Mitte ohne Hemmungen

Studie Rechte trauen sich in Deutschland wieder auf die Straße und an die Urnen – und neigen stärker als früher zu Gewalt
Ulrike Baureithel | Ausgabe 24/2016 11

Entsetzt blickt die aufgeklärte Welt nach Orlando, wo ein homophober Muslim 50 Menschen getötet hat. Doch wer sich damit einmal mehr in seinem islamfeindlichen Weltbild bestätigt sehen sollte, sei der Blick in die neue Studie über autoritäre und rechtsextreme Einstellungen in Deutschland empfohlen, die das Forscherteam um Elmar Brähler, Oliver Decker und Johannes Kiess dieser Tage vorlegt. Dort nämlich ist zu lesen, dass es 40 Prozent der repräsentativ befragten Deutschen „ekelhaft“ finden, wenn sich Homosexuelle in der Öffentlichkeit küssen. Fast ein Viertel hält Homosexualität generell für „unmoralisch“. Das einst so gefeierte Motto „Ich bin schwul, und das ist gut so“ wird weit weniger geteilt, als man annehmen möchte.

Homophobie ist jedoch nur ein Merkmal rechter Einstellung. Eine Präferenz für die Diktatur, chauvinistische und antisemitische Neigungen, Ausländerfeindlichkeit, Sozialdarwinismus und die Verharmlosung des Nationalsozialismus gehören ebenso zu einem geschlossenen rechtsextremen Weltbild. Seit 2002 erheben die Leipziger Sozialpsychologen alle zwei Jahre repräsentativ Daten über den sogenannten „Extremismus der Mitte“. Dieses Konzept geht zurück auf die Soziologie der Weimarer Republik und davon aus, dass das politische Gefährdungspotenzial von rechts nicht etwa von den Rändern her kommt, sondern aus der Mitte der Gesellschaft.

Polarisierte Gesellschaft

Prägend für antidemokratische Haltungen sind die Aufwertung des Eigenen, die Ideologie der Ungleichwertigkeit und der Wille, eigene Interessen auch mit Gewalt durchzusetzen. Mit der Pegida-Bewegung und der AfD haben sich abseits der NPD nun neue politische Spielfelder für Vertreter rechtsextremer Haltungen eröffnet. Mobilisiert durch die Flüchtlingskrise, verschanzen sie sich nicht mehr im Privaten oder Halbprivaten, sondern trauen sich auf die Straße und an die Urnen. Ebenfalls neu ist, dass in rechtslastigen Milieus stärker als früher Gewalt als politisches Mittel akzeptiert und handlungsrelevant wird. Deshalb sprechen die Autoren titelgebend von einer „enthemmten Mitte“, die ihre Ressentiments offensiv vertritt und die Gesellschaft zunehmend polarisiert.

Dabei zeigen sich die Befragten der demokratischen Staatsform durchaus zugewandt. Eine rechtsautoritäre Diktatur wünschen sich nur sechs Prozent, zehnmal so viel lehnen sie kategorisch ab. Auch Pegida-Anhänger oder AfD-Wähler und selbst Nichtwähler sehen in der Demokratie offenbar die Bedingung, um sich politisch zu entfalten. Eine „starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert“, wünscht sich indessen über ein Fünftel der Studienteilnehmer, ein weiteres Drittel könnte sich das zumindest vorstellen. Den Mut zu einem stärkeren Nationalgefühl erhoffen sich rund ein Drittel der Befragten.

Männer sind für rechtsextreme Einstellungen generell anfälliger als Frauen, nur hinsichtlich der allgemeinen Ausländerfeindlichkeit nähern sich die Geschlechter an. Wenig erstaunlich ist, dass sich rechtsextreme Einstellungen mit abnehmendem Bildungsgrad häufen, etwas überraschender, dass jüngere Ostdeutsche (bis 30 Jahre) signifikant ausländerfeindlicher sind (23,7 Prozent) als Westdeutsche (13,7 Prozent). Umgekehrt neigen ältere Westdeutsche eher dazu, den Nationalsozialismus zu verharmlosen und sich antisemitisch und chauvinistisch zu geben. Wirkt bei den älteren Ostdeutschen der nicht nur staatlich verordnete Antifaschismus der DDR nach? Und bei jungen Leuten aus Westdeutschland eine Erziehung zur Weltoffenheit?

Dem gegenüber steht allerdings die Erkenntnis, dass sich die Hälfte der Befragten angesichts der vielen Muslime in Deutschland „fühlt wie ein Fremder im eigenen Land“; das hatte 2009 nur ein – durchaus auch besorgniserregendes – Drittel zu Protokoll gegeben. Konsequenterweise würden mehr als 41 Prozent den Muslimen die Zuwanderung gerne untersagen, und gar 58 Prozent wollen keine Sinti und Roma in der Nachbarschaft haben.

