Ulrike Baureithel
Ausgabe 1216 | 27.03.2016 | 06:00 18

Gemeinsame Sache machen

Bewegung Wie gelangt man vom humanitären Engagement zur politischen Aktion? Über die neue Aktualität alter Fragen

Es klingt wie ein Fanal: „Die entscheidenden Impulse zur Erneuerung des politischen Lebens in Deutschland müssen von den Flüchtlingen ausgehen. Wir sind eine soziale Bewegung.“ Flüchtlinge, die Soforthilfemaßnahmen fordern, einen ausreichenden Mindestlohn und gerechte Wohnraumverteilung – wo gibt es das denn? Und die sich auch noch als eine soziale Bewegung verstehen, die die etablierten Parteien vor sich hertreiben will?

Was wie der Startschuss für einen bevorstehenden Aufstand wirkt, ist über 65 Jahre her. 1950 rief Waldemar Kraft vom „Block der Heimatvertriebenen“ seine Schicksalsgenossen in der Ratzeburger Jägerkaserne zusammen und blies der Bonner „Korruptionswirtschaft“ den Marsch. Der Spiegel kann sich im Juli 1950 gar nicht genug wundern über die „Kraftbrühe“, die dieser Vorsitzende da extrahiert hat und der westdeutschen Politik nun unterzurühren gedenkt. Der Respekt vor der Macht der Flüchtlinge aus dem Osten stand bei den damaligen Etablierten der Furcht der heutigen Volksparteien vor der AfD in nichts nach, auch wenn Letztere Flüchtlinge mit negativem Vorzeichen versieht und für ihre Zwecke missbraucht.

Doch von einem Flüchtlingsaufstand kann derzeit so wenig die Rede sein wie von einer gemeinsamen sozialen Bewegung, die das politische Berlin das Fürchten lehrt. Angesichts der großen Zahl von Hilfesuchenden, die in den vergangenen zwölf Monaten nach Deutschland gekommen sind, verhallten die Stimmen derer, die sich selbstbewusst als Teil einer neuen Flüchtlingsbewegung verstanden, sich vor zwei Jahren über die Residenzpflicht hinwegsetzten und Schulen oder Plätze besetzten. Und auch der Applaus der Mehrheitsgesellschaft für den zivilen Ungehorsam der Flüchtlinge ist merklich leiser geworden.

Ersetzt wurde er von der tätigen Hilfsbereitschaft unzähliger Ehrenamtlicher, die in Städten und Gemeinden seit vielen Monaten als soziale Feuerwehr fungieren und Aufgaben übernehmen, die der Staat nicht leisten kann oder will. Oft handelt es sich, so eine Studie, um jüngere Leute oder über 60-Jährige, vorwiegend Frauen, nicht selten selbst mit Migrationshintergrund, die sich spontan engagieren und meist in losen Unterstützernetzwerken arbeiten. Sie bestimmen das Weichbild vom Vorzeige-Deutschland, das dem harten Schlagschatten aus Verbalattacken und Übergriffen am rechten Rand gegenübersteht.

Asymmetrisches Verhältnis

Doch während diese Helfer mit Lob und Anerkennung überschüttet werden, geht ihnen langsam die Puste aus. Was sie tun, ist richtig und unverzichtbar – aber ist diese fürsorgliche Belagerung der Flüchtlinge politisch auch nachhaltig? Oder zementiert sie, wie öfters beklagt wird, nur diskriminierende Strukturen? Zumal sie häufig mit einem gewissen Paternalismus verbunden ist, mit der Behauptung, zu wissen, was gut für die Betroffenen ist. Und mit der Erwartung, dass die angebotene Hilfe dankend angenommen und durch vorauseilende Integrationsbereitschaft vergolten wird. Das Helfer-Wir ist verletzlich, wenn ihm solche Meriten versagt werden.

Denn Flüchtlinge und Helfer begegnen sich in Deutschland ja nicht mit gleichen Rechten. Sie stehen, bei aller denkbaren Empathie, in einem asymmetrischen Verhältnis zueinander. Die einen wollen geben, die anderen müssen nehmen, Ablehnung steht unter Begründungszwang. „Geflüchtete werden in die Position von Opfern gedrängt, und ehrenamtliche Hilfe beschäftigt sich damit, Einzellösungen zu suchen statt kollektive“, sagt Rex Osa von der Organisation The Voice, die die Selbstorganisation von Flüchtlingen betreibt. Auch Flüchtlingsforscher beobachten, dass die ehrenamtlichen Entlastungsstrukturen den Staat nicht nur aus der Verantwortung entlassen, sondern auch die Illusion befördern, man könne sich als Einzelner dem Elend der Welt entgegenstemmen.

