Ulrike Baureithel
23.02.2012 | 15:15 20

Männlein oder Weiblein?

Intersexualität Der Deutsche Ethikrat hat eine geradezu revolutionäre Empfehlung vorgelegt: Es ist Zeit, die Geschlechterdefinition zu überdenken

Es ist das grundlegende Ordnungsmuster der Welt. Es klassifiziert das soziale Leben, ordnet Erscheinungen und Eigenschaften: Sonne-Mond, stark-schwach, kalt-warm. Der Systemtheoretiker Niklas Luhmann nannte das, was diese binären Unterscheidungen strukturiert, „Leitdifferenz“. Und genau damit startet jeder Mensch ins Leben: Männlein oder Weiblein.

Insofern ist das, was der Deutsche Ethikrat im letzten Punkt seiner jetzt vorgelegten Empfehlung formuliert, geradezu revolutionär: Es sei zu prüfen, gibt der Rat dem Gesetzgeber auf den Weg, ob der Staat seine Bürger und Bürgerinnen künftig noch ver­pflichten sollte, das Geschlecht in das Personenstandsregister eintragen zu lassen.

Denn das, was vielen so selbstverständlich erscheint, nämlich die Welt nach Männern und Frauen zu unterscheiden, ist keineswegs evident. Die Natur zeigt sich, das wusste bereits der große Sexualforscher Magnus Hirschfeld, erheblich phantasievoller und variantenreicher als unsere zweipoligen Geschlechtervorstellungen. Es gibt durchaus uneindeutige Geschlechter, sei es, weil die embryonale Entwicklung nicht „ordnungsgemäß“ verlaufen ist, sei es weil spätere Störungen im Stoffwechsel- und Hormonhaushalt „Abweichungen“ hervorrufen.

Wie viele Menschen davon betroffen sind, weiß niemand genau zu sagen, und bislang gibt es auch nur wenige Studien dazu, wie man sich fühlt, wenn man ein Geschlecht „dazwischen“ hat. Denn Intersexualität ist nach wie vor ein Tabu. Wobei die Betroffenen sich am liebsten gar nicht kategorisieren ließen, weil sie leidvolle Erfahrungen mit scheinbar eindeutigen Ein- und Zuordnungen haben.

Berichte von operativen Zurichtungen im Säuglings- und Kindesalter, Verstümmelungen, Hormontherapien und Bevormundung lehren das Gruseln über einen Medizinbetrieb, der Menschen, die nicht eindeutig männlich oder weiblich sind, zu Patienten deklariert. Diese werden dann nach den Regeln der Kunst belogen und „beschnitten“. Unwissende Eltern, die das Beste wollen, provozieren manchmal das Schlimmste, indem sie ihr Kind zu lebenslangem Schmerz, Angst und Scham verurteilen.

Zu einem Verbot invasiver Eingriffe im Kindesalter, wie von Selbsthilfegruppen gefordert, mochte sich der Ethikrat in seinen Empfehlungen nicht durchringen; vielleicht, weil sich da doch die medizinischen Experten durchsetzten, die nach der Finsternis die Morgenröte an der Geschlechterfront prophezeien und „sensibleren Umgang“ geloben. In guter Tradition wird zur Besänftigung ein Entschädigungsfond angeregt, um die irreversiblen Schäden zu lindern. Das wird auch nötig sein. Denn 61 Prozent der Betroffenen über 37 Jahren geben an, körperlich in mehr oder weniger schlechtem Zustand zu sein. Viele leiden physisch und psychisch an den Folgen der chirurgischen Eingriffe.

In Australien können intersexuelle Menschen sich neuerdings auch als „x“ bezeichnen. Was ja bekanntlich auch das weibliche Chromosom bedeutet. Auch in Europa, in Spanien und Groß­britannien etwa, verflüssigen sich die Geschlechtergrenzen allmählich. In Deutschland, so ist anzunehmen, wird das noch dauern: Die philosophische Tradition ist hierzulande ehern mit „Substanz“ verbunden und mit der Pflicht zur Unterscheidung. Das hat uns nicht nur eine unsäglich tatarme substantivische Sprache beschert, sondern auch einen überaus gezwungenen Umgang mit der spielerischen Natur.

