Patchwork-Families

BERLINER ABENDE "Du glaubst doch wohl nicht, dass die das zulassen?!" Die Freundin seufzt resigniert in die Leitung, hebt noch einmal an zu einer Erklärung, und ich ...

"Du glaubst doch wohl nicht, dass die das zulassen?!" Die Freundin seufzt resigniert in die Leitung, hebt noch einmal an zu einer Erklärung, und ich weiß, dieser Telefonabend wird endlos: "Zwanzig Jahre feiere ich nun alle Weihnachten mit ihnen, schmücke den Baum, schaffe Geschenke ran und versuche im Laufe der Zeit den Schock, dass die gestresste Mutter und nicht ein freundliches Christkind für all den Glamour zuständig ist, abzufedern. Jetzt sind sie groß und ich dachte, ich könnte endlich tun, was ich will. Denkste!" Irgendwo in der Ferne höre ich, wie sie den Tisch traktiert. "Mit weeem willst du weg?, fragt meine Tochter inquisitorisch, und dem Sohn ist die Freundin weggelaufen, da hat er sich wieder bei Mama eingenistet. Das darf doch alles nicht wahr sein!" Kippende Stimme. Ich stimme, eine Oktav tiefer, in ihr Seufzen ein, mitfühlend. Offeriere Lösungen, von denen ich weiß, dass sie keine sind.

Hier geht´s ans Eingemachte, weihnachtliches Vater-Mutter-liebes-Kind. Dabei hat meine Freundin das Pech, zu jenen rund zwei Millionen allein Erziehenden zu gehören, die eine sogenannte "unvollständige Familie" aufrecht erhalten und deshalb ganz allein für den spätpubertierenden Seelenraum und das Gelingen des Festes zuständig sind. Karibik? Mit dem spät gefundenen neuen Liebsten? Nie und nimmer, hat sich die häusliche peer-group offenbar auf die Fahne geschrieben.

Spätestens wenn im September die schokoladenen Ersatzmänner in die Regale der Supermärkte einrücken, steigt der weihnachtliche Gefühlsstress drohend am Horizont auf. Während Normalo-Familien, die es auch noch geben soll, die Weihnachtstage möglichst gerecht zwischen Schwiegerfamilien aufzuteilen versuchen oder in die möglichst fernen Urlaubsorte flüchten, sind in Patchwork-Familien Organisationsgenie und emotionales Management gefragt.

"Also, weißt du", tröste ich die Freundin, "bei mir ist das auch nicht gerade Sahne. Heiligabend, ein Alptraum! Da zerrt die Tochter, die glückliche Familie spielen will, die "Ex", die Unterstützung einfordert und ich, die auch noch Ansprüche anmeldet. Ein unabsehbares Gefeilsche um Zeiten und Orte und dazwischen der Mann, der es allen recht machen will, und sich doch am liebsten in die Badewanne verkriechen würde."

Früh lernt der Nachwuchs die "Zeichen" zu lesen und übt sich im "Wegbeißen": Als der Vater der neunjährigen Sarah es wagte, an einem gewöhnlichen Donnerstagnachmittag einen Geburtstag mit Sekt zu feiern, kam es zu einer unvergesslichen Szene. Die beiden in der Wohnung vagabundierenden Sektgläser veranlassten das findige Töchterlein zu unwiderlegbaren Schlüssen: "Papa, habt ihr jetzt geheiratet?!" Diesem mit Tremolo unterlegten Vorwurf folgte ein hysterischer Schluchzer und die Flucht aufs Hochbett. Dem Papa verschlug´s sichtlich die Sprache. Nicht nur, weil das kluge Kind sich so dumm zeigte, sondern weil es im Kern sogar irgendwie Recht hatte.

Seither zeigt Sarah Papas Flamme bei jeder Gelegenheit die erkältete Schulter und steckt das Terrain ab. Verabschiedet er die Tochter und geht seiner Wege, begleitet ihn die süffisante Entlassungsformel: "Gehst du jetzt du deiner Geliebten?" Bringt er gedankenlos etwas nach Hause, das nicht zum Routineeinkauf gehört, muss er sich rechtfertigen. Ob neue Schuhe oder die eben erstandene Bettwäsche oder gar ein neu entwickelter Aufräumtrieb: alles wird zum Signal, das eifersüchtige Forschungen auslöst.

Dabei sind die Patchwork-Kinder nicht zu beneiden: Die Oma in Köln ist nicht die Oma der Schwester, während deren Opa in Hamburg wiederum nicht weiß, wie er die Schwester der Enkelin vorstellen soll. Die Neffen sind älter als die Onkel, und der Papa sieht aus, als sei er der Opa. Kreuz und quer Halbgeschwister und Vierteltanten und Afterverwandtschaft, da soll noch einer durchblicken. Am Wochenende werden die Kids dann durch die Republik geschoben, damit sie zu den Halb- und Viertelpuckels eine "Beziehung" aufbauen.

Übrigens rief mich die Freundin kürzlich wieder an, aufgeräumt, doch ein wenig traurig. Als ich sie nach dem Stand der Dinge frage, erzählt sie, das häusliche Gewitter sei verzogen. Die Tochter habe ihre mütterlichen Instinkte entdeckt und der Mama selbstlos gute Reise gewünscht; der vergessenselige Sohn wandle schon wieder auf neuen Liebespfaden und versorge sie nur noch mit seiner Schmutzwäsche. Aber dann sei doch alles paletti, "lass ihn seine Wäsche selber waschen und düse ab!" Ja, kommt die zögernde Antwort, "nur war der ganze Stress meinem Liebsten zu viel. Er sagt, er wolle ein bisschen auf Distanz gehen. Du weißt ja, was das heißt." Ja, ich weiß. Patchwork ohne Ende.

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00:00 16.11.2001

Ausgabe 42/2021

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