Und so gibt die Flüchtlingssituation grundsätzlichen Fragen des Helfenwollens eine neue Dringlichkeit. Wirkt individuelles Engagement, das nur darauf abzielt, unmittelbar Not zu lindern, nicht sogar stabilisierend im Hinblick auf die großen gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten? Oder anders formuliert: Wie weit reicht reine Charity, die sich davor scheut, politische Fragen zu stellen?

Doch so alt die Charity-Kritik ist, wird sie offenbar auch stumpf angesichts der „wunderbaren Entwicklung, die wir mit der Willkommenskultur in vielen Städten erleben und die Dunkeldeutschland erhellt“, meinte Annetta Kahane von der Amadeu-Antonio-Stiftung kürzlich bei einer Podiumsdiskussion der Bewegungsstiftung. Obwohl Kahane an anderer Stelle die „selbstgefällige, weiße und privilegierte Oberschicht“ kritisierte, mit ihren Vorstellungen von „bettelarmen Migranten“, die sich dann aber echauffiert, dass die Flüchtenden dennoch das Geld für die Reise haben, sieht die Aktivistin mittlerweile eine Wende im Denken. „Die Wahrheit der Globalisierung hat nun Europa erreicht“, sagt Kahane. Viele Menschen würden erkennen, dass das Dublin-II-System nicht mehr funktioniere. Nicht die Flüchtlinge haben uns gegenüber, so der Umkehrschluss, sondern vielmehr Europa gegenüber den Flüchtlingen eine Verantwortung.

Ähnlich sieht das Thomas Gebauer von Medico International. Obwohl die Organisation vor allem in den Ländern des Südens tätig ist, lobt er die „extrem gute Resonanz“, die ihre Anliegen inzwischen hierzulande erfahren. Vielen Menschen werde deutlich, „wie sehr die Welt aus den Fugen geraten ist“, sagt er dem Freitag. Sie interessierten sich mittlerweile viel mehr für Fluchtursachen und globale Gerechtigkeitsverhältnisse. Selbst Helfer, die sich ursprünglich nur aus humanitären Gründen engagiert haben, registrierten nun, wie die mit der Globalisierung einhergehenden Gewaltverhältnisse immer mehr Staaten in Mitleidenschaft ziehen, und die dort lebenden Menschen zur Flucht treiben.

Stichwort: Selbstorganisation

Und wer sich engagiert, arbeitet notwendigerweise auch in kollektiven Strukturen, die ihrerseits politisierend wirken und vor allem in kleineren, überschaubaren Gemeinden eine eigene Dynamik entwickeln. Torsten von Düllen, Sozialamtsleiter der kleinen Stadt Greven im Münsterland, ist beispielsweise überzeugt, dass diejenigen, die sich heute im Rahmen der Flüchtlingsarbeit begegnen, sich auch in zehn Jahren noch kennen und zusammenarbeiten werden. Er spricht von einer „neuen sozialen Bewegung über politische und konfessionelle Grenzen hinweg“, die Haupt- und Ehrenamtliche, eigentlich ein Feld unzähliger Konflikte, zusammenschweiße.

Miriam Edding von der Stiftung „:do“, die sich für die Rechte von Flüchtlingen und Migranten einsetzt, erkennt gar eine „historische Situation“, in der wir uns befinden. Im Rahmen der Flüchtlingsarbeit entstünden neue Unterstützerstrukturen, die weit über die uns bekannten sozialen Bewegungen hinausgingen. Selbstorganisation ist nicht nur ein Schlüsselbegriff für die Flüchtlingsbewegung, sondern auch für deren Unterstützer.

„Ist Charity also besser als gar nichts?“ Oder ist „das Humanistische sogar wichtiger als das Politische“, wie in der Diskussion der Bewegungsstiftung gefragt wurde? Und braucht es nur neue anschlussfähige Erzählungen „von unten“, wie Christoph Bautz von Campact vorschlägt, um Massen in Bewegung zu setzen und der betriebenen Spaltung der Flüchtlinge in Betroffenengruppen entgegenzuwirken?

