Schurke und Schuft

Monopolisierung Nun verschwindet erneut eine Supermarktkette vom Markt. Den Schaden haben nicht nur Kunden und Mitarbeiter
Ulrike Baureithel | Ausgabe 42/2016
Schurke und Schuft
Der Kunde ist Kaiser? Die Lebensmittelmonokultur wird nun noch zunehmen

Foto: Odd Andersen/AFP/Getty Images

Die Beute kann wegtragen, wer sich als Erster auf sie stürzen wird, heißt es in Plautus’ Komödie Pseudolus mit dem schönen Untertitel Schurke oder Schuft. Das von den Römern überlieferte Motto steht nicht schlecht für die derzeitige Situation der Lebensmittelkette Kaiser’s Tengelmann. Denn nach zweijährigem Gefeilsche, großen Gesten und eitlem Gehabe, nach kartellrechtlichem Stopp, einer umstrittenen Ministererlaubnis und höchstrichterlichem Rückpfiff steht der Konzern wieder am Anfang des geplanten Ausverkaufs, nur dass er jetzt wohl nicht „grosso“ über die Ladentheke geht, sondern en détail.

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Wer in dieser wenig erbaulichen Wirtschaftskomödie nun Schurke oder Schuft ist – der Anbieter Karl-Erivan Haub, der beim Verkauf seiner rund 470 Filialen schon frühzeitig Edeka favorisierte, oder Rewe-Chef Alain Caparros, der sich Kaiser’s Tengelmann einverleiben wollte, um sich gegenüber dem Supermarktriesen Edeka einen Vorteil zu verschaffen, und der gegen den geplanten Deal geklagt hatte, sei dahingestellt. Sicher ist, dass es beiden kaum um das „Gemeinwohl“ ging – in diesem Fall um den Erhalt der über 15.000 Jobs, die Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel mittels Sondererlaubnis im Blick hatte. Dass er dafür eine weitere folgenreiche Konzentration in der Lebensmittelbranche in Kauf nehmen wollte, hätte er wohl als Preis, den der Kapitalismus fordert, abgeschrieben.

So wie es derzeit aussieht, wird es jemanden wie Emmely, die berühmteste Kassiererin der Bundesrepublik, künftig nicht mehr geben. Ihre Entlassung, nachdem sie einen Leergutbon über 1,40 Euro eingesteckt hatte, löste überregional Empörung aus, und ihre Wiedereinstellung verdankte sie nicht zuletzt engagierten Kolleginnen. Denn im Unterschied zum Edeka-Konzern, in dem 80 Prozent der Filialen von selbstständigen Kaufleuten betrieben werden und es mit betrieblichen Vertretungen mau aussieht, gibt es bei Kaiser’s Tengelmann halbwegs funktionierende Betriebsräte. Um bei Edeka endlich einen Fuß auf den Boden zu bekommen, hat auch Verdi den Verkauf an den Haub-Favoriten unterstützt.

Wer nun den Zuschlag für die Berliner Filialen bekommt, wenn der große Ausverkauf die Hauptstadt erreicht, ist offen, obwohl Haub Edeka immer noch ein Vorkaufsrecht einräumt. Sicher wird die Kartellbehörde ein Wörtchen mitreden, denn wenn Kaiser’s verschwindet, dürfte die Lebensmittelmonokultur, die von den Supermarktketten Edeka (mit derzeit 11.500 Filialen) und Rewe sowie den Discountern Aldi, Metro und der Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) beherrscht wird, noch spürbarer werden. Dem brutalen Branchenpreiskampf sind seit den 90er Jahren schon reichlich kleinere Konkurrenten zum Opfer gefallen, und die Unterschiede zur einst so geächteten DDR-Kaufhalle wären dann nur noch eine Frage der Angebots-Ästhetik.

Denn das, was für uns Verbraucher den Reiz des Kapitalismus ausmacht – ein unübersehbarer, attraktiver Markt, auf dem Angebot und Nachfrage freundlich sekundieren und die Lust der Warenauswahl auch eine Verbeugung vor der Kunst des jeweiligen Händlers ist –, ist im Lebensmittelsektor längst verloren gegangen. Selbstverständlich wartet jede Supermarktkette mit allen „wichtigen“ Marken auf, begleitet von billigen Eigenprodukten, die im Preiskampf gegen die Produzenten eingesetzt werden. Doch auch in den Regalen der Discounterketten finden sich inzwischen Milka-Schokolade und Haribo-Bären. Wer sich auf dem Produktmarkt halten will, muss den Kampf um Regalmeter gewinnen und sich die Regeln diktieren lassen.

Dramatisch ist das für diejenigen, die nur Rohstoffe – Getreide, Obst, Gemüse, Fleisch – zu bieten haben und keine Möglichkeit, ihr Produkt den Moden entsprechend ständig zu verändern. Die Landwirte sind das schwächste Glied in der Kette, obwohl sie, objektiv gesehen, als unmittelbare Garanten der Ernährung die größte Macht haben müssten. Doch die Verbraucher profitieren nur scheinbar vom Preisdumping der Lebensmittelriesen. Richtig ist, dass ein durchschnittlicher Arbeitnehmer 1950 noch fast 40 Prozent seines Einkommens für Lebensmittel ausgeben musste. Aber haben wir heute, wo wir für Lebensmittel nur noch knapp 14 Prozent unserer Gehälter ausgeben, deshalb mehr im Geldbeutel? Hat es nicht einfach eine Ausgabenverschiebung gegeben, und wir zahlen nun eben mehr für Miete, für Heizung und Strom?

Qualitativ ordentliche und fair bezahlte Lebensmittel haben ihren Preis, das weiß jeder, der in den Bioladen geht oder einer Food-Coop angehört. Das können sich die Besserverdienenden leisten, für alle anderen bleiben Supermarkt und Discounter und im schlimmsten Fall die Tafel. Insofern gehört der Preiskampf auf dem Lebensmittelmarkt auch noch in einen anderen Zusammenhang: den Druck der Unternehmer auf die Löhne. Sie haben ein Interesse daran, dass die unmittelbaren Lebenshaltungskosten sinken. Der Einfluss des Verbrauchers wiederum hat dort seine Grenzen, wo er auf ein zugerichtetes Angebot trifft oder er sogar weite Wege gehen muss, um sich zu versorgen – wie zum Beispiel in immer mehr ländlichen Gebieten. Diese haben beim derzeitigen Beutezug auf dem Lebensmittelmarkt, bei dem nur die kommerziell interessantesten Stücke absetzbar sein werden, ohnehin das Nachsehen.

06:00 16.11.2016
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

Ausgabe 23/2020

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