Leben mit Long Covid

Corona Studien zeigen, dass Frauen nach einer Infektion häufiger als Männer an Langzeitfolgen laborieren
Leben mit Long Covid
Viele Betroffene hatten vorher einen milden Verlauf der ursprünglichen Infektion – strukturelle Rehabilitation hilft

Foto: Ingmar Björn Nolting/laif

Sie leiden unter Schwindelgefühl und anhaltender Erschöpfung. Im Berufsalltag können sie sich nicht konzentrieren. Die Leistungsfähigkeit ist eingeschränkt, schon die Überwindung einer Treppe kann überfordern. Bei manchen Corona-Genesenen kehrt der Geruchs- und Geschmackssinn nicht zurück, andere fallen in Depressionen. Bei den meisten Patient:innen treten gleich mehrere Symptome auf und beeinträchtigen das Lebensgefühl. „Macht es überhaupt Sinn, weiterzustudieren?“, fragt sich eine Studentin. „Vor März war ich fit wie ein Turnschuh, jetzt vegetiere ich nur noch vor mich hin“, postet ein junger Covid-19-Patient. „Normalerweise bin ich die, die von allen bewundert wird, wie viele Dinge ich gleichzeitig und gewissenhaft schaffe. Jetzt kann ich nicht einmal einkaufen gehen. Geschweige denn mehr“, berichtet eine an Corona erkrankte Berliner Journalistin. So und ähnlich liest man es in vielen Erfahrungsberichten von Long-Covid-Betroffenen, die im Netz kursieren.

Bislang 350.000 Betroffene

Es sind sehr individuelle Schicksale, die sich hinter den dürren Zahlen des Netzwerks Universitätsmedizin (NUM) verbergen. Dieses hat in einer Zwischenbilanz errechnet, dass sechs bis neun Monate nach einer Corona-Erkrankung ein zweistelliger Prozentsatz aller ehemals Infizierten mit Spätfolgen von Covid-19 kämpft. Zehn Prozent sind so schwer erkrankt, dass sie ihrer Berufstätigkeit nicht oder nur noch eingeschränkt nachgehen können. Bei über 3,5 Millionen Covid-19-Fällen sind das rund 350.000 Menschen, unter ihnen mindestens 10.000 Kinder und Jugendliche.

Auch wenn die Corona-Langzeitfolgen inzwischen das Bewusstsein der Bevölkerung erreicht haben, ist der Umgang damit schwierig. „Wenn ein Patient mit sehr überhöhtem Blutdruck vom Arzt kommt und das zu Hause erzählt, reagieren alle entsetzt“, erklärt der Internist Andreas Stallmach. „Wenn Sie aber abends nach Hause kommen und sagen, ich bin kaputt und müde, dann heißt es, stell dich nicht so an, deine Corona-Erkrankung ist doch schon so lange her.“ Andreas Stallmach leitet die Klinik für Innere Medizin IV an der Universität Jena und seit August vergangenen Jahres Thüringens einzige interdisziplinär arbeitende Post-Covid-Ambulanz. Täglich kommen rund fünf neue Patient:innen, fast immer mit einschlägigen Symptomen, dazu zwei bis drei zur Wiedervorstellung. Die Termine sind bis November ausgebucht. Mittlerweile hat Stallmachs Team 300 Hilfesuchende behandelt, bis Herbst, schätzt er, werden es 500 sein, darunter mehr Frauen als Männer. Im Durchschnitt sind sie 51 Jahre alt.

„Das häufigste Symptom ist Fatigue“, erklärt Stallmach, „also das chronische Müdigkeits- und Erschöpfungssyndrom, das betrifft über 90 Prozent, nur ein Drittel davon mit leichter Ausprägung. Am Zweithäufigsten sehen wir depressive Verstimmungen und das Gefühl subjektiv empfundener Luftnot. 20 bis 30 Prozent leiden an deutlichen Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen, sie können sich bei der Arbeit nicht konzentrieren, müssen, wenn sie einen Artikel lesen, drei, vier Mal ansetzen.“ Er erzählt von einem Patienten, ein Bankangestellter, der darüber klagt, dass er sich im Gespräch nicht mehr wie früher auf die Probleme seiner Kunden konzentrieren könne. Eine andere Patientin, die früher Haushalt, Kinder und Berufstätigkeit gestemmt hat, fällt nun abends todmüde ins Bett und quält sich morgens zerschlagen wieder heraus.