Thomas Gebauer von Medico International ist da etwas skeptischer. Derzeit gebe es keine soziale Bewegung, weder seitens der Flüchtlinge noch seitens der hier lebenden Bevölkerung. Und sie entwickle sich auch nicht automatisch. Den besten Nährboden sieht er auf lokaler Ebene – dort, wo beide zusammentreffen. „Themen wie gemeinnütziger Wohnungsbau oder Steuerflucht gewinnen im Fokus der Flüchtlingskrise eine ganz neue Bedeutung“, sagt er. Gleichzeitig warnt er vor falschen Erwartungen: „Wer sich konkret solidarisch mit Flüchtlingen zeigt, kann dennoch ein rechtes Bewusstsein haben.“ Es gibt auch AfD-Wähler oder Pegida-Marschierer, die in Flüchtlingsinitiativen vor Ort arbeiten und alte Klamotten sortieren.

Zur Politisierung des Willkommenshandelns gehört zunächst der entschiedene Einspruch gegenüber der offiziellen Flüchtlingspolitik, die die Betroffenen in „gute“ Kriegsflüchtlinge und sich aus „niedrigen“ Gründen auf den Weg machende Wirtschaftsflüchtlinge spaltet. Und die die einen gegen die anderen sogar ausspielt. Und wie schon im späten 19. Jahrhundert im Hinblick auf die Arbeiterinnen, die angeblich ihren Männern den Job wegnahmen, wäre auch die Legende von der Konkurrenz zu widerlegen. Die Interessen, egal ob es sich um Arbeitsbedingungen handelt oder um bezahlbare Wohnungen, sind ähnlich. Das wussten übrigens schon die sogenannten Heimatvertriebenen, die einen auskömmlichen Mindestlohn forderten.

Sie hatten gegenüber den heutigen Flüchtlingen allerdings einen großen Vorteil: Aufgrund ihres deutschen Passes genossen sie gleiche Rechte, sie konnten sich zusammenschließen, Parteien gründen und vieles mehr. All das steht Asylbewerbern hierzulande nicht offen. Sie haben, wie Rex Osa von The Voice kritisiert, noch nicht einmal eigene Räume, in denen sie sich ungestört versammeln und über ihre Lage reflektieren können. Ganz zu schweigen davon, ihre Interessen auch durchzusetzen. Unter Umständen sogar gegen ihre Unterstützer, die mit den Flüchtlingen oft genug an den Außengrenzen gegen das Grenzregime gekämpft haben, hier aber nach den hiesigen Gesetzen in der Flüchtlingsarbeit tätig sind. Es gibt eben auch Widersprüche, die nicht kaschiert werden sollten. Und die zur Politisierung der Willkommenskultur dazugehören.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 12/16.

Kommentare (18)

denkzone8 27.03.2016 | 09:59

m.e. ist das ein artikel der art, wie sie der freitag braucht:

die autorin beleuchtet das thema präzise von allen seiten.

...dazu, im gegensatz zu unserer nach-kriegs-zeit, flüchtlinge nur als objekt der barmherzigkeit(lohnt sich, das stichwort in wikip. zu lesen!), nicht-organisiert, ohne politische vertretung, als bittsteller, nicht als fordernde auftreten, ist zu sagen:

wäre diese gesellschaft in der lage, damit umzugehen?

Avatar
Ehemaliger Nutzer 27.03.2016 | 10:50

Wäre nicht der naheliegendste Punkt, sie einfach als Menschen wahrzunehmen? Sie in einen Chor, einen Sportverein oder zu einem Tee einzuladen?

Leider zeigen die verantwortlichen staatlichen Behörden durch bürokratisch einerseits völlig aufgeladene Verhinderungspraktiken - andererseits durch unverantwortlich leichtsinniges Versagen - entweder ihren Unwillen oder ihre Unfähigkeit, also ein hysterisches Chaos, in dem viele viele ihr Süppchen zum kochen bringen können und etwa genauso viele von dieser "Koch-Show" ausgeschlossen werden.