Kommentare (20)

Lethe 24.02.2012 | 17:37

Viele leiden physisch und psychisch an den Folgen der chirurgischen Eingriffe.

kann sein, ja. Ist es denn bewiesen, dass viele physisch und psychisch an den Folgen der chirurgischen Eingriffe leiden und nicht vielmehr an den strukturellen Änderungen ihres Körpers im Verhältnis zur Blaupause? Nicht jede körperliche Mutation ist eine positive Mutation oder ein Hinweis auf eine neue Varietät. Und ob die psychischen Probleme nicht doch mehr mit der kulturellen Ausgrenzung zu tun haben, scheint mir auch noch nicht erwiesen.

Natürlich sind diese Operationen in jedem Einzelfall zu hinterfragen, und wenn sie im Letzten mit Ideologie begründet sind, gehören sie m.E. verboten. Aber nicht jede Operation ist schon allein deswegen verwerflich, weil sie sich gegen die Erfüllung unmöglicher Wünsche stellt. Die kulturelle Ausgrenzung ist das viel größere Problem, dessen Lösung auch derartige Operationen endgültig obsolet machen würde.

unsäglich tatarme substantivische Sprache
Chacun à son goût. "Unsäglich" finde ich das Englische in seiner Ausdrucks- und Nuancenarmut.

h.yuren 24.02.2012 | 19:47

es wäre zu wünschen, dass es hauptsächlich um menschen ginge, nicht um herren und diener, sorry, männlein und weiblein.
ich würde nicht von philosophischer tradition reden, lieber von weihevollem geschwafel. tradition schon. vor allem tradition, die das denken und fühlen verdrängt und ersetzt.
menschen- und weltbild sind anachronistisch, wo die natur über alles geschätzt und gestellt wird. und was für eine natur. hier ist rohmantick zuhaus.
ethikräte, die sich mit regierenden einlassen, sind ein widerspruch in sich.

claudia 25.02.2012 | 01:24

>>Und ob die psychischen Probleme nicht doch mehr mit der kulturellen Ausgrenzung zu tun haben,...
Damit wurden urspünglich die Operationen an Kleinkindern und Säuglingen begründet. Versuche, Zwitterkinderkinder zu "Männern" zu machen, waren gescheitert, deswegen ab ca. 1960 lange Zeit mehr "feminisiert" als "virilisiert".
Der Sexualpsychologe John Money postulierte, dass die Kinder niemals von ihrem urspünglichen Körper informiert werden dürften, sonst bräche die Geschlechtsidentität zusammen. Diese genderologischen Begründung kam Eltern sehr entgegen, die sich zwischengeschlechtlichen Körper ihres Kindes sehr peinlich fanden.

Natürlich führt das zu psychischen Problemen, denn man kann solche autoritären Manipulationen nicht auf Dauer verschweigen.
Die psychischen Probleme mit dem Tabu waren und sind nicht therapierbar,
weil man für eine psychotherapeutiche Bearbeitung ja darüber reden können müsste.
Und weil Therapeuten in der Regel ahnungs- und hilflos sind. Allenfalls "Gender"-bezogene Therapie geht. Aber damit kommt man eben nicht ans Kernproblem heran.

claudia 26.02.2012 | 03:56

>>In Australien können intersexuelle Menschen sich neuerdings auch als „x“ bezeichnen. Was ja bekanntlich auch das weibliche Chromosom bedeutet.
Mindesten ein "X-Chromosom" hat jeder Mensch. Das zweite "Geschlechtschromosom kann ebenfalls ein X oder ein Y sein.
Es gibt auch XXY, XYY oder X0.

Die Bedeutung der Chromosomen wird übrigens häufig überschätzt. Wichtiger sind die genetischen Informationen, die in den Chromosomen sitzen. Diese bewirken, dass ein Körper sich gemäss einem definierten Standard entwickelt oder ausserhalb davon.