Die mittlerweile erarbeitete medizinische Leitlinie der Fachgesellschaften unterscheidet zwischen Long Covid und Post Covid. Bei Long Covid halten die Symptome nach einer überstandenen Infektion an – etwa der Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns. Von Post Covid spricht man, wenn die akute Infektion mehr als zwölf Wochen zurückliegt und sich alte und teilweise auch neue Krankheitserscheinungen ausbilden. Wie Stallmach beobachten auch andere einschlägig mit den Langzeitfolgen befasste Mediziner:innen die besondere Betroffenheit von Frauen. In einer Studie der Berliner Charité mit 42 Teilnehmer:innen waren mehr als zwei Drittel der an Long Covid Leidenden weiblich, im Durchschnitt 36,2 Jahre alt. Oft hatte die ursprüngliche Infektion einen milden Verlauf genommen, bis nach einigen Wochen plötzlich Beschwerden auftraten.

Unterschied: Immunsystem

Die Leiterin der Studie, die Immunologin Carmen Scheibenbogen, geht davon aus, dass es sich dabei um eine Autoimmunerkrankung handelt, von der Ältere, deren Immunsystem nicht mehr so aktiv ist, weniger betroffen sind. Auch Untersuchungen aus Großbritannien registrieren geschlechtsspezifische Unterschiede, allerdings sind dort vor allem Frauen mittleren Alters betroffen. Während Männer ein größeres Risiko haben, an Corona zu sterben, bestätigt sich weltweit, dass der weibliche Bevölkerungsteil stärker an Langzeitsymptomen laboriert. Der Grund: Männliches und weibliches Immunsystem sind unterschiedlich „programmiert“. Männer sind anfälliger für virale Infektionen, Frauen, insbesondere in den mittleren Jahren, haben ein höheres Risiko für Autoimmunerkrankungen. Eine Studie aus Wuhan, die im Fachjournal The Lancet veröffentlicht wurde, kommt zum Ergebnis, dass drei von vier Patient:innen noch sechs Monate nach der Covid-19-Erkrankung mindestens unter einem Langzeitsymptom litten, auch hier mehr Frauen als Männer. Die altersspezifischen Divergenzen könnten laut Stallmach auf die unterschiedlichen Studiendesigns zurückzuführen sein.

Möglicherweise fallen Frauen aber auch deshalb eher auf, weil ihr Umgang mit Krankheiten anders ist als der von Männern, die dazu neigen, Probleme mit sich allein auszumachen. Wie Scheibenbogen geht auch der Internist davon aus, dass eine überschießende Immunreaktion auf das Virus für die auftretenden Symptome mitverantwortlich ist. Bei anderen Betroffenen könnte Post Covid auf eine Viruspersistenz zurückzuführen sein, dann ist das Immunsystem nicht in der Lage, Virusreste vollständig aus dem Körper zu entfernen. Aber auch Organschäden in der Lunge oder im Gehirn lösen lang anhaltende Nachwirkungen aus. Das Problem sei, so Stallmach, dass das Post-Covid-Syndrom nicht unbedingt fassbar und die Symptomlast schwer zu objektivieren sei. Jede Patientin und jeder Patient ginge mit den damit verbundenen Einschränkungen anders um. „Viele wollen im Grunde eine Pille von mir und hoffen, dass das Ganze in einer Woche überstanden ist. Aber so einfach ist das leider nicht.“ Die Behandlung von Post-Covid-Symptomen ist zeitintensiv. Patient:innen mit chronischer Fatigue werden animiert, ihren Alltag zu strukturieren und durch individualisierte Sportprogramme ihre Leistungsfähigkeit zu fördern. Es geht darum, bei einer Belastungsintoleranz das Leistungsvermögen nicht zu überschreiten und die Selbstwahrnehmung zu schulen. Hilfreich ist auch Konzentrations- und Gedächtnistraining, die Therapie muss aber auf jeden Einzelnen zugeschnitten sein.

