Ulrike Baureithel
27.04.2012 | 14:00 57

Welche Rollenbilder ver­mitteln Schulbücher?

Frauensache In Lehrbüchern spielen Mädchen zwar auch mal Fußball, aber spätestens wenn es um Gefühle geht, hat alles seine heterosexuelle Ordnung. Ein Plädoyer für mehr Vielfalt

Bei dem Berliner Klinikkonzern Vivantes herrscht Trouble: Der Orthopädie-Chefin Karin Büttner-Janz flatterte vor Kurzem die fristlose Kündigung ins Haus. Der Grund sei, so behauptet die Ärztin, ihre "persönliche Beziehung", die sie zu einer leitenden Mitarbeiterin unterhalte. Die Geschäftsführung sehe dadurch das "Betriebsklima" verschlechtert. Nun tobt ein Streit um die wahren Gründe der Kündigung, der zum Arbeitsgericht führt.

Dass allein diese – etwas verklemmt als "persönliche Beziehung" umschriebene – lesbische Liebe zum Thema in einem Kündigungsverfahren wird, ist erstaunlich in einer Stadt, in der Homosexualität relativ offen gelebt wird.

Offenbar ist die Anerkennung sexueller Identitäten jenseits der Mann-Frau-Liebe noch immer nicht so selbstverständlich, wie man an­nehmen sollte – und das hat Gründe. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. In deutschen Schul­büchern ist zwar mittlerweile angekommen, dass es Männer und Frauen gibt, mit den gleichen Rechten und Ansprüchen. Aber gleichgeschlechtliche Liebe? Oder Menschen, die irgendwo "dazwischen" sind?

Heterosexueller Normalfall

Eine Studie, die die Genderforscherin Melanie Bittner vor Kurzem bei der Friedrich-Ebert-Stiftung vorstellte, zeigt, dass Heterosexualität noch immer als Normalfall in der Gesellschaft gilt.

In Englischbüchern zoffen sich Jungs und Mädels zwar gelegentlich über Hausarbeit – und Mädchen spielen auch mal Fußball; aber sie sind immer als ihr jeweiliges Geschlecht erkennbar, auch wenn es um Schmetterlinge im Bauch geht, hat alles seine heterosexuelle Ordnung. In den "richtigen" Familien gibt es Väter und Mütter und allenfalls geschiedene Alleinerziehende. Kinder mit zwei Müttern oder zwei Vätern finden sich in deutschen Schulbüchern jedoch nicht.

Im Fach Biologie, das gegen alle Einsichten noch immer allein zuständig für die Sexualerziehung ist, lernen Pubertierende, dass Jungen und Mädchen bei der Geburt zweifelsfrei zu unterscheiden sind, und dass ein "steifer Penis in die Scheide eindringt". Wie war das noch mit der Theorie vom männlich-dominanten Sex und dem Mythos vom vaginalen Orgasmus? Die normativen Darstellungsweisen, nicht nur in Lehrbüchern, schließen viele real vorhandene geschlechtliche und sexuelle Identitäten aus. Es muss also gehandelt – und für eine "diskriminierungsfreie Wissensvermittlung" gekämpft werden. Wie dringlich das ist, zeigt gerade der Streitfall bei Vivantes.

Kommentare (57)

Lethe 27.04.2012 | 16:51

... dass Heterosexualität noch immer als Normalfall in der Gesellschaft gilt.

dem könnte natürlich entgegen gehalten werden, dass Heterosexualität immer noch der Normalfall sexueller Orientierung ist. Und es daher selbstverständlich ist, wenn sie auch als Normalfall sexueller Orientierung gilt.

Da Schule nicht nur etwas mit Vorbereitung für den zukünftigen Beruf zu tun hat sondern auch mit der Injektion von Werte- und Normgewissheiten, ist es jedenfalls kaum verwunderlich, wenn um die Abweichungen vom Normfall kein Aufhebens gemacht wird.

Ganz grundsätzlich denke ich, das Homosexuellen und Transgendern alle Rechte und Selbstverständlichkeit zukommen, die auch Heterosexuellen zugestanden werden. Trotzdem macht das aus Ausnahmeerscheinungen noch keine Regelvariante. Eine Analogie: Ein Albino ist in jeder erdenklichen Hinsicht ein Mensch. Trotzdem gibt es ein distinktives Merkmal, dem zwar keine Wertigkeit zukommen darf, das aber trotzdem distinktiv ist. Genau so resultiert aus abweichenden sexuellen Orientierungen kein Werteunterschied (und auch ein Rechte-Unterschied darf daraus nicht resultieren). Die Orientierung ist trotzdem distinktiv.

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hotel-ostoria 27.04.2012 | 17:38

Warum noch mal gibt es Sexualität?
Heterosexualität ist aus guten Grunde der Normalfall: natürliche Fortpflanzung.

Jedes Kind kann aktuell die Tauben bei ihrem "heteronormativen" tun beobachten.

Zumal nach Gendertheorie sexuelle Orientierung - ob nun homo, trans oder hetero - ja eh nur gesellschaftliches Konstrukt und somit "heilbar" ist.

Erzählt das mal einem Kind.

Ullrich Läntzsch 27.04.2012 | 18:00

Lieber Lethe,

warum hinter dem Fremdwort verstecken? Distinktiv heißt schlicht und ergreifend, bedeutungsunterscheidend. Auf welche Bedeutungsunterschiede wollen Sie hinaus?

Analogieschlüsse sind immer fragwürdig. "Albino"? -
Albinismus [...] ist eine Sammelbezeichnung für angeborene Störungen in der Biosynthese der Melanine (das sind Pigmente oder Farbstoffe) und der daraus resultierenden helleren Haut-, Haar- und Augenfarbe. Fällt ihnen etwas auf? ... angeborene Störungen ... Ist es das, was Sie unter kein Werteunterschied verstehen?

Sexuelle Orientierung ist Privatangelegenheit. Mir erscheint es, als würden Sie aus aus Häufigkeitsunterschieden Bedeutungsunterschiede heruaslesen wollen. Dies fände ich merkwürdig, um nicht zu sagen bedenklich.