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Ehemaliger Nutzer 28.02.2012 | 10:51

Von draus von Walde komm ich her, ich muss euch sagen es baureithelt sehr …

Schwer zu ertragen, was hier mal wieder von der größten Genderforscherin der Gegenwart dem Volke zur Verdauung vorgesetzt wird:

Denn das, was vielen so selbstverständlich erscheint, nämlich die Welt nach Männern und Frauen zu unterscheiden, ist keineswegs evident. Die Natur zeigt sich, das wusste bereits der große Sexualforscher Magnus Hirschfeld, erheblich phantasievoller und variantenreicher als unsere zweipoligen Geschlechtervorstellungen. Es gibt durchaus uneindeutige Geschlechter, sei es, weil die embryonale Entwicklung nicht „ordnungsgemäß“ verlaufen ist, sei es weil spätere Störungen im Stoffwechsel- und Hormonhaushalt „Abweichungen“ hervorrufen.

de.wikipedia.org/wiki/Magnus_Hirschfeld

Da wird ein Zeuge benannt, M. Hirschfeld, und als großer Sexualforscher herausgestellt. Geboren 1868, wirkte er hauptsächlich, um seine Homosexualität in den politischen Raum zu tragen und eine Diskussion über die gesetzlichen Bestimmungen loszutreten. Dies ist im III. Reich an den NAZIs gescheitert, aber auch ein Alan Turing wurde trotz seiner wirklich größeren Leistungen, als z.B. diese Baureitheleien, als Homosexueller stigmatisiert, zu einer Therapie gezwungen und hat sich schließlich mit einem Apfel vergiftet … einem Apfel!!!, welch ein Symbol.

de.wikipedia.org/wiki/Alan_Turing

Es gibt durchaus uneindeutige Geschlechter schreibt Frau Baureithel, doch wo? Würmer, manche Amphibien, bei Fischen, die unter bestimmten Umweltbedingungen oder chemischer Kontaminierung (Spuren von Antibabypilleresten im Wasser) leben, kann es zu einem Geschlechterwechsel kommen, durchaus. Ein nicht eindeutiges Geschlecht, wie aufgeführt, ist jedoch am Säugetier eine Mutation, ein Kopierfehler, wie er in der Natur immer wieder auftritt. Das ist zwar tragisch für den Einzelnen, verunsichernd für Eltern und Umgebung, aber auf keinen Fall ein Anlass, sein Argumentationsboot diesbezüglich in theoretische Abstrusitäten und intellektuelle Untiefen zu steuern. Im Übrigen taucht ein solcher Fehler nur singulär auf, eine Vermehrung findet nicht statt.

Aber wenn wir uns die Frage stellen, auf welcher evolutionären Entwicklungsstufe dies überhaupt noch stattfinden kann, stellt sich schon die Frage nach der Beurteilungskompetenz der Autorin. Denn bei Säugetieren ist ein solcher Geschlechtswechsel meines Wissens nach noch nicht beobachtet worden.

Und das lässt also dieses Argument, das Frau Baureithel zur Stützung ihres theoretischen Unterbaus anführt, in zweierlei Hinsicht als Zweifelhaft erscheinen.

Der vorgeladene Zeuge Hirschfeld ist vor 80 Jahren verstorben und wusste nicht von X und Y

Die angeführten Geschlechtswandler stehen evolutionär auf einer Stufe, die Frau Baureithel für sich selbst sicher ablehnt, die ihr jedoch als Zeugnisaussteller hochwillkommen scheinen.

Das erinnert doch irgendwie alles sehr an die Homöopathie, deren Begründer und Theoretiker Hahnemann Anno Tobak (~1800) wirkte und auch 200 Jahre später, trotz besseren Wissens, noch als unfehlbar deklariert wird.

Wolfgang Ratzel 28.02.2012 | 13:07

Ergänzende Anmerkung:
Auch die Obersten Gerichtshöfe Indiens und Pakistans haben schon vor Jahren das "Dritte Geschlecht" anerkannt, wenngleich diese gesetzliche Anerkennung nur das wiederherstellt, was bereits seit Jahrtausenden kulturelle anerkannt war: dass es nämlich drei Geschlechter gibt. Jedenfalls gilt:
„Wer jetzt in Indien oder Pakistan einen Pass beantragt oder ein behördliches Formular ausfüllt, kann wählen zwischen «male», «female» und «other» bzw. «E» für «eunuch», was seit den Briten eine Bezeichnung für die Angehörigen des «dritten Geschlechts» ist.“

Fundstelle: „Eigenartige Begebenheiten der dritten Art. Indien und Pakistan erkennen juristisch ein «drittes Geschlecht» an“ – In: www.nzz.ch/nachrichten/kultur/aktuell/eigenartige_begebenheiten_der_dritten_art_1.7309866.html

