Spahn hat die Seuche unterschätzt

Corona Für den Ernstfall ist Deutschland nicht gerüstet. Das ist keine Panikmache, sondern das nüchterne Fazit von Experten
Spahn hat die Seuche unterschätzt
Noch jeckt es sich nett als Pestarzt. Wird es ernst, hilft keine Karnevalsmaske mehr

Foto: Andrea Pattaro/AFP/Getty Images

In Venedig der Markusdom geschlossen, der Karneval fällt aus, Armani präsentiert seine neue Kollektion ohne Publikum, Touristen stornieren ihre Hotelzimmer. Das Coronavirus hat nun endgültig die Grenze des asiatischen Kontinents übersprungen und ist in der Mitte Europas angekommen, vor allem in der Lombardei und Venetien. In Norditalien sind es nun keine Einzelfälle mehr, es gibt Übertragungsketten. Damit steigt die Gefahr exponentieller Ausbreitung. Was bis vor kurzem in der westlichen Hemisphäre noch undenkbar schien, ist Realität, elf Orte beziehungsweise Regionen wurden in Norditalien abgeriegelt, um die Ansteckungsgefahr einzudämmen.

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Eindämmung, Containment, ist so auch die vorwiegende Strategie, um die Epidemie nicht doch noch zu einer Pandemie werden zu lassen. Das Zeitfenster dafür schließt sich laut Weltgesundheitsorganisation WHO von Tag zu Tag mehr, und allmählich geht die Angst um, dass nicht nur die Gesundheitssysteme in Afrika dem Virus nicht standhalten, sondern auch in manchem Land Europas an ihre Grenzen geraten, sollte sich die Krankheit ausbreiten. Das gilt auch für das deutsche, seit Jahren an Benchmarks statt an epidemiologischen Erfordernissen ausgerichtete Gesundheitssystem. Es ist, trotz aller gegenteiligen offiziellen Beteuerungen, eben nicht auf das Coronavirus vorbereitet.

Weder werden die seit Jahren unterbesetzten Gesundheitsämter in der Lage sein, ein verlässliches Meldesystem zu organisieren, noch halten die Kliniken genügend Intensivbetten für den Ernstfall vor. Gar nicht erst zu reden davon, dass die Lieferengpässe für überlebenswichtige Medikamente, die in China produziert werden, immer dramatischer werden – auch dies Ergebnis der Auslagerung und der Just-in-time-Produktion in Billiglohnländern.

Das ist keine Panikmache, sondern lediglich das nüchterne Fazit von Experten wie dem Virologen Christian Drosten, der an der Charité in Berlin einen Corona-Test entwickelt hat. Sie werfen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vor, die Situation anfangs sträflich unterschätzt zu haben; erst in den vergangenen Tagen habe Spahn das mögliche Ausmaß der Gefährdung erkannt. Dabei ist es gar nicht so entscheidend, ob Sars-CoV-2, wie der neue Erreger präzise heißt, am Ende mehr Opfer fordert als ein neuer Influenzavirus, es genügt allein die Angst davor, wie die leeren Supermarktregale in Italien zeigen. Und gegen Grippe kann man sich impfen, bei Corona hilft nur banales Händewaschen.

Gefährlich ist das Coronavirus aber auch deshalb, weil es ein weiteres Fragment der Unsicherheit in einer immer unsicheren, unbeherrschbar scheinenden Welt darstellt, in der die Infektionsmetapher allgegenwärtig ist. Die britische Wissenschaftsjournalistin Laura Spinney hat in ihrem lesenswerten Buch Eine Welt in Fieber dargelegt, welch tiefe Spuren die Spanische Grippe 1918 in den Nachkriegsgesellschaften hinterlassen hat. Wer weiß, ob Covid-19 nicht auch die Pekinger Festung ins Wanken bringt.

Die Sprecher der Wirtschaft versuchen aus der noch gar nicht in Deutschland angekommenen Seuche schon mal ein Geschäft zu machen und erpressen den Staat mit der Forderung nach vorauseilenden Investitionshilfen. Im Unterschied aber zu tatsächlich erkrankten Menschen sind Politik und Wirtschaft nicht einfach „krank geworden“, da haben immer Menschen ihre Hände im Spiel, die sie sich dann in Unschuld waschen.

06:00 27.02.2020
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

Ausgabe 21/2020

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