Reden statt schlucken

HIV-Prophylaxe Pünktlich zur Welt-Aids-Konferenz soll das Medikament Prep als Kassenleistung eingeführt werden. Doch der Umgang mit der Anti-AIDS-Pille ist problematisch
Ulrike Baureithel | Ausgabe 30/2018
Reden statt schlucken
Das Medikament Prep verhindert, dass sich das HI-Virus im Körper weiter ausbreiten kann

Foto: Justin Sullivan/Getty Images

Für Nachgeborene, die das große Auftreten des HI-Virus nicht mehr miterlebt haben, ist heute kaum noch nachvollziehbar, welchen Schock die „Seuche“ damals auslöste. Es war ein langer, von heftiger Diskriminierung und unzähligen Aufklärungskampagnen begleiteter Weg, bis sich Safer Sex nicht nur in den Risikogruppen, sondern allgemein durchsetzte. Die selbstverständlichere Nutzung von Kondomen hatte zwei positive Nebeneffekte: Es wurde plötzlich überall offen über Sex gesprochen, und das Risiko, sich mit anderen sexuell übertragbaren Krankheiten (engl.: STD) zu infizieren, sank drastisch.

Doch das Kondom ist zumindest in der Homosexuellen-Szene uncool geworden. Fachleute berichten, dass Männer, die auf Safer Sex bestehen, fast zu Außenseitern geworden sind. Inzwischen steigen die Ansteckungsraten mit Aids wieder, und auch andere STDs nehmen stark zu. Pünktlich zur Welt-Aids-Konferenz in Amsterdam hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) nun angekündigt, das Medikament Prep (Präexpositionsprophylaxe mittels der Wirkstoffe Tenofovir und Emtricitabin) als Kassenleistung einzuführen. Gleichzeitig will er auch den Do-it-yourself-Aids-Test zu Hause zulassen, was sein Vorgänger vehement abgelehnt hatte. Die gut verträglichen Pillen, regelmäßig eingenommen, verhindern, dass sich das HI-Virus im Körper ausbreiten kann. Längerfristige Nebenwirkungen sind noch nicht absehbar. Bis vor zwei Jahren war das Medikament sehr teuer, dann kam ein Nachahmerprodukt auf den Markt. Doch zusammen mit den Beratungs- und Kontrollterminen, ohne die die Pille nicht abgegeben wird, summiert sich die Prophylaxe auf tausend Euro jährlich. Offen ist, ob die Kassen die Kosten nur für Risikogruppen übernehmen oder für alle Nachfrager.

Doch nicht von ungefähr erinnert die „Pille davor“ an die Anti-Baby-Pille und teilt mit ihr die Probleme. So wie die Pille die Geburtenkontrolle auf die einzelne Frau verlagert und individualisiert hat, ist für infektionsgefährdete Sexualpartner nicht mehr sichtbar, ob sie risikolos miteinander verkehren, zumal Prep nur gegen Aids schützt – und das nur bei hoher Therapietreue. Vielleicht mindert Prep die Angst des Einzelnen, sie mindert aber auch den kommunikativen Umgang mit Ansteckung und Krankheit – und nützt den Produzenten.

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14:10 25.07.2018
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

Ausgabe 27/2020

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