Gruss! wolfgang.ratzel@t-online.de

thinktankgirl 28.02.2012 | 20:27

"Sag es keinem anderen"
Die Geschichte der Hermaphroditen
Von Kirstine Schwenger

Unser Recht kennt nur zwei Geschlechter: Männer und Frauen und Kinder männlichen oder weiblichen Geschlechts. Vor 200 Jahren tauchte im Allgemeinen Preußischen Landrecht noch ein drittes Geschlecht auf - ein "Zwitterparagraf" regelte die Rechte der Hermaphroditen, Menschen die mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen zur Welt kamen. Später wurde der Paragraf gestrichen, Recht und Gesellschaft verlangten Eindeutigkeit. Daran hat sich bis heute nicht viel verändert.

thinktankgirl 28.02.2012 | 20:47


Kunibert Hurtig schrieb am 28.02.2012 um 09:51

Da wird ein Zeuge benannt, M. Hirschfeld, und als großer Sexualforscher herausgestellt. Geboren 1868, wirkte er hauptsächlich, um seine Homosexualität in den politischen Raum zu tragen und eine Diskussion über die gesetzlichen Bestimmungen loszutreten.

Mein Wiki sieht das anders, aber ich wußte nach was ich suchen mußte;-)

Transgender pioneers

Magnus Hirschfeld coined the term transsexualism,[4] identifying the clinical category which his colleague Harry Benjamin would later develop in the United States. Transgender people were on the staff of the Institute, as well as being among the clients there. Various endocrinologic and surgical services were offered, including the first modern "sex-change" operations in the 1930s. Hirschfeld also worked with Berlin's police department to curtail the arrest of cross-dressed individuals on suspicion of prostitution.

Zu: Es gibt durchaus uneindeutige Geschlechter schreibt Frau Baureithel, doch wo?

Ulrike Klöppel vom Institut für Geschichte der Medizin an der Berliner Charite. Sie hat in ihrer Doktorarbeit die Geschichte des medizinischen Umgangs mit dem Hermaphroditismus untersucht.

"Man rückt nicht mehr davon ab, dass Geschlecht etwas ist, was sich aus einem undifferenzierten hin zu einem differenzierten entwickelt, und der Hermaphrodit eine unvollkommene Stufe dabei ist. Das wird eigentlich bis heute so fortgeführt, nur darin wird dann immer unterschiedlich akzentuiert. Da akzentuiert man das Kontinuum, also lückenlose Übergänge zwischen den Geschlechtern, die man auch bei den Menschen, wenn man sie in eine Reihe stellen würde, auch nachweisen könnte, und auf der anderen Seite gibt es Modelle, die sagen nein , das Kontinuum, das stimmt zwar irgendwie, aber man muss darin trotzdem klar abgrenzen: bis dahin geht männlich, und da fängt weiblich an. Und der Hermaphrodit fällt aus diesem Denken immer heraus. Er ist letztendlich dann doch weiblich oder männlich."

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Ehemaliger Nutzer 28.02.2012 | 21:21

thinktankgirl schrieb am 28.02.2012 um 19:47

Alles schön, alles gut. Die Frage die sich mir stellt: wird dass ~150 Mio. Jahre bestehende Konzept (eigentlich noch älter) durch diese geistigen Ergüsse, basierend doch häufig auf subjektiver Erfahrung (sei sie positiv, sei sie negativ), in Frage gestellt? oder mit anderen Worten: hat das Konzept des dritten Geschlechts ein Potential zur Vermehrung, also zur Erhaltung der Art? Wenn nein, ist es belanglos und lediglich Anlass, gelangweilten Genderforschern Einkommen und Beachtung zu garantieren, wie hier ja deutlich wird. Eine Bewandnis hat es ansonsten nicht.

claudia 28.02.2012 | 21:41

>>…eine Vermehrung findet nicht statt.
Das mag für so Manche beruhigend klingen. Aber der Genort für die Androgenresistenz z.B. liegt auf dem X-Chromosom ('XQ 11-12') und wird über das mütterliche X-Chromosom vererbt. Im Falle eines Doppel-X bleibt das unauffällig.
Auch das „adrenogenitale Syndrom“ (auf Chromosom 6) kann vererbt werden.
Durch die Aktivität der Reproduktionsmedizin sogar häufiger als früher. Und dann kommt wieder der Anspruch an die Medizin:
"Mach mir ein Kind, aber keinen Intersex." Bäähhh

