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Museum Das neue Zentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin ist weiter umstritten. Ein Rundgang durch die Schau
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Symbol von Flucht und Vertreibung: ein Teddy, gefunden nach einem sowjetischen Angriff in Schlesien 1945

Foto: Michael Jungblut/Atelier Brückner

Vom großen, wegen der Papierexponate leicht verdunkelten Panoramafenster blickt man auf die Gedenkstätte Topografie des Terrors. Nicht weit entfernt das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas. Und an der Straßenkreuzung, direkt am Berliner Anhalter Bahnhof, entsteht das neue Exilmuseum, das an die mindestens 500.000 Menschen erinnern soll, die ab 1933 Deutschland verlassen mussten, Schriftsteller:innen wie Bertolt Brecht, Klaus Mann oder Mascha Kaléko, der Regisseur Billy Wilder, die Philosophin Hannah Arendt oder die spätere Frauenforscherin in den USA, Gerda Lerner. Eine derzeit neben der Rumpfruine des Bahnhofs residierende Freiluft-Ausstellung – große, in ehemaligen Wohncontainern untergebrachte Plakatwände, die aus den Seitenteilen der Notunterkünfte bestehen und mit Zitaten der ehemaligen Exilant:innen bespielt werden – gibt einen Vorgeschmack auf das Museum, das der Gründer des Kunstauktionshauses Grisebach, Bernd Schultz, angestoßen und durch einen Privatverkauf vorfinanziert hatte.

Im Zentrum dieses aufwühlenden Gedenkdreiecks ist nun der lange geforderte, hochumstrittene und von vielfachen politischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzungen und personellen Wechseln begleitete Erinnerungsort der deutschen Vertriebenen, das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung (FVV), das vergangene Woche seine gespannt erwartete Dauerausstellung eröffnete.

Schon die Tatsache, dass es für das Exilmuseum gegenüber einer Initiative und Geldmittel von Privatleuten bedurfte, das Dokumentationszentrum dagegen auf die gleichnamige, 2005 vom Bundestag eingerichtete Stiftung zurückgeht, signalisiert das unterschiedliche politische Gewicht der beiden Projekte. Die ehemalige Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen (BdV), Erika Steinbach, spielt nach ihren provozierenden Auftritten gegenüber Polen und ihrem Abdriften in Richtung AfD in der Stiftung selbst zwar keine Rolle mehr und war nicht einmal zum Festakt eingeladen. Am Ende hat sie sich mit ihrem gemeinsam mit dem verstorbenen SPD-Mann Peter Glotz ausgeheckten Plan, auch das Schicksal der deutschen Vertriebenen in der deutschen Erinnerungskultur zu platzieren, durchgesetzt: „Der geschichtlichen Wahrheit müssen wir uns stellen“, zitierte Kulturstaatssekretärin Monika Grütters (CDU) den ehemaligen Innenminister Otto Schily zum Festauftakt.

Kein „Meisternarrativ“

Das 1926 im Stil der Neuen Sachlichkeit erbaute, bis auf die Straßenfassade nun völlig ausgekernte Deutschlandhaus, das unter anderem das NS-Reichsarbeitsministerium beherbergt hat, ist mit seinen 5.000 Quadratmetern schon architektonisch eine Manifestation.

Wem diese Manifestation gelten sollte und mit welchen Argumenten, darüber ließe sich im minimalistisch gehaltenen „Raum der Stille“ nachdenken, den das Zentrum im Erdgeschoss für kontemplativ Gestimmte bereithält. Der – wie das ganze umgebaute Gebäude – nüchtern gehaltene Rückzugsort erinnert nebenbei auch an den Raub der Intimsphäre, den Menschen auf der Flucht erleiden. Das Stiftungsgesetz macht eine deutliche Vorgabe: Das Haus ist dem doppelten Kontext der europäischen Zwangsmigration und der Schuld an der nationalsozialistischen Vertreibungs- und Vernichtungspolitik verpflichtet. „Ohne den Terror der Nationalsozialisten, den Zivilisationsbruch und den Zweiten Weltkrieg“, erinnert Bundeskanzlerin Angela Merkel während des Festaktes, „wäre es nicht dazu gekommen, dass die Deutschen Vertreibung und Zwangsumsiedlung hätten erleiden müssen.“

Wir benennen, so erläutert es Direktorin Gundula Bavendamm, die seit 2016 die Stiftung leitet und, wie sie sagt, „das Glück hatte, die Gremien ganz neu besetzen zu können“, das Unrecht und Leid der Menschen, die zur Flucht getrieben werden, aber auch die Verursacher. Diese Kontextualisierung immer wieder hervorzuheben, ist ihr Anliegen, als wir über die pompöse Freitreppe den ersten, thematisch strukturierten Ausstellungsteil erreichen. Er stelle, erklärt sie, die von der neueren, analytisch orientierten Migrationsforschung aufgeworfenen „großen Fragen“ in den Mittelpunkt.

