So geht Arbeitskampf

Lokführerstreik In Streikzeiten gibt es keine einklagbare kritische Masse von Betroffenheit, sondern nur richtige oder falsche Taktik
Ausgabe 19/2015
In Umfragen gibt es immer noch ein gewisses Verständnis für den Arbeitskampf der GDL
In Umfragen gibt es immer noch ein gewisses Verständnis für den Arbeitskampf der GDL

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Alles hat seine Zeit. Und um ein Rennen mit der Zeit geht es auch in der achten Runde dieses nimmer enden wollenden Lokführerstreiks, der glaubt man offiziellen Verlautbarungen und Berechnungen von Wirtschaftsinstituten den Standort Deutschland, der ja für vieles herhalten muss, an den Rand des ökonomischen Abgrunds treibt. Die Bahn spielt mit ihrer Hinhaltetaktik auf Zeit, weil sie glaubt, dass das Tarifeinheitsgesetz aus dem Hause der Arbeitsministerin Andrea Nahles der Gewerkschaft der Lokführer (GDL) endlich das Genick brechen wird; die GDL drückt bis auf den Anschlag aufs Tempo, weil ihr die Zeit davonläuft und sie immer stärker unter öffentlichen Druck gerät.

Was da über die Gewerkschaft und ihren Vorsitzenden Claus Weselsky an Anwürfen herunterprasselt, hat es in der bundesdeutschen Geschichte lange nicht gegeben. Erpressertum, Egotrip auf Kosten der Allgemeinheit, tarifpolitischer Amoklauf, Streik-Vandalismus, überzogen, spinnert, eine Frechheit: Die Invektive gegen die entschlossene Kleingewerkschaft überschlagen sich angesichts von sechs Tagen Arbeitsniederlegung, über die man in anderen europäischen Ländern nur lächeln würde. Mancher Kommentar taucht sogar in die biografischen Tiefen Weselskys, dessen DDR-Vergangenheit ihn angeblich daran hindere, sozialpartnerschaftlich zu denken, und der deshalb nur als alternativlos denkender Blockierer auftreten könne.

Nicht repräsentative Online-Umfragen allerdings vermitteln ein weniger eindeutiges Bild. Pendler und Bahnreisende sind zwar genervt und finden, dass zu viele Menschen betroffen sind. Dennoch gibt es immer noch ein gewisses Verständnis für diesen Arbeitskampf.

Vielleicht sind die inneren Verwicklungen und Etappen des Ausstands nicht mehr völlig zu übersehen, aber der GDL wird doch Anerkennung gezollt für ihre Konsequenz, in einer seit Jahrzehnten tarifpartnerschaftlich befriedeten Gesellschaft endlich einmal wieder die Machtfrage zu stellen. Die bundesdeutsche Gesellschaft hat sich in den Nachwendejahrzehnten an einen ungesunden Arbeitsfrieden gewöhnt, den die Beschäftigten mit reichlich Lohnverzicht bezahlt haben. Und in Streikzeiten gibt es keine einklagbare kritische Masse von Betroffenheit, sondern nur richtige oder falsche Taktik. Die GDL-Führung setzt an den empfindlichsten Druckstellen an, der just-in-time-Produktion und den Arbeitsnomaden.

Das Elend der GDL besteht darin, dass diese Machtfrage sehr unglücklich mit einem Machtkampf innerhalb des Deutschen Gewerkschaftsbunds verquickt ist. Deren starke Teile wie die IG Metall pochen auf Tarifautonomie, während sich an den ausgefransten, mühsam unter dem Dach von Verdi zusammengehaltenen Dienstleistungsrändern deutlich die Zersplitterung der Globalisierung offenbart. Früher gab es den Clinch zwischen Einheits- und Richtungsgewerkschaften; heute ist die Spartengewerkschaft die Antwort des individualisierten Arbeitssubjekts, das in einer allgemein proklamierten Solidarität nur noch bedingt Heimstatt findet.

Geradezu lächerlich wirkt es indessen, wenn ausgerechnet diejenigen, die die Deregulierung und Flexibilisierung vorangetrieben haben, Arbeitgeberverbände und ihr Tross, nach dem starken Staat rufen, nach Zwangsschlichtung und Einschränkung des Streikrechts mittels Tarifeinheit. Wer die Daseinsvorsorge mit allen Mitteln privatisiert, Arbeitskräfte mobilisiert und rund um die Welt geschickt hat, ist kein besonders überzeugender Wächter der Sorge um die Allgemeinheit.

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Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Redakteurin „Politik“ (Freie Mitarbeiterin)

Ulrike Baureithel studierte nach ihrer Berufsausbildung Literaturwissenschaft, Geschichte und Soziologie und arbeitete während des Studiums bereits journalistisch. 1990 kam sie nach Berlin zur Volkszeitung, war im November 1990 Mitbegründerin des Freitag und langjährige Redakteurin in verschiedenen Ressorts. Seit 2009 schreibt sie dort als thematische Allrounderin, zuletzt vor allem zuständig für das Pandemiegeschehen. Sie ist außerdem Buchautorin, Lektorin und seit 1997 Lehrbeauftragte am Institut für deutsche Literatur der Humboldt Universität zu Berlin.

Ulrike Baureithel

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