Mögen die vielen Kommunen an der Basis ihr Potential nutzen und sich vom geostrategischen Machtpoker nicht verwirren lassen.

https://www.freitag.de/autoren/jonathannes/chor-mit-einwohnern-und-fluechtlingen

Joachim Petrick 27.03.2016 | 14:22

"Was wie der Startschuss für einen bevorstehenden Aufstand wirkt, ist über 65 Jahre her. 1950 rief Waldemar Kraft vom „Block der Heimatvertriebenen“ seine Schicksalsgenossen in der Ratzeburger Jägerkaserne zusammen und blies der Bonner „Korruptionswirtschaft“ den Marsch. Der Spiegel kann sich im Juli 1950 gar nicht genug wundern über die „Kraftbrühe“, die dieser Vorsitzende da extrahiert hat und der westdeutschen Politik nun unterzurühren gedenkt"

Die gegenwärtige "Kraftbrühe" aus administrativem Katastrophenschutz, unorganisert Freiwilligen, NGOs, im Rahmen einer Willkommens- und Ankommenskultur ihre humanisierende Wirkung zu entfalten, ist und sollte, anders als 1950, im Jahr 2016 nicht national sondern global ausgerichtet sein, 60 Millionen Menschen inner- und außerhalb ihrer Heimatländer durch Sitz und Stimme im UN- Sicherheitsrat, die Ressourcen - UN- Flüchtlingsfond - an de Hand geben, sich bis ins kleinste Aufnahmedorf hinein, Formen der Selbstverwaltung zu fordern und zu fördern.

Dazu gehören mit den Aufnahmeländern, ensprechend deren Wirtschafts- und Finanzkraft, und deren Kommunen abgestimmte Neuansiedlungsprogramme

Avatar
Ehemaliger Nutzer 27.03.2016 | 15:05

die Ostpreußen wären gerne in Ostpreußen geblieben, die Westpreußen gerne in Polen, die Sudeten gerne in der Tschecheslowakei und die Syrer gerne in Syreien. Sprechen konnte ich noch nicht mit den Syrern, beim ersten Versuch hätte mich die security fast verprügelt, beim zweiten Versuch konnte ich einen pakistanischen Security- Menschen in ein längeres Gespräch verwickeln, aber er bat mich, diesen Bereich, öffentliches Straßenland, zu verlassen.

Und diesmal waren es nicht die bösen Sowjets, sondern die liebe NATO mit all ihren zuverlässigen Bündnispartnern und die liebe Türkei und die lieben Saudis und die lieben Kataris und sie fahren fort. Soll das jetzt der Normalzustand rings um Westeuropa sein?

Sub 27.03.2016 | 17:25

Ist es nicht genau das, was sich der neoliberale Staat wünscht, aus der Verantwortung für Soziales entlassen zu werden? Wer nicht stark/reich genug ist, sich selbst zu helfen, der möge auf die Mildtätigkeit seiner Mitmenschen vertrauen? Der Staat kassiert inzwischen munter weiter und verteilt den Reichtum der Nation unter die 1%-Elite gestützt auf die Bajonette der Sicherheitsbehörden? Vier Fünftel der Bevölkerung sind überflüssig, um den Reichtum und Luxus der Wenigen sicherzustellen? Möge sich welcher Gott auch immer ihrer erbarmen? Ist es nicht gerade die Hilfsbereitschaft des Einzelnen, die die Gesellschaft aus jeder Verantwortung entlässt, während das, was einmal als demokratisch gedacht war, in die Hand von privaten Beratungsunternehmen und Schiedsgerichten übergeht? Ist dies nicht der Weg, für den Merkel und die transatlantischen Blockparteien stehen? Kann Gehorsam gegen die Willkommenskultur überhaupt etwas anderes erzeugen als sklavische Unterordnung unter die Gier der Finanzeliten und ihrer Politmarionetten?

namreH 27.03.2016 | 19:03

Ich generalisiere mal die Aufzählung: „die Flüchtlinge und Vertriebenen aus dem Osten Deutschlands um 1945 wären gerne in ihrer Heimat geblieben.“ Der Unterschied von damals zu heute ist allerdings gewaltig. An 1.Stelle steht da, dass die meisten Betroffenen Deutsche waren, die mehr oder weniger – meist aber mehr (!) das faschistischen Verbrecherregime Adolf I. wohlwollend akzeptierten; jedenfalls bis zum Kriegsbeginn und oft noch bis in die frühe Zeit der ersten Anzeichen der Katastrophe hinein. Von denen, die auch danach noch stramm dazu standen, braucht hier wohl nicht die Rede sein.

