Schuld bist du – nicht!

Individualismus Ob Corona oder Klima: Der Einzelne soll die Krise lösen. Das kann aber keiner allein schaffen
Schuld bist du – nicht!
Jetzt ist schon der zweite Herbst, in dem wir uns alleine durch den Corona-Alltag kämpfen müssen

Foto: Sebastian Wells/Ostkreuz

Im Jahre 1728 unternahm der Schweizer Naturforscher Albrecht von Haller eine Reise in die Alpen. Sein gleichnamiges Gedicht rühmt nach den vorangegangenen kriegerischen Krisen deren Schönheit, schärft den Blick aber auch für das „nützliche Vergnügen“, das zunächst nur in der augenlustigen Ausbeutung bestand. In den Alpen spiegelt sich für von Haller die „mäßige Natur“, die mit Vernunft und ohne „Durst nach nichtigem Gewinn“ zu beherrschen sei. So denkt sich in seinem Schlüsseltext der bürgerlichen Emanzipation der frühaufklärerische Dichter noch das Verhältnis zur Natur, hoch auf dem Berg, mit weit ausgreifend emphatischer Geste.

Knapp drei Jahrhunderte später breiten Experten auf den Schweizer Alpengipfeln gigantische Tücher aus, um das Schmelzen der Gletscher aufzuhalten. Die größte Bergverhüllung befindet sich in den Rhône-Alpen, die Plastikplane ist 50.000 Quadratmeter groß – 0,02 Prozent der gesamten Gletscher-Fläche.

Das Fundament, auf dem das bürgerliche Subjekt seinen Siegeszug begonnen hat, schmilzt oder bröckelt ihm unter den Füßen weg durch einen unvorstellbaren Raubbau. Nicht nur die Schönheit der Alpen ist bedroht, sondern auch die dort lebenden Menschen müssen sich vor Steinschlägen und Felsabbrüchen der freiliegenden Berge fürchten. Kein Bild könnte eindrücklicher die Vergeblichkeit vorführen, die individuelle Maßnahmen haben, wenn es um vom Menschen gemachte Großrisiken geht.

Und dennoch sind wir am Ende des Jahres 2021 alle wieder einmal aufgefordert, uns als Einzelne gegen den klimatischen GAU, der beschönigend Klimawandel genannt wird, die Abholzung der Wälder, die Ausbeutung der Menschen des Globalen Südens oder eben gegen die Pandemie zu stemmen. Konsumentscheidungen, wird uns suggeriert, seien ein Stückchen Macht, die jede und jeder ausspielen könne gegen die tatsächlich Mächtigen. Manchmal funktioniert das auch, wie der eine oder andere Konsumboykott von großen Textilketten oder Lieferservices gezeigt hat. Allerdings immer nur, wenn mit den Akteur:innenen, seien es Textilarbeiterinnen in Bangladesch oder Fahrer in Griechenland, gemeinsam gestritten wurde.

Aber wie sieht es aus, wenn wir als kleines Rädchen des Systems an der Supermarktkasse stehen und guten Gewissens drei Packungen Tofu, ökologisch angebautes Gemüse und einen uns möglicherweise überlebenden Einkaufsbeutel übers Band schieben? Danach statt ins Auto aufs Fahrrad steigen, um nach Hause zu fahren in unsere biozertifiziert möblierte Wohnung, wo wir den nächsten Urlaub planen mit möglichst geringem klimaschädlichen Fußabdruck, weil wir kein Flugzeug, sondern die Bahn nutzen, den Koffer voller fair gehandelter Klamotten? Und das natürlich ohnehin nur, wenn wir gegen Covid-19 geimpft sind, denn wer will schon sich selbst oder seine Mitmenschen anstecken?

Was wir in den vergangenen dreißig Jahren und mehr erleben, lässt sich unter dem Titel „Verantwortungsverschiebung“ verbuchen. Es geht ja nicht nur darum, dass sich der Staat seit Jahrzehnten aus seiner Zuständigkeit für die Daseinsvorsorge stiehlt und es dem Markt und den Privaten überlässt, dass die Menschen mit Wasser, Wohnungen, Energie und Fürsorge aller Art versorgt werden. Die neoliberalen Denkfiguren haben sich auch der Einzelnen bemächtigt, die sich in Eigenverantwortung „empowern“.

Ortega, fragwürdiger Autokrat

Und weil wir in aller Regel nicht darüber entscheiden, wie ein Produkt produziert wird und ob es auf den Markt kommt; weil wir zwar den teureren ökologischen Strom kaufen können, aber nichts vom Gewinn der Unternehmen haben und keinen Einfluss auf ihre Entscheidungen; weil wir zwar mit den Tieren leiden und die Alpen auch unseren Kindern noch in ehernem Weiß wünschen – weil all dies so ist, bleibt es immer nur bei den begrenzten Konsument:innen-Entscheidungen, die auch die Aufsicht über unseren Körper und unsere Gesundheit beinhalten.

