Nicht alle Menschen sind gleich

Blutbanken Die Deutsche Knochenspenderdatei hat unauffällig ihre diskriminierenden Ausschlusskriterien geändert, auch Homosexuelle dürfen jetzt spenden. Gut so!
Ausgabe 05/2015

Blut ist ein ganz besonderer Saft. Viele Japaner zum Beispiel glauben, dass sich aus der Blutgruppe Rückschlüsse auf den Charakter ziehen lassen. Und in den USA galt die Blutgruppe B lange Zeit als „Verbrecherblut“, nachdem sich in einem New Yorker Gefängnis besonders viele Insassen mit dieser Blutidentität fanden. Später stellte sich heraus, dass dort schlicht viele Asiaten einsaßen, unter denen diese Blutgruppe stark verbreitet ist.

Phantasien über Körpersäfte sind uralt, haben sich aber offenbar bis ins 21. Jahrhundert gehalten. Denn Blut von homosexuellen Männern, Prostituierten, Drogenabhängigen und Häftlingen ist nach wie vor verpönt und wird von deutschen Blutspendediensten nicht angenommen. Vor einigen Jahren gründeten Betroffene deshalb den Verein „Schwules Blut“, der gegen den Generalverdacht ankämpft. Denn nicht die sexuelle Orientierung, sagt der Verein, sondern das sexuelle Verhalten sei ausschlaggebend für diverse Infektionen, die bislang immer noch erst nach einigen Wochen nachgewiesen werden können. Mit verbesserten Fragebögen und Beratung könne das Risiko, sich über Blut zum Beispiel mit HIV zu infizieren, so gut wie ausgeschlossen werden.

Bis Ende vergangenen Jahres galt auch Knochenmark der oben genannten Gruppen als tabu. Die Hämotherapie-Richtlinien der Bundesärztekammer und die Betreiber des Zentralen Knochenmarkspender-Registers Deutschland (ZKRD) schlossen sogenannte Risikogruppen aus dem Spenderkreis aus. Empörung unter den Schwulen erregte vor Jahren zunächst, mit Häftlingen und Drogenabhängigen auf eine Stufe gestellt zu werden, während von riskantem heterosexuellem Verhalten nie die Rede war.

Klammheimlich hat die Deutsche Knochenspenderdatei (DKMS) nun ihre Richtlinien geändert. Unter „häufig gestellte Fragen“ findet sich ein Passus, der darauf verweist, dass seit 18. Dezember die neuen „Deutschen Standards für die nicht verwandte Blutstammzellspende“ des ZKRD gelten und der Passus über den Ausschluss von Risikogruppen ersatzlos gestrichen worden sei. Öffentlich kommuniziert hat das die DKMS nicht, erst durch einen Beitrag in der taz wurde das in den medialen Erregungskreislauf gepumpt. Nun dürfen auch Häftlinge und Prostituierte den kostbaren Stoff spenden.

Diskriminierungen im Kontext mit Gewebe- und Organspenden sind aber nicht nur im Hinblick auf die Spender an der Tagesordnung, sondern auch auf die Empfänger. Vor einigen Monaten ging der Fall des 22 Monate alten Muhammet Eren Dönmez durch die Presse, dem eine lebensrettende Herztransplantation verweigert wurde, weil die behandelnden Ärzte ihn aufgrund eines Hirnschadens nicht auf die Warteliste setzen wollten. Sie verschanzten sich hinter Transplantationsrichtlinien und erklärten, die Organverpflanzung würde langfristig keinen Erfolg haben.

Was die Blutspende von schwulen und bisexuellen Männern betrifft, ist man in anderen europäischen Ländern inzwischen weiter: In Italien, Spanien und Tschechien wird die Spende von Homosexuellen unter bestimmten Voraussetzungen in den Blutspendekreislauf eingespeist. Seit Sommer 2014 befasst sich auch der Europäische Gerichtshof mit den diskriminierenden Ausschlusskriterien, das Urteil wird demnächst erwartet.

Übrigens: Als in der Endphase des Zweiten Weltkriegs die Blutreserven knapp wurden, missbrauchten die Nazis „arisch“ aussehende Kinder aus den besetzten Ostgebieten als Blutbank für verletzte Wehrmachtssoldaten und nahmen dabei den Tod der Spender in Kauf. Dass das Blut von „slawischen Untermenschen“ stammte und nicht so ganz ins rassistische Programm passte, störte sie wenig.

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Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Redakteurin „Politik“ (Freie Mitarbeiterin)

Ulrike Baureithel studierte nach ihrer Berufsausbildung Literaturwissenschaft, Geschichte und Soziologie und arbeitete während des Studiums bereits journalistisch. 1990 kam sie nach Berlin zur Volkszeitung, war im November 1990 Mitbegründerin des Freitag und langjährige Redakteurin in verschiedenen Ressorts. Seit 2009 schreibt sie dort als thematische Allrounderin, zuletzt vor allem zuständig für das Pandemiegeschehen. Sie ist außerdem Buchautorin, Lektorin und seit 1997 Lehrbeauftragte am Institut für deutsche Literatur der Humboldt Universität zu Berlin.

Ulrike Baureithel

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