Von den Personen abgesehen, für die ich mich aus sexueller Neigung interessiere, ist es mir so was von absolut schnurzpiepegal, welche Orientiung wer auch immer anhängen mag, so lang darunter niemand zu leiden hat.

Allerbeste
Ullrich Läntzsch

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hotel-ostoria 27.04.2012 | 19:13

Ach, und wie war das noch mal mit Rollenbildern in Politik und Medien?

"Meine Medienpräsenz besteht zu 80% aus Fotos, Kommentaren über meine Frisur, meine Kleidung, meine Hobbies, meine Art. Hach, wie hübsch und hach, wie erfrischend, heißt es da immer. Ja, ich bin für die Öffentlichkeit gerade eine angenehme Gestalt – jung, engagiert, weiblich. … Warum in der Piratenpartei so wenige Frauen sind? Weil in der Politik so wenige Frauen sind! … Weil die Zeitungen über sie nur berichten, was sie an haben, oder Heldenstories mit ihnen machen, wie sie sich als Frau durchschlagen… Deshalb!

Ich bin in der Piratenpartei nie Sexismus begegnet. Ich habe nicht an Sexismus geglaubt. Aber das hier ist er. … Aber war es wirklich das, warum ihr Journalisten werden wolltet? Damals? Um bei einer neu aufkommenden politischen Bewegung, die überraschend viel Zulauf erfährt, über den Lippenstift der politischen Geschäftsführerin zu schreiben?

Ich hasse es…, dass ich 'Star' der Piraten genannt werde, weil das einfach falsch ist, weil ich kein Star bin, weil wir einfach zusammenarbeiten… Es geht darum, zu erklären, was im Moment möglicherweise falsch läuft…"

Derlei wird nur noch von stereotypen Diffamierungen dieser Art überboten:

www.freitag.de/alltag/1204-m-nner-frauensache

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dice 27.04.2012 | 21:24

Nicht Heterosexualität ist der Normalfall im Tierreich, sondern Asexualität. Die meisten Tiere unsere Größenordnung haben das ganze Jahr Ruhe und nur sehr sehr selten Sex. Sie sind also immer nur kurze Zeit heterosexuell, dann wieder asexuell.

Das kommt im Biologie-Unterricht aber nicht vor. Dort wird die Sexualität extrem überbetont, wahrscheinlich weil man sich das Leben der Tiere nicht weiter vorstellen will oder kann. Wenn eine Kuh 364 Tage auf der Wiese steht und wiederkäut ist das keine Story, aber wenn am 365. Tag der Bulle dazu kommt, sich kurz mit einem anderen Bullen streitet und dann die Kuh begattet, gilt das als wertvolle Beobachtung. So tickt der Biologie-Unterricht. Und natürlich wird das auch auf Menschen übertragen. Ich weiß nicht wie es dazu gekommen ist. Anti-Kirche in der Aufklärung?

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hotel-ostoria 27.04.2012 | 22:11

@Dice

Ich weiß nicht wo Sie zur Schule gegangen sind, aber zu meiner Zeit in der DDR wurde schon das zyklische Brunftverhalten bestimmter Tiere unterrichtet.
Gerade hier zeigen sich ja weitere Zusammenhänge hinsichtlich natürliche Fortpflanzung, denn ein harter Winter hält kaum Nahrung für ausgewachsene Tiere bereit.
Menschen sind dank gewisser Kulturleistungen diesen naturgegebenen Einschränkungen enthoben.

Und dass SEX überbewertet wird, hat bekanntlich auch Mick Jagger wissen lassen – jedoch in einem Alter, in welchem die Hormone kaum noch zu Dummheiten verleiten.

EnidanH 27.04.2012 | 23:14

@Ullrich Läntzsch:
Wie Sie so schön schreiben "scheint es, dass...", der Schein kann trügen. Lethe schreibt ja nun wirklich extra und nochmals extra, dass aus Unterschieden keine Wertungen hervor gehen, es aber dennoch Unterschiede bleiben. Es ist so wie es ist, das ist Toleranz.

Sie dichten ihm nun aber etwas an, dass er nicht ausdrückt, sogar verneint. Also entweder wissen Sie etwas, dass hier nicht sichtbar wird oder Sie befinden sich auf Glatteis. Das ist eine typisch deutsche Erscheinung, dass man zwar von Vielfalt redet, aber die eben nicht lebt, also das Existieren unterschiedlicher Meinungen.

Was das Thema angeht, klammert die Autorin aus, dass der Biologieunterricht sich a) an Kinder oder Heranwachsende richtet, die mit Gender usw. noch gar nichts anfangen können, und die als Erwachsene erst erfahren, was das praktisch gelebt heisst, nennt man auch Lebenserfahrung. Zweitens ist der Biologieunterricht in der Schule kein Porno zur Anschauung des menschlichen Lusttriebs, sondern ziel eher in Richtung Fortpflanzung. Und solange das eine Sache von Mann mit Frau oder umgekehrt ist, es sei denn die Soziologen finden noch ein Mittel dagegen, solange ist der Unterricht so wie er ist. Und c): Erziehung zu Toleranz fällt immer noch zuerst in die Elternhände.

Lethe 27.04.2012 | 23:49

ja Herr Läntsch, da muss ich mich dafür entschuldigen, dass mir zwei sehr ähnliche Begrifflichkeiten durcheinander geraten sind - vielleicht sollte ich nichts schreiben, wenn ich gerade den Kopf mit anderen Dingen voll habe :-)

In der Sache brauche ich allerdings nichts zurück zu nehmen. EnidanH hat bereits klargestellt, um was es mir geht, vielleicht erkläre ich mich noch mal präziser:

die Feststellung von Unterschieden ist eine Frage der Wahrnehmung, die Feststellung von Bedeutungen und/oder Werten ist eine Frage der Interpretation. Statt Wahrnehmungen in Frage zu stellen, stelle ich mir vor, dass schon jungen Menschen klar gemacht wird, dass aus bestimmten Unterschieden keine Bedeutungs-, Werte- oder Rechte-Unterschiede abgeleitet werden dürfen, aus anderen aber wohl. Zu der ersten Sorte zähle ich u.a. Hautfarbe, Geschlecht, sexuelle Orientierung, die meisten Berufe, Kleidung, zur zweiten Sorte begangene Verbrechen u.ä.