Da ich mit fast 11 Jahren noch viele Erinnerungen an damals habe, kann ich aus eigener Erinnerung und entsprechender Reflektion zum heutigen Geschehen einiges beitragen zu der Frage von Ähnlichkeiten und Unterschieden von damals und heute.

Der wichtigste Unterschied ist zweifellos die nationale Einheit der Flüchtlinge mit den Menschen in den Gebieten, in die sie flohen bzw vertrieben wurden. Und dabei ist wiederum der wichtigste Faktor: Es gab keine Sprachgrenze!

Wohl gab es Mentalitätsunterschiede, die größer waren als die, welche in den jeweiligen Regionen natürlicherweise bestanden. Will sagen, dass z.B. ein ostpreußischer Bauer sich besser verstand mit einem Schleswig-Holsteinischer als Bauer als mit einem Lehrer dort und wahrscheinlich auch umgekehrt.

Der andere Unterschied zu heute ist die Religionszugehörigkeit. Damals gab es zwar unter dem Dach des Christlichen noch - gewichtiger als heute – die Konfessionen, die vorwiegend regional trennend wirkten. (ein Faktor, der berücksichtigt wurde, wenn es um die Umverteilung von Flüchtlingen ging, die ja zumeist vorerst in Norddeutschland strandeten.)

Wie sich jetzt zeigt, ist die Religionsverschiedenheit aktuell ein brisanter Faktor – und zwar dann, wenn das Gefälle zwischen relativ hoher religiöser Toleranz bei uns auf relativ hohe autoritäre religiöse Intoleranz trifft. Immerhin sollte man nicht unterschätzen, dass der Prozess vom autoritären Christentum zur Religionsfreiheit bei uns seine Zeit gebraucht hat. Dieses Problem lässt sich sicher nicht nebenbei lösen und wird uns begleiten.

Ich komme noch einmal zum Anfang meiner Analyse zurück: Ich kann mich noch gut erinnern, wie in den ersten Jahren nach 1945 viele Flüchtlinge (in meiner Familie besonders meine Mutter) der mittleren Generation, sich der illusionären Hoffnung auf eine Rückkehr „in die alte Heimat“ hingaben. Wer damals die politischen Zeichen verstand (4-Mächteabkommen usw.), die endgültige Fakten schufen, löste sich früher von dieser Illusion, als andere, die auf illusionäre Wunschvorstellungen für die Zukunft hofften.

Und hier schließt sich der Kreis meiner Überlegung und Argumentation im Blick auf die Zukunft der Flüchtlinge zwischen „damals“ und „heute“.

Meine Behauptung: Ein großer Anteil der jetzigen Flüchtlinge (mindestens der mittleren Generation) hat starke Wurzel in ihrer alten Heimat, und viele von ihnen sehnen sich nach der Möglichkeit einer Rückkehr unter friedlichen Bedingungen. Und diese Möglichkeit ist ja keine absolute Illusion wie 1945, sondern ist – bzw. sollte sein – das Ziel der Befriedung des Vorderen Orients.

Würde man diesen Faktor stärker beachten, wäre es längst vernünftig von Seiten der EU, für diese Gruppe von Flüchtlingen, in den Staaten am nördliche Rand des Mittelmeeres eine Infrastruktur zu ermöglichen, in der jene Schutzsuchenden auf Zeit menschwürdig leben können. Gleichzeitig könnte jenen Staaten (ich denke hier vor allem an Griechenland…aber auch für Süditalien trifft das zu) bei einer intelligenten Planung eines solchen „Marshallplans“ wirtschaftlich sinnvoll geholfen werden, den Anschluss an ein „faires Europa“ zu behalten bzw. wieder zu finden.

Zum Schluss eine Anmerkung aus persönlicher Erfahrung. In Portugal (ein Land, das ebenfalls infrage käme) haben wir in den 80iger Jahren miterlebt, wie groß dort die – berechtigten - Hoffnungen auf EUROPA waren….und wie schmerzlich in vielen Fällen die Enttäuschungen bis heute sind, weil dort – ähnlich wie in Griechenland – wenig Solidarität der reichen Mitteleuropäer mit den südlichen Staaten bei den Menschen ankam.