---
Mit dem Militärzwangsdienst entstand der Anspurch, zwecks Vereinfachung der Rekrutierung für jeden Menschen "Männlein" oder "Weiblein einzutragen.
Dass die Hebamme das meistens, aber nicht immer eindeutig sagen kann, war lange bekannt.
Nur war es kein Thema der Medizin, die damals ganz andere Aufgaben hatte (z. B. Seuchenbekämpfung.)
Deswegen hatte eine pragmatische Regelung kaum Gegner: Es wurde bei der Geburt etwas eingetragen, das man für eher stimmig hielt.
Mit Erreichen der Volljährigkeit (in Preussen mit 18) konnte der "Hermaphrodit" entscheiden, dabei zu bleiben oder den Eintrag ändern zu lassen.

Mit der Zeit aber, vor bedingt durch die Erfindung der Narkose und etwas später der Sulfonamide, begann der Siegeszug der Chirurgie. Ab den 30er Jahren kamen flankierend synthetische Steroidhormone dazu, mit denen erwünschten "Puberträten" nachgeholfen werden konnte.
Intersexuelle Menschen wurden medizinkosmetisch unauffällig gemacht. Ohne ihre Zustimmunmg. Ich weiss sehr genau, wovon ich rede...

Natürlich werden aus dieser Zeit nur die erfolgreichen Versuche berichtet, z.B beim Klinefeltersydrom.
Mehr gelernt hat die Geschlechtskosmetik aber aus den misslungenen chirurgischen und hormonellen Versuchen.
>>...eine Mutation, ein Kopierfehler,...
Mit solcher "Versachlichung" wird das Leid der Versuchsobjekte bis heute erfolgreich vertuscht.
Kuni, mir graut vor Dir...

claudia 28.02.2012 | 21:47

Mit dem Militärzwangsdienst entstand der Anspurch, zwecks Vereinfachung der Rekrutierung für jeden Menschen "Männlein" oder "Weiblein einzutragen.
Dass die Hebamme das meistens, aber nicht immer eindeutig sagen kann, war lange bekannt.
Nur war es kein Thema der Medizin, die damals ganz andere Aufgaben hatte (z. B. Seuchenbekämpfung.)
Deswegen hatte eine pragmatische Regelung kaum Gegner: Es wurde bei der Geburt etwas eingetragen, das man für eher stimmig hielt.
Mit Erreichen der Volljährigkeit (in Preussen mit 18) konnte der "Hermaphrodit" entscheiden, dabei zu bleiben oder den Eintrag ändern zu lassen.

Mit der Zeit aber, vor bedingt durch die Erfindung der Narkose und etwas später der Sulfonamide, begann der Siegeszug der Chirurgie. Ab den 30er Jahren kamen flankierend synthetische Steroidhormone dazu, mit denen erwünschten "Pubertäten" nachgeholfen werden konnte.
Intersexuelle Menschen wurden medizinkosmetisch immer unauffälliger gemacht. Und das "Patientengut" wurde immer jünger.

Ich habe mich aufgrund meiner eigenen Erfahrungen mit dem Thema auseinandergesetzt und weiss sehr gut, wovon ich rede...

Natürlich werden aus dieser Zeit nur die erfolgreichen Versuche berichtet, z.B beim Klinefeltersydrom.
Mehr gelernt hat die Geschlechtskosmetik aber aus den misslungenen chirurgischen und hormonellen Versuchen.
>>...eine Mutation, ein Kopierfehler,...
Mit solcher "Versachlichung" wird das Leid der Versuchsobjekte bis heute erfolgreich vertuscht.
Kuni, mir graut vor Dir...

miauxx 29.02.2012 | 00:04

Wie ist es denn nun? Kann von einem "dritten" Geschlecht als solchem neben männlich + weiblich gesprochen werden? Folge ich Kunibert, ist ein Zwitter eben nicht ein systemisch drittes Geschlecht, sondern eine Mutation. Es ist also kein, ich sage mal so, "vorgesehenes Modell".
Aber freilich klärt das nicht die Frage nach dem sozialen Umgang damit. Der ist ja schon bei den zwei Geschlechtern schwierig genug.

