Moderne Gefahren

Literatur Ulrich Becks „Risikogesellschaft“ ist heute aktueller denn je

Es ist dieses Gefühl der Unwirklichkeit, das den Déjà-vu-Schauder hervorruft. „Die Unfähigkeit, an etwas Nichtsichtbares zu glauben“, so steht es im Tagebuch der Studentin, Anfang Mai 1986, als die radioaktiv verseuchte Wolke quer über Europa zog. Tschernobyl: Die als „Unfall“ verharmloste Katastrophe, die von der apokalyptisch gestimmten Jugend zwar oft vorhergesagt, deren Eintreffen aber nicht wirklich erwartet worden war. In den südlichen Breiten wurde der Verkauf von Milch verboten, wir verzichteten auf frisches Gemüse, Salat, aufs Fahrradfahren, mieden Regen, duschten ständig, wechselten die Wäsche – und haderten mit der unverantwortlichen offiziellen Informationspolitik, den sich widersprechenden Messergebnissen und Grenzwerten. Und mit unserer Lähmung, dem Gefühl, nichts tun zu können gegen die radioaktive Verseuchung: „Wir sind einfach nicht darauf vorbereitet, damit fertigzuwerden. Viele von uns fallen in Depression.“ Manchmal war uns nur noch nach „Hinschmeißen“.

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Mitten in diese allgemeine Verunsicherung und Überforderung platzte damals ein Buch, dessen Titel zu einer Chiffre für das ausgehende 20. Jahrhundert und die Rede von der Postmoderne werden sollte: Ulrich Becks Risikogesellschaft. „Aus gegebenem Anlass“, schreibt der Autor im Mai 1986 in Bamberg ein Vorvorwort, in dem er Tschernobyl unter vorangegangene Katastrophen einreiht, „zwei Weltkriege, Auschwitz, Nagasaki, Harrisburg und Bhopal“. In den beiden letzteren Fällen und bei Tschernobyl allerdings handelte es sich um die „nicht-intendierten Nebenfolgen“ einer Moderne, die, wie Beck später schreiben wird, „nicht an ihren Niederlagen krankt, sondern an ihren Siegen“. Mit ihrem Versprechen, Armut zu lindern und Fortschritt zu garantieren, produziere die Industriegesellschaft unbeabsichtigte Großrisiken, die die Menschheit „jenseits von Klasse und Nation“ in eine „Gefährdungsgemeinschaft“ zwängen und neue Risikokonflikte beförderten. Denn Risiko, so der damalige Befund, sei nicht einfach umzuverteilen: „Not ist hierarchisch, Smog demokratisch.“

Wissenschaft als Problem

Mit dem Übergang zur Risikogesellschaft geraten aber auch die Träger der einstigen Industriegesellschaft in Verdacht, Staat, Wirtschaft und die Wissenschaft mit ihren Exklusivzirkeln und ihrem Wahrheitspostulat. Konnte Tschernobyl im Westen noch der Sowjetunion und deren unzureichenden Sicherheitsvorkehrungen zugerechnet werden, widerlegte spätestens Fukushima die bisherigen Risikokalküle der Wissenschaft. Statt als Quelle für Problemlösungen gilt sie nun als Problem. Der Auftritt von „Gegenakteuren“, etwa in Gestalt von Gegenexperten, die ihre Deutungshoheit in Frage stellen, bleibt nicht aus.

Doch auch der demokratische Widerstand gegen die nicht mehr einzelnen Verursachern zuzurechnenden antizipierten Großrisiken oder eingetretenen Katastrophen lässt sich nach Beck nicht mehr in dem Maße organisieren wie noch in der Industriegesellschaft, in der die Individuen eingebunden waren in selbstversichernde Gemeinschaften. Das Risiko – Arbeitslosigkeit, radioaktive Verseuchung, Klimakatastrophe oder globale Seuche wie Corona – trifft die Menschen in ihrer Vereinzelung und wird als persönliches Schicksal wahrgenommen. Sich mehr anstrengen, oft duschen, aufs Auto verzichten oder die Öffentlichkeit meiden, um das Risiko zu minimieren, das sind die individuellen Antworten dieses „moralischen Unternehmers“ seiner selbst. Den Imperativ der persönlichen Schuldhaftung erleben wir dieser Tage, wenn Eltern aufgefordert werden, die Kinder von den Großeltern fernzuhalten.

Auf den oft wiederholten Vorwurf, dass sich auch Großrisiken nicht immer gleich verteilen, weil sie entweder durch die „Entscheider“ ausgelagert werden in andere Länder oder durch das Machtgefälle zwischen denen, die entscheiden, und den Übrigen, die die Folgen der Entscheidung zu tragen haben, geprägt sind – etwa im Fall von Reaktorkatastrophen –, hat Beck einsichtig reagiert. Der Folgeband Weltrisikogesellschaft (2007) steht sichtlich unter dem Eindruck von 9/11, die „intendierten Nebenfolgen“ der Moderne in Form von Terrorismus spielen darin eine große Rolle. Sie reihen sich ein in den „Hässlichkeitswettbewerb“ von Großrisiken, die jeweils den „institutionellen und kognitiven Erwartungsrahmen“ sprengen, wie Beck in einem Interview 2011 formulierte. Im Moment buhlen Klimakrise und Seuche um Aufmerksamkeit, wobei Letztere derzeit den Sieg davonträgt, weil sie fass- und erfahrbarer ist und damit massenmedial tauglicher. Kein „clash of cultures“ also, so die Pointe, sondern ein „clash of risk cultures“, ein Zusammenprall von Risikokulturen und Konflikt-Erfahrungen.

