Teurer Müll

Kapitalismus Die Industrienationen haben einen Großteil der Corona-Impfstoffe aufgekauft. Nun schmeißen sie ihn wieder weg, weil die Verträge eine Weitergabe verbieten
Teurer Müll
Die Geschichte der Corona-Impfstoffe ist ein Paradebeispiel für die immanenten Paradoxien des Kapitalismus

Foto: Lauren DeCicca/Getty Images

Kennen Sie die Geschichte vom Kind, das seine Osterhasen auf dem Fenstersims hortet und sie erst, als sie in der Sonne wegschmelzen, halb verdorben an andere Kinder verteilt? So ähnlich geht es derzeit zu bei den Corona-Impfstoffen.

Die reichen Länder haben sich das Gros gesichert, nun liegen die Dosen wie Blei in Impfzentren und Arztpraxen, ihre Haltbarkeit läuft ab, oder sie mussten schon entsorgt werden, weil sie nicht beziehungsweise nicht mehr nachgefragt werden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass bis Ende August 2021 weltweit über eine Million Astrazeneca-Impfdosen unbrauchbar geworden sind. Das gilt demnächst auch für andere Produkte.

Der größte Verschwender sind die USA, wo das einst rare Gut massenhaft gebunkert wurde und nun weggeworfen wird. Aber auch in Deutschland mehren sich die Meldungen über Impfstoff, der vor der Entsorgung steht – nicht zuletzt, weil die Hersteller in ihren Lieferverträgen die Weitergabe ins Ausland verbieten. Viele Ärzt:innen sind empört, zu Recht.

Die Geschichte der Corona-Impfstoffe ist ein Paradebeispiel für die immanenten Paradoxien des Kapitalismus. Mit viel öffentlichem Geld entwickelt und hergestellt, halten die Produzenten nicht nur die Hand auf den Lizenzen, sondern bestimmen sogar darüber mit, was mit dem – ebenfalls öffentlich finanzierten – Gut passiert. Und weil das ganze System zu umfassender Verschwendung neigt, landet das Zeug eher auf dem Müll, als dass es frühzeitig dorthin geschafft wird, wo man es dringend braucht. Diese Vorgänge sind absurd und verbrecherisch und gehörten eigentlich vor die Menschenrechtsgerichte.

Kurz vor Torschluss suchen nun einige Industriestaaten nach Wegen, die Impfstoffe doch noch an die Armen abzugeben. Viel zu spät, denn gerade auf dem afrikanischen Kontinent fehlen die Möglichkeiten, die spontanen Almosen vom Tisch der Reichen rasch zu verteilen und zu verabreichen.

Wären die Lizenzen freigegeben worden, hätten entweder Nachahmerprodukte den Weg dorthin gefunden oder man hätte eigene Produktionsstätten aufbauen können. Aber so läuft das eben nicht im Kapitalismus – und es ist ganz sicher kein kindlicher Geiz, der das verhindert.

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06:00 10.09.2021

Ausgabe 38/2021

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