Lethe 27.04.2012 | 23:49

ja Herr Läntsch, da muss ich mich dafür entschuldigen, dass mir zwei sehr ähnliche Begrifflichkeiten durcheinander geraten sind - vielleicht sollte ich nichts schreiben, wenn ich gerade den Kopf mit anderen Dingen voll habe :-)

In der Sache brauche ich allerdings nichts zurück zu nehmen. EnidanH hat bereits klargestellt, um was es mir geht, vielleicht erkläre ich mich noch mal präziser:

die Feststellung von Unterschieden ist eine Frage der Wahrnehmung, die Feststellung von Bedeutungen und/oder Werten ist eine Frage der Interpretation. Statt Wahrnehmungen in Frage zu stellen, stelle ich mir vor, dass schon jungen Menschen klar gemacht wird, dass aus bestimmten Unterschieden keine Bedeutungs-, Werte- oder Rechte-Unterschiede abgeleitet werden dürfen, aus anderen aber wohl. Zu der ersten Sorte zähle ich u.a. Hautfarbe, Geschlecht, sexuelle Orientierung, die meisten Berufe, Kleidung, zur zweiten Sorte begangene Verbrechen u.ä.

Lethe 27.04.2012 | 23:49

ja Herr Läntsch, da muss ich mich dafür entschuldigen, dass mir zwei sehr ähnliche Begrifflichkeiten durcheinander geraten sind - vielleicht sollte ich nichts schreiben, wenn ich gerade den Kopf mit anderen Dingen voll habe :-)

In der Sache brauche ich allerdings nichts zurück zu nehmen. EnidanH hat bereits klargestellt, um was es mir geht, vielleicht erkläre ich mich noch mal präziser:

die Feststellung von Unterschieden ist eine Frage der Wahrnehmung, die Feststellung von Bedeutungen und/oder Werten ist eine Frage der Interpretation. Statt Wahrnehmungen in Frage zu stellen, stelle ich mir vor, dass schon jungen Menschen klar gemacht wird, dass aus bestimmten Unterschieden keine Bedeutungs-, Werte- oder Rechte-Unterschiede abgeleitet werden dürfen, aus anderen aber wohl. Zu der ersten Sorte zähle ich u.a. Hautfarbe, Geschlecht, sexuelle Orientierung, die meisten Berufe, Kleidung, zur zweiten Sorte begangene Verbrechen u.ä.

Schneeball 28.04.2012 | 02:52

Als Biologielehrer und somit auch Erzieher (neben der Erziehung der Eltern) möchte ich erst einmal klarstellen, dass neben "Fortpflanzung beim Menschen" insbesondere auf Themen der allgemeinen Sexualerziehung eingegangen werden muss. Darunter fällt auch das Themengebiet "Vielfalt von Lebensweisen", welches ziemlich deutlich macht, dass Homosexualität NICHT nur homosexueller Sex bedeutet. Hierbei geht es vor allem um Lebenskonzepte, partnerschaftliche Fürsorge, Fragen des Zusammenseins, Toleranz in der Gesellschaft und sicherlich auch die GLEICHRANGIGKEIT von diesen Lebensweisen gegenüber dem Lebensmodell "Mann, Frau, Haus und Hund". Damit die Jugendlichen in einer späteren Phase ihres Lebens überhaupt die Freiheit der Wahl auch annehmen und umsetzen können, gehört es zu meiner Pflicht diese Diversität von Lebensmodellen aufzuzeigen. Wenn es schon die Eltern nicht machen...obwohl es doch eigentlich ihre Aufgabe sein sollte. ;-) Aber das liegt wiederum daran, dass ihnen auch nur ein einziges Lebensmodell vorgestellt worden ist.

Schneeball 28.04.2012 | 03:13

Als Biologielehrer...

...und somit auch Erzieher (neben der Erziehung der Eltern) möchte ich erst einmal klarstellen, dass neben "Fortpflanzung beim Menschen" insbesondere auf Themen der allgemeinen Sexualerziehung eingegangen werden muss. Darunter fällt auch das Themengebiet "Vielfalt von Lebensweisen", welches ziemlich deutlich macht, dass z.B. Homosexualität NICHT nur homosexueller Sex bedeutet. Hierbei geht es vor allem um Lebenskonzepte, partnerschaftliche Fürsorge, Fragen des Zusammenseins, Toleranz in der Gesellschaft und sicherlich auch die GLEICHRANGIGKEIT von diesen Lebensweisen gegenüber dem Lebensmodell "Mann, Frau, Haus und Hund". Damit die Jugendlichen in einer späteren Phase ihres Lebens überhaupt die Freiheit der Wahl auch annehmen und selbstverantwortlich umsetzen können, gehört es zu meiner Pflicht, diese Diversität von Lebensmodellen aufzuzeigen. Wenn es schon die Eltern nicht machen...obwohl es doch eigentlich ihre Aufgabe sein sollte. ;-) Aber das liegt wiederum daran, dass ihnen auch nur ein einziges Lebensmodell vorgestellt worden ist.

Als Biologe möchte und MUSS ich deutlich machen, dass bei über 1500 Tierarten Homosexualität "zum Alltag" gehört. Auch hier wird deutlich, dass aufgrund der notwendigen Fortpflanzung (hier sicherlich zwischen Mann und Frau) die Beziehung nicht unbedingt -aufgrund der Arterhaltung- in einer heterosexuellen Beziehung münden muss. Aus unterschiedlichen Gründen (z.B. Stabilität der Beziehung) sind andere Beziehungsmodelle von Vorteil und lassen Tierarten NICHT deshalb gleich aussterben. Das ist völliger Unfug. Viele Meeressäuger pflegen beispielsweise eine homosexuelle Beziehung und trennen sich nur für den Fortpflanzungsakt. Anschließend kehren sie wieder in ihre alten Beziehungen zurück.

Und gerade weil viele Menschen das durcheinander bringen, müssen Schüler darüber aufgeklärt werden. Somit können sie beruhigt schlafen und wissen, dass ihr gewähltes Lebenskonzept (Homosexualität, Bisexualität, Transgender etc.) völlig "normal" ist und sie damit NICHT den Weiterbestand der Art gefährden.

