Stups die Bosse

Kapitalismus Ute Frevert erklärt, was die Marktwirtschaft auf Trab hält
Stups die Bosse
Geldschein-Mann Adam Smith sah kaum einen Unterschied zwischen Nutzen und Moral

Foto: Imagebroker/Imago Images

Historiker jedweden Geschlechts sind gemeinhin zurückhaltende Leute. Fünf Jahre Archivfron für einen gültigen Satz ist ein geflügeltes Wort der Zunft, weshalb sie die Einmischung ins politische Tagesgeschäft scheut. Die Direktorin des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, Ute Frevert, ist da keine Ausnahme, auch wenn der Titel ihres neuen Buchs Kapitalismus, Märkte und Moral eher nach Streitschrift als nach historischer Kärrnerarbeit klingt. Über ihre Rolle gibt sie ganz am Ende des schmalen Bands Auskunft, die darin bestehe, „Rückschau zu halten und an frühere Prozesse des Stupsens und Lernens, aber auch des Blockierens und Verhinderns zu erinnern“.

Moral gegen Moneten

Was „gestupst“ wird, ist nicht weniger als der Kapitalismus, der seit einigen Jahren wieder so genannt und sogar kritisiert werden darf, von so unterschiedlichen Protagonisten wie dem Papst, Politikern wie Bernie Sanders, ehemaligen, gut alimentierten Managern und sogar aktiven Großbankern wie Jamie Dimon von JP Morgan Chase. Deren moralisch unterfütterter Diskurs, wonach der ungezügelte globale Kapitalismus mit neoliberalem Emblem zum Schaden der Gemeinschaft und der Menschen sei, ist der Ausgangspunkt für Freverts historische Spurensuche. Dabei misstraut sie der in den Kritiken implizit oder explizit aufscheinenden Vorstellung, der „alte“ Geist des Kapitalismus, ob es sich nun um die „moralische Ökonomie“ des 18. Jahrhunderts oder den Rheinischen Kapitalismus handelt, sei jemals „moralisch“ gewesen. Kann es einen „moralischen“ Kapitalismus überhaupt geben? Verleibt er sich instrumentell nicht ohnehin alles ein? Und ist es nicht umgekehrt das moralische „Schubsen“ jenseits von Marktinteressen, das seine Innovationsfähigkeit ermöglicht?

Für die frühen Marktliberalen lag der Fall noch klar: Adam Smith oder John Stuart Mill erklärten marktkonformen Eigennutz und Gemeinwohl noch für identisch: Moralisch ist, was den meisten Nutzen bringt, lautete das utilitaristische Credo. Doch auch die frühliberalen Kapitalisten hatten auf die Traditionen der „moralischen Ökonomie“ Rücksicht zu nehmen, ihren Obolus für die Armenpflege zu leisten, wenn sie sich nicht ins soziale oder gar jenseitige Abseits stellen wollten. Dass die aufkommende kommunistische Fraktion ihnen generell Paroli bot, ist bekannt, doch auch die Bourgeoisie war sich bewusst, dass Armutsprävention die Voraussetzung ist, um ihre Klasse zu erhalten. Ob nun defensive paternalistische Konzepte oder offensive Propaganda für Vorsorge (Sparen!), Bildung und Selbsthilfe: Wohltätigkeit in vermittelter Form war die Ultima Ratio, um den Legitimationsdruck von den mit Wohlstand Gesegneten zu nehmen.

Kennzeichnend für die Moderne ist die allmähliche Auflösung der persönlichen Beziehung zwischen Armen und Reichen, selbst die Bettler in der Fußgängerzone fallen heute in der Regel nicht mehr auf die Knie. Im 20. Jahrhundert übernimmt der Sozialstaat die Versorgung der Bedürftigen, jedoch ohne die Scham der Armen gänzlich tilgen zu können. Die heutige Auseinandersetzung um Steuern und Steuergerechtigkeit, Grundeinkommen und vieles mehr spiegelt die Auseinandersetzung zwischen bürgerlicher Leistungs- und voraussetzungsloser Bedarfsmoral und die sich verändernden moralischen Wertesysteme. Im historischen Rückblick frappierend ist die lange Tradition der „Bedürftigkeitsprüfung“, die sich bis in den derzeitigen Streit über die Grundrente hinein erhalten hat. Steuern, schreibt Frevert, waren immer der Seismograf für Fairness und Gerechtigkeit.

Moral spielt aber auch dort eine Rolle, wo die Krake Kapitalismus die letzten Reservate des Privaten okkupiert: Ob Wohnen oder Gesundheit, Körperteile und -stoffe, er bringt alles unter sein Regime, wenn auch nicht unwidersprochen. Denn die Kommodifizierung, so die Kritik, gehe einher mit dem Verlust unveräußerlicher Dinge des Lebens und verändere grundlegend soziale Beziehungen. Andererseits gerät die Moral selbst in den Distributionsprozess, beginnend mit dem Freikauf vom Militärdienst im 19. Jahrhundert bis hin zum Emissionshandel oder zu „Golden Visa“. Die Frage ist, „ob es nicht doch moralische Grenzen der Vermarktung geben“ soll.

Konsumboykott wirkt

Der Druck auf moralentwöhnte, „hartgesottene Manager und Börsianer“ wird größer. Viele Unternehmen bekennen sich zur corporate social responsibility, in der Regel vertreten von Frauen mit ihrem angeblichen Sinn für Empathie und Sorge, schreibt Frevert ironisch. Das gehört zum Marketing und ist natürlich im Sinne des Geschäftsinteresses, doch die Impulse, insbesondere von den Konsumentinnen, sind unübersehbar. Konsumboykott ist eine wichtige Interventionsmöglichkeit, um Transformation zu erzwingen.

Was Frevert in der historischen Rückschau zeigt, ist nicht neu, und sie behauptet auch keine solchen Tiefenschürfungen. Worum es ihr geht, ist etwas anderes. Sind es, wie es Modernisierungstheorien behaupten, die dem Kapitalismus inhärenten Einverleibungskräfte, die seine Überlebensfähigkeit garantieren? Oder benötigt es das nicht marktinteressierte Eingreifen, das „Schieben und Schubsen“ von außen, das ihn widerwillig vorantreibt? Frevert tendiert zu Letzterem, auch wenn es „den Kapitalismus selber keineswegs moralischer gemacht hat; der Markt an sich ist alles andere als eine moralische Institution“. Gleichzeitig, sagt sie, dürfe man eine moderne „moralische Ökonomie“ nicht wie im 18. und 19. Jahrhundert den Marktteilnehmern überlassen, auch wenn deren Unruhestiftung energetisches Zentrum ist. Es sind Shareholder wie Hedgefonds-Inhaber Ray Dalio, die den Staat auffordern, zu verhindern, dass die soziale Ungleichheit „in einer Art sozialer Revolution“ mündet.

Info

Kapitalismus, Märkte und Moral Ute Frevert Residenz 2019, 152 S., 20 €

06:00 07.07.2019
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel
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