Neue deutsche Härte

Porträt Jens Spahn ist hartnäckig, hip, homosexuell. Er steht für eine neue CDU – die wieder konservativer werden soll. Wie geht das?
Neue deutsche Härte
Außen Regenbogen, innen Stahlhelm
Collage: der Freitag; Fotos: Luke MacGregor/Bloomberg/Getty Images, Auremar/Fotolia

Eigentlich hätte ich ihn an seinem Lieblingsort in Berlin treffen wollen. Aber nun wird es doch keine Kunstgalerie, kein Szene-Café oder Sportplatz. Wie es so ist mit vielbeschäftigten Politikern, bleiben wir in pragmatischen Niederungen hängen, in diesem Fall im tiefliegenden Areal des Volksparks Schöneberg zwischen Hauptstraße und Bundesallee, an dessen jeweiligem Ende wir wohnen. Wir erzählen uns, welche Veränderungen wir im Kiez wahrnehmen – schon sind wir mittendrin in der Debatte über Multikulti und Leitkultur. „Letztes Jahr habe ich in einem Interview erzählt, dass die arabischen Machos da hinten im Fitnessstudio nur in Unterhosen duschen – und dass ich das spießig finde. Mir wurde dann in linken schwulen Medien vorgeworfen: ‚Jetzt will der Spahn die Pimmel sehen.‘ Nur um mir eins auszuwischen.“ Nie werde er verstehen, dass man den Kampf gegen deutsche Spießigkeit für heroisch hält. Aber gleichzeitig zur verklemmten Sexualmoral des Islam steht.

Jens Spahn, live. Groß und weit ausschreitend, nicht nur im Gelände, auch in der Politik. Bislang „nur“ Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, gilt der 37-Jährige als Hoffnungsträger in der Union und spielt mit den Verstärkereffekten, die seine kalkulierten Provokationen auslösen. Er kann einiges: bayerisches Bierzelt und Unternehmerfrühstück in Schweinfurt, sozialpolitische Talkrunde und Interview im schwulen Szeneblatt Siegessäule. Er verteilt Beruhigungspillen an Ausländerhasser („Ja, wir müssen den Zustrom von Menschen aus Afrika nach Deutschland begrenzen“ beteuert er auf Facebook), redet die Welt für notleidende Wohnungssuchende schön („Unser Plan gegen Wuchermieten: 1,5 Millionen mehr Wohnungen bis 2021“), agitiert gegen „Linksfaschisten“ in Hamburg und sieht sich als Verteidiger liberaler Werte. Kürzlich war er mit seinem Patenkind noch in Urlaub und hoffte auf Sonne. Die soll ihm nun möglichst bis Ende September scheinen, zumindest politisch. Wer ist dieser Mann, dessen markanteste Attribute Schuhgröße 49 und eine auffällige Brille zu sein scheinen?

Aber gnädige Frau!

Er streitet gerne, auch mit mir. Nöö, gibt er manchmal langgezogen von sich, unterbricht auch mal, weist rhetorische Zumutungen ironisch von sich: „Aber gnädige Frau...“! Er wirkt engagiert, trotz gestanzter Antworten, die wie aus dem Automat kommen und die man irgendwo schon alle gelesen hat. Aber er findet auch, „dass die Diskussionskultur in der Gesellschaft nicht sehr ausgeprägt ist. Auf Veranstaltungen ertragen es die Leute schwer, wenn es einmal emotional wird, da sind sie peinlich berührt“. Dabei gehe es in einer Demokratie doch gerade darum: den Streit um die beste Lösung.

Er ist einer, der Reibung nicht nur zulassen will, sondern sie erzeugt. Hatte er sich früher vor allem als Interessenvertreter der jungen Generation profiliert und die einschlägige Rentnerklientel der Union brüskiert mit der Forderung nach Rentenkürzung, ist es heute der Einfluss „fremder“ Kulturen auf unsere Gesellschaft, der ihn auf die Palme treiben kann. Mit seinem Islamgesetz, dieser „populistischen Schnapsidee“ (CDU-Kollege Ruprecht Polenz), ist er zwar gescheitert, doch die von ihm forcierte Abschaffung des Doppelpasses brachte die Kanzlerin in Bedrängnis. Nun steht’s sogar im Parteiprogramm.