Ich sehe schon...Nachsitzen ist wohl angebracht. ;-)

chrislow 28.04.2012 | 12:30

Hotel Ostoria schrieb am 27.04.2012 um 15:38

"Zumal nach Gendertheorie sexuelle Orientierung - ob nun homo, trans oder hetero - ja eh nur gesellschaftliches Konstrukt und somit "heilbar" ist."

-> Ist es das? Ist es also ein Verhaltensmuster und kann es also nicht unbedingt verändert werden, jedoch eingeübt oder trainiert werden?

Ich glaube nicht. Der eigendliche Impuls sei eine Art Trieb - was Kultur daraus macht, ist dass, was wir heute überall sehen und hier besprechen. Eigendlich sind es inzwischen zwei Dinge.

Interessant sei die Anmerkung, dass es eine Art Normalität der Asexualität gibt - das Jahr hinweg, welche nur durch die Paarungszeit unterbrochen ist. Das trifft jedoch wohl mindestens nicht auf Affen zu (und auch nicht beim Menschen - wo Paarungszeiten nicht bekannt sind).

---

Und was Bruce Bagemihl und seinem Buch angeht: Diesem Inhalt würde ich mich etwas distanziert nähern. Der Herr ist bekannt als Linguist (Ph.D) und Biologe - nicht jedoch gehört ist von ihm, dass er als Verhaltensforscher bekannt und geachtet sei, weil er sich über viele Jahre hat in Afrikas Steppen und auch sonst viel in Wildnis herumgetrieben. Ich hoffe doch nicht, dass er seine Beobachtungen in einem Tierpark gemacht hat (obwohl es dann wieder in gewissen Maße auf den Menschen übertragbar wäre).

Achtermann 28.04.2012 | 18:48

Ulrike Baureithel schreibt:

In Lehrbüchern spielen Mädchen zwar auch mal Fußball, aber spätestens wenn es um Gefühle geht, hat alles seine heterosexuelle Ordnung.

Ich bezweifle diese These, weil sie nicht ausreichend belegt ist. Schwule und Lesben spüren doch mittlerweile die Gefahr, nicht mehr in die diskriminierende Außenseiterrolle gedrängt zu werden. Das kann das Selbstverständnis, in das sie hineingewachsen sind, ankratzen. Dass inzwischen sogar in der CDU sich führende Politiker als schwul outen und anerkannt werden, ist doch ein Zeichen dafür, dass diese sexuelle Orientierung kaum noch einen Sexualapostel hinter der Heizung hervorlockt. Die schwul-lesbische Orientierung wächst immer schneller in den bürgerlichen Alltag hinein. Jetzt wird noch im letzten Mauseloch, hier in den Schulbüchern, geschnüffelt, um da und dort noch den liebgewonnenen Diskriminierungsverdacht zu finden, um weiterhin mit der Empörungsmasche durchs Land ziehen zu können.

Der Blick in den aktuellen Lehrplan der gymnasialen Oberstufe in Rheinland-Pfalz zeigt, dass die behauptete Diskriminierung nicht stimmt. Dort steht eindeutig und klar folgendes:

Der Mensch als Liebender/Vertiefungswissen
- Einsicht in die zentrale Rolle der Liebe im Leben des Menschen
- Liebe und Sexualität
- Liebe zwischen Kind und Eltern
- Nächsten- und Fernstenliebe
- hetero-, homosexuelle Liebe

Ich kann hier keine Diskriminierung der homosexuellen Liebe erkennen.

Popkontext 29.04.2012 | 14:43

Danke für den Artikel. Das sind ja gleich zwei Sachen, einmal der Vivantes-Fall, den ich gar nicht mitgekriegt habe. Es ist natürlich als Nichbeteiligte unmöglich wirklich zu beurteilen, wer im recht ist. Und selbst wenn man beteiligt ist, liegt es sicher an der persönlichen Sichtweise. Zumindest wahrscheinlich ist es jedoch, dass Frau Büttner-Janz weniger krasse Sanktionen erfahren hätte und ihr vielleicht tatsächlich problematisches Verhalten eher akzeptiert worden wäre, wenn sie ein heterosexueller Mann in der gleichen Situation. Und zwar aufgrund der anerzogenen Rollenbilder - was sexuelle Normen angeht und auch "weibliches" und "männliches" Verhalten ist. Ein aggressiver Führungsstil und ein gewisses selbstherrliches, egozentrisches und dominantes Verhalten wird noch immer eher bei Männern toleriert, ebenso wie sexuelle Beziehungen zu Untergebenen. Bei Männern ist das, wenn vielleicht auch unschön, "normal" - bei Frauen der Untergang des Abendlandes, gegen den man mit aller Macht einschreiten muss. Das ist nicht anders als vor 100, 200 jahren, wo lesbische Beziehungen teilweise auch geduldet und akzeptiert wurden - solange sich nicht eine der Partnerinnen anmasste, als "männlicher" Teil auch die Privilegien von Männern in der Öffentlichkeit zu beanspruchen.

Und wie wichtig (und fehlend) Rollenvorbilder für nicht klassisch heterosexuelle Kinder sind weiß ich von schwulen Freunden: Einer hatte immerhin Herrn von Bödefeld aus der Sesamstraße, wo er dachte, dass ist seine Welt, ein anderer ist aus allen Wolken gefallen, als er merkte, er ist schwul. Die Option gab es in seinem Umfeld einfach nicht. Ich kann es nicht beurteilen, wie das heute läuft (das war in den 70er / 80er Jahren), aber das Ergebnis der Studie überrascht mich leider nicht. Homosexualität und alles andere von einer bürgerlichen Norm Abweichende wird noch immer als das "Andere", Exotische betrachtet, wenn es überhaupt vorkommt, und nicht als gleichwertiger Teil eines Spektrums, eine von vielen Optionen. Den Grundstein muss man schon bei Kindern legen, und da lob ich mir meine Erziehung, in der mir - zumindest in der Theorie - klar beigebracht wurde, Menschen nicht nach sexueller Orientierung, Geschlecht, ethnischer Herkunft etc. zu beurteilen.

