„Wagemut lohnt sich“

Interview Was bleibt von der Alternativkultur der 1970er Jahre? Der Historiker Sven Reichardt zieht Bilanz
„Wagemut lohnt sich“
„Nicht nur du und ich allein – könnte das nicht wunderbar sein?“ (Ton Steine Scherben)

Fotos: Getty Images (2), Ullstein

Backstage in einer kargen Garderobe: Am Berliner Hebbel-Theater wird des 40. Jahrestags des legendären Tunix-Kongresses 1978 gedacht, als im Schatten des Deutschen Herbstes nach subkulturellen Alternativen gefahndet wurde. Der Historiker Sven Reichardt hat in seinem Vortrag noch einmal Antriebe und Hintergründe linksalternativer Projekte und selbstverwalteter Betriebe unter die Lupe genommen. Danach lässt er sich auf ein Pingpong zwischen Wissenschaftler und Zeitzeugin ein.

Der Freitag: Herr Reichardt, haben Sie schon einmal in einer Wohngemeinschaft gelebt?

Sven Reichardt: Ja, für kurze zwei Jahre in meiner Studentenzeit.

Hatte das damals noch utopisches Potenzial für Sie?

Nein, es handelte sich eher um eine Zweck-WG. Wir kannten uns schon vorher und wollten zusammenleben, aber ein politisches Projekt, das auf eine Veränderung der Gesellschaft zielte oder auf die Erprobung neuer Sexualitätsformen, haben wir damals nicht damit verbunden.

Haben Sie das Gefühl, als Nachgeborener etwas versäumt zu haben?

Ich bin Historiker, insofern schaue ich mir immer die Dinge an, die ich versäumt habe. Und normalerweise gehe ich an meine Themen nicht biografisch heran. Auch diesem Buch habe ich mich mit einer Hermeneutik der Distanz angenähert, ich versuche also, mir die Dinge möglichst fremd zu machen. Ich wollte mich auf keinen Fall in diese Zeit hineinträumen.

Nun gilt die WG seit den 70er Jahren als Laboratorium für ein anderes, besseres oder – um im damaligen westdeutschen Jargon zu bleiben – ganzheitlicheres Leben. Hier sollte Adornos von den 68ern kultiviertes Verdikt, dass es kein richtiges Leben im falschen gebe, auf die Probe gestellt werden. Worin bestand die Faszination, in vergleichsweise schäbigem Umfeld, mit sehr wenig Geld und in meist konfliktträchtigem Miteinander zu leben?

Das utopische Versprechen nach einem ganz anderen, guten Leben hat viel mit der Lebensphase zu tun. Man wollte aus der Welt der Eltern ausbrechen. Verbunden war damit damals die Kritik an der Massenkonsumgesellschaft und der Entfremdung in der Industriemoderne, an Arbeitsspezialisierung und den Rollenbildern der Eltern. Dem wird ein anderer Wertekosmos entgegengestellt, also nicht mehr Autos, mehr Konsum, sondern die Aufforderung, sich selbst zu finden. Das wurde in den 70er Jahren im linksalternativen Milieu konkret erprobt, eben zum Beispiel in der WG. Und das sozialistische Versprechen hatte seinen Reiz noch nicht verloren, auch wenn man wusste, was in der DDR schiefgelaufen war und was in der westdeutschen Studentenbewegung nicht gut lief.

Zur Person

Sven Reichardt, 1967 in Bremen geboren, ist Professor für Zeitgeschichte an der Universität Konstanz. Sein Buch Authentizität und Gemeinschaft (Suhrkamp, 2014) beleuchtet linksalternatives Leben in der BRD der 1970er und frühen 80er Jahre

Die damalige Jugend war im Unterschied zu heute links gestimmt?

Ja, sehr, und sie war viel politischer als heute. Wenn Sie sich die Allensbacher Umfragen anschauen, stellen Sie fest, welchen Stellenwert Politik für den Alltag und für die Selbstdefinition der Jugendlichen hatte. Die Frage danach, ob man „politisch“ sei, wurde vorher und nachher nie wieder so positiv beantwortet, und die meisten hingen sozialistischen Vorstellungen an.

In der WG, in der Kneipe und anderen Orten laberte man. Es handelte sich ja auch um eine Kommunikationsgemeinschaft. Warum war der Glaube an das Wort damals noch so ungebrochen?

