Umtriebe

Kardinaltugenden Zivilisationskrieger und Nestbeschmutzer vor dem Entscheidungskampf

Spätestens mit seiner Rede an die Nation unterstrich George Bush jun., dass er, "Walker", auf Ausdauer und eigene Geschwindigkeiten setzt. Die dramatische Vorlage aus Hollywood verweigernd, spielt er nicht einfach The Day after oder wie die Streifen sonst heißen mögen nach, sondern beendet den Film, und damit, wie FAZ-Herausgeber Schirrmacher registriert, "jede Form der Erwartbarkeit."

Es mag diese Abkehr vom Drehbuch und die beunruhigende Nichtvorhersehbarkeit sein, die den derzeit durch die Feuilletons wütenden wilden Beißzwang ausgelöst haben. Das Stück, das von der Welt über die Süddeutsche bis zum Berliner Tagesspiegel gegeben wird, firmiert unter dem Motto The best way to love America und läutert in aristotelischer Manier durch Angst und Schrecken. Das Personal, Zivilisationskrieger auf der einen und Nestbeschmutzer auf der anderen Seite, streitet in selbsttrunkener Rollenprosa um Kardinaltugenden, die kurz nach dem Anschlag auf das WTC von einer eher hilflos wirkenden Susan Sontag auf die Bühne gebracht wurden.

Seither ist das Publikum aufgerufen, "das feige Denken", wie es Spiegel-Redakteur Reinhard Mohr im Tagesspiegel outen darf, zu entlarven und exkommunizieren. Feig ist, so Mohr, wer sich der kathartischen Betroffenheit entzieht und, statt sich dem "Entscheidungskampf" der Zivilisation zu stellen, weiterhin zu fragen wagt, welches Unglück im Namen zivilisatorischer Leitkultur noch über die Welt kommen mag.

Ob Susan Sontag, die den Mut von aus großer Höhe agierenden Bombern bezweifelt oder Jeremy Rifkin und Dario Fo, die die Armut in der Welt mit amerikanischem Einfluss und der globalen Spekulation in Verbindung bringen; ob Durs Grünbein, der das Spektakel der großen Zahl durch groteske Überbietungen zu handhaben versucht oder die Berliner Kultursenatorin Adrienne Goehler, der seitens der Berliner CDU der Rücktritt nahe gelegt wurde, weil sie es wagte, öffentlich auf das phallische Symbolpotential des WTC hinzuweisen: Sie alle machen sich vor dem großen Weltgericht unamerikanischer Umtriebe verdächtig und erkälten das aufgeheizte Nest der entschlossenen Fighter.

"Dieser Feind", treibt der französische Philosoph Alain Finkielkraut diese unausweichliche Entscheidungssituation auf die absurde Spitze, " macht uns alle zu kleinen Soldaten der geschmähten Zivilisation." Wehe dem, der sich dieser neuen Einheitsfront zu entziehen wagt! Der zeigt böse Ähnlichkeit, so muss man wohl den historischen Vergleich von Thierry Chervel in der Süddeutschen Zeitung lesen, mit jenen "von Pazifismus verblendeten Dreyfus-Anhängern", die, weil sie das Hochkommen Hitlers auch als Versagen des Westens interpretierten, historische Schuld auf sich luden. Ach, du finsteres 20. Jahrhundert, klagt da der Autor.

Ins zynische Abseits manövriert und der öffentlichen Hinrichtung besonders ausgesetzt hat sich Karlheinz Stockhausen, als er den Anschlag auf das WTC als "das größte vorstellbare Kunstwerk" bezeichnete. Dabei war Zynismus - das hat Peter Sloterdijk an den Weimarer Kriegern exemplifiziert - noch immer eine Antwort auf tiefgreifende Kränkung. Verwundet wurde mit dem Anschlag sichtbar nicht nur der Zivilisationswesten, verletzt ist offenbar auch unser politisches Bewusstsein, das es nicht verkraftet, dass dem terroristischen Destruktionswillen keine soziale Logik eingeschrieben und nur Vernichtung das Programm ist.

Nicht ohne Grund wird immer wieder auf den Bellizismus-Streit während des Golfkrieges verwiesen, denn dieser endete mit einer doppelten Kränkung für die Linke: Einmal wurde der linke pazifistische Wertekanon spätestens in der Abfolge der Balkankriege zerrieben, zum anderen mussten sich auch die sogenannten Bellizisten an der Nase herumgeführt fühlen, als die unverschämte Bildermanipulation offenbar wurde.

Spieglein, Spieglein, an der Wand, wer ist der Mutigste im Land? Narziß vor der Quelle, geplagt von Verschmelzungssehnsucht mit dem großen Bruder Amerika. Dumm nur, dass der das Bild vom hehren Krieger nicht zurückwerfen mag und den ungebetenen Beistand dankend ablehnt. Schon wieder Kränkung und die Zumutung, in anderen Sumpflöchern zu fischen. Hilfreiche Anleitung gibt Michael Naumann, professionell freischwebender Intellektueller, in der Zeit: schrebergarden. Als ob Kulturarbeiter, auch freischwebende, außerhalb des Reservats überleben könnten.

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00:00 05.10.2001

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