Was mir zu den Vergleichen mit der Tierwelt noch einfällt - die finde ich an einem ganze entscheidenden Punkt immer völlig absurd: Was uns von Tieren unterscheidet ist ja, dass wir unsere Verhalten im Zweifel reflektieren, und in einer Gesellschaft leben, die von einer bewusst gestalteten Kultur bestimmt ist, die sich "Zivilisation" nennt. Da ist es völlig Wurst, wie Tiere sich verhalten: Wir müssen als Menschen überlegen, wie wir uns untereinander verhalten wollen, und dazu gehört auch Sex.

Achtermann 29.04.2012 | 15:44

Ulrike Baureithel

Sie [= die Studie] ist beleget, zumindest im Hinblick auf die Auswahl, die die Autorin für ihre Studie gemacht hat. Also: reinschauen!

Danke für den Hinweis. Ohne Hilfe wäre ich natürlich nicht draufgekommen, reinzuschauen. Insgesamt wurden 28 Schulbücher untersucht. Die Autorin der Studie beschreibt selbst, und das ist anzuerkennen, wie schwierig es sei, repräsentatives Forschungsmaterial zu finden. Sie konstatiert, dass der Markt für 16 Bundesländer sehr unübersichtlich sei:

"Selbst für nur eine Jahrgangsstufe kommen also grob geschätzt schnell über 100 Bücher für Fächer wie Geschichte oder Biologie zusammen – und das in nur einer Jahrgangsstufe." Von den ausgewählten Büchern sind allein sechs von 2005. Sie sind also mindestens sieben Jahre alt. Bei dieser Thematik ist diese Zeitspanne nicht einfach zu vernachlässigen. Aus diesen und anderen Gründen halte ich das Skandalisieren der Thematik der Intersexualität in den Schulbüchern nicht angemessen:

"Der Vergleich empirischer Befunde verschiedener Schulbuchanalysen aus den 70er-, 80er- und 90er-Jahren zeigt [...], dass sich die Geschlechterdarstellungen in den analysierten Schulbüchern durchaus weiterentwickelt haben. Dies geschah allerdings – im Sinne einer gleichberechtigten Präsentation der Geschlechter im Schulbuch – häufig nicht in ausreichender Weise.“ (Hunze)

Der Schulbuchmarkt ist zwangsläufig träge, weil er nur im Austausch mit den 16 Bundesländern, deren Regierungen nicht selten wechseln, in Gang gehalten werden kann. Und niemand weiß, darauf geht die Autorin ebenfalls ein, wie die Lehrerinnen und Lehrer mit den Schulbüchern umgehen. Setzen sie diese überhaupt ein? Übernehmen sie blauäugig deren Inhalt eins zu eins? Stehen sie den Inhalten kritisch gegenüber? Darüber, sagt die Autorin, gäbe es keine Untersuchungen.

Hier noch ein Beispiel echter Diskriminierung übergewichtiger Frauen:

Frau Zuvielfraß kauft sich zum Frühstück acht Melonen für Zusammen 35,84 €. Die neunte Melone bekommt sie 2,34 € billiger. Was kostet sie?

Quelle: Westermann, Mathematikus 4, Übungsteil

Ulrike Baureithel 29.04.2012 | 23:35

Sorry, das verstehe ich nicht: Entweder gibt es, wie Sie sagen, keine heterosexuelle Normierung - oder der Schulbuchmarkt ist träge und hinkt, was andere Lebensformen oder sexuelle Orientierung betrifft "nur" hinterher.
Es gab aber eine Diskussion bei der FES-Vorstellung, bei sich betroffene Pädagogen und andere Multiplikatoren über das Thema ausgetauscht haben. Soweit ich es überblicke, wurde die These von Bittner nicht so grundsätzlich in Frage gestellt wie von Ihnen.

Ulrike Baureithel 29.04.2012 | 23:36

Sorry, das verstehe ich nicht: Entweder gibt es, wie Sie sagen, keine heterosexuelle Normierung - oder der Schulbuchmarkt ist träge und hinkt, was andere Lebensformen oder sexuelle Orientierung betrifft "nur" hinterher.
Es gab aber eine Diskussion bei der FES-Vorstellung, bei sich betroffene Pädagogen und andere Multiplikatoren über das Thema ausgetauscht haben. Soweit ich es überblicke, wurde die These von Bittner nicht so grundsätzlich in Frage gestellt wie von Ihnen.

Das Beispiel, das Sie nennen, ist allerdings sehr krass.

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Ehemaliger Nutzer 30.04.2012 | 11:44

Anmerkungen zu einer Person, die nicht einfach "irgendeine akademische Lesbe" ist:
Karin Janz (seit ihrer Heirat Karin Büttner-Janz) (* 17. Februar 1952 in Hartmannsdorf, heute Stadtteil von Lübben (Spreewald)), ist eine ehemalige deutsche Kunstturnerin, zweifache Olympiasiegerin bei den XX. Olympischen Sommerspielen 1972 [...] Weltmeisterin 1970 (Stufenbarren), vierfache Europameisterin und 20-fache DDR-Meisterin. Mit insgesamt 17 Medaillen ist sie die erfolgreichste Turnerin der deutschen Sportgeschichte und eine der weltbesten Turnerinnen. Als habilitierte Ärztin leitet sie zwei Kliniken, die Orthopädische Klinik des Vivantes Klinikums Berlin-Friedrichshain sowie die Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie im Vivantes-Klinikum Am Urban. Gemeinsam mit Kurt Schellnack hat sie eine künstliche Bandscheibe erfunden, mit internationalem Patent." (wikipedia)

"Unsere Mandantin ist seit 1990 beim Klinikkonzern Vivantes bzw. dessen Rechtsvorgängerin als Chefärztin beschäftigt, seit 2008 als Chefärztin der Klinik für Orthopädie im Klinikum im Friedrichshain sowie als Chefärztin der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie im Klinikum Am Urban.