Er empfinde nicht jedes kulturelle Anderssein als Bereicherung, setzt Spahn sich von der Multikulti-Fraktion in seinem Kiez ab. „Ich halte beispielsweise Kopftücher nicht für eine gesellschaftliche Bereicherung. Ich ertrage sie, aber mehr nicht.“ Ob die Frauen in seinem Heimatort Ottenstein früher nicht auch Kopftücher getragen hätten, ohne die Republik zu gefährden, frage ich ihn. „Sie wollen ja wohl nicht wieder in einer Gesellschaft leben, in der alle Frauen Kopftücher tragen“, pariert er. Und kommt auf Moscheegemeinden, in denen nicht Deutsch gesprochen und „Ungläubige“ verunglimpft werden, auf arabische Machos, die ihn und seinen Freund in einem Einkaufszentrum in Mitte an der Kasse als „Schwanzlutscher“ beleidigt haben: „Glauben Sie, da sagt einer was, während sich da zwei aufbauen und rumkrakeelen?“

Das würde sich wohl auch nicht ändern, wenn Jens Spahn und sein Lebensgefährte nun bald heirateten. Wann, will er nicht verraten, aber er wirkt doch erleichtert, dass die Union nun zur Ehe für alle genötigt wurde. „Es war der Endpunkt eines langen Prozesses.“ Er ist überzeugt, dass „die lange Beschäftigung mit dem Thema auch für gesellschaftlichen Frieden gesorgt“ habe. Sein Schwulsein, auch in seiner eigenen Partei kein Alleinstellungsmerkmal mehr, ist die existenzielle Grundierung, die diesen Jens Spahn die liberalen Freiheiten verteidigen lässt.Er verkörpert, wenn man so will, die konservative Einlösung eines liberalen Versprechens. Die Union, sagt er, habe einen Kulturkampf gegen die Achtundsechziger gewonnen, ohne es überhaupt wahrzunehmen.

Das ist geradezu dialektisch gedacht. Und auch in der Kunst, den Gegner mit den eigenen Waffen zu schlagen, hat Spahn von den Linken gelernt. Unablässig hält er ihnen entgegen, dass sie es gewesen seien, die für Frauen- und Schwulenrechte eingetreten seien und Kritik an den Kirchen betrieben hätten. Nur bei Zwangsheirat, Ehrenmord und arabischer Machokultur spiele das plötzlich keine Rolle mehr, „da verheddern sie sich in Multikulti“.

Selbst die Erkenntnisse über Sozialisation wendet er gegen sie: „Die Linken haben – vielleicht zu Recht – immer gesagt, so wie du sozialisiert bist, so bist du auch. Bei Menschen, die aus Gesellschaften kommen, die mit Juden und Schwulen nicht gerade zimperlich umgehen, in denen eher Macho-Kultur gelebt wird, dürfte das auch so sein. Und ich glaube nicht, dass sich das mit Überschreiten der europäischen Grenzen plötzlich ändert.“

Natürlich könnte man das auch auf den politischen Überflieger Jens Spahn übertragen: So wie du sozialisiert bist, bist du auch. Behütet zwischen bürgerlichem Elternhaus, katholischem Gymnasium und Jugendlagern aufgewachsen in dieser kleinen Gemeinde bei Ahaus, war ihm der Weg in die Junge Union vielleicht vorgezeichnet. Musste aber nicht sein. Es gab auch andere, die, ebenfalls katholisch geprägt, in Ahaus jahrzehntelang gegen Gorleben gekämpft haben. Ein rotes Tuch für den jungen Spahn damals: „Es gab da viele linke Grüne. Ehrlich gesagt habe ich mich immer gegen die positioniert.Mir ging diese ganze kompromisslose Anti-Haltung, die die da ausgelebt haben, schwer auf den Senkel.“

Ob er nicht das Gefühl habe, zu spät geboren worden zu sein? Dreißig Jahre früher hätte er sich vielleicht doch eingereiht in die Phalanx der Provokateure ... „Zu spät?“, fragt er überrascht und irritiert. Er sei froh, in einer Gesellschaft groß geworden zu sein, wo es – selbst im Münsterland – für jemanden, der schwul oder lesbisch war, einfacher gewesen sei. Dass er nach dem Abitur zunächst eine Banklehre absolviert hat, verdankt er nicht armen oder sicherheitsbewussten Eltern, sondern der Bundeswehr, die ihn, schon eingezogen, wieder ausgemustert hat.

Also Parteisoldat. Mit 19 im Stadtrat von Ahaus, zwei Jahre später im Bundestag, viermal direkt gewählt im Wahlkreis Steinfurt/Borken I, tiefste Provinz. Seinen Master hat er erst kürzlich gemacht. „Mein Leben war nie geprägt durch besonderes Rebellentum“, wehrt er jeglichen Versuch ab, ihm etwas Widerständiges anzudichten. Und ist doch dankbar, dass es welche gab, die für ihn gekämpft haben: Volker Beck, Klaus Wowereit, Guido Westerwelle, Ole von Beust. „Meine Generation profitiert von diesem Kampf.“ Dass sich Christdemokraten dabei selten als Avantgarde hervortun, ist ihm bewusst.

