Mit Hydra zur Unternehmerin

PROSTITUTION Das Berliner Verwaltungsgericht befindet: nicht sittenwidrig. Nun differenzieren sich die Interessen der Sexarbeiterinnen

Sie gehören nicht gerade zu den gewöhnlichen Vertreterinnen ihres Standes; doch legt man einmal die spröde betriebswirtschaftliche Definition zugrunde, dann sind sie zweifellos Unternehmerinnen, denn sie betreiben ihre Geschäfte auf eigene Rechnung. Vor dem Berliner Verwaltungsgericht hat dieser Tage eine Unternehmerin aus dem "Milieu" einen Sieg davongetragen, der vielbeachtet, weil von gesellschaftspolitischer Bedeutung ist: Felicitas Weigmann, Chefin des "Café Pssst" in Wilmersdorf erhält ihre Konzession zurück, die ihr das Bezirksamt wegen "Sittenwidrigkeit" entzogen hatte. Das Café, dem eine Zimmervermietung angeschlossen ist, argumentierte das zuständige Wirtschaftsamt, diene der Anbahnung unsittlicher sexueller Dienstleistungen; diese jedoch, so wiederum die Replik des Bundesverwaltungsgerichts, seien heutzutage als "Teil des Zusammenlebens" zu akzeptieren, Prostitution sei nicht mehr grundsätzlich "sittenwidrig".

Unisono, von Frauensenatorin Schöttler bis zur Selbsthilfe-Organisation Hydra e.V., wird das Urteil begrüßt als Meilenstein im bald zwanzigjährigen Kampf der Hurenbewegung für juristische und sozialpolitische Gleichstellung. Der Skandal ist hinlänglich bekannt: Noch immer können Sexarbeiterinnen ihr Honorar nicht einklagen, wenn ein Freier sie prellt, und noch immer weigern sich die Sozialversicherungen, Prostituierte aufzunehmen, während der Fiskus bereitwillig die Hand aufhält. Normale Arbeitsverträge, etwa mit Bordellwirtinnen wie Felicitas Weigmann, sind so lange nicht möglich, wie die Prostitution als Beruf nicht anerkannt ist.

Das älteste Gewerbe der Welt also auf den Weg seiner Legalisierung? Ein genauerer Blick auf die konkreten Verhältnisse allerdings offenbart, dass die Interessenslagen der im Sexgeschäft Tätigen keineswegs so deckungsgleich sind, wie es scheinen mag. Die Journalistin Tamara Domentat hat sich im Rahmen der obigen Tagung etwas eingehender mit der Lebensrealität der Prostituierten befasst: Haben die Frauen überhaupt ein Interesse an festen Arbeitsverhältnissen oder üben sie den Job nicht gerade auch deshalb aus, weil er ihnen große Freiräume lässt? So unterschiedlich die Gründe sind, dass Frauen in den Sexbetrieb einsteigen, so verschieden auch die Existenzweisen: Die einen üben weiterhin ihren bürgerlichen Beruf aus, die anderen steigen ein, um irgendwann mit ihren Ersparnissen wieder "auszusteigen", ins Ausland zu gehen oder einen Lebenstraum zu verwirklichen. Manche Prostituierte eröffnen, wenn sie älter werden, selbst ein Bordell, werden echte Unternehmerinnen.

Diese beobachten die sich anbahnende Entwicklung allerdings mit "gemischten Gefühlen", wie Domentat herausgefunden hat, denn arbeitnehmerähnliche Vertragsverhältnisse bergen Risiken fürs Geschäft: "Ich hab da meine Meinung im Laufe der letzten Monate revidiert", gibt die Berliner Bordellchefin Molly Luft, Mitglied von Hydra, zu Protokoll. "Ich hab auch immer gesagt, das find ich toll, die Frauen haben eine Menge Vorteile. Aber für uns wird es katastrophal werden. Ich kenne Frauen, die verdienen im Monat 12.000 Mark, die sie natürlich nicht versteuern, und halten gleichzeitig die Hand beim Sozialamt auf. Ich habe das Gefühl, wenn die sich krankschreiben lassen können, dann werden sie das andauernd tun... das wird für den Unternehmer eine ganz große Katastrophe. Die kommen und gehen, wenn sie wollen, und der Chef sitzt alleine da und fragt sich, wo er schnell neue Frauen herbekommen soll."

Auch Felicitas Weigmann beurteilt die Festanstellung von Prostituierten skeptisch: "Die meisten wollen das gar nicht", glaubt sie, die wollen das weiter "heimlich machen, aufgrund der Moral in der Gesellschaft, und weil sie einen Freund haben oder zum Schutz der Kinder." Wenn Prostituierte feste Gehälter bezögen, fehle der Anreiz, möglichst viele Freier zu nehmen, das verderbe das Geschäft. Für ausländische Prostituierte, die nicht selbständig arbeiten dürfen, sieht Weigmann in der Festanstellung allerdings eine wirksame Alternative, die Frauen vor Zuhältern aus dem Rotlichtmilieu zu schützen.

Die Betriebskonzepte der Bordellunternehmen sind unterschiedlich: Während Felicitas Weigmann einen Abend- und Nachtbetrieb unterhält, hat sich Molly Luft für den Tagesbetrieb entschieden, ohne Alkoholausschank. Manche vermieten nur Zimmer, andere unterhalten auch eine Bar. Wichtig scheint die Preistransparenz zu sein: Während in den Animierbars die sexuellen Dienstleistungen über gigantisch hohe Getränkepreise bezahlt werden, was die Frauen zu hohem Alkoholgenuss zwingt, achten die genannten Bordellbetreiberinnen darauf, dass Bar- und Sexbetrieb getrennt bleiben.

Ob frau die "Lizenz zum entfremdeten Sex", wie sich dieser Tage eine Kommentatorin ausdrückte, emanzipatorisch finden mag, sei dahingestellt. Absehbar ist schon heute, dass sich Prostitution als "Normalarbeitsverhältnis" wahrscheinlich nicht durchsetzen wird, auch wenn sich die Interessenslagen der Prostituierten differenzieren werden: Vielleicht tritt Hydra in zehn Jahren als Unternehmerinnenverband auf.

00:00 08.12.2000
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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