Aus der Presserklärung:
"Seit April 2011 unterhielt unsere Mandantin eine gleichgeschlechtliche Beziehung zu einer Vivantes-Mitarbeiterin aus der Führungsebene. Am 13. und 15. März 2012 führte der Vorsitzende der Geschäftsführung der Vivantes Netzwerk für Gesundheit GmbH, Herr Joachim Bovelet, zwei persönliche Gespräche mit unserer Mandantin, in denen Herr Bovelet unserer Mandantin mitteilte, dass sie aufgrund der dargelegten Beziehung nicht mehr als Chefärztin für Vivantes tätig sein könne."

www.presseportal.de/pm/62754/2236988/presserklaerung-zum-verfahren-prof-dr-karin-buettner-janz-gegen-vivantes

Weitere Ansichten:
Frau Janz - Büttner ist dieses Jahr 60 geworden und unterhält als - wie der Doppel-Nachname nahelegt - seit letztem Jahr als verheiratete Frau eine lesbische Beziehung innerhalb von Vivantes - Skandal!
Was fällt einer derart kompetenten, beruflich sehr erfolgreichen und dazu noch prominenten Frau im letzten Lebensdrittel ein, sich zu ihrer sexuellen Orientierung zu bekennen und dafür nicht nur den Rausschmiß aus ihrem sicher extrem gut bezahlten Job zu riskieren und ihren Ruf bzw. ihre Vorzeigbarkeit zu gefährden?

Die Reaktion ihrer Chefs ist m.A.n. auch darauf zurück zu führen, daß diese sich in der Person Karin Janz-Büttner getäuscht sehen.
Aber bitte - was für ein u.U. jahrzehntelanges Versteckspiel verbirgt sich hinter dieser "Story"?
Das wirft auch ein Schlaglicht auf den Umgang mit Homosexualität im Hochleistungssport - diesmal in einer Ost-West-Erfolgsbiographie, das ist die hintergründig-subjektive und von außen kaum zu ermessende Dimension dieses "Falls".
Da dürften noch einige andere KollegInnen und WeggefährtInnen der ehemaligen Lichtgestalt des deutschen Turnens und der Medizin das Bedürfnis haben sich in den Arm zu kneifen...

Hoffentlich bedeutet dieses erzwungene mediale Coming-Out keinen tiefen Fall, weder beruflich noch privat, für die Betroffenen bzw. "Beschuldigten", sondern eine Wendung zu mehr Offenheit in Schule, Beruf und der Welt des Sports.

Jedenfalls wünsche ich, auch und gerade als Vater einer lesbischen Tochter, ihr viel Standfestigkeit, Durchhaltevermögen, Mut und die die nötige mitmenschliche Solidarität, die sie n.m.M. ganz besonders verdient hat.

I.

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Ehemaliger Nutzer 30.04.2012 | 14:46

Hallo popkontext:

Das "Problematische" am Verhalten von Frau Büttner-Janz besteht m.E. nicht in einer Liebesbeziehung zu einer Kollegin, sondern in den angedichteten Eigenschaften dieser Verbindung und der Prominenz (siehe unten) der Gekündigten/Klagenden.

A - ist der unausgesprochene Verdacht der Vorteilsnahme durch Unterhaltung privater Beziehungen zur Führungsebene des Unternehmens präsent, was zwar kein Kündigungsgrund ist, aber das Vorvertrauen in die Loyalität der Mitarbeiternnen seitens der Chefetage mindern kann - und Unruhe im Betrieb schaffen...

B - ist der Umstand, daß es sich um eine homosexuelle Beziehung handelt in einem Unternehmen in dem der phys. Kontakt des Personals mit den Kunden bspw. bei Untersuchungen der PatientInnen alltäglich ist, insoweit problematisch, wie es für die heterosexuell orientierten Zubehandelnden schwierig sein kann, sich in der Behandlungssituation dem Thema Homosexualität der behandelnden Ärztin zu stellen - was u.U. viele Patientinnen ablehnen würden, wenn sie davon erführen, jedenfalls ist das - betrachtet man die Vorbehalte ggü Homosexuellen allgemein - erwartbar und jede offene bzw. öffentliche Ablehnung einer Patientin oder eines Patientin dürfte für Unruhe sorgen.

3 das Outingproblem ist übrigens ganz ähnlich dem, was z.B. Eltern im päd. Bereich vom Personal und die Hetero-KollegInnen von ihren homosexuellen KollegInnen erwarten, nämlich ein Verbergen ihrer sexuellen Orientierung - weil ein offenes Bekenntnis Eltern und KollegInnen abschrecken und die (latent homophobiebedrohten) Kooperationsebenen gefährden könnte.

4 zeigt sich am Beispiel von Büttner-Janz auch ein extremes Versteckspiel im Hochleistungssport - ich meine, die Frauen benutz(t)en ja i.d.R. die gleichen Duschen und erleben die Nacktsituation als völlig normal - wenn Heten aber im Nachhinein erfahren, daß sie diese Situation mit Homosexuellen teilten, wird einigen bestimmt seltsam zumute.

(unsere Tochter bspw hat - als Leistungssportlerin im Mannschaftssport - mit Rücksicht darauf die gemeinsame Duschsituation stets gemieden - eine derartige Dauer-Vermeidung kommt einem Selbstouting allerdings schon sehr nahe und ist ein klassisches Dilemma von homosexuellen SportlerInnen; erst ein echtes Coming-Out löst dieses in Richtung Integration und Akzeptanz - oder durch Ausstieg...)

I.

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Ehemaliger Nutzer 30.04.2012 | 17:28

simplifiziert:
es gibt Tätigkeiten/Berufe/Branchen in denen gleichgeschlechtliche Körperkontakte und / oder Nacktbegegnungen unvermeidlich bzw. Teil des Tuns sind.
So im Mannschafts/Gruppensport, beim Militär/Polizei, in medizinischen und pflegerischen Berufen, in einigen sozialen, therapeutischen, bildenden und pädagogischen Jobs.

