Was heisst Patientenwille?

KOMMENTAR Sterbehilfe-Debatte

"Rechtswidrig, aber straffrei, wenn ..." - die Formel klingt bekannt, sie umschreibt seit zehn Jahren den höchstrichterlich abgesegneten Kompromiss beim Schwangerschaftsabbruch und hat eine - zumindest in Westdeutschland - lange währende Praxis legalisiert. Das Rechtskonstrukt ähnelt in mancher Hinsicht der niederländischen Situation in Sachen Sterbehilfe: Auch dort ist, entgegen anders lautender Kommentare, die aktive Sterbehilfe grundsätzlich weiterhin strafbar, sie wird - wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind - jedoch nicht kriminalisiert. Nach dem neuen Gesetz soll sich der Arzt vergewissern, ob es sich um ein "wohlüberlegtes" Hilfsgesuch handelt und die Chancen des Patienten aussichtslos sind. Der Arzt ist gegenüber einem nichtstaatlicher Prüfungsausschuss berichtspflichtig, dieser entscheidet, ob das Vorgehen korrekt war.

Dass diese weltweit erste nun in Kraft getretene Regelung zur aktiven Sterbehilfe, die - im Unterschied zur passiven Sterbehilfe, die lebensverlängernde Maßnahmen "nur" unterlässt - die Tötung auf Verlangen unterstützt, dennoch heftiger Kritik ausgesetzt ist, hat gute Gründe: Einmal erinnert die Beihilfe zum Sterben an die nationalsozialistischen "Euthanasie"-Gesetze. Zum anderen wird kritisiert, dass sich der Staat bei der Kontrolle über Leben und Tod zurückzieht und diese Gutachter-Gremien überlässt; wobei bereits die Ärzte, die die lebensbeendenden Maßnahmen herbeiführen, überfordert sind, derartige Entscheidungen zu treffen. Und nicht zuletzt wird eingewandt, dass diese Art von "Entsorgung" davon ablenkt, dass humanes Sterben in unseren hochtechnisierten Gesellschaften offenbar nicht mehr möglich ist.

Kaum problematisiert wird dagegen das Selbstbestimmungsrecht der einwilligungsfähigen Patienten oder ihr "mutmaßlicher Wille". Nur: Wer in Zeiten bester Gesundheit einen Patientenwillen verfügt, weiß nichts über seinen Lebenswillen, wenn er im Krankenzimmer liegt. Unerträglich ist das Leiden vor allem für die hilflosen Zuschauer - dagegen ist der "mutmaßliche Wille" ein Konstrukt, das schon im Falle von Organentnahmen in die Kritik geraten ist. Aus der Forschung über Nahtod-Erfahrungen weiß man einiges über die "lichten" Bewusstseinszustände etwa von komatösen Patienten, die denen von Sterbenden ähneln mögen.

So wichtig die genannten Einwände sind, die aufgeregte Sterbehilfe-Debatte vernachlässigt darüber nachzudenken, wie grundlegend die Intensivmedizin unser Verständnis von Tod verändert hat: Auf einen Zeitpunkt fixiert - wie etwa bei der Hirntodbestimmung - wird der Tod auf ein punktuelles "Ereignis" reduziert, statt ihn als Prozess zu akzeptieren, der teilnehmende Annahme erfordert - auch wenn er sich letztlich unserem Verständnis entzieht.

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Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Redakteurin „Politik“ (Freie Mitarbeiterin)

Ulrike Baureithel studierte nach ihrer Berufsausbildung Literaturwissenschaft, Geschichte und Soziologie und arbeitete während des Studiums bereits journalistisch. 1990 kam sie nach Berlin zur Volkszeitung, war im November 1990 Mitbegründerin des Freitag und langjährige Redakteurin in verschiedenen Ressorts. Seit 2009 schreibt sie dort als thematische Allrounderin, zuletzt vor allem zuständig für das Pandemiegeschehen. Sie ist außerdem Buchautorin, Lektorin und seit 1997 Lehrbeauftragte am Institut für deutsche Literatur der Humboldt Universität zu Berlin.

Ulrike Baureithel

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