Vor der Fusion

1990 Inmitten der Turbulenzen rund um die Gründung des „Freitag“ war das Engagement der Bürgerbewegten zentral

Das Ende bleibt der Nachwelt unverloren, endet ein Essay von Vera Wollenberger (heute Lengsfeld) in der 39. Ausgabe der Wochenzeitung Sonntag. Die damalige DDR-Bürgerrechtlerin, heute am rechten Kanalufer unterwegs, berichtet darin über die Arbeit der Volkskammer der DDR, der sie als Abgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen angehört hatte. Der Text ist, in Goethes Vorspiel auf dem Theater eingefasst, enorm bissig und bis heute lesenswert. Fünf Tage später, am 5. Oktober 1990, ist das erste frei gewählte Parlament der DDR bereits Vergangenheit, einen Monat darauf auch der Sonntag und die Volkszeitung, die fusionieren: „Nein, hier Volkszeitung“, mussten wir über den Dächern Kreuzbergs immer wieder am Telefon berichtigen, „nicht das Spandauer Volksblatt.“ Das gibt es schon lange nicht mehr. Uns nach 30 Jahren immer noch.

Ich sehe uns, die sieben versprengten Redakteure der Volkszeitung, die eine überbordende Solidaritätsaktion der Leserschaft der ehemaligen Deutschen Volkszeitung nach Berlin gespült hat, am 19. März 1990 noch in der verzweigten Fabriketage am großen Konferenztisch sitzen, in die, sieben Monate später, unsere Kollegen aus dem Osten einziehen würden. Die Frauen mit einer Rose vor sich, die sie von einem Kollegen zum Frauentag geschenkt bekommen haben, und alle zusammen verkatert angesichts des Erdrutschsieges der Ost-CDU. Wir hätten es wissen können mit unseren von unserer Reporterin Marina Achenbach schon 1989 in Ost-Berlin installierten Antennen.

Jens Reich vom Neuen Forum hatte unter dem Titel Mandat zur Schlüsselübergabe wenige Tage zuvor geschrieben: „Im Herbst konnten wir Hunderttausende auf die Straße bringen, heute prophezeien uns Infas-Umfragen ein Prozent.“ Das war in der ersten Nummer der Volkszeitung, Reich unser erster Leitartikler. Es war ein Signal: Die immer im Ruch der DKP stehende Zeitung, die 1990 mit teilweise neuem Personal in Berlin anfing, zeigte Flagge. Wir wollten wie die Pilze sein, von denen der Molekularbiologe in seiner immer so schönen, bildhaften Sprache schrieb, ein unterirdisches Fadengeflecht, das überdauert und irgendwann an die Oberfläche kommt. Wenn uns die Zuschauergunst gewogener wäre.

Doch dann sah es so aus, als ob die DDR-Bürgerbewegten „zu spät“ gekommen seien. Zu spät, das ist eine Figur, die sich im Sonntag oft wiederholt: „Hätten wir es vor fünf, sechs Jahren gewagt“, schreibt Gustav Just, bis 1956 Chefredakteur des Sonntag und Opfer im Prozess gegen die dissidente Harich-Gruppe – auch das eine Herkunft der Zeitung. Er ruft das Bild vom untergehenden Schiff und dem Sprung in „das kalte Wasser der Marktwirtschaft“ auf, nicht ohne mit den weltfremden Künstlern der DDR, die sich in den vom Kulturbund subventionierten Freiräumen eingerichtet hatten, ins Gericht zu gehen. Bald gäbe es keinen Bedarf und keine Mittel mehr für Nischenkultur. Spiegelbildlich passierte das auch in Berlin-West: Die großzügigen Alimentierungsprogramme für „Projekte“ aller Art verdampften in der Vereinigungshitze Gesamtdeutschlands. Und dem Kulturbund der DDR, der auch den Sonntag finanzierte, drohte das Ende.