Unter dem Stichwort „Nation und Nationalismus“ macht die Schau zunächst deutlich, dass das Konstrukt eines ethnisch und kulturell homogenen Nationalstaats, munitioniert durch einen modernen aggressiven Nationalismus, im frühen 20. Jahrhunderts aufblühte und bis dahin nie dagewesene Menschenmassen, die als „nicht zugehörig“ identifiziert wurden, mobilisiert hat. Eine archivalische Asservatenkammer, deren Fächer teilweise aufklappbar sind, erinnern an unterschiedlichste weltweite Konflikte und Kriege, die Menschen in die Flucht schlugen: Die Teilung Britisch-Indiens in Indien und Pakistan etwa, der Völkermord in Armenien oder der Genozid an den Tutsis in Ruanda, deren unermessliches Leid mittels eines Vorhängeschlosses, mit dem zwei Tutsi-Kinder zusammengebunden und lebendig begraben wurden, ins Bild gesetzt wird. Die Opfer sind in aller Regel Frauen, Kinder und Alte, sexuelle Gewalt Mittel der Kriegsführung und Rache.

Die Fluchtrouten der Verfolgten und ihr ungewisser, entbehrungsreicher Aufenthalt in Lagern – ebenfalls ein Kennzeichen des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts – wären angetan, ein Gespür dafür zu entwickeln, was es heißt, schutzlos unterwegs zu sein, ohne Orientierung und sicheren Hafen. Aber provoziert das Smartphone eines syrischen Jungen, dem es als Kompass diente und der damit seine Reise dokumentiert hat, Mitgefühl? Der Kompass des Flüchtlingshilfsschiffes Aquarius politische Empörung? Vermitteln Reisetruhe, Rucksack oder Schubkarre aus unterschiedlichen Jahrzehnten die Beschwerlichkeit und Unsicherheit einer solchen erzwungenen Reise?

Und wie ordnen sich die lebensgeschichtlichen Interviews mit Betroffenen ein, die über ihren Verlust von Heimat und Besitz und ihre Ankunft in der neuen Heimat berichten, wenn man an die Gescheiterten, die Ertrunkenen denkt, die kein Zeugnis hinterlassen können? Die im Vordergrund exemplarischen, im Hintergrund nachhörbaren Erinnerungen sind Teil des seit Längerem tätigen Zeitzeugenarchivs. Aber auch sie können die unmittelbaren Angst- und Verlassenheitsgefühle der Kinder, die Hoffnungen und Enttäuschungen der Erwachsenen kaum einfangen. „Wir wollten zurückhaltend mit dem Thema umgehen“, hält Bavendamm dagegen, „und niemanden überwältigen oder überbordende Emotionen auslösen.“

Dagegen dominiert das Bemühen um Ausgewogenheit und Balance, egal ob es um die widerstreitenden Begrifflichkeiten geht – Flüchtlinge, Vertriebene, Umsiedlung, ethnische Säuberung – oder um Kontroversen um Opferzahlen. Es gebe zu unterschiedliche Sichten auf die Geschichte der europäischen Zwangsmigration, man wolle kein „Meisternarrativ“ anbieten, so die Historikerin. Doch das kommentarlose Nebeneinander so unvergleichbarer Fluchtgeschichten hinterlässt oft den Eindruck von Zufälligkeit, die Ausschnitte fügen sich nicht in ein fokussiertes Bild. In der für heutige Museen unverzichtbaren Mitmachstation werden Besucher:innen aufgefordert, digital ihre eigene Fluchtroute aufzuzeichnen, die zusammen ein weltweites Netzwerk aufspannen – vielleicht eine grafische Ahnung von den 82,4 Millionen Menschen, die derzeit weltweit ihre Heimat verlassen müssen.

