Lautes Schweigen

Spaltprodukte Tschernobyl und der Sprengstoff Atomkraft

Man kann nicht behaupten, dass dieser Jahrestag übersehen worden wäre. Auch wenn nur relativ wenige Medien sich im Streit um die Opferzahlen mit den UN-Organisationen oder der Internationalen Atomenergiebehörde anlegen und deutlich Position beziehen. Im Hinblick auf das politische Personal gibt es jedoch eine klare Rollenverteilung: Tschernobyl scheint ausschließlich in die Zuständigkeit von Umweltminister Sigmar Gabriel zu fallen. Der erklärt in den einschlägigen Ausstellungen und Broschüren überraschend klar, dass er Kernkraftwerke für unsicher hält und den Ausstieg wünscht. Seine großkoalitionär verpuppten Ministerkollegen dagegen halten sich auffällig zurück. Die Zukunft der atomaren Energie gilt als Sprengstoff in der großen Koalition, und Angela Merkel macht keinen Hehl daraus, dass sie sich die "sichere" Fortsetzung der Nukleartechnologie wünscht.

Kernkraft spaltet. Wirtschaft fusioniert. Diese Erfahrung mussten schon die Bauern im baden-württembergischen Wyhl machen, als sie kurz nach dem Schock der Ölkrise zum ersten Mal in der Bundesrepublik ernsthaft gegen ein geplantes Atomkraftwerk protestierten. Da versprach das Programm der SPD noch ein "atomares Zeitalter", das "von Sorgen befreien und Wohlstand für alle schaffen" würde. Die Linke spielte in den damaligen Auseinandersetzungen eine zwiespältige Rolle, denn bei aller Unterstützung für den "sozialen Kampf" der Bevölkerung verstand sie sich als Avantgarde, für die die politische Machbarkeit der Welt mit ihrer technologischen Beherrschbarkeit einherging.

Tschernobyl hat diese - auch linke - Vorstellung, das Risiko beherrschen, minimieren und verwalten zu können, eindrücklich desavouiert. Denn den Betroffenen kann es egal sein, ob ein Kraftwerk statistisch nur alle 33.000 Jahre einmal explodiert, das eine Mal reicht aus, um Leben zu nehmen, krank zu machen, die Umwelt zu vergiften. Und wenig tröstlich wird es für sie sein aufzurechnen, dass im chinesischen Kohlebergbau jährlich mehr Menschen umkommen, als es in Tschernobyl Opfer gab. Es ist die Art von Verharmlosung, die die Atomindustrie Unfälle zu "Zwischenfällen" herunterspielen oder die Behörden Opferzahlen herunterrechnen lässt.

Die Mehrheit der Deutschen ist für einen schnelleren Atomausstieg. Noch. Das könnte sich ändern, wenn der Benzinpreis auf über drei Euro steigt und die Stromrechnung auch mit eisernem Sparregime nicht mehr zu bändigen ist. So falsch liegt Ministerpräsident Roland Koch mit seiner Prophezeiung, man könnte sich nach den alten Atomkraftwerken zurücksehnen, wahrscheinlich nicht. Die ältesten, noch laufenden und extrem störanfälligen Meiler der Republik - Biblis A und B - liegen in Hessen und müssten demnächst vom Netz genommen werden. Der Bau einer neuen AKW-Generation ist in Deutschland derzeit politisch nicht opportun und ökonomisch auch nicht realisierbar. Das laute politische Schweigen deutet aber darauf hin, dass die Laufzeiten der alten stillschweigend verlängert werden. Hier rächt sich ein Atomkonsens, der vor allem auf den reibungslosen Betrieb bestehender Kraftwerke zielte. Es wird sich noch herausstellen, ob Atomkraft ein innenpolitisches Spaltprodukt bleibt.

Im Windschatten der politischen Spaltungen hat die Wirtschaft fusioniert. Das vergleichsweise kleine Badenwerk, das die Anlage in Wyhl betreiben sollte, hat sich zu einem der großen Energieanbieter (EnBW) gemausert und ist zuständig für die Altanlagen in Philippsburg und Neckarwestheim, die HWE (Brunsbüttel, 1976) gehört heute zu Vattenfall, mit RWE (Biblis) beherrscht ein weiterer Stromgigant den Markt; an der Spitze steht E.on mit sechs Kraftwerken. Siemens wiederum, führend in der Kraftwerkstechnologie, hat 2001 mit der französischen Framatome ANP fusioniert, um den europäischen Druckwasserreaktor zu entwickeln, der in Finnland gebaut und von der Bayrischen Landesbank mitfinanziert wird. Siemens engagiert sich zudem bei Projekten in osteuropäische Ländern.

Man sollte das nicht unterschätzen, denn die Stromanbieter schaffen exklusive Märkte und Konzerne verfügbare Großtechnologien. Die exportieren sie profitmaximal in Länder, die man dann des "atomaren Missbrauchs" verdächtigt und mit atomaren Drohgebärden einschüchtert. Ein außenpolitisches Spaltprodukt ist Atomkraft allemal. Was man von der Wirtschaft lernen kann, ist, dass Atomkraft kein nationales Problem ist. Sie wird nie ein friedliches Eigenleben führen, weil sie politisch und technisch nicht beherrschbar ist. Zeit für den Ausstieg auf allen Ebenen.


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Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Redakteurin „Politik“ (Freie Mitarbeiterin)

Ulrike Baureithel studierte nach ihrer Berufsausbildung Literaturwissenschaft, Geschichte und Soziologie und arbeitete während des Studiums bereits journalistisch. 1990 kam sie nach Berlin zur Volkszeitung, war im November 1990 Mitbegründerin des Freitag und langjährige Redakteurin in verschiedenen Ressorts. Seit 2009 schreibt sie dort als thematische Allrounderin, zuletzt vor allem zuständig für das Pandemiegeschehen. Sie ist außerdem Buchautorin, Lektorin und seit 1997 Lehrbeauftragte am Institut für deutsche Literatur der Humboldt Universität zu Berlin.

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