Letzter Ausblick: nach meiner Analyse, wird der Fortgang der jetzigen Entwicklung davon abhängen, ob es gelingt, die Flüchtlingskrise human zu bewältigen und gleichzeitig die Anrainerstaaten am nördlichen Mittelmeer sinnvoll und großzügig mit einzubeziehen. Gleichsam ein Exempel dafür, ob Europa mehr ist - bzw sein will - als eine rigide Wirtschaftsunion!

Joachim Petrick 28.03.2016 | 01:22

"Zum Schluss eine Anmerkung aus persönlicher Erfahrung. In Portugal (ein Land, das ebenfalls infrage käme)"

Zu Portugal gab es vor zwei Wochen im Deutschlandfunk einen Bericht, dass dort eine Willkommeskultur für Flüchtlinge existiert, die u. a. 4000 Flüchtlinge aus Syrien in griechischen Lagern erwartete, die aber nicht eintrafen. Jetzt rätseln viele, warum nicht und sind schon weniger enthusiastisch, um nicht zu sagen enttäuscht, wenn ja, durch wen?, durch die EU, weil die die Verteiluug von Flüchtlingen selbst hin zu Ländern, die aufnahmebereit sind, nicht auf die Reihe kriegt

Avatar
Ehemaliger Nutzer 28.03.2016 | 04:58

Na, den D Ostflüchtlingen würde ich nun nicht gerade die Schuld für ihr Schicksal zuschreiben. Abgesehen von dem Überfall mit der Goeben in Tr Diensten auf die Krim, begann der erste Weltkrieg ja mit dem Einmarsch des Zaristischen Heeres in Ostpreußen, es war die einzige Szene der beiden Weltkriege, die auf D Boden gespielt wurde und den Menschen dort war klar, daß sie so glimpflich kein zweites mal davonkommen würden.

Freilich war es eine Binnenflucht.

Das Asylrecht ist eine unkompatibele Lösung für das Phänomen der NATO Massenflucht, es soll politisch Verfolgte retten, wir haben es aber mit militärisch Verfolgten zu tun.

Schön, daß sie Portugal erwähnen, ein wunderschönes Land. Ein armes Land und die Jugend darf in Berlin arbeiten und Steuern zahlen, Wirtschaftsflüchtlinge gewissermaßen.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 28.03.2016 | 05:17

In Portugal läßt sich's gut leben, die Portugeser haben auch ihre Zigeuner gut integriert, aber die Migranten aus Südost beziehen ihre Informationen eben nicht aus den D staatlichen Medien, sondern von den Soros- NGOs auf ihrem smartphone.

Und , wiegesagt, Portogal fehlt es selbst an Arbeitsplätzen, braindrain ist eher eine bewährte Strategie für den D Arbeitsmarkt

Die Sueddeutsche hat ja auch den letzten Teil der D Tr Vereinbarung veröffentlicht: wenn die Flüchtlinge nicht kommen, holen wir sie, das ist Menschenhandel!

Wenn ein Migrant nach D kommt und dort evtl. ein Recht auf Asyl hat, ist das eine Sache, D kann ihm dann auch einen Aufenthaltsort zuweisen. Schon daß die EU 'aufteilt' ist eine ganz andere Sache und rechtlich höchst fragwürdig.

die EU ist kein Staat, es gibt kein EU- Asyl und all diese Vereinbarungen sind auch Verträge zulasten Dritter und als solche unwirksam.

mister-ede 28.03.2016 | 16:13

"Doch von einem Flüchtlingsaufstand kann derzeit so wenig die Rede sein wie von einer gemeinsamen sozialen Bewegung, die das politische Berlin das Fürchten lehrt."

Ich werbe nun seit über 2 Jahren für eine humane und solidarische Ausgestaltung der Flüchtlings- und Asylpolitik in der EU und hätte mich gefreut, wenn sich andere gemeinsam mit mir dafür engagieren.

Insofern, Frau Baureithel, sag ich es mal so: Wer eine Bewegung haben will, muss sich halt auch bewegen.

Ratatörskr 28.03.2016 | 17:57

"Selbst Helfer, die sich ursprünglich nur aus humanitären Gründen engagiert haben, registrierten nun, wie die mit der Globalisierung einhergehenden Gewaltverhältnisse immer mehr Staaten in Mitleidenschaft ziehen, und die dort lebenden Menschen zur Flucht treiben."

