Nach der Schlacht

Kein Begriff von Reue und Glück Noch fünf Gefangene der RAF sitzen derzeit in bundesdeutschen Gefängnissen, und die rot-grüne Regierung zeigt keine Initiativen mehr für eine politische Gesamtlösung. Nach 19 Jahren Haft hat sich Christian Klar mit Günter Gaus über seine persönliche Geschichte in der RAF und heutige Lebenssichten unterhaltenUlrike Baureithel

Ich würde sie gerne in einem Zustand rauskriegen, in dem sie noch mehr können, als nur noch spazieren gehen", soll Helmut Pohl anlässlich einer im Frühjahr in der Berliner "Kulturfabrik" eröffneten Ausstellung über die physischen und psychischen Folgen von jahrelanger Haft gesagt haben. Nach 22 Jahren Haft "vorzeitig" entlassen, weiß das ehemalige RAF-Mitglied um die Langzeitschäden jahrzehntelanger Infaftierung.

Von diesen erzählte zunächst nur das gezeichnete Gesicht von Christian Klar, als er sich vergangene Woche erstmals überhaupt in einem Interview zu seiner politischen Vergangenheit und Zukunft äußern konnte und wollte. Eine karge Zelle in der Bruchsaler Justizvollzugsanstalt, kein Tisch für das Wasserglas und durch die sorgsam geschlossenen Vorhänge der schemenhafte Schatten der Fenstergitter. Ein Ort der Befangenheit und des Unwohlseins, sichtlich für beide Gesprächspartner, Christian Klar und Günter Gaus.

Die Frage nach dem Leben "danach" scheint etwas zu sein, was RAF-Gefangene in Verlegenheit und Verwirrung bringt. Karl-Heinz Dellwo hatte darauf keine Antwort, Irmgard Möller nicht. Und Christian Klar sagt am Ende des Gesprächs, seine einzige Vorstellung sei, mit Leuten zusammenzukommen, mit denen er viele Jahre nicht sprechen konnte. Und er hoffe, dazu noch beziehungsfähig zu sein.

Das ist keine Sprechblase bei jemand, der seit 1982 in Haft ist, davon alleine sieben Jahre in völliger Isolation, gegen die Hungerstreik das letzte Mittel ist. Wenn das Sprechen da schwer fällt, die Sätze ungelenk herauskommen, ganz ohne Schliff und von langen, quälend langen Pausen durchsetzt, dann ist das keine Pose. Und wenn diese Sätze anmuten, als wären sie geschöpft aus einer anderen, längst abgegoltenen Zeit, anachronistisch wirkende Floskeln, dann hat das auch damit zu tun, dass das Gespräch, auf das Klar nach seiner Haft hofft, abgebrochen, staatlicherseits unterbunden, stranguliert wurde. Wer wird 2008, wenn Christian Klar voraussichtlich aus der Haft entlassen wird, von seinen ehemaligen Genossen noch fähig und willens sein, den abgebrochenen Gesprächsfaden aufzunehmen? Und wen mag das, was dann gesprochen wird, nach bald vier Jahrzehnten überhaupt noch interessieren?

Ein Opfer staatlicher Willkür also? Gewiss nicht. Dazu wurden die RAF-Häftlinge erst nach den bis heute nicht ganz geklärten Stammheimer Todesfällen stilisiert. Mit den Opfermythen begann die Geschichte der selbsternannten Avantgarde, die sich einst selbstbestimmt opfern wollte, in ihr Gegenteil zu kippen, und sie lieferten den Vorwand für die Aktionen der Illegalen draußen. Dabei ist diese Opfergeschichte auch eine verdrängte der radikaleren Linken der siebziger Jahre, die sich mit lauer Solidarität vom Vorwurf freikaufte, einst nicht konsequent den bewaffneten Kampf aufgenommen zu haben. Es war diese uneingeschränkte Konsequenz, die damals nicht nur einen Christian Klar an der RAF faszinierte; und in den palästinensischen Lagern lässt sich derzeit studieren, welche Anziehungskraft derlei "Konsequenz" unter jungen Leuten hat - wenn auch unter völlig anderen politischen Vorzeichen.

