Samen des Aufruhrs

Frauensache Der Katholikentag stand unter dem Motto „Aufbruch wagen“. Am Zölibat und dem Ausschluss der Frauen vom Priesteramt können aber auch Reformgruppen nicht rütteln
Samen des Aufruhrs

Illustration: Otto

Halleluja! Gerettet sind sie noch einmal fürs Himmelreich, die Männer unter sich! Kein weiblicher Fuß, der künftig den Altar befleckt, kein weiblicher Mund, der die reine Lehre verkündet, zum Beispiel, dass Jesus nicht „für alle“, sondern nur „für viele“ gestorben ist, wie der Papst kürzlich dekretierte. Der gerade zu Ende gegangene Katholikentag in Mannheim stand zwar unter dem Motto den „Aufbruch wagen“ – was irgendwie an SPD-Parteitage erinnerte –, aber dann machte der Abgesandte aus Rom doch gleich klar, dass das rein theologisch auszulegen und keinesfalls als Aufruf zu zivilem Ungehorsam innerhalb der Katholikenfeste misszuverstehen sei.
Nichts, rein gar nichts kann diese letzte globale Männerbastion erschüttern: Kein Priestermangel, keine Kindersexskandale, kein illegitimer Nachwuchs. Der Zölibat und der Ausschluss der Frauen vom Priesteramt, diese Zwillinge der katholischen Sexualphobie, bleiben uns auch weiterhin erhalten. Wäre ja noch schöner, wenn so ein dahergelaufener Wiener Unruhestifter den Samen des Aufruhrs auf die deutschen Kanzeln trüge und sich die Gläubigen – Gott bewahre! – aufgefordert sähen, „dem Gewissen zu folgen und tätig zu werden“, wie es in dem Manifest des österreichischen Priesters Helmut Schüller heißt, das mittlerweile von immerhin 400 Geistlichen unterstützt wird. Gut tausend Jahre gut gehütete Männerexklusivität gibt man aber nicht so mir nichts dir nichts auf.

Als „parasitäre Existenzen“ denunzierte der Regensburger Bischof Müller die Reformgruppen auf dem Kirchentag, die nicht nur Gleichberechtigung forderten, sondern auch den katholischen Sexualmuff zu lüften versuchten. Aber wer sitzt da eigentlich wem im Pelz und nährt sich fett? Der katholische Männerclub dem der Staat, der für ihn zuvorkommenderweise immer noch den Zwangsobolus einzieht und auf der anderen Seite aber noch nicht einmal dafür sorgt, dass die Kirche die andernorts geltenden Gleichstellungsgesetze übernimmt? Dieser Staat, der auch toleriert, dass Kirchenangestellte weiter einen Maulkorb umgehängt bekommen? Oder sitzen wirklich die Gläubigen parasitär ihren Kirchenfürsten im Pelz, die ihrerseits so tun, als ob der „Dialog“ mit den „Schäfchen“ ein Gnadenakt sei?

Ehrlich gesagt: Mir ist es schnuppe, ob wir uns Gott männlich oder weiblich vorstellen – und auch wie „geschlechtersensibel“ auf dem Kirchentag diskutiert wurde. Aber wie viel Wasser soll eigentlich noch den Tiber runterlaufen, bis die katholische Kirche endlich gegendert wird?

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Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Redakteurin „Politik“ (Freie Mitarbeiterin)

Ulrike Baureithel studierte nach ihrer Berufsausbildung Literaturwissenschaft, Geschichte und Soziologie und arbeitete während des Studiums bereits journalistisch. 1990 kam sie nach Berlin zur Volkszeitung, war im November 1990 Mitbegründerin des Freitag und langjährige Redakteurin in verschiedenen Ressorts. Seit 2009 schreibt sie dort als thematische Allrounderin, zuletzt vor allem zuständig für das Pandemiegeschehen. Sie ist außerdem Buchautorin, Lektorin und seit 1997 Lehrbeauftragte am Institut für deutsche Literatur der Humboldt Universität zu Berlin.

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