Teilzeit-Eltern

Elternzeit Manuela Schwesigs Vorschlag, die Arbeitszeit junger Eltern zu reduzieren, wurde abgekanzelt. Dabei wäre es endlich Zeit für einen Paradigmenwechsel
Ausgabe 03/2014
Teilzeit-Eltern

Illustration: Otto

Jetzt wissen wir es also: „Am Mittwochnachmittag gehört Papi mir!“ Jedenfalls gilt das für das Kind von Papi Gabriel. Mami Schwesig versucht es zudem mit Home Office. Andrea Nahles, die bekanntlich ihren Lebenspartner in Elternzeit geschickt hatte, will demnächst als Ministerin auch „mehr Zeit“ mit der Familie verbringen.

Was genau „mehr Zeit“ in einem Spitzenpolitikerleben heißt, sei dahin gestellt. Die Bekundungen wirken rührend und peinlich zugleich, denn von gleicher Verantwortung und Arbeitsverteilung kann dabei wohl kaum die Rede sein. Was auch niemand wirklich erwartet von jemanden, der Verantwortung für das ganze Land trägt. Es geht um Symbolisches. Und vielleicht auch nur um das Aufmacher-Foto für die nächste Home-Story: Sigmar Gabriel vor der Kita-Tür.

Nicht mehr nur Symbole

Nicht symbolisch wäre, was Familienministerin Manuela Schwesig vorgeschlagen hat: die Reduzierung der Arbeitszeit junger Eltern auf – „zum Beispiel“ – 32 Stunden, und das ist der Kick!, bei steuerfinanziertem Lohnausgleich. Das ist etwas völlig anderes als das im Koalitionsvertrag vereinbarte Elterngeld Plus, das Eltern bis zu 28 Monate einen gewissen Ausgleich für den Fall in Aussicht stellt, wenn beide nach der Geburt eines Kindes sofort wieder Teilzeit arbeiten. Und es wäre auch etwas anderes als die diversen von größeren Betrieben angebotenen Arbeitszeitkonten, auf denen man Zeit ansparen und in Anspruch nehmen kann, wenn es familiären Bedarf gibt, sei es für Kinderbetreuung oder Pflege.

Ein echter, von der Gesellschaft finanzierter Lohnausgleich würde Kindererziehungsleistungen nicht nur symbolisch auf eine Stufe mit Erwerbsarbeit stellen. Es wäre also viel mehr als das von der Presse verhöhnte „Ideechen“ – es wäre das Eingeständnis, dass nicht nur der Job gesellschaftlichen Mehrwert schafft und der Inbegriff von Lebenssinn ist.

Watsche für Schwesig

Aber nein, für diese Hälfte des Himmels ist dieses Land noch nicht reif. Bei frühlingshaften Außentemperaturen schlug der Familienministerin eiskalter Wind ins Gesicht. Über ihren Regierungssprecher Steffen Seifert ließ die Kanzlerin sie abwatschen und den Vorstoß ziemlich unmissverständlich als „persönlichen Debattenbeitrag“ abqualifizieren. Die CDU fürchtet um den Wirtschaftsstandort, die CSU um die Nachfrage für ihr Betreuungsgeld – und die deutsche Wirtschaft hält ohnehin nichts von „starren bürokratischen“ Regelungen. Arbeitszeitflexibilisierung orientiert sich in diesem Land von jeher an der Auftragslage der Unternehmen, nicht an der Familienlage der Beschäftigten. Der Arbeitskräfteengpass ist für einen solch fundamentalen Paradigmenwechsel in den Schlüsselindustrien einfach nach wie vor noch nicht dramatisch genug.

Dass es Schwesig bei ihrem „Diskussionsanstoß“, wie sie ihren Vorschlag nun selbst kleinredet, an taktischem Geschick mangelte, ist eine ganz andere Sache. Wenn man so will, ist sie in die Profilierungsfalle ihres Jobs getappt, indem sie als Nachfolgerin der blassen Kristina Schröder gleich „in die Vollen“ geht (und vielleicht auch nicht hinter dem Kabinettskollegen Heiko Maas zurückstehen will). Das hat schon deshalb nicht geklappt, weil das Wahlvolk ohnehin das Gefühl hat, mit der Mütterrente schon „genug für die Frauen“ zu tun. Was ein entscheidender Denkfehler ist, denn familienfreundliche Arbeitszeiten nützen keineswegs nur Frauen.

Über Jobsplitting auf Ministerebene war übrigens auch von Schwesig nichts zu hören. Wir dürfen also auf die ministeriellen Terminpläne gespannt sein und das medienwirksame Aufpumpen für den freien Mittwochnachmittag, an dem Papis und Mamis nicht mehr uns, dem Volk, sondern nur noch ihren Kindern gehören.

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Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Redakteurin „Politik“ (Freie Mitarbeiterin)

Ulrike Baureithel studierte nach ihrer Berufsausbildung Literaturwissenschaft, Geschichte und Soziologie und arbeitete während des Studiums bereits journalistisch. 1990 kam sie nach Berlin zur Volkszeitung, war im November 1990 Mitbegründerin des Freitag und langjährige Redakteurin in verschiedenen Ressorts. Seit 2009 schreibt sie dort als thematische Allrounderin, zuletzt vor allem zuständig für das Pandemiegeschehen. Sie ist außerdem Buchautorin, Lektorin und seit 1997 Lehrbeauftragte am Institut für deutsche Literatur der Humboldt Universität zu Berlin.

Ulrike Baureithel

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