Bzgl. konkretem Fall:
Im medizinischen Bereich ist es üblich, daß Frauen von Frauen und Männer von Männern näher untersucht werden, soweit möglich - insbesondere bei Frauen ist die Schamschwelle/Entblößungs/Berührungsangst vor männl. Behandelnden und Pflegern recht hoch.
Also favorisieren Frauen im mediz.-pflegerischen Bereich Frauen und vertrauen im gleichgeschlechtlichen Verhältnis auf eine heterosexuelle als scheinbar geschlechtsneutrale Bezugsebene.
Wenn aber bekannt ist, daß die Behandelnde/Pflegende bekennend lesbisch ist, zeigt sich die sonst - im Vergleich zur männlichen - im Dunklen bleibende weibl. Homophobie als möglichst diskrete Abwehrbewegung.
Wer mit dem Klinikalltag vertraut ist, dem ist das unausgesprochene Gesetz eine homosexuelle Orientierung unsichtbar zu machen nur zu gut bekannt.
Das gleiche Gesetz gilt in schärfere Form auch und gerade im weibl. Spitzensport - soweit es keine Einzelsportarten wie bspw. Tennis oder Boxen u.a. sind.
Selbstredend gilt es für Frauen auch im Militär und bei der Polizei - ganz genau so wie für homosexuelle Männer - wenn dies auch weniger bekannt ist.

Ich denke, es kommt darauf an wie und wo man lebt und arbeitet. Wenn man überwiegend mit der sog. Normalbevölkerung zu tun hat, die so gut wie keine Näherung zur Schwulen/Lesben/Homo-Szene und deren toleranterem Heten-Umfeld besitzt, dann ist man von den Fortschritten der Aufklärung über Homosexualität und der zunehmenden Normalisierung der Verhältnisse von Heten zu Homos alles andere als überzeugt.

Das ist noch ein sehr sehr langer Weg und der Transmissionsriemen für die Aufklärungsinhalte und die Veränderung der Haltungen ist nicht erst in der Schule, sondern bereits in der KiTa anzulegen.
Wenn ich mir die hilflose geschlechtsbezogene Erziehung von Vorschulkindern ansehe - die i.d.R. von weibl. Seite aus erfolgt - dann ist das ein nahezu unverändertes Entwicklungsland in diesen Fragen - aber da fängt es bereits an mit den Geschlechterstereotypen bzw. Binarisierungen von Geschlecht.

Wenn, dann sollte bereits bei den Bilderbüchern angesetzt werden - was da immer noch an Typisierungen gesetzt bzw. abgebildet wird, dagegen ist die spätere Sexualkunde, selbst in bestmöglich offener Form, häufig machtlos...

War das nun klarer und deutlicher, was ich meinte?
I.

Popkontext 30.04.2012 | 17:50

Danke :)...Abe rmir ist das eben total fremd, weil ich keine Angst vor lesbischen Frauen habe. Weil die beschrieben Ängste auch völlig irrational sind. Was ist anders, wenn mich ein im Zweifel heterosexueller männlicher Arzt berührt (so streng wie du das beschreibst habe ich das nie erlebt - ich lag auch schon nach einem Kreislaufzusammenbruch im durchsichtigen BH vor ausschließlich männlichen Ärzten und Pflegern, die Mehrheit der Frauenärzte ist meines Wissens nach immer noch männlich etc.)? Wieso soll eine lesbische Frau sexuell übergriffiger sein als eine heterosexuelle? Ich grabsche doch auch nicht jeden attraktiven Mann an, wieso soll eine lesbische Frau mich allein aufgrund ihrer sexuellen Orientierung ungebten angrabbeln? Auch als Frau mit heterosexueller Identität kann ich eine andere Frau in einer bestimmten Situation erotisch finden. Also alles, wie ich sagte, irrationale Ängste, die von den Heteros ausgehen. Die gilt es a) zu bekämpfen (siehe Schulbücher) und spielen b) eine Rolle bei der Berurteilung des Falls Büttner-Janz, ob den Leuten das bewußt ist, ob sie es zugeben oder nicht.

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Ehemaliger Nutzer 30.04.2012 | 18:39

Hallo popkontext:
ich denke, es muß unterschieden werden zwischen irrationalen Ängsten vor gleichgeschlechtlichen Berührungen inkl. der Realisierung, daß mensch unabhängig von der eigenen sexuellen Orientierung und Geschlecht für 3x Geschlechter attraktiv sein kann - d.h. mir als Hetero kann es passieren, daß nicht nur Frauen, sondern auch Männer und Transsexuelle in mir ein Sexualobjekt/subjekt sehen.
Es geht darum, mit den dabei entstehenden Gefühlen und evtl. Verunsicherungen umzugehen und ein angemessenes Verhalten ggü den BewerberInnen zu entwickeln, die nicht in mein "Beuteschema" passen...
;-)
Dies fällt Frauen ggü Frauen i.d.R. leichter, da sie von dieser Seite i.d.R. keine Übergriffe oder gar Gewalt zu befürchten haben - dahingehend werden fast ausnahmslos Männer abgecheckt, wobei Schwule hier klar im Vorteil sind, denn von diesen gehen ggü Frau i.d.R. keine Übergriffe oder Gewalt aus.

Bei homosexuellen Männern ist dagegen ein Junge/Mann viel weniger sicher, daß es nicht zu Übergriffen inkl. Gewalt kommt - diese sind, rechnet man die gewöhnliche sexuelle Gewalt unter Männern unabhängig von deren sex. Orientierung hinzu, ich höre schon den frauenbewegten Aufschrei, derart alltäglich, daß es kaum noch auffällt.
Es kommt allerdings auf die Gegend bzw. das Milieu an, klar.
In meiner Ghetto-Kindheit war sexualisierte Gewalt an allen Ecken präsente - wohlgemerkt weniger gegen Mädchen/Frauen als gegen Jungen/Männer gerichtet - warum? Weil es um lokalen Einfluss, Macht und Positionen ging, da spielten die Mädchen/Frauen keine Rolle.
Sowas findet im mehr bürgerlichen Milieu weniger sichtbar auch statt - da werden die feminin, schwächlich, sensibel oder sonstwie weiblich wirkenden Jungen/Männer mit sexualisierter verbaler Demütigung und Ränken, weniger mit offenen Attacken, aus dem Wettbewerb um die vorderen Plätze verdrängt.

Nach meiner Erfahrung speist sich männl. Homophobie wesentlich aus diesen i.d.R. verdrängten Erfahrungen sexualisierter Gewalt, welche oft genug auch ein gebrochenes Verhältnis zur Sinnlichkeit und Erotik allgemein, d.h. auch mit Frauen, nach sich zieht - was sich an der allmählich sichtbar werdenden Quantität männl. Sexualstörungen zeigt.
Insoweit enthält männl. Homophobie nicht selten einen rationalen Kern, sofern man dieser Reaktion auf sexualisierte Gewalt (inkl. Versubjektivierung des Tabus sich darüber zu äußern bzw. diese als solche zu bezeichnen) als halbwegs verständliche Reaktion auf ziemlich unverdauliche Erfahrungen (z.B. im Film "sleepers" überdeutlich akzentuiert) akzeptiert.

