Mach’s wie Bach

Nicht im Kino Das Filmporträt „anfangen“ nähert sich der „Vagabundin“, der Berliner Feministin Christina Thürmer-Rohr mit sparsamen Mitteln. Und schrammt gelegentlich den Kitsch
Ausgabe 43/2014
Mach’s wie Bach

Foto: Screenshot, Trailer

Gelobt sei der Zweifel, hebt Bertolt Brecht in seinem berühmten gleichnamigen Gedicht an, und der Zweifel, sagt Christina Thürmer-Rohr, sei das Grundelement ihres Lebens gewesen. Ein schon ziemlich langes, noch vor dem Zweiten Weltkrieg begonnenes Leben voller Wendungen, über das die feministische Theoretikerin nun in einem Film Auskunft gibt mit dem Titel anfangen.

Ein Film mit sparsamen Mitteln: eine mitteilsame Thürmer-Rohr vor der unvermeidlichen hohen Bücherwand im Ledersessel; eine sich körperlich verausgabende, in sich ruhende Thürmer-Rohr an der Orgel oder mit der Lebensgefährtin, der Pianistin Laura Gallati, am Flügel; eine überraschte Thürmer-Rohr, die sich alte private Filmstreifen anschaut, und eine elegische Thürmer-Rohr, die durch den Tiergarten streift.

Im Gespräch mit dem Filmemacher Gerd Conradt, einem Bekannten aus alten Tagen, kehrt die Feministin noch einmal zurück an die Anfänge: in das Jahr 1936 im damals noch deutschen Arnswalde, der Vater evangelischer Pfarrer und überzeugter Nazi. Das war der Ausgangspunkt für ihre Generation, alles war kontaminiert. „Es konnte keinen naiven Zugriff geben auf irgendeine Tradition“, sagt sie in der Diskussion, die auf die Vorführung des Films in der Berliner Heinrich-Böll-Stiftung folgt. Die gewaltsame Vergangenheit und die Gewalt der Gegenwart, insbesondere gegen Frauen, waren der Schlüssel fürs feministische Engagement – aber auch für das unablässige Nachdenken über die schwankende Position von Frauen, die eben nicht nur Opfer, sondern auch Mittäterinnen und sogar Täterinnen waren und das kollektivselige feministische Wir in Frage stellten. Die Mittäterschaftsthese hat Thürmer-Rohr nicht überall Freundinnen eingebracht, aber eine gläubige Gemeinde beschert, „Groupies“, wie es später auf dem Podium heißt, die sich an die „Vagabundin“ hängten (Vagabundinnen war der Titel eines Buchs von Thürmer-Rohr).

Im Film wieder ein Schnitt, Wechsel von der Denkerin zur Musikerin, Bach und Experimentelles. Die Musik, sagt Thürmer-Rohr, verarbeite, was die Philosophie Hannah Arendts aufgibt, die ihr Bezugspunkt ist; sie organisiert die Vielheit der Stimmen, den Dialog und die Kontroverse, das Mit- und Gegeneinander, das für den feministischen Diskurs und weibliche Lebensweisen von jeher kennzeichnend war.

Gerd Conradt, bekannt geworden mit Filmen über Holger Meins, ist kein Voyeur. Er lässt Thürmer-Rohr sprechen und ist aus ungewöhnlichen Perspektiven ganz nah, wenn sie spielt. Das wirkt, gemessen an filmbiografischen Sehgewohnheiten, puristisch und manchmal leicht sakral. Wo Natur als Mitspieler aufgerufen wird, schrammt der Film gelegentlich den Kitsch.

Der „feministischen Avantgardistin“, wie Gitti Hentschel, Leiterin des Gunda-Werner-Instituts in der Böll-Stiftung, den Gast bei der völlig überfüllten Veranstaltung vorstellte, wird der Film insofern gerecht, als dass das Tastende von Thürmer-Rohrs Denken und der durchaus selbstgewisse Habitus ein kongruentes Bild ergeben, eine peinlich berührte und doch geschmeichelte Ikone. Dass Thürmer-Rohr, die sich schon längere Zeit aus der feministischen Öffentlichkeit zurückgezogen hat, bis heute Säle füllt, zeugt von ihrem Nimbus, Zündfunke und Störfeuer in einem zu sein. Sie hat die feministischen Denkbewegungen forciert mit ihren produktiven Fragen und Zweifeln. Ein Zweifel, der ganz im Sinne Brechts auch für ihre Denkbestände gilt.

anfangen Gerd Conradt D 2014, 50 Min. Nächste Vorführung am 2. November, 11 Uhr, im Berliner Bundesplatz-Kino (in Anwesenheit von Christina Thürmer-Rohr). DVD zu bestellen über info@kinoglas-films.de

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Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Redakteurin „Politik“ (Freie Mitarbeiterin)

Ulrike Baureithel studierte nach ihrer Berufsausbildung Literaturwissenschaft, Geschichte und Soziologie und arbeitete während des Studiums bereits journalistisch. 1990 kam sie nach Berlin zur Volkszeitung, war im November 1990 Mitbegründerin des Freitag und langjährige Redakteurin in verschiedenen Ressorts. Seit 2009 schreibt sie dort als thematische Allrounderin, zuletzt vor allem zuständig für das Pandemiegeschehen. Sie ist außerdem Buchautorin, Lektorin und seit 1997 Lehrbeauftragte am Institut für deutsche Literatur der Humboldt Universität zu Berlin.

Ulrike Baureithel

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