Ulrike Baureithel
04.12.2011 | 09:00 2

Unter Druck, aber völlig freiwillig

Organspende Legendär gewordene paradoxe Formel: Die Einigung zwischen den Bundestagsfraktionen auf eine Änderung des Trans­plantationsgesetzes erinnert an den Paragrafen 219

Der Kompromiss zur Neuregelung des Transplantationsgesetzes erinnert an die legendär gewordene paradoxe Formel bei der Schwangerschaftskonfliktberatung: „Ergebnisoffen“ sollten die Beraterinnen tätig sein, hieß es damals, aber auch „zielorientiert“, also Schwangere zum Kind ermutigen. Was bei dieser eigentlich unlösbaren Aufgabenstellung überwiegt, hängt seither von der Haltung der Beraterinnen ab.

Eine Institution zur Beratung wird es bei der Organspende künftig wohl nicht geben. Doch sollen die Bürger bei der Ausgabe ihrer Versichertenkarte oder des Personalausweises demnächst regelmäßig gefragt werden, ob sie bereit wären, Schwer- oder Todkranken im Fall der Fälle Organe zu überlassen. Dies soll „mit so viel Nachdruck wie möglich“ geschehen. Die Entscheidung der Betroffenen soll aber gleichzeitig „völlig freiwillig“ bleiben. Da fragt man sich schon, wie ein solcher Doppelbinder – nämlich „zielorientiert“ im Hinblick auf die Erhöhung des „Organaufkommens“ und dennoch „ergebnisoffen“ – gelöst werden soll.

Weder soll eine Antwort erzwungen werden noch die Verweigerung der Spende mit Sanktionen geahndet werden. Aber was passiert, wenn trotz nachdrücklicher Überzeugungsarbeit – von wem eigentlich? – die Spenderzahlen sinken, während, aus welchen Gründen auch immer, der Bedarf an Organen steigt?

Wenig gewonnen

Die vorgeschlagene Formel ist ein Kompromiss von Gesundheitsminister ­Daniel Bahr mit Experten aller Bundestagsfraktionen, die nun einen gemeinsamen Antrag ausarbeiten sollen. Damit würde die geltende Zustimmungsregelung – das heißt, die schriftlich fixierte Einwilligung des Spenders zu Lebzeiten oder die seiner Angehörigen, wenn ein Spender als hirntot diagnostiziert wird – durch eine „Entscheidungsregelung“ ersetzt. Regelmäßig muss man sich also künftig erklären, ob man diesem Akt der „Nächstenliebe“, wie es in offiziellen Verlautbarungen heißt, nachkommt oder ihn verweigert. Der Gruppenantrag, da sind sich alle Beobachter einig, wird angesichts der breit angelegten Einigung durchkommen. Insofern ist das Prozedere des Gruppenantrags ohne Fraktionszwang – anders als bei anderen ethischen Entscheidungen im Bundestag – diesmal wenig spannend.

Mit der Entscheidungsregelung, sagen Transplantationsmediziner, sei wenig gewonnen. Das ist realistisch, weil das Problem weniger im Egoismus der Menschen oder der Funktionalität der Abläufe liegt, sondern im gesamten System. Darüber wird selten gesprochen, viel dagegen über private Gedankenlosigkeit. Wenn aber künftig „mit Nachdruck“ insistiert wird, ist viel Wissen und Mut gefragt, um „Nein“ zu sagen.

Johannes Singhammer, Vizechef der Unionsfraktion, hat dieses „Nein“ kürzlich öffentlich gemacht und begründet, weshalb er keine Organe spenden, aber auch keine empfangen will. Man muss Singhammers politische Haltung überhaupt nicht teilen und kann seine Argumente dennoch sehr ernst nehmen: Die Frage, ob ein hirntoter Mensch ein Sterbender ist, der Betreuung erwarten darf, gehört ebenso dazu wie die Überlegung, ob man die Bürger überreden darf, ihre Organe zu spenden, und was es für unser Menschenbild bedeutet, wenn Teile des Menschen austauschbar werden.

Als CSU-Politiker diese Art verordneter Nächstenliebe zu verweigern, ist mutig – mutiger jedenfalls, als sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einzuschwören, den der Zeitgeist diktiert.

Kommentare (2)

H.Hesse 04.12.2011 | 11:36

Wieder einmal ärgert mich ein Beitrag von Ulrike Baureithel zum Thema "Organspende".
Zunächst stellt sie richtig und überzeugend dar, dass die fraktionenübergreifende Einigung auf die sog. Entscheidungslösung keine durchgreifende Erhöhung des Spenderaufkommens bewirken dürfte. Das haben mir auch alle Mediziner prophezeit, mit denen ich darüber gesprochen habe. Gerade Ärzte, die mit dem Thema vertraut sind, sprechen sich vielfach für die in einigen Nachbarländern geltende Widerspruchslösung aus und verstehen auch nicht die dagegen vorgebrachten Argumente, denn auch dabei wird niemand zu einer Spendenbereitschaft gezwungen. Ein Arzt brachte es klar auf den Punkt: "Alles andere als eine Widerspruchslösung wäre verweigerte Hilfsbereitschaft!" Auch bei der Widerspruchslösung, wie sie etwa in Österreich praktiziert wird, werden, wenn es so weit ist, immer noch einmal die Angehörigen gefragt. Aber offenbar gibt es wenig Verweigerung, denn die Wartezeiten z.B. für eine neue Niere sind in Österreich drastisch kürzer als in Deutschland!
Bis hierhin kann ich Frau Baureithel gut folgen, wenn sie der Entscheidungsregel wenig Erfolg voraussagt. Aber dann folgen doch ein paar, wie ich finde, bedenkliche Passagen: So spricht sie "von einem Menschenbild" das meinte, "Teile des Menschen (seien) austauschbar". Das klingt, als wollte sie suggerieren, hier würden Menschen, potentielle Organspender, zu Geräten oder orwellschen Gebrauchsgegenständen herabgewürdigt. Welch' ein hanebüchener Unsinn!
Des weiteren spricht sie zum Schluss noch von einem "Zeitgeist" gegen zu stellen, anerkenneswert wäre, wie es ein CSU-Politiker vorgemacht habe. Als wenn es eine Frage von "Mode" und "Zeitgeist" wäre, seine Bereitschaft zu einer Organspende zu äußern. An der Stelle verstehe ich Ulrike Baureihtel schlicht nicht mehr.

sonne_le 06.12.2011 | 14:04

Dann sehen Sie sich mal den Film "Alles was wir geben konnten" an. Dann denken Sie anders darüber.
Danach kommt mir bei dem Gedanken an Organspende nur noch das Würgen.
Es muss doch nicht alles gemacht werden was machbar ist. Wir müssen alle sterben.

Eine Niere ist übrigens noch etwas anderes als ein Herz oder eine Leber, Nieren hat man zwei und um eine zu spenden muss man nicht tot sein. Einem Angehörigen aus Nächstenliebe eine Niere zu spenden ist vorstellbar.
Alles andere klingt mir schon wieder zu sehr nach Organhandel und Ersatzteillager Mensch.