Das verweist auf einen Aspekt, den der Konstruktivist Beck vor seinem Tod 2015 immer wieder stark gemacht hat. So wenig, wie es „Natur“-Katastrophen gibt – da Katastrophen nur im menschlichen Wahrnehmungshorizont dazu „gemacht“ werden –, so sehr wird auch „Risiko“ nur durch die menschliche Antizipation virulent. Erst indem wir etwas Gefährliches erwarten, wird es dazu, was nicht heißt, es gäbe das Ereignis selbst nicht. Das Großrisiko ist gerade in seiner Umstrittenheit „Inszenierung“, denn es gibt keine verlässlichen Messmethoden, um es zu beurteilen, und keine mathematischen Formeln, um es (privat) zu versichern. Am Ende, das erleben wir in der momentanen Krise, bleibt nur noch der Staat als Versicherer.

Dieser aber muss angesichts des Risikos handeln, obwohl „in Sachen Gefahr niemand Experte ist“. Doch „nichts zu tun ist politisch ausgeschlossen“, wie die hektischen Maßnahmen der sich gegenseitig übertrumpfenden Politiker zeigen, wobei alles Handeln dem Sicherheitsparadigma folgt. Nur: Wie sicher ist sicher genug? Diese Frage vermögen auch die heutigen Sicherheitsverwalter nicht zu beantworten, wenn sie über Ausgangssperren oder Distanzgebote streiten, denn niemand kennt die Ansteckungs- und Krankheitsverläufe. „Je größer die Gefahr, desto größer das Nichtwissen und desto notwendiger und unmöglicher die Entscheidung“, beschreibt Beck dieses Entscheidungsparadox.

Dabei schärft er auch den Blick für die Folgen solchen Risikomanagements, denn das Risiko spaltet in Personen und Gruppen, die zum Risiko gemacht werden, und solche, die gefährdet sind. Wird eine Gruppe allerdings mit dem Merkmal „Risiko“ belegt (Virenträger!), löscht dies alle anderen Merkmale aus, so Beck. Das stellt sich in der Corona-Krise durchaus paradox dar, weil im Namen des Gesundheitsschutzes nicht nur die Infizierten, sondern auch die Gefährdeten stigmatisiert werden, wenn die Mehrheit die Minderheit in die Isolation zwingen sollte. Die umkämpfte und fluide Risikodefinition würde sich dann auf die Alten und Schwachen verlagern.

Lob der sozialen Bewegungen

In Risikogesellschaft hatte Beck noch einen optimistischen Ton im Hinblick auf das Chancenpotenzial der Risikogesellschaft angeschlagen, das er in der Selbstermächtigung der sozialen Bewegungen und in der alternativen Wissensgenerierung sah. In dem schon unter dem Eindruck kommender Finanzkrisen stehenden Buch Weltrisikogesellschaft, das auch ein Lob des Kosmopolitismus ist, sind skeptische Untertöne indes nicht zu überhören. Der „methodologische Nationalismus“ (also das Denken von der Nation her) sei zwar unwiderruflich am Ende, doch ob die globale Verwundbarkeit dazu führt, dass Formen internationaler Kooperation gestärkt werden, ist für Beck ungewiss.

Er gibt zu bedenken, dass eine Gesundheitsgefährdung wie heute durch COVID-19 in Gefahren für die nationale Ökonomie umschlagen und ihrerseits Grundrechte bedrohen kann. „Die Sorge um Sicherheit und das politische Spiel mit der Angst erlauben es Staaten, unter Berufung auf globale Institutionen und deren Forderungen Freiheitsnormen ohne Aufschrei, ohne Protest zu verletzen.“ Kosmopolitisierung und Renationalisierung könnten sich ergänzen und durchkreuzen und autoritäre Lösungen hervorbringen. Normal- und Ausnahmezustand existieren nebeneinander.

„Organisierte Verantwortungslosigkeit“, so lautet ein Schlüsselbegriff in Becks (Welt-)Risikoanalyse. Das meint, dass man die Ursachen von Katastrophen komplexen Strukturen und Organisationen zuschreibt, die sich am Ende für ihr Risikomanagement nicht mehr verantworten müssen. Die Ausbreitung von Viren und Bakterien wird begünstigt durch die Abholzung von Wäldern wie im Kongo (Ebola), das enge Zusammenleben von (armen) Menschen mit Tieren oder durch verunreinigtes Wasser. Auch während der Corona-Krise, die angeblich „alle“ trifft, gibt es ungleiche Risikoverteilungen, etwa wenn abgeworbenes Ärzte- und Pflegepersonal in Deutschland arbeitet und in den Herkunftsländern fehlt.

In unserem Stadium der „reflexiven Moderne“ wird die Gesellschaft mit den Folgen einer Modernisierung konfrontiert, die nicht nur Großgefährdungen produziert, sondern auch soziale Ungleichheiten individualisiert und verstärkt. Die entgrenzte Risikogesellschaft erschüttert die politischen und institutionellen Grundlagen unserer Gesellschaft, es wächst die Ahnung, dass die „anthropologische Sicherheit der Moderne aus Treibsand besteht“ und alle bisherigen „Weltgewissheiten“ fortgerissen werden. Das bedeutet zwar nicht den Untergang der Welt, aber doch so viel, dass mehr Sicherheit in der Epoche der Weltrisikogesellschaft nicht zusammengeht mit mehr Freiheit. Wollen wir uns die Freiheit bewahren, müssen wir mit der Unsicherheit leben.

Info

Risikogesellschaft Ulrich Beck Edition Suhrkamp 2003, 382 S., 14 €

Weltrisikogesellschaft: Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit Ulrich Beck Suhrkamp Taschenbuch 2008, 439 S., 12 €

06:00 05.04.2020
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

Ausgabe 21/2020

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