Ulrike Baureithel
24.09.2012 | 11:50 4

Stille Macht

Cornelia Yzer war als Pharma-Lobbyistin die graue Eminenz im Hintergrund – jetzt will sie selber wieder Politik machen

Eine Frau, die sich medial vordrängelt, war sie bislang nicht. Wer nicht gerade mit ihrem Metier zu tun hat, wird sich nicht an ihr Gesicht erinnern. Menschen in Funktionen wie der von Cornelia Yzer, der überraschend gekürten neuen Berliner Wirtschaftssenatorin, benötigen Diskretionszonen: klandestine Treffen in Hotels, Repräsentation auf Tagungen – und natürlich die Gebäude im Regierungsviertel, die man diskret durch Seiteneingänge betreten kann. Es ist gut, von niemandem erkannt zu werden, denn man gräbt in eigener Sache: Lobbyismus.

Immerhin kennen zumindest in der Hauptstadt nun alle Cornelia Yzer, die 14 Jahre lang dem Verband der Forschenden Arzneimittelhersteller (VFA) vorstand. Auch diesen Verband, der die Interessen von 44 weltweit forschenden Pharmariesen vertritt, kannte bis dahin kaum jemand. Doch das, was Cornelia Yzer im Laufe ihres beruflichen Lebens verfolgt hat, kennen Patienten sehr wohl. Sie wissen, dass die Pillenpreise möglichst hoch sind, um den Arzneimittelkonzernen fette Gewinne zu sichern. Und dass es für die Politik extrem schwer ist, dieser Praxis einen Riegel vorzuschieben. Dafür hat Cornelia Yzer mitgesorgt, auf Seiten der Industrie ebenso wie auf Seiten der Politik.

Zu Höherem berufen

Sie hätte auch Anwältin werden können mit ihrer von der Adenauer-Stiftung unterstützten juristischen Ausbildung an der Universität Bochum und am Landgericht Hagen. Dann hätte sie für ihre Mandanten vielleicht ebenso überzeugt gestritten wie für die Pharmaindustrie und hätte ihre schnell gesprochenen, schneidenden Plädoyers mit ihrem ebenso rasch aufflammenden wie verbindlichen Lächeln begleitet. Aber sie fühlte sich wohl zu Höherem berufen, als an mittelgroßen Gerichten mit Aktenbergen zu kämpfen.

Sie wird Mitglied zunächst in der Jungen Union, irgendwann fällt der Blick von Bundeskanzler Helmut Kohl auf die gerade 30-Jährige, die sich bereits als Juristin in der Umweltabteilung des Bayer-Konzerns die ersten Sporen verdient hat. Es ist die heiße Zeit der Quotendebatte, jahrelang streitet sich die Union über das Quorum für Frauen – da macht sich eine Staatssekretärin ganz gut im Kabinett, zumal als „schönste Frau“, wie die Bild-Zeitung lobte.

Politik der kurzen Wege

1990 wird Yzer Abgeordnete im Bundestag, bleibt jedoch auf ihrer Vollzeitstelle bei Bayer. Auf kurze Wege zwischen Industrie und Politik versteht sie sich schon früh. Nach einer zweijährigen unauffälligen Karriere als Staatssekretärin bei Frauenministerin Angela Merkel (1992-94) wechselt sie in gleicher Funktion zu Forschungsminister Jürgen Rüttgers (CDU) und kommt endlich zur Entfaltung: Sie unterstützt die Gentechnik, nimmt Einfluss auf das Gentechnikgesetz und legt Programme zur Förderung der Biotechnologie auf.

Dann überlegt sie es sich wieder anders. 1997 geht sie als „Expertin für regulierte Branchen“, wie sie in einem Fachportal beschrieben wird, zurück in die Industrie. Neben dem üppigen Jahressalär beim VFA streicht sie weiterhin ihre Abgeordneten-Diäten ein; als sie auch noch das Übergangsgeld von 180.000 Mark beansprucht, um sich beruflich zu integrieren, kommt es zum politischen Eklat.

