Vor der Pflegerevolution

Geschlechter Ein Regierungsbericht bemängelt, dass es meist Frauen sind, die alte Angehörige pflegen

„Sie war plötzlich da und hat sich in meine Arme begeben“, erinnert sich die Schauspielerin Verena Kahler-Basiner. Als sie vor neun Jahren ihre Mutter zu sich genommen hat, dachte sie noch, „ich mache das mit links“. Doch die immer pflegebedürftiger werdende Frau krempelte das gesamte Familienleben um: „Die Mama“, erzählt die Tochter, „war mehr im Zimmer der Oma als bei uns Kindern. Ich war ein bisschen neidisch.“ Bald verließ der Ehemann die Familie, und „mit Theater war auch nichts mehr. Ich habe mich manchmal wie eine Versorgungsmaschine gefühlt“, sagt Kahler-Basiner in dem preisgekrönten Film Superfrauen gesucht, in dem es nicht etwa um Frauenkarrieren, sondern um den Spagat zwischen Arbeit, Kindern und der Pflege von Eltern geht, und der im Rahmen des „Frauenmonats März“ auf einer Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung gezeigt wurde. Sie tun alles und dennoch nie genug, lautet das Resümee von Sabine Jainski, eine der beiden Filmemacherinnen, über Frauen, die sich von heute auf morgen in die Situation versetzt sehen, einen Elternteil pflegen zu müssen und sich dabei ziemlich alleingelassen fühlen. Während die Erziehung eines Kindes in der Regel mit der Erwartung verbunden ist, dass es sich zur Selbstständigkeit entwickelt, wird die Pflege von kranken alten Menschen mit der Zeit immer beschwerlicher und endet mit dem Tod. Dabei verrichten Frauen 52,4 Prozent mehr dieser Sorgearbeit als Männer, das entspricht 1,5 Stunden am Tag. Ein wesentlicher Teil ihrer Arbeit wird also gar nicht wahrgenommen und entlohnt, und dabei haben sie das Gefühl, irgendwer kommt immer zu kurz. Zu kurz kommen vor allem die Frauen selbst.

Aufwertung der Sorgearbeit

Dieser sogenannte Gender Care Gap ist – wie der Gender Pay Gap, also die Einkommenslücke zwischen Männern und Frauen, oder ihre unterschiedlichen Rentenansprüche (Gender Pension Gap) – Thema des Zweiten Gleichstellungsberichts des Familienministeriums, für den pünktlich zum Frauentag das Gutachten der Sachverständigenkommission erschienen ist. Mit dem Gender Care Gap, so die Vorsitzende der Kommission, Eva Kocher, wurde eine neue Kennziffer für Geschlechterungleichheit eingeführt, die einen weiteren Anhaltspunkt liefert, Chancen und Risiken von Männern und Frauen im Lebensverlauf zu messen. Das Gutachten, so Kocher, will Wege weisen, wie „Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht die Möglichkeit bekommen, private Sorgearbeit mit Erwerbsarbeit zu leben“.

Denn noch immer dominieren in Deutschland Familienmodelle, die die Verwirklichungschancen für Frauen mindern: das traditionelle Modell des alleinigen Familienernährers und das Zuverdienstmodell mit den leidigen Steuerklassen III/V, das Frauen benachteiligt und Altersarmut vorprogrammiert. Die Sachverständigen schlagen eine neue Variante vor, das Erwerb- und Sorgemodell, das Rahmenbedingungen schafft, dass beide Partner gleichberechtigt ihrem Beruf nachgehen können, der Beruf zugleich aber nicht das Privatleben dominiert. Das ist ohne Umverteilung der Arbeit nicht zu schaffen, und auch nicht ohne ein noch einzuführendes Wahlarbeitszeitgesetz, das beide Geschlechter im Blick hat und nicht nur Flexibilisierungsstrategien für Frauen.

Für „Superfrau“ Christine Boock, die seit kurzem ihren Vater nach einem Schlaganfall pflegt, daneben drei Kinder zu versorgen hat und als Cutterin außerdem ihrem Beruf nachgeht, wäre das dringend nötig. Ihr Mann arbeitet derzeit in Afrika und sorgt für das Haupteinkommen der Familie. Wie sie das ganze Arbeitspensum auf Dauer stemmen soll, weiß Boock noch nicht. Ihr würde es wie Verena Kahler-Basiner schon helfen, wenn sie mehr professionelle Unterstützung von außen erhielte oder sie ihren Vater auch zeitweise einmal in einer Tagesklinik unterbringen könnte.

