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Elastisch Die Krönung der Katherina Reiche und warum schwarze Kassen besser in Babykutschen aufgehoben sind

Muss sich eine Frau das gefallen lassen? Muss sie sich von einem Dominikanerpater, der von Ehe so viel Ahnung haben dürfte wie von der Zerrissenheit familiärer Wirklichkeit, gratulieren lassen, weil sie nun endlich beabsichtigt, in den Hafen der Ehe einzuschiffen? Muss sie sich von einem unüberbietbar arrogant-paternalistischen Innenminister Attraktivität bescheinigen lassen und dass sie auch politisch "keine schlechte Figur" mache? Und muss sie sich am Ende noch von der politischen Gegnerin in Schutz nehmen lassen, die es verständlicherweise überhaupt nicht interessiert, ob die Frau nun gut aussieht und auf Männer Eindruck macht?
Sie muss! Sie muss, wenn sie sich von einem Edmund Stoiber als Alibifigur in sein sogenanntes "Kompetenzteam" holen lässt. Wenn sie sich parteiintern auszählen lässt, weil sie es wagt, als ledige Mutter politische Karriere machen zu wollen. Und wenn sie sich dann in Christiansens Muppet Show auf den "heißen Stuhl" setzt, sich von allen Anwesenden aufs Hemd ausziehen lässt und den öffentlichen Kotau vollzieht: Ja, sie will nun doch heiraten. Aber das sei ihre Privatsache.
Privatsache! Seit Rudolf Scharpings Plantsch-Duett ist wohl keine stilistische Abweichung von der normierten Lebensform so breit diskutiert worden. Mit durchschlagendem Erfolg, denn nun dürfen wir wohl bald Trau-ZeugInnen sein bei der wichtigsten Hochzeit, die diese Republik ohne gekrönte Häupter zu bieten hat. Katherina Reiche, deren Namen bis vor kurzem nur Eingeweihte korrekt zu schreiben wussten, hat sich einen Namen gemacht: Nicht als "Miss Bundestag" und (noch) nicht als Politikerin; aber als eine, an der sich Modernisierungsgrad und Beweglichkeit der Union hätte messen lassen können. Sauschade drum.
Viel Vertrauen scheint man im Kompetenzteam der Union ohnehin nicht zu der Frau aus dem Osten zu haben, denn vorsorglich wurde die Geldschatulle des Familienministeriums schon an Horst Seehofer weiter gereicht, damit die werdende Mutter sich daran nicht "überhebe". Über solche "Entlastung" der Mütter freuen wir uns und malen uns aus, wann die Union allen Müttern die Finanzhoheit entzieht.
Was der Ministerin cand. bliebe, ist Symbolik: ein bisschen gerechtere Partnerschaft (ohne Wirtschaft und Männer zu beißen); ein bisschen Familienkosmetik; und - indirekt - ein bisschen neue Biopolitik für die Union. Denn das einzige, womit sich Katherina Reiche in den letzten vier Jahren in der Bundespolitik profiliert hat, ist das Ausscheren bei der Entscheidung über den Import embryonaler Stammzellen. Sie hat es nicht nur geschafft, die embryonale Stammzellforschung verbal mit der christlichen Ethik zu synchronisieren, sondern billigt Wissenschaftlern darüber hinaus auch das Recht zu, aus "überzähligen" Embryonen neue Stammzelllinien zu kreieren, die nichts weiter als dem Forschungsverbrauch dienen. Der Applaus im Bundestag dafür kam nicht aus den eigenen Reihen, sondern von den Liberalen.
Nicht weil sie souverän ihren Text aufsagt oder selbstbewusst eine neues Frauenleitbild verträte, sondern weil sie innerhalb der Union für einen angesagten biopolitischen Kurswechsel steht, hat Stoiber sie in sein Team geholt. Damit ist die Union in diesem Bereich gespreizt wie keine andere parlamentarisch vertretene Partei, weil nirgendwo sonst fundamentale Lebensschützer eine so starke Lobby haben. Mit diesen gelegentlich taktische Bündnisse zu schließen, ist eine Frage politischer Opportunität; den Wertebogen innerhalb einer Partei zu halten, ohne ihn zu überdehnen, eine ganz andere. Wenn Stoiber konsequent wäre, hätte er Katherina Reiche nicht als abgespeckte Familienministerin, sondern als Nachfolgerin von Edelgard Bulmahn präsentiert. Was die gelernte Chemikerin da wohl als bioethisches Amalgam angerührt hätte?
Ein Quotenkiller für Jugend, Frau und Osten will Frau Reiche erklärtermaßen nicht sein und auch keine Remake von Claudia Nolte. Karrierekiller ist sie für jene Damen in der (Frauen-)Union, die sich Hoffnungen auf die Familienkrümel gemacht haben. Man wünscht ihr, dass es ihr nicht geht wie so vielen Politikerinnen vor ihr: Zur Ausputzerin zu werden, So wie weiland auch die Parteikollegin Merkel. Das war, man erinnert sich, zu einer Zeit, als die Union sich an ihrem Geldschatz "überhob". In Babykutschen wäre es halt sicherer geparkt gewesen als in schwarzen Koffern.

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00:00 12.07.2002

Ausgabe 43/2021

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