Nicolaus Sombart (1923-2008)

Nachruf Er wolle nicht den gleichen Fehler machen wie sein Vater, erzählte er einmal. Der Vater, Werner Sombart, diese nur im ausgehenden 19. Jahrhundert ...

Er wolle nicht den gleichen Fehler machen wie sein Vater, erzählte er einmal. Der Vater, Werner Sombart, diese nur im ausgehenden 19. Jahrhundert mögliche, glückliche Inkarnation aus Kulturphilosoph und Kathedersozialist, hatte sein Leben der Analyse des modernen Kapitalismus geweiht. Darüber vergaß er das zu erzählen, was sein Leben reich gemacht hatte: die Lieben, die Begegnungen mit den Geistesgrößen seiner Zeit, und wie er die politischen Wechselfälle des Kaiserreichs und der Weimarer Republik erlebt hatte.

In dem über Jahrzehnte hin berühmten Wilmersdorfer Salon des Sohnes Nicolaus, der seinen old daddy gerade einmal 18-jährig verlor, gab es einen Schrein, in dem die Bücher und Devotionalien des Vaters aufgebaut waren. Daneben pflegte der Hausherr auf einem abgeschabten roten Diwan zu residieren und zu erzählen. Es kam schon einmal vor, dass er dann von Heidelberg, wo sich der junge Sombart bei Alfred Weber die ersten kultursoziologischen Sporen verdiente, nach Paris verlor, wo er seinen Freund im Geiste, den sozialistischen Utopisten Saint-Simon (und die Frauen!) entdeckte. Um dann, plötzlich wieder Kind, im Grunewalder Salon der aus Rumänien stammenden Mutter aufzutauchen, die den Sohn - wie in Sombarts wunderbarem Erinnerungsbuch Jugend in Berlin nachzulesen ist - in diese weibliche Kommunikationskultur einführte.

Die Liebe zur Mutter, der verehrte, aber auch beunruhigende Schatten des berühmten Vaters: zwischen diesen beiden Polen war Nicolaus Sombarts Leben bis zu seiner Rückkehr 1982 nach Berlin als leitender Kulturbeamter im staubtrockenen Straßburger Europarat aufgehoben.

Solch unauflösbare Gegensätze waren es auch, die sein Denken bestimmten. Es gebe zwei Arten von Menschen, versuchte er die Welt gelegentlich zu erklären: die Machtmenschen und die Erotiker. Zu Letzteren gehörte eindeutig er, aber es war auffällig, dass er sich wissenschaftlich und essayistisch eher mit den Machtmenschen befasste. Mit Carl Schmitt etwa, mit dem er als junger Mann durch den Grunewald spaziert war und den er in Die deutschen Männer und ihre Feinde als Inbegriff jener virilen Ambivalenz las, die - "am Ohr der Königin" - den "Zwang zur Entscheidung" predigte. Oder mit dem letzten deutschen Kaiser (Wilhelm II. Sündenbock und Herr der Mitte), dem er eine Gerechtigkeit zukommen ließ, die gelernte Historiker damals irritierte.

Dass sich der Kultursoziologe dann doch auf dem gut bestellten Feld des autobiografischen Schreibens niederließ - bewundert wegen seines eleganten Stils, belächelt ob seiner manchmal peinlich wirkenden Obsessionen -, hatte, wie gesagt, mit dem Vater zu tun. Er hatte diesen Weg eigentlich schon gewählt, als er, aus dem Krieg kommend, mit Hans-Werner Richter und Alfred Andersch in der Gruppe 47 die Zeitschrift Der Ruf gründete. Es ist erstaunlich, dass man - wenn man von Capriccio Nr. 1 absieht - aus dieser Zeit so wenig von ihm erfährt; als gäbe es hier eine Wunde, die sich nie mehr schließen wollte.

Es hat ihn, ist zu vermuten, gekränkt, dass ihm als Schriftsteller ernsthafte Anerkennung verwehrt geblieben ist. Seine geheime Passion galt der wissenschaftlichen Durchdringung eines Männertypus, der bis heute zwar fortlebt, den Oppositionen des 19. Jahrhunderts aber längst entwachsen ist. Dies nicht zu erkennen, war die Krux des Wissenschaftlers und des Schriftstellers Nicolaus Sombart.

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