Die steile Wendeltreppe des Hauses führt in den Teil der Ausstellung, der seit Steinbachs Idee von politischen Befürchtungen, Warnungen und Widerständen begleitet ist. Ein bewusst streng geführter Rundgang durch die Vorgeschichte von Flucht und Vertreibung der Deutschen lässt keine Abkürzungen zu, kein Ausweichen vor der deutschen Schuld, die, aus geöffneten Schubladen projiziert, die Wände beherrscht oder vor Vitrinen verstummen lässt. An ausgewählten Exponaten wird die Besatzungs- und Vertreibungsgeschichte der einzelnen Länder dokumentiert, von der Annexion des Sudetenlandes über den Generalplan Ost, der Osteuropa zum deutschen Siedlungsgebiet auserkor, bis nach Südosteuropa.

Man mag monieren, dass der Holocaust hier im Windschatten des Denkmals für die ermordeten Juden Europas und der Topografie des Terrors nur äußerst knapp verhandelt wird – und überhaupt die von den Nazis forcierten und exekutierten Vertreibungen wenig Raum einnehmen im Vergleich zum Kernstück dieses Teils, den Fluchtbewegungen am Ende des Kriegs und in der Nachkriegszeit. Interessant ist, dass auch die Alliierten, als sie ab 1941 über die Neuordnung in Europa nachdachten, den Denkmustern des 20. Jahrhunderts verhaftet blieben, wenn sie ethnisch, kulturell und religiös möglichst „reine“ Bevölkerungsszenarien entwarfen, deren Vorbild der türkisch-griechische Bevölkerungsaustausch von 1923 war.

Sinnlich gefangen nimmt die Ausstellung aber erst dort, wo es um „Heimatvertriebene“ geht – die Deutschen, die mit der „geordneten“ Evakuierung der Ostfront ins angestammte Reich zurückströmten oder, mit einer Armbinde „N“ für Deutsche und immerhin einer Reisekiste ausgestattet, die Tschechoslowakei verlassen mussten wie Christine Rösch, die auf dem Festakt davon berichtet. Ein nicht fertig gestickter Wandbehang erzählt von der überhasteten Flucht der Familie Ferger, die von Jugoslawien nach Österreich treckte, ein auf der Flucht verloren gegangener lädierter kleiner Teddy fasziniert im beigestellten Hörbeitrag noch heute den siebenjährigen Abel. Thematisiert werden auch die 1,5 Millionen Polen, die im Zuge der neuen Grenzziehungen in Osteuropa ihre Heimat verloren, so wie viele andere Volksgruppen in der Region. Europe on the move, eine europäische Völkerwanderung.

Die ungute Rolle der Verbände

Im Unterschied zum ersten Teil der Ausstellung stehen die Geschichten, die hier erzählt werden, zueinander in Beziehung und werden anschaulich, wohl auch, weil das Dokumentationszentrum hier auf den eigenen Fundus und vielfältige Leihgaben zurückgreifen kann. Alleine die Auflösung der vielen „Heimatstuben“ der Vertriebenen, für die es keinen ehrenamtlichen Nachwuchs gibt, bereichern die Sammlung. Der letzte Teil der Ausstellung widmet sich der Integration der 12,5 Millionen Flüchtlinge in der BRD und der DDR unter den Bedingungen von Besatzung, Mangelwirtschaft und Kaltem Krieg. Hier scheinen erstmals politische Rücksichten der Ausstellungsmacher auf, denn die ungute Rolle, die die revisionistisch ausgerichteten Vertriebenenverbände in den ersten Nachkriegsjahrzehnten in der Bundesrepublik gespielt haben, wird übertüncht durch Folklore und relativiert durch gelegentliche Seitenhiebe auf die DDR, der nicht an der Erinnerung an die alten Heimaten gelegen war.

Der der Stiftung titelgebende Versöhnungsauftrag indessen ist der Ausstellung fraglos eingeschrieben. Zum Schluss scheint er noch einmal auf, wenn zivilgesellschaftliche Initiativen in Osteuropa wie etwa der alljährliche Versöhnungsmarsch in Brno vorgestellt werden. Deshalb hat Bavendamm auch keine Sorge vor Vereinnahmung durch die Rechte: „Das gibt unser Narrativ nicht her.“ Das scheinen auch die PIS-nahen Medien in Polen so zu sehen, die, wie Freitag-Korrespondent Jan Opielka auf Nachfrage mitteilt, die Berichterstattung über die Ausstellung kleinhalten, während unabhängige Medien positiv reagieren. Mehr kann man angesichts der Vorgeschichte der Stiftung vorläufig nicht erwarten.

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 04.07.2021
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

Ausgabe 30/2021

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