Raus aus der Haut

Sterbehilfe Richter Kuschs "humane" Selbstermächtigung zur Sterbehilfe zieht falsche Demarkationslinien

Als würde ich aus einem Schlaf in einen anderen hinübergleiten, der mir vorgeschrieben ist wie ein fremdes Buch ...", heißt es in Thomas Braschs Mädchenmörder Brunke, dem letzten, verstörenden Buch des 2001 verstorbenen Dichters. Als Vorlage diente ihm der Fall des Banklehrlings Brunke, der 1905 ein Schwesternpaar auf Verlangen erschossen und dann in der Haft Selbstmord begangen hatte. Daraus machte der Autor die Parabel eines Lebens in einer Welt, in der Liebe verfehlt wird und nun mittels einer monströsen Apparatur - eines "Exekutions- und Erektionsstuhls" - zurückgeholt werden soll. Für Brasch ist diese Maschine, durch die sein Protagonist im Selbstversuch stirbt, auch eine Erzählmaschine, die Phantasie und Wünsche antreibt, Erzähler und Leser "aus ihrer Haut" schlüpfen lässt.

Aus ihrer Haut schlüpfen zu können, wünschen sich oft auch schwer kranke und leidende Menschen, und es ist nachvollziehbar, dass ihr Wunsch, würdig zu sterben, sie manchmal auch an Selbstmord denken lässt. In einer humanen Gesellschaft sollten dann kompetente und einfühlsame Menschen bereitstehen, die ihr physisches Leiden lindern und sie aus ihrer einsamen Verzweiflung holen. Inhumane Gesellschaften aber bevorzugen technokratische "Lösungen", in ihrer grotesken Überbietung vorexerziert von einem gewissen Roger Kusch, einst Oberstaatsanwalt am Bundesgerichtshof und als Justizsenator in Hamburg schon früher für rigorosen Durchgriff bekannt. Nun hat er im populistischen Kampf für selbstbestimmtes Sterben einen Selbsttötungsautomaten entwickelt, der alten oder kranken Menschen den Gang aus dieser Welt erleichtern soll.

Die 79-jährige Würzburgerin, an der Kusch das Gerät, wie zunächst verlautbart, erstmals erprobt haben will, ist zwar nun doch "nur" an einem tödlichen Medikamenten-Cocktail aus dunkler Quelle gestorben und die auf der Pressekonferenz am Montag erwartete öffentliche (Selbst-)Hinrichtung per Knopfdruck ausgefallen. Vorgeführt wurde dagegen eine weniger an ihrer Krankheit als an ihrer sozialen Isolation leidende Frau, die Angst vor dem Pflegeheim hatte und für die das morbide Gespräch mit Kusch offenbar den einzigen Kontakt darstellte. Ob sich der 53-jährige Jurist bei der Vermittlung der tödlichen Mixturen strafbar gemacht hat, muss die Staatsanwaltschaft klären.

Sträflich ist sein Feldzug in jedem Fall in menschlich-moralischer Hinsicht. Just in dem Moment, wo die Bundestagsabgeordneten über die Reichweite von Patientenverfügungen streiten und der Bundesrat an diesem Freitag über ein Gesetz zu entscheiden hat, das die kommerzielle Suizid-Vermittlung verbieten soll, inszeniert Kusch eine obszöne Zurschaustellung des Todes als Geschäft. Wie der Betreiber des Schweizer Sterbehilfeunternehmens Dignitas, Ludwig Minelli, der kürzlich ankündigte, die deutsche Politik mit einem "Präzedenzfall" herauszufordern, setzt nun auch Kusch auf die Strategie der vollendeten Tatsachen.

Kuschs Selbstermächtigung löste einhellige Empörung aus. Sie verdeckt allerdings auch, dass in der deutschen Sterbehilfediskussion die Grenzen keineswegs so klar verlaufen, wie die Reaktion vermuten lässt. Gerade unter Intellektuellen wird die Forderung nach einem "würdevollen Tod" besonders nachdrücklich erhoben, und es gibt Politiker die diesen Ruf aufgenommen haben und die Möglichkeiten, Sterbehilfe zu leisten, erweitern wollen. Kusch liefert ihnen die willkommene Demarkationslinie, die "Humanisten" von "Geschäftemachern" trennt.

In Braschs Geschichte übrigens wird Brunke durch seinen Exekutionsstuhl nicht erlöst. Doch im Unterschied zum profanen Regisseur Kusch, der sich aufschwingt, das Finale fremder Leben zu dirigieren, gibt es im dichterischen Selbstversuch ein unvergleichliches ästhetisches Versprechen. Das "fremde Buch" des Lebens ist zwar "Seite für Seite" abzuschreiben, doch nur, "um am Ende wieder aufwachen zu dürfen ..."

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