In diesem Dilemma zwischen Opfer und Selbstopferung bewegt sich Christian Klar. 1993, als der Staat mit der Kinkel-Initiative erstmals eine versöhnende Geste zeigte (um sie allerdings, als er den Spitzel Steinmetz ins illegale Feld eingeschleust hatte, sofort wieder einzufrieren), war er mit Brigitte Mohnhaupt derjenige, der sich gegen den "Schmusekurs mit dem Staat" wandte. Und auch acht Jahre später: Kein Kniefall, keine Unterwerfung, auch keine Reue. Ein Begriff, behauptet er gegenüber dem merklich konsternierten Gesprächspartner, der für ihn politisch keinen Sinn mache, solange der Kapitalismus so viele Opfer produziere. Das kommt nicht so eloquent, sondern nach langen Pausen und unter schwerem Schlucken.

Keine der Gaus´schen Brücken scheint überquerbar für ihn: Nicht der behauptete Dialog der Sozialdemokraten in den siebziger Jahren (dabei gab es doch für die RAF nur "die Mächtigen" und einen kleinen linken Rand, mit dem es aus ihrer Sicht über Strategie und Taktik zu rechten lohnte); nicht die unbewältigte NS-Geschichte, die für Klar im bildungsbürgerlichen Elternhaus offenbar kein Thema war; nicht die Frage nach dem "Schliddern" in die Gewalt: Nein, das seien konsequente, wohldurchdachte und folgerichtige Schritte gewesen und die "Illegalität eine Befreiung". Nachgetragene Sinnstiftung des aus heutiger Sicht Sinnlosen.

Die wirkliche Befreiung, die man dem sehr nervösen und von Altersspuren gezeichneten Mann ohne weiteres abnimmt, ist die Verweigerung traditioneller Erwartungen, die Flucht des Jugendlichen aus der badisch-ländlichen Provinz in die Städte, in die überschaubare politische Bewegung der Oberschüler und Studenten, in die kollektiven Wohnprojekte, später in die konspirativen Zusammenhänge. Die Empörung über Vietnam, der Hass auf die chilenische Junta: alles, als wäre es gerade gestern passiert.

"Es gab Grund für Proteste", erklärte Anfang des Jahres der ehemalige Innenminister Gerhard Baum (FDP), und meinte damit auch das ehemalige FDP-Mitglied Christian Klar. Warum dieser dann zur RAF ging, hat letztlich auch Günter Gaus nicht klären können. Wer sich die Situation der frühen siebziger Jahre vergegenwärtigt weiß, dass es viele Wege in die Illegalität gab und viele Gründe dafür, es sein zu lassen. Und am besten wissen das jene mit einer K-Gruppen- oder Sponti-Vergangenheit, die heute in den Parlamenten und Regierungen sitzen.

Die Hoffnungen auf grüne oder sozialdemokratische Initiativen, für die verbliebenen RAF-Häftlinge eine Lösung zu finden, sind allerdings geschwunden. Gerade die einstige, peinlich empfundene politische Nähe schürt offenbar Berührungsängste. Befördert wird das Vergessen durch die gegenwärtige, durchaus an 1977 erinnernde Terrorismus-Hysterie; und durch den Umstand, dass sich derzeit nur noch fünf RAF-Angehörige - neben Christian Klar Brigitte Mohnhaupt, Rolf-Clemens Wagner, Eva Haule und Birgit Hogefeld - in Haft befinden.

Christian Klar wird übrigens, wie IG-Medien-Vertreter anlässlich des "Tages der politischen Gefangenen" berichteten, sogar der Zugang zu einem Computer und die Möglichkeit eines Fernstudiums vorenthalten. Dabei haben "normale" Gefangene im Knast die Möglichkeit, eine Berufsausbildung zu absolvieren oder einen Beruf auszuüben. Trotz aller staatlicher Leugnung bleiben die RAF-Häftlinge eben doch politische Gefangene: Gnade vor Recht wird zuteil erst nach pflichtschuldigster Unterwerfung. Es rühmt nicht diese neue Berliner Republik und diese Regierung, dieses Prinzip nicht zu brechen. Tot oder lebendig? Was für Bin Laden Recht ist, scheint auch hierzulande billig.

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00:00 21.12.2001

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