Hier wurde viel geschrieben, was zutrifft. Eins haben alle diese Menschen gemeinsam: Sie benötigen unsere Hilfe, und zwar keine barmherzige, sondern eine Hilfe, die sie ihre Würde fühlen lässt, weil man weiß, dass sie nicht aus niederen Beweggründen flüchteten, sondern aufgrund der rücksichtslosen Globalisierung Existenzvertriebene sind, die nur die Wahl hatten auf ihren schnellen Untergang zu warten oder doch das Wenige was sie noch hatten einzusetzen, um zu fliehen.

Die menschliche Logik sagt, dass die Wohlhabenden nicht auf eine Flucht angewiesen waren, sind. Sie fanden eher in ihrem Land Möglichkeiten bleiben zu können oder sich rechtzeitig evtl. als politische Verfolgte mit normalen Transporten im Auto oder Flugzeug ihrem Standard gemäß in Sicherheit zu bringen. Möglichst mit solidem Finanzpolster. Oder in Sicherheit im Land abzuwarten. Diese nenne ich Wirtschaftsflüchtlinge, die ihr Land und die Menschen immer im Stich ließen.

Im Ergebnis blieben die Wirtschaftsvertriebenen, die in jeder Weise in Armut gehalten wurden. Trotz den schon nicht ausreichenden Entwicklungshilfen, die nicht verpflichtend zweckgebunden im Räderwerk der Korrupten verschwanden. Das wusssten auch die Politiker.

Vorstellbar ist, dass viele Menschen in ihre Herkunftsländer zurück möchten, wenn sie eine existenzielle Zukunft erwarten können. Dafür zu sorgen ist die Pflicht der Politiker, die sich diesen Türkenschacher unter Verzicht auf die türkische Pflicht zum Bekenntnis der Menschenrechte schamlos erlaubten.

Schäuble, Merkel, Regierung genieren sich nicht, uns allen darzulegen, dass sie Geld genug haben, aber lieber die Türkei bedienen, ohne sich für die betroffenen Menschen verantwortlich fühlen zu müssen.

Ich mag den Begriff Freiheit nicht mehr hören. Sie ist ein selbstverständliches Recht aller Menschen, nicht nur der Starken, der Sieger über die Unterlegenen.

Wir haben keine Zeit wie nach 1945 fünf Jahre zu warten, dass auch diese heimatlosen Menschen die Kraft finden, sich ihre Rechte zu erkämpfen. Bis dahin hat die Ab- u. Zurückweisung der Menschen ihre Wirkung geleistet.

Die Zurückweisung, Aufnahmeverweigerung ist durchaus als Sanktionsmaßnahme zu klassifizieren. Der Horrortrip zwangsweise zurück zu müssen ist zusätzliches Leid.

Die rücksichtslose brutale Globalisierung des Finanz- u. Wirtschaftsmarktes aber wird weitergehen. Die PC kennen keine Grenzen. Das Kapital wird nur dann in diesen zerstörten Ländern aktiv, wenn es erneut maximale Gewinne machen kann. Ganz gleich wer oder wie siegt!

Aber die Politik zeigt in keiner Weise, dass sie ihre Verantwortung kennt und annimmt.

Ratatörskr 28.03.2016 | 18:13

Portugal ist ein Beispiel für die kurzsichtige EU-Politik. Als Portugal Miglied wurde wurde vielsubventioniert (Sozialhilfe an die Wirtschaft) um Arbeitsplätze zu schaffen. Auch in der Textilbranche, und Fischereibetrieb. Billige Löhne, dazu hat die EU vororglich keine Meinung, machte es möglich. Aber als nach ca. 4 Jahren die Frauen nicht mehr so billig weiter arbeiten wollten, packte man ein, zog in andere Billiglohnregionen und das war's!

Vor den Arbeitsämtern konnten Touristen damals schon arbeitslose Menschen Schlangestehen sehen. Und heute? Die EU interessiert sich bis heute nicht für die Menschen, die die Werte erarbeiten.

Die EU hat sich zu einer teuren, unfähigen Verwaltungsagentur entwickelt. Wenn sie ihre Aufgaben nicht endlich überdenkt und infrage stellt, kann sie sich auflösen und niemand, außer den sozial subventionierten Investoren, wird eine Träne vergießen. EU-Exit. Es wird sich eine Treuhand zur Privatisierung finden.