Die Leute haben Bonn gewählt

Die Volkskammerwahlen „ziehen Fronten, Grenzgänger sind selten“, schreibt Christoph Dieckmann im Sonntag anlässlich des Gangs des DDR-Volks an die Urne. „Echter Protestantismus“, so der ehemalige Scholar am Theologischen Institut in Leipzig, „taugt eben nicht zur Mehrheit. Er lebt von dem, was fehlt – wie Kunst, die Partei nehmen, nicht Partei sein kann.“ Der kleine Dünkel beflügelte auch die Politik: „Wir haben von dem Gefühl gelebt, etwas Besonderes zu sein, etwas Aufregendes“, räumt Jens Reich in der Volkszeitung später im Jahr in seiner politischen Bilanz ein. Der Runde Tisch der bürgerbewegten DDR war ein besonderes Experiment, doch der Zwang, sich in Parteien zusammenzufinden und mühsam Konsens herzustellen, nicht nach jedermanns Geschmack.

„Die Leute haben Bonn gewählt“, erklärt Thomas Krüger, Volkskammermitglied für die Ost-SPD, im Gespräch mit Reinhard Schult vom Neuen Forum, der später in diesem turbulenten Jahr mit Wolf Biermann, Katja Havemann und vielen anderen die Stasi-Zentrale besetzen wird. Das Foto zeigt die beiden im Frühjahr vor dem alten Personenarchiv der Volkszeitung sitzend. In derselben Nummer schreibt die Schriftstellerin Helga Königsdorf: „Die Menschheit ist um eine Hoffnung ärmer.“ „Ich hätte mir“, sagt Wolfgang Leonhard im Gespräch mit der Sonntag-Redakteurin Ilse Ziegenhagen rückblickend, „eine eigenständige DDR gewünscht, die Zeit gehabt hätte, in Ruhe die Erfahrungen der Reformbewegungen in Ost-Europa zu nutzen.“

Aber am 15. Juli, als dieses Gespräch erscheint, ist die Welt in Ostdeutschland alles andere als ruhig. Am letzten Wochenende der Währungsunion am 1. Juli mietet sich die Volkszeitungs-Redaktion, die an „Fusion“ noch nicht denkt, im Radiorundfunkheim der DDR am Bestensee zur Strategiebesprechung ein. Die Schaufenster der Läden in Königs Wusterhausen sind leergefegt wie 1948 vor der Währungsreform. Es ist ein Meilenstein des von den meisten Bürgerrechtlern erlebten „Anschlusses“ an die Bundesrepublik, der mit dem ersten Staatsvertrag besiegelt wird.

Wolfgang Ullmann, Mitbegründer von Demokratie Jetzt und am Runden Tisch an der dort ausgearbeiteten Verfassung beteiligt, schreibt am 31. Mai in der Volkszeitung: „Der Staatsvertrag ist eine oktroyierte Verfassung, für die nun eine nachträgliche Legitimation gereicht wird.“ Die Regierung der DDR habe aufgehört, „Sachwalter und Treuhänder der Interessen und Rechte der DDR-Bürger zu sein“. Ullmanns Text erscheint mit einem Beitrag von Günter Gaus auf einer Seite. Unter anderem mit ihm wird der Kirchenhistoriker und spätere Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90 im Jahr 1991 Herausgeber des Freitag werden.

Als Streitfall erweist sich in der folgenden Verfassungsdiskussion der Umgang mit dem liberalen Abtreibungsrecht der DDR. Für die Frauenbewegung, im Osten zusammengeschlossen im Unabhängigen Frauenverband (UFV), im Westen „autonom“ zersplittert, ist die Fristenregelung das zentrale einigende Symbol. Damals noch Frauenredakteurin, begleite und kommentiere ich unzählige Demonstrationen und Aktionen. Christina (heute Christian) Schenk vom UFV, die ebenfalls für Bündnis 90 ins gesamtdeutsche Parlament einziehen wird, umschreibt das schwierige Verhältnis zwischen Ost- und West-Frauen damals in einem Interview: „Wir waren die Hoffnungsträgerinnen für euch, die aber gleichzeitig alles bewerteten, was wir taten.“ Im Sommer, auf einer Reportagereise durch den Süden der DDR, schlägt mir viel Resignation entgegen. „Wir haben immer im Untergrund gearbeitet“, erzählt die Landeswahlleiterin des UFV in Sachsen, Gunnar Bohne, damals, „und die Mehrheitsmeinung im Land völlig falsch eingeschätzt.“