Das chronische Fatigue-Syndrom, die häufigste Nachwirkung einer Corona-Erkrankung, ist keine Unbekannte, sie tritt zum Beispiel auch nach einer schwer verlaufenden Epstein-Barr-Infektion auf. Das Register der mitteldeutschen Sepsis-Kohorte zeigt auffällige Parallelen zu Long-Covid-Diagnosen, was darauf hinweist, dass wie bei einer Blutvergiftung nicht nur ein, sondern mehrere Organe angegriffen werden. Der Wiener Neurologe Michael Stingl, der die chronische Belastungsintoleranz erforscht, warb schon vor der Pandemie für mehr Aufmerksamkeit für diese Krankheit. Bislang wurden Menschen, ebenfalls vor allem Frauen, die mit ihren Konzentrations- und Belastungsstörungen von Arzt zu Ärztin wanderten, nicht ernst genommen. Zumindest hier hat Corona einen positiven Effekt, es macht ein Syndrom sichtbar, das nun – zumindest, wenn es sich um Covid-19-Infizierte handelt – zuzuordnen ist. In den USA wurden im April eine Milliarde Dollar für die Erforschung der Krankheit ausgeschrieben. Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) stellte im Mai fünf Millionen Euro bereit, um Spätfolgen der Corona-Infektion zu erforschen. „Long Covid wird für unser Gesundheitswesen enorme Folgen haben“, erklärte sie. „Wir stehen in der Gesellschaft vor einer großen Herausforderung und auch vor einem ernst zu nehmenden Kostenpunkt.“

Die Wiener Gendermedizinerin Alexandra Kautzky-Willer geht sogar von einer weiblich konnotierten Gesundheitskrise aus, weil die ökonomischen und sozialen Folgen für Frauen und Familien bisher gar nicht absehbar seien. Die Intensivmedizinerin Jördis Frommhold von der Median-Klinik in Heiligendamm, die kürzlich als „Frau Mecklenburg-Vorpommerns 2021“ ausgezeichnet wurde und viele Long- und Post-Covid-Patient:innen betreut, mahnte vorige Woche in einer Anhörung im Gesundheitsausschuss den steigenden Bedarf an Reha-Maßnahmen und Begleitprogrammen an. Da unklar sei, wie viele Patient:innen dauerhaft arbeitsunfähig würden, sagte sie, seien die gesundheitsökonomischen und volkswirtschaftlichen Auswirkungen bislang noch gar nicht absehbar. Die Linkspartei fordert, arbeitsbezogene Corona-Erkrankungen für alle Beschäftigungsgruppen künftig als Berufskrankheit anzuerkennen.

Dem schließt sich auch Andreas Stallmach an und erzählt von einer Anästhesistin, die sich im Rahmen einer Reanimation infizierte und nun nicht mehr in der Lage ist, stundenlang im OP zu stehen. „Wir brauchen für diese Patienten und Patientinnen sektorenübergreifende Versorgungsangebote, eine strukturierte Rehabilitation und Selbsthilfegruppen, in denen sich die Betroffenen austauschen.“ Trotz allem macht er den Betroffenen Mut: „Bei den allermeisten Post-Covid-Erkrankten stellt sich nach einiger Zeit eine Verbesserung der Symptome ein. Sie rufen dann an und sagen, dass sie unsere Hilfe nicht mehr brauchen.“ Dann würde sich Stallmachs Wunsch erfüllen: die Rückkehr zu einem normalen Leben.

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 20.06.2021
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

Ausgabe 29/2021

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