Modell Ablasshandel

Szenenwechsel 2008. Ein Hotel am Berliner Gendarmenmarkt. Cornelia Yzer, seit über zehn Jahren Hauptgeschäftsführerin des VFA, klagt im Rahmen einer Gesundheitsrunde über die vom Bundesrat nicht vertretenen Standortinteressen der Pharmaindustrie. Einen Tag später gibt Wirtschaftssenator Harald Wolf (Die Linke) bekannt, Gesundheits- und Wirtschaftspolitik in Berlin stärker miteinander verzahnen zu wollen.

Da war es der Pharmalobbyistin schon gelungen, den von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) 2001 avisierten Preisnachlass auf patentgeschützte Arzneimittel durch einen im Kanzleramt mit Gerhard Schröder ausbaldowerten Ablasshandel zu verhindern. Auch mit der zwei Jahre später noch einmal aufgelegten Positivliste für Medikamente scheiterte Schmidt an der Pharmalobbyistin, die davon überzeugt ist, der Politik „nur zu helfen, Fehler zu vermeiden.“

Flammendes Schwert

Das hört sich an, als nähme eine Mutter ihr Kind an die Hand. Nun wirkt Cornelia Yzer überhaupt nicht mütterlich. Eher kriegerisch. Als es darum ging, ihren Hauptkontrahenten Peter Sawicki als Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen abzuwickeln, weil den Pharmabossen seine Nutzenbewertung von Medikamenten ein schmerzender Dorn im Auge war, focht sie mit flammendem Schwert. Und dennoch ist sie wohl nicht der Typus Frau, den sich Dax-Unternehmen wünschen, wenn sie jemals zu einer Quote gezwungen sein sollten: Zu starr, zu wenig kompromissbereit, zu soldatisch.

Das hat beim VFA am Ende wohl dazu geführt, dass sie ins Abseits geriet. Offenbar konnte sich Cornelia Yzer nicht vorstellen, eine schwarz-gelbe Regierung könne etwas anderes als Standort- und Industrieinteressen bedienen. Deshalb hat sie das von Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) vorgelegte Arzneimittelneuordnungsgesetz (AMNOG), das der Pharmaindustrie zumindest in einem gewissen Rahmen Fesseln anlegt, völlig überrollt: 2011 lobte der VFA sie weg und setzte die ehemalige nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Birgit Fischer an ihre Stelle. Auch so eine Drehtür-Figur.

Bislang verstanden es Männer besser, ihre in der Politik gewonnenen Kontakte in bare Münze umzuwandeln, sie hatten meistens auch mehr Gelegenheit dazu. Es gibt aber keinen Hinweis darauf, dass Frauen das „anständigere“ Geschlecht wären. Nur verlassen sie mit weniger Getöse als die Männer ihre Posten, und die Rückkehr fällt ihnen deshalb umso leichter. Insofern dürfen die Berliner Bürger hoffen, dass auch dieser politische Karriereabschnitt von Cornelia Yzer ein kurzer bleibt.

Kommentare (4)

gelse 25.09.2012 | 09:27

>>Einen Tag später gibt Wirtschaftssenator Harald Wolf (Die Linke) bekannt, Gesundheits- und Wirtschaftspolitik in Berlin stärker miteinander verzahnen zu wollen.<<

Da kann man sehen, dass die Linke, wenn sie jetzt an einer Regierung beteiligt wäre, nicht genug Basis hätte um dem herrschenden Lobbyismus zu widerstehen.

---Ansonsten: Guter Artikel.

Nüchtern&sachlich aufzeigen, was in der "Politik" abläuft bringt mehr als rauschhafte Entrüstung über einen "Fall Wulff".

anne mohnen 25.09.2012 | 12:37

Guter Artikel! Vielleicht noch als Randbemerkung: Als gestern auf dem "kleinen Parteitag" der Berliner-CDU, Yzer als neue Wirtschaftssenatorin nominiert wurde, da ging sie vielleicht schon durch die Drehtür, die der durch den NSU-Skandal schwer angeschlagene Innnensenator und Vorsitzende Frank Henkel für Yzer "drehte". Der agierte in der Affaire um den V-Mann, wie es nun beschwichtigend heiß , nicht skandalös , wohl aber "peinlich" und "unsouverän". Für Yzer dürfte der Weg an die Spitze der Berliner CDU nicht allzu steinig werden, denn die Partei braucht dringend "frisches Blut".