Auch im sonst nur auf Kultur fokussierten Sonntag findet die Verfassungsdiskussion ihren Niederschlag. Der Jurist Felix Posorski macht in seinem Beitrag „Wo sich das Volk befindet“ darauf aufmerksam, dass immer nur vom „Volk der DDR“ die Rede sei, nie aber von dem der BRD. Darin scheine bereits deutlich das Ungleichgewichtige auf. „Warum soll die BRD die biblische Familie, die DDR aber der verlorene Sohn sein?“, fragt er. Der Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer, einige Jahre später ebenfalls Freitag-Herausgeber, ist mit diesem Volk um einiges unnachsichtiger: „Die Mehrheit der DDR“, schreibt er in der Volkszeitung, „verhält sich wie ein schreiender Säugling, der von der bösen Mutter Staat verlassen wurde und jetzt nach einer neuen Säugemutter Staat ruft.“

Die Ankündigung einer gemeinsamen Literaturbeilage zum Buchherbst in Nummer 40 ist für die Leser beider Zeitungen dann der erste Hinweis auf die Fusion zwischen Sonntag und Volkszeitung. Sie macht auf mit einem sinnschweren Beitrag des Essayisten Lothar Baier: „Werden die Intellektuellen das Jahrhundert überleben?“ In dieser Zeit beginnt die Attacke des bundesdeutschen Feuilletons auf die DDR-Intellektuellen, für die Christa Wolf stellvertretend steht.

Im Spätsommer sind wir, die „Kreuzbergler“, schon mehrmals über die Grenze an der Oberbaumbrücke in die Sonntag-Redaktion in die Niederwallstraße gezogen, um den Zusammenschluss zuerst auszutarieren, dann auf den Weg zu bringen. In der großen Runde dort wirken die sieben Redakteure fast verloren. Die anfängliche Fremdheit zwischen uns lässt sich später in den kollektiven Selbstinterviews im Freitag nachlesen, in denen sich die Redakteure auch an diese Zeit erinnern. Wolfgang Sabbath ist der erste „Ossi“, der sich traut, in der Volkszeitung zu schreiben: „Mehr Presse als Wähler“, urteilt er über die Agonie der Bürgerbewegung in den ersten Ost-Landtagswahlen im Herbst.

Die Ankündigung der Freitag-Gründung am 5. Oktober fällt im Osten etwas einsilbig aus, so als führe die gefühlte Reserve den Stift. Im Westen dagegen werden viele Worte gemacht, als müsse man nicht nur die Leserschaft überzeugen, sondern immer noch um den neuen Partner werben. Es wird ein in der Medienlandschaft der neuen Republik einzigartiger und andauernder Grenzgang werden zwischen unseren verschiedenen Herkünften, Erfahrungen und Kulturen.

Ohne den „Vorschuss“ aber, den die vielen Bürgerbewegten 1990 der Volkszeitung gaben, als sie bei uns publizierten, wäre es vielleicht gar nicht zur Fusion gekommen. Als ich Wolfgang Ullmann kurz vor seinem Tod einmal in redaktionellen Belangen in der Tieckstraße zwischen seinen Bücherbergen besuchte, kam er auf die Verfassung, die ihn immer wieder umtrieb, zurück: „Wissen Sie“, sagte er, „wir leben in einer Parteiendiktatur.“ Beim Parteiengeschacher bleibe das Gewissen der Abgeordneten auf der Strecke und damit die Demokratie. Die Ausschaltung des Parlaments in der Coronakrise würde er scharf kritisieren. Doch die Stimme der Bürgerrechtler bleibt in unseren Zeitungen der Nachwelt unverloren.

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