Stille Macht

Cornelia Yzer war als Pharma-Lobbyistin die graue Eminenz im Hintergrund – jetzt will sie selber wieder Politik machen

Eine Frau, die sich medial vordrängelt, war sie bislang nicht. Wer nicht gerade mit ihrem Metier zu tun hat, wird sich nicht an ihr Gesicht erinnern. Menschen in Funktionen wie der von Cornelia Yzer, der überraschend gekürten neuen Berliner Wirtschaftssenatorin, benötigen Diskretionszonen: klandestine Treffen in Hotels, Repräsentation auf Tagungen – und natürlich die Gebäude im Regierungsviertel, die man diskret durch Seiteneingänge betreten kann. Es ist gut, von niemandem erkannt zu werden, denn man gräbt in eigener Sache: Lobbyismus.

Immerhin kennen zumindest in der Hauptstadt nun alle Cornelia Yzer, die 14 Jahre lang dem Verband der Forschenden Arzneimittelhersteller (VFA) vorstand. Auch diesen Verband, der die Interessen von 44 weltweit forschenden Pharmariesen vertritt, kannte bis dahin kaum jemand. Doch das, was Cornelia Yzer im Laufe ihres beruflichen Lebens verfolgt hat, kennen Patienten sehr wohl. Sie wissen, dass die Pillenpreise möglichst hoch sind, um den Arzneimittelkonzernen fette Gewinne zu sichern. Und dass es für die Politik extrem schwer ist, dieser Praxis einen Riegel vorzuschieben. Dafür hat Cornelia Yzer mitgesorgt, auf Seiten der Industrie ebenso wie auf Seiten der Politik.

Zu Höherem berufen

Sie hätte auch Anwältin werden können mit ihrer von der Adenauer-Stiftung unterstützten juristischen Ausbildung an der Universität Bochum und am Landgericht Hagen. Dann hätte sie für ihre Mandanten vielleicht ebenso überzeugt gestritten wie für die Pharmaindustrie und hätte ihre schnell gesprochenen, schneidenden Plädoyers mit ihrem ebenso rasch aufflammenden wie verbindlichen Lächeln begleitet. Aber sie fühlte sich wohl zu Höherem berufen, als an mittelgroßen Gerichten mit Aktenbergen zu kämpfen.

Sie wird Mitglied zunächst in der Jungen Union, irgendwann fällt der Blick von Bundeskanzler Helmut Kohl auf die gerade 30-Jährige, die sich bereits als Juristin in der Umweltabteilung des Bayer-Konzerns die ersten Sporen verdient hat. Es ist die heiße Zeit der Quotendebatte, jahrelang streitet sich die Union über das Quorum für Frauen – da macht sich eine Staatssekretärin ganz gut im Kabinett, zumal als „schönste Frau“, wie die Bild-Zeitung lobte.

Politik der kurzen Wege

1990 wird Yzer Abgeordnete im Bundestag, bleibt jedoch auf ihrer Vollzeitstelle bei Bayer. Auf kurze Wege zwischen Industrie und Politik versteht sie sich schon früh. Nach einer zweijährigen unauffälligen Karriere als Staatssekretärin bei Frauenministerin Angela Merkel (1992-94) wechselt sie in gleicher Funktion zu Forschungsminister Jürgen Rüttgers (CDU) und kommt endlich zur Entfaltung: Sie unterstützt die Gentechnik, nimmt Einfluss auf das Gentechnikgesetz und legt Programme zur Förderung der Biotechnologie auf.

Dann überlegt sie es sich wieder anders. 1997 geht sie als „Expertin für regulierte Branchen“, wie sie in einem Fachportal beschrieben wird, zurück in die Industrie. Neben dem üppigen Jahressalär beim VFA streicht sie weiterhin ihre Abgeordneten-Diäten ein; als sie auch noch das Übergangsgeld von 180.000 Mark beansprucht, um sich beruflich zu integrieren, kommt es zum politischen Eklat.