Die Abwertung von bestimmten Menschengruppen – Muslimen, Sinti und Roma, Asylbewerbern, Homosexuellen – drückt sich auch in der großen Ablehnung der Forderung aus, der Staat möge Asylanträge großzügig behandeln. Sahen 2011, vor dem neuerlichen Anstieg der Flüchtlingszahlen, drei Viertel Anlass zur Großzügigkeit, ist dieser Wert nun auf ein Fünftel gefallen.

Trotz des Bekenntnisses zur Demokratie ist ein großer Teil der Befragten enttäuscht von der Demokratie, wie sie in der Bundesrepublik funktioniert. Das muss nicht unbedingt mit einem antidemokratischen Weltbild einhergehen: Auch Linke dürften in dieser Hinsicht vielfach unzufrieden sein. Doch das „Teilhabedefizit“, das die Autoren ausmachen, korreliert häufig mit einer antizipierten wirtschaftlichen Schwäche der Befragten. Obwohl sich ihre Mehrheit heute noch einigermaßen gut dastehend wähnt, erwarten die meisten, dass es ihnen in einem Jahr schlecht geht.

Die soziale Abstiegsangst dringt offenbar auf autoritäre Antworten: Zwei Drittel der Befragten sind der Meinung, dass gegen Unruhestifter „hart durchgegriffen“ und Bewährtes nicht in Frage gestellt werden sollte. In einer früheren Untersuchung hatte Oliver Decker den Begriff des „Wohlstands als narzisstische Plombe“ eingeführt: Der stabile Wirtschaftsstandort entschädigt demzufolge für individuelle Kränkungen. Doch wer sich der Gewalt des Marktes ausliefert oder ausliefern muss, reagiert aggressiv gegenüber denjenigen, die sich seinem Zugriff entziehen.

Die autoritäre Aggression, also der Wunsch, soziale „Abweichler“ zu maßregeln, ist jedenfalls auffällig angestiegen, nun aber auch begleitet von steigender individueller Gewaltbereitschaft: Fast 20 Prozent der Befragten würden selbst Gewalt einsetzen, um sich durchzusetzen, ein weiteres Drittel Gewaltausübung an andere delegieren, um Ruhe und Ordnung herzustellen. Größtes Ansehen genießen derzeit noch das Bundesverfassungsgericht und die Polizei, am wenigsten Vertrauen wird den Parteien entgegengebracht. Und fast die Hälfte denkt manchmal auch an „Lügenpresse“, wenn von den Medien die Rede ist, im Osten öfter als im Westen.

Politische Milieustudien zeigen, dass trotz des offensiver auftretenden Rechtsextremismus das demokratische Milieu halbwegs gefestigt ist, auch wenn hier latent Ressentiments gedeihen. Zu beobachten ist auch, dass politische Milieus auseinanderdriften, da sich die verschiedenen antidemokratischen Gruppen radikalisieren.

AfD und Pegida

Eine eindeutige Verbindung gibt es indessen zwischen rechtsextremen Haltungen und Parteipräferenz. Mit der AfD hat sich ein politischer Diskurs etabliert, der insbesondere Männer (zwei Drittel aller AfD-Wähler sind männlich) bindet und unter den sozial schlechtergestellten viele Anhänger findet, wobei die AfD sowohl unter ehemaligen Wählern der Volksparteien als auch unter Nichtwählern wildert. Tendenziell weisen sich potenzielle AfD-Wähler 2016 aber durch ausgeprägtere rechtsextreme Einstellungen aus als noch 2014. Sie repräsentieren, so die Autoren, eine „gefährliche“ islamfeindliche, homophobe, antiziganistische und flüchtlingsfeindliche Mischung mit hoher Gewaltakzeptanz.

Auch der Pegida-Bewegung wird im Nachgang zur Studie von 2014, die das Phänomen noch nicht voll erfassen konnte, ein bedenkliches Zeugnis ausgestellt: Wer in ihr und ihren Ablegern eine reine Empörungsbewegung sehe, die auf Partizipation dränge, verharmlose die dort auffindbaren islamfeindlichen und rechtsextremen Einstellungsmuster.

Der leichte Rückgang ausländerfeindlicher Einstellungen, der darauf zurückzuführen ist, dass bestimmte Migrantengruppen im politischen Diskurs auf ihren gesellschaftlichen Nutzen abgeklopft werden, darf also nicht als Entwarnungssignal missverstanden werden. Der neu eröffnete Raum rechter Opposition ist – weniger rebellisch als autoritär – durchaus imstande, die Gesamtgesellschaft aufzumischen.

Info

Die Mitte-Studie ist in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-, Heinrich-Böll- und Otto-Brenner-Stiftung entstanden. Sie erscheint im Psychosozial-Verlag Gießen

11:50 16.06.2016
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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