Versagte Gnade

RAF Der Bundespräsident hat sich endgültig gegen eine vorzeitige Entlassung von Birgit Hogefeld entschieden. Der viel beschworenen „Wahrheit“ über die RAF dient das nicht

Einmal angenommen, die RAF würde es heute noch geben und sich durch die Republik bomben: Ob sie sich ihre Ziele wohl im „industriell-militärischen Komplex“ suchen oder ein paar jener Figuren anpeilen würde, die derzeit den Euro platt schießen und eine unabsehbare Weltkrise heraufbeschwören? Und ob sie dann auf jene Unterstützung in der Bevölkerung setzen könnte, auf die sie immer vergeblich hoffte?

Natürlich sind solche Gedankenspiele kontrafaktisch. Jede Zeit, lässt sich in einem wieder einmal das „Phänomen RAF“ umkreisenden Buch nachlesen, bringt ihre eigenen Exzesse hervor, und das Störfeuer namens RAF war, so impliziert Michael Sontheimer, nur unter sozial relativ befriedeten Umständen denkbar. Wie sehr diese irgendwann außerhalb jeglicher politischen Anschlussfähigkeit agierte, erwies sich nach dem Mord an dem US-Soldat Edward Pimental, für den Birgit Hogefeld 1986 zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Nach Auffassung des Gerichtes hatte sie ihn arglistig getäuscht und in der Nacht des 7. August 1985 erschossen, um an seinen Militärausweis heranzukommen. Beim folgenden Anschlag auf die US-Air-Base in Frankfurt starb ein weiterer Soldat und elf Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Daraufhin ging die damalige Unterstützerszene auf Distanz und erklärte die RAF selbst „zum Teil des Problems“.

Ob die RAF in den siebziger Jahren eine spezifisch deutsche Ur-Szene wiederholte (wie Sontheimer impliziert), und die nun von Bundespräsident Horst Köhler wieder einmal versagte Begnadigung eines ihrer Mitglieder als eine spezifisch deutsche Form der Revanche gedeutet werden kann, sei dahingestellt. Die furchtbare Dialektik zwischen der RAF und ihren Feinden immerhin hatte Birgit Hogefeld, früher als viele ihrer heute talkenden Genossen, in ihrem Prozessschlusswort eingeräumt: Dass die RAF denjenigen, die sie hatte bekämpfen wollen, immer ähnlicher geworden war.

Hogefeld gehört zu den ausgesprochen reflektierten Täterinnen der RAF, die sich, auch öffentlich, Rechenschaft ablegte über ihre politischen Verkennungen. Ihr „Resozialisationsdurchlauf“ gilt als vorbildlich, und es hätte wohl niemand geschadet, wenn die heute 53-jährige Freigängerin, die tagsüber in einem Verlag in Frankfurt arbeitet, ein Jahr eher die Freuden und Fröste der Freiheit zu spüren bekommen hätte. Ob Horst Köhler den ohnehin auf die lange Bank geschobenen Gnadenakt aus Rücksicht auf die betroffenen Angehörigen, die im RAF-Drama noch immer auf die letzte offenbarende Apotheose hoffen, ablehnte oder weil er möglicherweise die amerikanische Kritik scheute, bleibt offen; jedenfalls hat dieses Mal auch die ausländische Presse seine Entscheidung zur Kenntnis genommen.

Irritierend bleibt, dass diejenigen, die nicht ruhen, den ehemaligen RAF-Mitgliedern die Zunge zu lösen, offenbar noch immer glauben, ein weiteres Jahr Haft könnte herauszupressen, was 17 Jahre nicht vermochten: Die „Wahrheit“, die wie ein Fetisch über allem liegt. Hogefeld hat bei aller Selbstkritik immer deutlich gemacht, dass von ihr keine Namen zu erwarten sind. Manche mögen darin Haltung erkennen, andere mangelnde Schuldeinsicht. Aber bei dem ganzen Popanz um die Wahrheit sollte nicht vergessen werden, dass es auch seitens des Staates noch mancherlei zu erhellen gibt. Die Umstände jener Schießerei, die 1983 in Bad Kleinen zum Tod von Wolfgang Grams und zu Birgit Hogefelds Verhaftung geführt haben, sind bis heute nicht vollständig aufgeklärt.

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Ihre Freitag-Redaktion

11:06 18.05.2010
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

Ausgabe 38/2020

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