Modell Ablasshandel

Szenenwechsel 2008. Ein Hotel am Berliner Gendarmenmarkt. Cornelia Yzer, seit über zehn Jahren Hauptgeschäftsführerin des VFA, klagt im Rahmen einer Gesundheitsrunde über die vom Bundesrat nicht vertretenen Standortinteressen der Pharmaindustrie. Einen Tag später gibt Wirtschaftssenator Harald Wolf (Die Linke) bekannt, Gesundheits- und Wirtschaftspolitik in Berlin stärker miteinander verzahnen zu wollen.

Da war es der Pharmalobbyistin schon gelungen, den von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) 2001 avisierten Preisnachlass auf patentgeschützte Arzneimittel durch einen im Kanzleramt mit Gerhard Schröder ausbaldowerten Ablasshandel zu verhindern. Auch mit der zwei Jahre später noch einmal aufgelegten Positivliste für Medikamente scheiterte Schmidt an der Pharmalobbyistin, die davon überzeugt ist, der Politik „nur zu helfen, Fehler zu vermeiden.“

Flammendes Schwert

Das hört sich an, als nähme eine Mutter ihr Kind an die Hand. Nun wirkt Cornelia Yzer überhaupt nicht mütterlich. Eher kriegerisch. Als es darum ging, ihren Hauptkontrahenten Peter Sawicki als Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen abzuwickeln, weil den Pharmabossen seine Nutzenbewertung von Medikamenten ein schmerzender Dorn im Auge war, focht sie mit flammendem Schwert. Und dennoch ist sie wohl nicht der Typus Frau, den sich Dax-Unternehmen wünschen, wenn sie jemals zu einer Quote gezwungen sein sollten: Zu starr, zu wenig kompromissbereit, zu soldatisch.

Das hat beim VFA am Ende wohl dazu geführt, dass sie ins Abseits geriet. Offenbar konnte sich Cornelia Yzer nicht vorstellen, eine schwarz-gelbe Regierung könne etwas anderes als Standort- und Industrieinteressen bedienen. Deshalb hat sie das von Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) vorgelegte Arzneimittelneuordnungsgesetz (AMNOG), das der Pharmaindustrie zumindest in einem gewissen Rahmen Fesseln anlegt, völlig überrollt: 2011 lobte der VFA sie weg und setzte die ehemalige nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Birgit Fischer an ihre Stelle. Auch so eine Drehtür-Figur.

Bislang verstanden es Männer besser, ihre in der Politik gewonnenen Kontakte in bare Münze umzuwandeln, sie hatten meistens auch mehr Gelegenheit dazu. Es gibt aber keinen Hinweis darauf, dass Frauen das „anständigere“ Geschlecht wären. Nur verlassen sie mit weniger Getöse als die Männer ihre Posten, und die Rückkehr fällt ihnen deshalb umso leichter. Insofern dürfen die Berliner Bürger hoffen, dass auch dieser politische Karriereabschnitt von Cornelia Yzer ein kurzer bleibt.

Der digitale Freitag

Mit Lust am guten Argument

Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Redakteurin „Politik“ (Freie Mitarbeiterin)

Ulrike Baureithel studierte nach ihrer Berufsausbildung Literaturwissenschaft, Geschichte und Soziologie und arbeitete während des Studiums bereits journalistisch. 1990 kam sie nach Berlin zur Volkszeitung, war im November 1990 Mitbegründerin des Freitag und langjährige Redakteurin in verschiedenen Ressorts. Seit 2009 schreibt sie dort als thematische Allrounderin, zuletzt vor allem zuständig für das Pandemiegeschehen. Sie ist außerdem Buchautorin, Lektorin und seit 1997 Lehrbeauftragte am Institut für deutsche Literatur der Humboldt Universität zu Berlin.

Ulrike Baureithel

Wissen, wie sich die Welt verändert. Abonnieren Sie den Freitag jetzt zum Probepreis und erhalten Sie den Roman “Eigentum” von Bestseller-Autor Wolf Haas als Geschenk dazu.

Gedruckt

Die wichtigsten Seiten zum Weltgeschehen auf Papier: Holen Sie sich den Freitag jede Woche nach Hause.

Jetzt sichern

Digital

Ohne Limits auf dem Gerät Ihrer Wahl: Entdecken Sie Freitag+ auf unserer Website und lesen Sie jede Ausgabe als E-Paper.

Jetzt sichern

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden