Mach mir den Schwan

Rücktritt Woran Susanne Gaschke in Kiel wirklich gescheitert ist
Ulrike Baureithel | Ausgabe 44/2013 3

Tränen in der Politik wollen sparsam eingesetzt sein. Und gezielt. Mitleidstränen im Augenblick der Katastrophe sind geboten. Tränen der Rührung können, wenn sie von einem Kältefreak à la Steinbrück kommen, irritieren oder, wie bei Petra Kelly oder Claudia Roth, zur Persönlichkeit gehören. Doch die Tränen, die die Kieler Oberbürgermeisterin Susanne Gaschke am 22. August vor ihrer Ratsversammlung vergoss und die sie bei ihrem Rücktritt am vergangenen Montag nur mühsam zurückhielt, sind von anderer Qualität. Die Frau, da gibt es keinen Zweifel, ist im Innersten getroffen. Es sind Tränen der Fassungslosigkeit und tiefster Verletzung. Da fühlt sich eine, die einen neuen, einen weicheren Stil in die Politik hatte bringen wollen, ans Kreuz genagelt. Von testosterongesteuerten, vernichtungswilligen Männern. Dabei habe sie, als sie dem Steuerdeal mit dem zahlungsunwilligen Augenarzt Detlef Uthoff zustimmte, nur das Beste für ihre geliebte Stadt gewollt. Sagt sie.

Die Affäre, über die Gaschke gestürzt ist, hat nichts mit den kleinlichen Vorteilsnahmen und Begünstigungen zu tun, in die Politikerinnen normalerweise verwickelt sind: kein falsch abgerechneter Friseurbesuch, kein privat genutzter Dienstwagen, keine Gschaftlhuberei zugunsten Verwandter. Dem gesunden Volksempfinden mag der Kieler Steuerdeal empörend erscheinen. Er gehört aber wohl zu dem, was sich hinter den herabgelassenen Jalousien der Finanzbehörden tagtäglich ereignet und in diesem Fall vielleicht sogar zweckrational sein mag. Der ehemalige Oberbürgermeister Torsten Albig, heute Ministerpräsident im Land, wäre darüber wohl kaum gestrauchelt, weil er zuvor seine Mannen hinter sich gesammelt und den Deal juristisch dingfest gemacht hätte.

Katastrophales Krisenmanagement wurde der Seiteneinsteigerin Gaschke in den letzten Wochen vorgeworfen, gepaart mit Überheblichkeit und der Selbststilisierung als Opfer von Politmackern und Medienhaien. Dabei sind der Journalistin Gaschke harsche Töne durchaus nicht fremd, und sie hat sich derart auch in die von jeher intriganten Kieler Verhältnisse eingemischt. Für deren eine Fraktion steht ihr Ehemann, der SPD-Bundestagsabgeordnete Hans-Peter Bartels. Mit dem machtbewussten Ralf Stegner als Widersacher im anderen SPD-Lager und ohne eigene Hausmacht musste ihr eigentlich klar gewesen sein, dass der Ritt über die Kieler Förde kein Spaziergang werden würde.

Aber unabhängig von der Person Gaschke, ihren Schwächen und Fehlern und ihren, man muss es leider sagen, Peinlichkeitsgefühle auslösenden Auftritten, zeigt ihr Fall einmal mehr, dass der Politikbetrieb nicht einfach qua Wille und Vorstellung in der Einzelkür zu verändern ist. Das gilt für die Politik wie für die Gesellschaft überhaupt. Auch sind die von Gaschke ins „zerstörerische Spiel“ gebrachten Gefühle keine harte Währung, wenn sie nicht geeicht sind durch Sachverstand, Bündnisfähig-keit und letztlich auch Durchsetzungsvermögen. Das sind keine per se männlichen Eigenschaften, so wenig wie Tränen ein weibliches Privileg.

Nun hat die „Hetzjagd“ ein Ende, und zumindest Stegner ist froh, die waidwunde OB loszuhaben. Noch nicht einmal Ausfallhonorar muss Kiel der Scheidenden bezahlen, da bleibt sich Gaschke treu. Aus all dem nun aber eine große Oper mit sterbendem Schwan zu machen, wäre auch verfehlt. Zeigt die Affäre doch auch: Leicht ist es, von publizistischen Höhen das Fallbeil niedersausen zu lassen, doch wie schwer, mit dem Kopf darunter zu liegen.

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06:00 13.11.2013
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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