Was im Artikel jedoch meiner Ansicht nach nicht stimmt, ist, dass plötzlich die Spiellaunen der Natur als ethische Richtschnur vorgestellt werden sollen. Folgt man dieser Argumentation konsequent, hieße das, etwa auch jeden medizinischen Fortschritt, also Eingreifen in das Treiben der Natur, zu unterminieren.
Ich möchte jetzt nicht so weit in der Abschätzung Frau Baureithels gehen wie Kunibert oder ihr sonstwas unterstellen, aber ich musste jetzt schon an diese Sekte(n) denken, die sich weigern, ihre Kinder zu einem Arzt zu schicken ...

claudia 29.02.2012 | 06:17

@miauxx:
Was den standesamtlichen Eintrag angeht, so folgt der im Regelfalle keinen naturwissenschaftlichen Kriterien, sondern dem Augenschein.
Zum Beispiel werden Kinder mit Hoden im Bauch als "weiblich" eingetragen, wenn sie äusserlich weiblich aussehen.
Und der immer wieder als Geschlechtsflagge hochgehaltene Karyotyp kann bei männlichem Eintrag auch mal 46,XX sein. Wenn zum Beispiel der "Testesdeterminierende Faktor" ("SRY") nicht auf einem Y- sondern auf einem X-Chromosom sitzt.
All das wird in der Regel beim Säugling nicht untersucht:
Ein Blick zwischen die Beine genügt. Sollte der nicht immer genügen, solange das Kind gesund ist?
Oder, dem Gleichheitsgrundsatz folgend, Geschlechtsscreening mit dem vollen Programm im ersten Lebensjahr für Alle?

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Die Eintragungsmöglichkeit eines "dritten Geschlechtes" halte ich allerdings für keine Lösung bei Kindern, denn:
- Nach welchen Kriterien soll entschieden werden, ob ein Kind noch als Junge/Mädchen durchgeht oder als "Hermaphrodit" eingetragen werden soll?
Die Frage stelle ich seit vielen Jahren und habe noch nie eine Antwort bekommen.

- Das Kind wäre im Kindergarten und in der Schulklasse das Einzige mit dem Drittgeschlechtseintrag. Das würde ich einem Kind nicht zumuten wollen.

Besser ist es, das "Geschlecht" von Kindern nicht länger zur Religion zu machen.
Zwischengeschlechtliche Kinder haben mehrheitlich keinerlei gesundheitliche Probleme. Und das bedeutet, dass in der Regel alle medizischen Eingriffe Zeit haben bis zum Pubertätsalter. Dann können die Dinge besprochen werden und müssen nicht autoritär verordnet werden.
Es gibt ein paar Eltern intersexueller Kinder, die die ganze Phalanx aus Endokrinologen, Urologen, Gynäkologen, Pschyologen von ihrem Kind fern hielten: Den Kindern geht es gut, denn ihnen wurde ihre eigene Entwicklung gelassen und die Möglichkeit, sich selber mit ihrem Körper auseinander zu setzen. Nichtintersexuelle Kinder und Jugendliche dürfen das ja auch: Gleiches Recht für Alle.

Die Aufgabe der Kindermedizin ist die Gesunderhaltung. Geschlechtskosmetik oder den Körper für GV vorzubereiten ist Erwachsenenkram.

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>>...also Eingreifen in das Treiben der Natur,...
Ja, die Natur treibt es bunt chaotisch. Man denke nur mal an die vielen Konfektionsgrössen. Absolut profitschädigend ist das. Hier sollte die Medizin gleich beim Kleinkind eingreifen und auf die einheitliche "Männer"- oder "Frauen"-Grösse hinsteuern.
Hormonelle und notfalls auch chirurgische Möglichkeiten dazu sind verfügbar.

thinktankgirl 01.03.2012 | 15:51

claudia schrieb am 28.02.2012 um 20:41

Mit der Zeit aber, vor bedingt durch die Erfindung der Narkose und etwas später der Sulfonamide, begann der Siegeszug der Chirurgie. Ab den 30er Jahren kamen flankierend synthetische Steroidhormone dazu, mit denen erwünschten "Puberträten" nachgeholfen werden konnte.



Waren die Sulfonamide (1930/40er??) zeitlich nicht wesentlich später als die Narkose (1850er ??)?