis "arisiert" wurden. Die "Konfektionsbarone" prägten die Erscheinung Berlins. Wer damals übrigens Konfektionär werden wollte, musste, so ist überliefert, tagein, tagaus Mäntel nachmessen und Knöpfe zählen.

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Ihre Freitag-Redaktion

00:00 01.02.2002
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

Ausgabe 39/2020

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