Auferlegt ist uns also die Verantwortung für die Wahl des Konsums, die im besten Fall in alle Folgen abschätzender Weise erfolgt. Ob er die gewünschten Effekte hat, steht auf einem ganz anderen Blatt. Um an ein vergessenes Beispiel zu erinnern: In den achtziger Jahren kaufte man Kaffee aus Nicaragua, um die sandinistische Revolution zu unterstützen; dass aus Ortega einmal ein fragwürdiger Autokrat werden würde, war nicht mitgedacht. Aber man kann solche Effekte auch quantifizieren: Der Anteil von Bioprodukten am Lebensmittelkonsum ist mit Corona auf über zehn Prozent gestiegen; die Kohlendioxid-Emission durch Ernährung stieg nach Angaben des Bundesumweltamtes 2020 aber gleichzeitig über das Niveau von 2015.

Eine besondere Art der Privatisierung von Verantwortung erleben wir seit Ausbruch der Pandemie, durch die in bislang ungeahnter Weise der individuelle Körper für den Gemeinschaftskörper in Dienst genommen wurde. Abstands- und Hygieneregeln waren und sind Verhaltensaufforderungen an den Einzelnen, auch zum Wohl der Gemeinschaft. Nachdem endlich die Impfstoffe auf dem Markt waren, blieb es den meisten von uns überlassen, sich in heftigen Konkurrenzkämpfen um einen Impftermin zu kümmern, Ärzt:innen wiederum oft die Entscheidung, wer den Vorzug bekommt. Inzwischen sind die Lager in der westlichen Hemisphäre mit Impfstoffen überfüllt, sie finden kaum Abnahme.

Deshalb stehen nun die Konsumverweigerer am Pranger. Mit den wieder rasant ansteigenden Infektionszahlen hat sich der Verantwortungsdiskurs verändert, die Rede ist von der „Pandemie der Ungeimpften“, die als Treiber der Krankheit ausgemacht werden. „Wir haben zu viele Menschen, die sich nicht impfen lassen“, beklagt Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) stellvertretend für viele seiner Amtskolleg:innen, der neu installierte Hendrik Wüst (CDU) aus Nordrhein-Westfalen erklärt, die Ungeimpften seien verantwortlich, dass „wir in Deutschland keine Herdenimmunität erreichen“. Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery, ein Mann nie zufälliger Ansagen, spricht gar von der „Tyrannei der Ungeimpften, die über die Geimpften bestimmen“. Zitate eines Sonntagabends, die am Tag darauf den medialen Sound bestimmten.

Das ist in einer Situation politisch verheerend, in der die geschäftsführende Bundesregierung abgetaucht ist und die künftige sich unbedingt vom Kurs der vorangegangenen abgrenzen will, mit ihr daher im Wettstreit um die Ausrufung des „Freedom Day“ steht.

Das Verantwortungsvakuum ist greifbar im Entwurf der Koalitionär:innen, die künftige Entscheidungen auf Länder und Kommunen verschieben sowie auf die Krankenhäuser und Pflege, die die Lage nutzen, um auf ihre grundsätzlich desaströse Situation aufmerksam zu machen.

Die Qual der rationalen Wahl

Der Soziologe Ulrich Beck hat diesen Zustand mit dem Begriff „organisierte Verantwortungslosigkeit“ umschrieben, die sich momentan daran zeigt, dass in den meisten Bundesländern nach einem entspannten Sommer noch nicht einmal die Drittimpfung für die am stärksten gefährdeten Gruppen vorbereitet wurde.

Das Paradoxe ist, dass die Impfverweigerer oder die noch immer Unsicheren die neoliberale Aufforderung der freiwilligen Wahl ja durchaus ernst genommen haben und sich nun die Augen reiben angesichts dessen, was ihnen widerfährt. Dass ihr Anspruch auf körperliche Unversehrtheit – um einmal das Nachvollziehbarste zu unterstellen – nun kollidiert mit der Nötigung zu biopolitischem Handeln, also der vernünftigen Unterwerfung unter gemeinschaftliches Gesundheitshandeln, muss befremden angesichts der Tatsache, dass das Gut Gesundheit schon lange in den privatwirtschaftlichen Kreislauf eingespeist wurde: seien es Krankenhäuser oder seien es individuelle Gesundheitsleistungen.

Wohlgemerkt: Diese Ausführungen zielen nicht darauf ab, den Sinn von Corona-Impfungen zu entkräften. Es geht um einen Verantwortungsdiskurs, in dem seit Jahrzehnten ein ermächtigtes Konsumsubjekt imaginiert wird, das in der Lage sei, die Agenda der Macht umzuschreiben. Der Soziologe Hartmut Rosa schreibt in seiner gemeinsam mit Andreas Reckwitz verfassten Gesellschaftstheorie über die Spätmoderne in der Krise, die Vorstellung von zu „rationaler Wahl“ befähigten Akteuren sei ein Fehlschluss der neoliberalen Theorie. Das gilt auch und insbesondere im Hinblick auf Gesundheitsentscheidungen.

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06:00 15.11.2021

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