Doch es gibt keine ausreichende Infrastruktur, weil die sogenannten SAGE-Berufe – im Unterschied zum MINT-Sektor also Tätigkeiten, die mit sozialer Arbeit zu tun haben, haushaltsnah oder im Gesundheits-, Pflege- oder Erziehungsbereich angesiedelt sind – unterbezahlt und häufig auch prekär sind. Eine Fachkraft in einer Pflegeeinrichtung verdient bis zu 1.278 Euro weniger als ein Mann in der Herstellung von Fahrzeugen oder Ähnlichem. Die Arbeitsbedingungen sind schlecht, die Qualitätsstandards nicht gesichert, und die Ausbildung kostet im Unterschied zu anderen Berufen Geld. Allerdings, darauf weist Lena Hipp vom Wissenschaftszentrum Berlin hin, gibt es im internationalen Vergleich auch große Unterschiede in der Entlohnung von Fürsorgeberufen: Hilfskräfte im sozialen Dienstleistungssektor aller Sparten verdienen überall weniger als gleich qualifizierte Beschäftigte in anderen Berufen; Lehr- und Fachkräfte hingegen erzielen oftmals sogar höhere Einkommen.

Dennoch schafft erst die grundsätzliche Aufwertung der Sorgearbeit die Voraussetzungen, um das Erwerbs- und Sorgemodell zu realisieren. Die Kosten einer solchen Aufwertung, heißt es im Gutachten, seien immer noch wesentlich niedriger als wenn die Gesellschaft auf dem Pfad der Billiglohndienstleistungen verbliebe. Um es auch Haushalten mit mittleren und geringen Einkommen zu ermöglichen, sich entsprechende Dienstleistungen einzukaufen, empfiehlt das Gutachten ein finanziertes Gutscheinsystem wie etwa in Belgien.

Pflegen im Kollektiv

Ann Wiesental vom Netzwerk Care Revolution, einem Zusammenschluss von Menschen, die sich für neue Modelle in Care-Beziehungen einsetzen, gehen solche Vorschläge nicht weit genug. Sie fordert eine generelle Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich, wie es die Gewerkschaften einmal auf ihre Fahnen geschrieben haben, und eine erhebliche Verbesserung des Personalschlüssels in den entsprechenden Einrichtungen. Darüber hinaus setzt Care Revolution auf den Aufbau von demokratisch organisierten Gesundheits- und Pflegekollektiven.

Bei der gerechteren Verteilung von Sorgearbeit geht es immer auch um Aushandlungsprozesse: zwischen den Paaren, Arbeitgebern und Arbeitnehmern und zwischen den Generationen. Solange diese als Privatangelegenheit betrachtet werden, fallen Erfolg oder Misserfolg auf die aushandelnden Partner zurück, obwohl die Wege strukturell vorbestimmt sind, durch undurchlässige Arbeitszeitmodelle etwa oder aber den Grundsatz „ambulant vor stationär“. Denn was möglicherweise den Interessen der betroffenen Pflegebedürftigen – und dem an Kostenminimierung interessierten Staat – entgegenkommt, hat für die pflegenden Angehörigen dramatische Auswirkungen, nicht nur weil sie unbezahlt arbeiten, sondern weil sie damit aus ihrem Job herausfallen und weniger Rentenanwartschaften ansparen können.

Es gibt aber noch einen weiteren Aspekt. „Meine Mutter hat mir immer so viel gegeben, jetzt habe ich das Gefühl, dass ich ihr etwas zurückgeben muss“, sagt Kahler-Basiner. Dieses in Familien oft anzutreffende Empfinden einer „Bringschuld“ ist keineswegs nur individuell, sondern die Grundlage, auf der die Gesellschaft basiert. Das Subsidiaritätsprinzip verlangt vom Einzelnen wie von der Familie einen Beitrag, finanziell oder mittels unbezahlter Arbeit. Es ist das eine, diese etwas geschlechtergerechter zu verteilen, wie es der Zweite Gleichstellungsbericht im Auge hat. Etwas ganz anderes wäre es, das Subsidiaritätsprinzip auf die Produktion von Schuldzusammenhängen abzuklopfen.

06:00 27.03.2017
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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