Sturmtief

Berliner Abende Manchmal weiß man erst hinterher, was man überstanden hat. "Ich habe die Bilder im Fernsehen gesehen", sagt mir ein Freund am Telefon, "das muss ja ...

Manchmal weiß man erst hinterher, was man überstanden hat. "Ich habe die Bilder im Fernsehen gesehen", sagt mir ein Freund am Telefon, "das muss ja schrecklich gewesen sein." Und fügt bekräftigend hinzu: "Scheiß-Auto!" Auto hin, Auto her, ich weiß nicht, ob ich hätte mit denen tauschen mögen, die am Sonntag stundenlang zwischen Bad Oldesloe und Lübeck in ihrem Bahnabteil feststeckten, weil umstürzende Bäume die Oberleitung weggerissen hatten. Oder mit den entnervten Reisenden auf dem Hamburger Bahnhof, die, wie meine Mutter, in ein völliges Abfertigungschaos gerieten. Vielleicht erinnern uns die Elemente auch nur daran, dass allzu viel Mobilität ihren Preis hat.

Die Hiobszeichen standen indes schon am Samstag am Horizont. Die Nacht zuvor hatte es über Berlin Kübel gegossen, und meine Neigung, quer durchs Land an die Ostsee zu fahren sank auf den Nullpunkt. Doch versprochen ist versprochen, und in der Prignitz eroberte sich die Sonne zeitweise sogar den Horizont zurück. So träumte ich mich, entgegen aller Unkenrufe aus dem Radio, stimmungsvollen Spaziergängen am Timmendorfer Strand entgegen.

Damit war es dann erwartungsgemäß nichts. Hinter Travemünde legte sich der Himmel ununterscheidbar auf das Meergrau. Zwar stolperten wir an diesem Nachmittag todesverachtend über den leergefegten Strand. Zwei Schirme, die die Saisonnachhut mit sich geführt haben mochte, verrenkten kunstvoll ihre Gräten im Sand, und ein paar Tölen schnappten nach dem Wind. Nach einer Stunde quietschten Schuhe und Mutter, und wir träumten von einem Grog. Es kann nur noch besser werden, dachte ich. Es wurde schlimmer.

Am Sonntagnachmittag steht der Weltuntergang bereits drohend über der Lübecker Bucht. Ein schweres Gewitter schickt Blitz und Donner in unsere nachmittägliche Schlafspalte. Inzwischen kommt der Regen, der uns am Vortag noch in den Kragen rann, fast senkrecht aus Nordwest. Die Zeitumstellung an diesem Wochenende treibt vorzeitig die Nacht herbei. Ich verfluche mich und die Welt. Eine Million für meinen heimatlichen Bettzipfel und sinke ergeben hinters Lenkrad.

Bis Lübeck bleibt alles moderat, obwohl ich auffallend viel Gegenverkehr habe. Mein Autoradio, das mir an diesem Abend die letzte Verbindung zur Welt bleiben wird, meldet zahlreiche Staus auf den Autobahnen um Hamburg. Also meide ich Stadt und Rennstrecken und entscheide mich für eine romantische Überlandpartie.

Hinterher glaubt man sich klüger. Das Problem beginnt schon auf einer Strecke, die sich auf der Karte blumig "Alpen-Ostsee" nennt. Völlig ausgeliefert zwischen den Richtungsschildern - muss ich nun erst Richtung Wismar? Oder doch nach Schwerin? -, entscheide mich für Schwerin. Schönberg? Da war doch was mit Giftmüll. Mittlerweile peitscht der Sturm mein leichtes Gefährt, verwischt treibende Nässe die Sicht. Flirrendes Gelb vor den Scheinwerfern, das Begleit-Rondo des Herbstlaubes. Die Benzinnadel neigt sich bedenklich Richtung Null. Wo, zum Teufel, liegt Rehna? Und hinter mir ein Idiot, der partout überholen muss.

Wie war das im August? Auf der Autobahn nach Berlin meldeten die Nachrichten, der Dresdner Hauptbahnhof stünde meterhoch unter Wasser. Wir konnten es nicht glauben, obwohl wir der bayerischen Flut gerade entkommen waren. Egal, wohin ich fahre, das Unwetter begleitet mich. Undurchdringliche Finsternis draußen und in meinem Kopf. Da kracht es aufs Dach. Das Auto kommt aus der Spur, trudelt. Einen Moment gebe ich das Steuer frei: Das also wärs´s gewesen.

Der Gruß kam von oben. Ein armdicker Ast, frontal erwischt. Ein Glücksfall, wenn man so will, der mich instinktiv auf die Bremse hebt. Einige Meter weiter liegt ein Baum quer über meiner Fahrbahn. Vorsichtig tastet sich ein Fahrzeug auf der Gegenspur vorbei. Mein Auto hat sich an den Randstreifen gerettet. Mir scheint, es zittert, aber das bin nur ich. Kalter Schweiß und grüßende Hand von der anderen Seite. Wahrscheinlich nicht weniger betroffen.

"... und bleiben Sie am besten heute Abend zu Hause!", dringt die Radiostimme zu mir durch. Witzbold! Irgendwo hinter Gadebusch endlich eine Tankstelle, tröstende Wärme und etwas Orientierung. Vor der Kasse eine besudelte Frau. Ihr hat der Sturm die Tankpistole entrissen. Sie stinkt bestialisch.

Ich treibe weiter durch die finstere Nacht. Lützow, Renzow, lese ich. Das Autobahnschild nach Wittenburg winkt wie das Tor zum Himmel. Der öffnet weiter seine Schleusen. Mittlerweile tobt ein ausgewachsener Orkan. Noch über 200 Kilometer vor mir. Sekundenlang schließe ich die Augen - und immer dann, wenn ich an verhakten und zerquetschten Autoleichen vorbei schleiche. Nicht nachdenken! Noch im Traum umklammere ich das Lenkrad, und fahre, fahre, bis mich ein schwarzer Arm grüßt.

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00:00 01.11.2002

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