Die eigenen Ellenbogen ausfahren kann er allerdings. Auch parteiintern hat er das bewiesen, zuletzt bei der Wahl ins Präsidium der CDU, bei der er den Ministerkollegen Hermann Gröhe kalt ausknockte. Nicht dieser, sondern Jens Spahn feilte mit SPD-Kollege Karl Lauterbach am gesundheitspolitischen Teil des Koalitionsvertrag, wie damals zu hören war, durchaus einvernehmlich. Der Sitz im Präsidium wiederum war eine strategische Option, sie verleiht dem ambitionierten Politiker Standing und vor allem mediale Aufmerksamkeit.

Man muss sich daheim fühlen können, das ist die unterkomplexe Botschaft, die Spahn mit dem Begriff „kulturelle Sicherheit“ verbrämt und mit der er auch in Oberweiden in der Oberpfalz bei einer CSU-Veranstaltung auf Stimmenfang geht. „Daheim“ ist Jens Spahn im Münsterland, in der Union, in Bierzelten in der Provinz und in Schöneberg, soweit es dort nicht zu viele Kräfte und Faktoren gibt, die ihn sich fremd fühlen lassen. „Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder Mensch wissen muss, wer er ist, woher er kommt. Nur wer Heimat, Identität, Zusammengehörigkeitsgefühl erfahren hat, kann aus dieser gefestigten Position heraus offen sein für Anderes, Fremdes, Neues. Man braucht eine kulturelle, vielleicht sogar anthropologisch bedingte Erwartungssicherheit.“

Und dann wird er wohnzimmerplüschig: Besucher in seiner Wohnung hätten sich schließlich auch an seine Regeln zu halten und müssten sich anpassen. „Das hat nichts mit Ethnie zu tun. Es geht nicht um Hautfarbe, es geht um Kultur. Und wenn die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau eine kulturelle Errungenschaft ist, ein Wert, dann beinhaltet die Aussage für alle Kulturen, die es anders handhaben, eine Unwertaussage.“

Bei Linken abkupfern

Wert und Unwert, unversöhnlich, dualistisch, nicht relativierbar. Zwischen dem Klischee „Islam“ und unserer „Wertegesellschaft“ gibt es keine Brücke und auch keine Dialektik mehr, nur noch Freund und Feind. Keine Frage, ob der Westen die liberalen Freiheitsversprechen je eingelöst hat, hinhaltend, wenn es darum geht, wer die Armutsflucht aus Afrika verantwortet: „Ich lasse mir nicht einreden, dass wir Europäer die Hauptverantwortlichen in Afrika sind“, „schlechte Regierungen“ seien dafür verantwortlich. Und: „Die arabische Halbinsel hat in den letzten 500 Jahren keine Innovation mehr hervorgebracht. Gesellschaften, in denen Frauen gleichberechtigt sind, sind viel innovativer und erfolgreicher.“ Schon wieder so ein Argument aus dem Arsenal des Gegners.

Jens Spahn ist aber auch in anderer Weise konservativ: Er denkt den Staat, insbesondere den Sozialstaat, nach wie vor in nationalen Grenzen. Die Linken hätten nie verstanden, dass man nicht hohe Sozialstandards und gleichzeitig offene Grenzen haben könne. Das unterminiere die Akzeptanz derer, die Steuern und Beiträge zahlen. Falsch findet Spahn es deshalb, dass Flüchtlinge in Deutschland vom ersten Tag an Bargeld erhalten. Damit dockt er an bei den Rechten, denen, die „Germany first“ schreien. Im Herzen ist er ein Protektionist, auch wenn er keine Vorstellung davon hat, was Armut bedeutet. Gefragt, ob man mit 800 Euro auskommen könne, weicht er aus: „Kommt drauf an, wo. Man kann sicher keine Riesensprünge machen ...“ Nein, nicht einmal einen kleinen Sprung.

Berührungsängste hat er nicht, nicht mit den Grünen, mit denen Jens Spahn vor ein paar Jahren das kulinarische Techtelmechtel wiederbelebt hat. Und rhetorisch manchmal auch nicht mit den Rechten. Die schwarz-grüne Option sei momentan obsolet, meint er, die Grünen seien „zu schwach auf der Brust“. Dann doch lieber Christian Lindner, da gäbe es mehr „inhaltliche und politkulturelle“ Schnittstellen.

Und wo sieht sich Jens Spahn nach dem September 2017? Lacht: „Jetzt könnte ich Ihnen die ganzen Standardfloskeln aufzählen ... ich mache gerne, was ich tue. Und ich tue das, wohin mich der Herrgott hinstellt.“ Der Herrgott? „Na ja, die Vorsitzende.“

06:00 01.09.2017
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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