Das hat sicher mit dem Aufstieg der Psychologie und Psychoanalyse als Leitwissenschaft zu tun. Der Glaube daran, sich in einer Redekur umkrempeln zu lassen und alles „ausdiskutieren“ zu können, zeigt, dass man glaubte, sich durch den Austausch auch des Intimsten miteinander verändern und verbessern zu können. Ein bürgerliches Selbstaufklärungsprojekt, wenn Sie so wollen, aber, wenn Sie an die Frankfurter Schule denken, auch ein marxistisches. Selbstverbesserung und Gesellschaftsverbesserung gehörten zusammen.

Worin unterschied sich das vom Selbstverständnis der 68er?

Die Studentenbewegung von 1968 umfasste eine ziemlich kleine Gruppe, nicht mehr als 10.000 Aktive. Gegen den etwa 400.000 Aktivisten umfassenden Kern des linksalternativen Milieus in den 70ern ist das verschwindend. Doch die Ausweitung ging mit einer Aufweichung des Programms einher, die Frauenbewegung, die Ökologiebewegung veränderten sehr stark das Verständnis von linker Politik, die nicht mehr nur um die Produktion und die Befreiung der Arbeiter, also um Revolutionsmythen, kreist, sondern die kleinen Veränderungen im Hier und Jetzt. Das „verändere dich selbst, dann veränderst du die Gesellschaft“ war ein Projekt, das es um 1968 nur in den Randerscheinungen wie der Kommune I gegeben hatte.

Man lebte damals in einer Szene-Blase: die WG mit den linken Blättchen auf dem Küchentisch, die Szenekneipe, der linke Buchladen, die Food Coop und das Switchen zwischen verschiedenen Initiativen. Von außen erscheint es, als ob das Familiennest einfach nur getauscht worden sei ...

Aber im Unterschied zur Familie handelte es sich um eine Wahl. Man suchte sich Gleichaltrige aus, die politisch ähnlich gestimmt waren und verhielten; und mit denen man sich verständigen konnte. Es war ein Abgrenzungsgestus, den es heute in dieser Form so nicht mehr gibt.

Die Begriffe mit dem Präfix Selbst hatten Konjunktur: Selbstbewusstsein, Selbsterfahrung, Selbstentfaltung, Selbstverwirklichung ... Ein großer Selbstversuch. War das nur Selbstversessenheit, Selbstpädagogik oder schon Selbstoptimierung?

Es war zunächst ein Selbstverständigungsprojekt, das gilt nicht nur für die Linken. Dem individuellen Selbstentwurf zu folgen, findet man auch in anderen Bereichen der Gesellschaft. Allerdings hieß Selbstverwirklichung auch etwas anderes als Selbstoptimierung, wie wir sie heute kennen: Es bleibt ein politisches Projekt mit dem Anspruch, beispielgebend für die Gemeinschaft zu sein, mit der Gruppe als Mittelpunkt. Das „therapeutische Jahrzehnt“, wie es auch genannt wurde, hat Emotionen politisiert. Das ist gefährlich, schon die Kommune I musste sich mit dem Psychoterror und Gruppenstress auseinandersetzen. Es herrschte eine Art Beichtzwang. Und am Ende dachte man nur noch darüber nach: Wie wirke ich nach außen?

Andererseits waren die Linksalternativen auch keine selbstbezüglichen Hedonisten. Sie lebten für „ihr“ Projekt im weitesten Sinn. Das beinhaltete auch neue Vorstellungen, wofür und wie man arbeiten will ...

Man versuchte, andere Arbeitsformen auszuprobieren, in flachen Hierarchien im Teamwork Entscheidungen zu treffen, ohne die ordnende Hand eines Chefs. Gleichzeitig lehnte man die übliche Arbeitsteilung und die damit verbundene Entfremdung ab und arbeitete nach dem Motto: „Jeder kann alles, jeder macht alles.“ Auch die Trennung von Arbeit und Freizeit sollte überwunden werden.

... und man zahlte Einheitslohn, den gab’s sogar 1990 beim „Freitag“ noch ...

