Siebenundzwanzig Freunde

ORTE DER KINDHEIT Bist du nun satt liebe Ziege, hast genug Milch für uns viere?

Bist du nun satt liebe Ziege, hast genug Milch für uns viere? Die Liedfetzen fliegen nur so durch seinen Kopf, verträumt summt das Mädchen vor sich hin. Gleich haben sie das mittelalterliche Stadttor erreicht. Die Hand liegt in der großen, von einem Unfall entstellten der Frau, schwitzend, die rotgeäderte Plastik ihres Handrückens birgt die Kinderfaust wie in einer Muschel. Während sie das Tor passieren, grüßt, wie jedes Mal, der Bär über der Drogerie mit einem Schwall zerspringender Seifenblasen. Das Kind blickt hoch, nur kurz, dann wieder hinunter, nach hellen Steinen suchend, auf denen sich die nackten Füße vom sommerheißen Pflaster erholen.

Bald sind sie bei dem Haus. Das Mädchen kennt es, sie kommen öfter hierher. Montags, und freitags dann, wenn am Sonntag der gute Anzug ganz harmlos wieder im Schrank hängen muss, als hätte er dort übernachtet. Im Haus riecht es nach Düsternis und kaltem Fett, und nach Warten. Es ist immer der gleiche Raum, mit einer langen Theke, die so hoch ist, dass sich das Mädchen auf die Zehenspitzen stellen muss beim Drüberwegsehen und die Zähne anschlägt. Das schmeckt nach altem Holz und nach Blut, aber nur wenig, gerade so, dass es sich mischt, wenn man mit der Zunge leckt. Neben ihm steht ein großer Mann mit einem wedelnden Hut und sieht böse aus. Hinter der Theke bückt sich ein zweiter kleinerer Mann mit einem komischen Rohr im Auge über einen Ring. Er sagt etwas, das Mädchen versteht ihn nicht. Es sieht aber, dass der Hutmann heftig den Kopf schüttelt. Der Hut wedelt nun nicht mehr, sondern sinkt traurig herunter. Der Mann hinter der Theke schiebt den Ring zurück, dann nimmt er ihn doch und überreicht dem Hutmann ein Stück Papier. Das findet das Mädchen gemein, und es versteht, dass der Hutmann so ärgerlich ist.

Endlich steht vor der Frau mit der Krümmhand und dem gespannten Lächeln im Gesicht niemand mehr. Schwer stellt sie einen Koffer auf die Theke und das Album, daneben liegt schon der Anzug. Das Mädchen ist böse auf ihn, weil es weiß, dass er am Freitag wieder nach Hause kommen darf, als ob nichts gewesen wäre. Dem Koffer und dem Album wird es nicht so gut ergehen, obwohl das Mädchen beide viel lieber mag als den dunklen Anzug und den Mann, der sonntags darin steckt. Im Album sind alle ihre Freunde versammelt, die lebendig werden, wenn man sie auf den runden Teller legt, der sich im Koffer verbirgt. Manchmal allerdings springt der Arm wie ein ungezogenes Kind darauf herum, oder er will sich auch nach gutem Zureden nicht mehr weiterbewegen. Dann kann das Mädchen mit den Freunden die Lieder nicht richtig singen. Die Frau sagt, die Freunde hätten einen Kratzer, aber der täte nicht weh. Wovon soll ich satt sein, ich sprang nur über Gräbelein ...

Die Frau redet nun mit dem Mann hinter der Theke, sie sieht sehr müde aus. Sie ist aber nicht so wütend wie der Hutmann, vielleicht weil der Mann hinter der Theke weiß, dass sie die besten Freunde des Mädchens gebracht hat, genau siebenundzwanzig, und den Koffer, den man braucht, wenn man will, dass sie mit einem reden. Der Mann, der nun kein Rohr mehr im Auge hat, nimmt den Anzug und hängt ihn auf eine Stange. Auch den Koffer trägt er weg. Nur die siebenundzwanzig Freunde lässt er achtlos auf der Theke liegen.

Jetzt bückt er sich über einen Block, schreibt, reißt ein Papier ab und gibt es der Frau. Die nimmt es, steckt es flüchtig zwischen die Lippen und greift nach dem Kind. Mit der anderen Hand klemmt sie das Album unter den Arm. Sie hat es nun eilig und das Mädchen Mühe, zu dem Glaskäfig zu folgen, wo sie schon wieder warten müssen. Die Frau reicht das Papier durch ein kleines Loch in der Scheibe. Stille. Schließlich der grüne Schein. Das Mädchen schaut genau hin, aber die Münze, die sonst noch dabei liegt, bekommt die Frau dieses Mal nicht. Die Münze, das sind nämlich die siebenundzwanzig Freunde, hat die Frau ihm erklärt, deshalb guckt das Mädchen so genau. Nein, keine Münze.

Als sie aus dem dunklen Haus hinaustreten, blendet die grelle Julisonne, und das Mädchen fühlt eine Gänsehaut an den Beinen hoch kriechen. Immer wenn sie die siebenundzwanzig Freunde in dem Haus abgegeben hat, geht die Frau mit dem Kind hinterher in Kaiser's Kaffeegeschäft. Ein Viertel Mokkabohnen für den Kaufladen des Mädchens und Geleefrüchte. Herbschokoladen und süß schmilzt das aufregend-vertraut auf der Zunge ...und fraß kein einziges Blättelein, MÄH! Siebenundzwanzig Freunde kehren diesmal nach Hause zurück und bleiben stumm.

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Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Redakteurin „Politik“ (Freie Mitarbeiterin)

Ulrike Baureithel studierte nach ihrer Berufsausbildung Literaturwissenschaft, Geschichte und Soziologie und arbeitete während des Studiums bereits journalistisch. 1990 kam sie nach Berlin zur Volkszeitung, war im November 1990 Mitbegründerin des Freitag und langjährige Redakteurin in verschiedenen Ressorts. Seit 2009 schreibt sie dort als thematische Allrounderin, zuletzt vor allem zuständig für das Pandemiegeschehen. Sie ist außerdem Buchautorin, Lektorin und seit 1997 Lehrbeauftragte am Institut für deutsche Literatur der Humboldt Universität zu Berlin.

Ulrike Baureithel

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