Szenarien der Angst

Risiken Kollektive Abschottung statt reflektierter Abwägung: Wie Bakterien und andere unsichtbare Übel in uns archaische Muster mobilisieren

Es sind die Sprossen. Welch bittere Ironie! Ausgerechnet in diesem Lieblingskeim der Ernährungs­fundamentalisten lauert die tödliche Gefahr namens Ehec. Das beweist wieder einmal, dass der Feind dort lauert, wo wir ihn am wenigsten vermuten und dass uns nichts, nicht einmal eine naturgefällige, tier-gerechte Menschen­existenz, vor der Invasion des Patholo­gischen – oder, kybernetisch gesagt: vor einer Fehlsteuerung der Körper­kommunikation – schützt.

Das Wissen um prinzipiell durchlässige Grenzen – nicht nur der national-kulturellen, sondern auch der physiologischen – erzeugt Angst, auf die wir mit ­Risikominimierung reagieren. Als vor zehn Jahren in Hongkong das SARS-­Virus grassierte, verhängten die Be­hörden eine drastische Quarantäne und ­Europa verschärfte seine Einreise­kontrollen. Längst vergessenes giftiges ­Nitrofen in Bio-Weizen oder vor Jahresfrist aufgetauchtes Dioxin in Hühner­eiern provozierten wie jetzt das Ehec-Bakterium einen weitflächigen Konsumboykott.

Wie beim Händewaschen handelt es sich um scheinbar rationale Vermeidungsstrategien. Denn jede Geldanlage, jede Straßenüberquerung, jeder getauschte Kuss ist statistisch gesehen risikoreicher. Unter Umständen verlieren wir unser Geld, werden überfahren oder holen uns eine elende Grippe. Deshalb werden Anlagenfonds nach Risikogruppen bewertet, und Ingenieure lernen, Sicherheitsrisiken abzuschätzen. Neuerdings werden Menschen sogar daran gewöhnt, sich selbst in Form eines Risikoprofils wahrzunehmen, beispielsweise wenn es um Entscheidungen geht, die mit ihrer genetischen Ausstattung und ihren Krankheitsdispositionen zu tun haben. Abwägende Entscheidungen vermitteln die Illusion, ein prinzipiell unsicheres Leben immer besser kontrollieren zu können.

Lernunwillige Suchgesellschaft

Eigentlich müsste man davon ausgehen, dass der unablässige Umgang mit dem Risiko Gesellschaften gelassener reagieren lässt, wenn wieder einmal ein verseuchtes Nahrungsmittel auftaucht oder sich eine mutierte Mikrobe in unseren Kreislauf eingeschlichen hat. Das Gegenteil aber ist der Fall: BSE kostete hunderttausenden Rindern das Leben, während der Vogelgrippe wurden riesige Geflügelbestände liquidiert und der Ehec-Ausbruch vernichtet ganze Gemüseernten. Zwar ist die Suchgesellschaft meist erfolgreich und stellt den Eindringling. Doch sie weigert sich, aus Erfahrung zu lernen. Auf jedes Katastrophenszenario wird erneut panisch und in einer Art reagiert, die sich anthropologisch als konstant erweist: dem Berührungsverbot.

Vormoderne Gesellschaften kannten klare Regeln, Reines von Unreinem zu unterscheiden, Klassifikationssysteme, nach denen Speisen oder Menschen abgesondert wurden: Fleisch fressende Tiere wurden gemieden und menstruierende Frauen in besondere Hütten verbannt. In der globalen Gesellschaft ist eine solche Art von Gefahrenabwehr unmöglich geworden. An ihre Stelle tritt die so genannte Risikokompetenz, von Frühwarnsystemen über die Ver­sicherungsmathematik bis hin zur eigenverantwortlichen Entscheidung.

Aber immer dann, wenn tatsächliche oder vermeintliche Seuchen durchs Land ziehen oder andere unsichtbare Übel lauern, scheint das alte archaische Ordnungskonzept wieder auf. Man vertraut nicht mehr auf vernetzte Kooperation und reflektierte Abwägung, sondern greift zurück auf kollektive Abschottung. Solange nur Gurken dran glauben müssen, bleiben die Folgen vergleichsweise harmlos.

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12:15 16.06.2011

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