Wesentlich war, dass das Ziel des Projekts oder Unternehmens nicht mehr Gewinn oder Profitmaximierung war, sondern sich am intrinsischen Bedürfnis, dass das Ganze Spaß machen soll, orientierte. Man hat sein Herzblut in die Sache gesteckt, sich damit identifiziert.

Und wie sah das dann in der Realität aus?

Viele Projekte sind gescheitert, einfach weil sie schlecht geführt wurden. Es mangelte an Kapital; Mängel in der Betriebsführung bedeuteten, viel zu arbeiten und geringe Löhne auszuzahlen. Die Vorsorgesysteme sind sträflich vernachlässigt worden, das wirkt für viele bis heute nach. Das alles gehört zur Negativbilanz. Es gibt allerdings auch ein paar Flaggschiffe, die es geschafft haben, vom Ökoinstitut in Freiburg bis zur taz.

Geld spielte in dieser Zeit eine relativ geringe Rolle, Konsumverzicht gehörte zum Habitus der Zeit ...

Das kommt darauf an, von welchem Konsum wir reden. Beim Musikkonsum und den dazugehörigen Anlagen bin ich nicht so sicher ...

... ja, ich erinnere mich, manche Hausbesetzer haben ihre Anlagen kurz vor der Polizeiräumung in Sicherheit gebracht, darüber wurde heiß und kontrovers diskutiert ...

Genau, die Stereoanlage mit den selbst gebauten Boxen war eine heilige Kuh!

Mit den politischen und ökonomischen Verwerfungen ab 1989 ist das, was sich Alternativkultur nannte, als Großexperiment an sein Ende gekommen. Würden Sie sagen, es ist gescheitert?

Wenn man es an den Ansprüchen der Akteure misst, ist es natürlich gescheitert. Im Hinblick auf das neoliberale Projekt gibt es Anschlussstellen im Hinblick auf Arbeitsstrukturen, Teamwork, Eigenverantwortlichkeit, flachen Hierarchien und intrinsischer Motivation. Das war für die New Economy und die Ich-AGs das maßgebliche Organisationsprinzip. Ich bezweifle aber, dass die Alternativökonomie, an der schätzungsweise 200.000 Menschen beteiligt waren, es geschafft hat, die ganze Gesellschaft umzukrempeln. Die Managementkonzepte der 1990er Jahre folgten anderen Vorbildern. Und Selbstverwirklichung ist eben auch nicht dasselbe wie Selbstoptimierung, es ging nicht darum, möglichst viel aus sich herauszuquetschen, sondern darum, befreit und anders leben zu können.

Und was hat positiv aus dieser Zeit überlebt?

(lacht) Da muss ich lange nachdenken. Ich glaube, die Art von Kreativität und Innovationskraft etwa in der Ökologiebewegung lebt fort. Das ganzheitliche Denken kann auch absurd werden, aber das Denken in Zusammenhängen, in Vernetzungen, das Wagemutige, das war und ist bis heute sehr lohnenswert.

Und in Bezug auf die von Ihnen erwähnten Arbeitsstrukturen?

Das bleibt ein Gegenmodell zur kapitalistischen Gesellschaft, aber ineffizient, weil es mit den Anforderungen der Massenproduktion nicht mithalten kann, da hatte der gute alte Karl Marx schon recht.

Das linksalternative Projekt ist gescheitert – oder wurde es vielleicht beerbt von den rechten Aussteigern, die in Brandenburg in „befreiten Gebieten“ leben, durchaus mit Formen „alternativer“ Ökonomie?

Man kann das vergleichen, wenn auch nicht gleichsetzen. Es gibt eine Reihe von Ähnlichkeiten, auch bei der AfD, zum Beispiel bestimmte Formen populistischer Mobilisierung, das erinnert an 1968. Die Partei führt nicht umsonst „Alternative“ im Namen. Wer das nicht sieht, ist ideologisch verbohrt. Das gilt aber nur für die Formen. Von den Inhalten her ist der Vergleich nicht weiterführend, denn die Ziele sind völlig andere. Der Kern der rechten Politik ist Rassismus und nicht Kapitalismuskritik.

Ulrike Baureithel switchte während der 70er und 80er durch die hier beschriebenen linken Daseinsmöglichkeiten und absolvierte mit der Gründung des Freitag 1990 noch einmal ein spätes „Projekt“

06:00 31.12.2018
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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