Hier endet der Exkurs, schließlich ist das keine Frauensache - oder, im Durchschlagen auf die Erotik gegengeschlechtlicher Geschlechterbeziehungen, am Ende doch?
;-)
I.

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Ehemaliger Nutzer 01.05.2012 | 01:01

ich finde deine Subsummierung sexualisierter Gewalt von Männern gegen Männer unter dem Connellschen Theorem der hegemonialen Männlichkeit unerträglich.
Das ist, um in dieser Begrifflichkeit zu bleiben, eine Abstraktion davon, daß eben nicht alle Männer eine "patriarchale Dividende" einfahren, die dann an Frauen partizipativ zu verteilen wäre.

Geht es nicht in deinen Kopf, daß auch latent homosexuelle Männer eine patriarchale Dividende erzielen können, einfach indem sie ihre sexuelle Neigung / Orientierung äußerlich negieren und sich vorzugsweise Männer - nicht Frauen - als Objekt ihrer sexuellen und sonstigen Verwertungsinteressen auswählen?

Sorry, aber Du hast keine Ahnung von Männern und wozu diese fähig sind bzw. mir scheint, du lebst auf einer Insel.

Ich nicht.

I.

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Ehemaliger Nutzer 01.05.2012 | 02:51

ich habe den/die Connell und die Butler schon gelesen, aber ich verstehe deren Dekonstruktivismus anders als du.

Ich wüsste z.B. gern wo ich als sog. untergeordneter Mann immer noch über einer Schröder, vdLeyen oder Merkel stehe und eine Dividende einfahre?

Wer sind den "die Frauen"???

Sind die philipinnischen Nannys in den Haushalten der begüterten und den neuen weiblichen Eliten zweifellos untergeordneten wirklich Teil deines Konstrukts "die Frauen"?

Ich denke nicht.

Auch Frauen, gerade die im Glanz ihres Erfolgs (natürlich ihres eigenen und nicht der Protektion von Männern sich verdankend) stehen, partizipieren zuweilen sehr viel mehr an der patriarchalischen Dividende als Männer.

Connell irrt in Bezug auf die Partizipation von Frauen an patriarchaler Dividende, da er/sie diese - wie Du - allein Männern als Profiteure zuschreibt.

Auch und gerade Frauen partizipieren an patriarchaler Dividende - und es korrumpiert sie. Schau dich mal um.

Die weibl. Geschlechtsrolle ist auf Partizipation an patriarchaler Dividende ausgerichtet. Und sei´s um den Preis der Prostitution.

Nur unter Abstraktion von der weibl. Prostitution kannst du mir erklären "die patriarchale Dividende fahren immer noch alle Männer ein, auch die untergeordneten, weil sie immer noch über den Frauen stehen"
was definitiv falsch ist.

Jede halbwegs begabte moderne Kurtisane hat einen weit größeren Anteil an patriarchaler Dividende als du und ich.

Hey, ich kenn´ mich in dieser Szene aus.

Nochmal: du lebst auf einer Insel.

Aber gut, hier ist Frauensache angesagt und ich verschwinde da mal besser.

I.

Popkontext 01.05.2012 | 03:08

Du hast auch das mit der patriarchalen Dividende offenbar nicht verstanden. Denn unter der Perspektive Geschlecht steht auch der schwarze, untergeordnete Mann aus der Unterschicht über jeder Frau, unabhängig von Persönlichkeit und Klasse. da gibt es eine schöne Geschichte von Eldridge Cleaver, einem prominenten Black Panther, der noch in den 60ern damit prahlte, dass er weiße Frauen f...t, und damit das rassistische System. Bald ging ihm aber das Licht auf, dass diese Frauen genau wie er als Schwarzer zu einer unterdrückten Gruppe der Gesellschaft gehören und hat da einige Ansichten und Verhaltensweisen revidiert.

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Ehemaliger Nutzer 01.05.2012 | 15:29

Nochmal und zum Letzten:
ich verstehe hegemoniale Männlichkeit und patriarchale Dividende anders als du und von mir aus auch anders als Connell dies gemeint haben mag. So wie du es darstellst läuft die Theorie auf eine dichotomische Vereinfachung der Geschlechterverhältnisse (Gvh) hinaus, die – siehe den Beispiel – am Ende in Täter-Opfer-Perspektiven bzw. Kategorien auseinanderfällt.
Der Standpunkt, daß „unter der Perspektive Geschlecht steht auch der schwarze, untergeordnete Mann aus der Unterschicht über jeder Frau, unabhängig von Persönlichkeit und Klasse“ ist letztlich ein unpolitischer bzw. einer der von subjektiven, herkunftsbedingten und sozioökonomischen Faktoren – d.h. vom inkorporierten, sozialen, kulturellen Kapital und der Partizipation von Frauen an den symbolischen Gütern (nach Bourdieu) und damit von der weibl. Kollaboration, Korruption und Prostitution im Gvh abstrahiert. (Welche im Fall Büttner – Janz jedoch, wie in vielen Fällen, ausschlaggebende Faktoren für Aufstieg und Fall einzelner Frauen oder Gruppen von Frauen sind)
Ich betrachte diese Sichtweisen und Erklärungsansätze als mit wenig Bodenhaftung versehen und als auf rein empirischer Grundlage errichtete Theoriekonstrukte mit häufig ideologisch motivierten Forschungsdesign, die objektiv unzureichend und hinsichtlich Emanzipation der handelnden Subjekte nicht praktikabel sind – aber das lässt sich mit dir, wobei du offenbar stellvertretend für viele Feministinnen auftrittst, nicht in einem kritisch-solidarischen Diskurs vertiefen, weil du in deiner Argumentation axiomatisch vorgehst bzw. die statements von Connell, Butler Co. zu Axiomen erklärst – welche nicht zu beweisen noch zu hinterfragen sind.
Schon an der rechthaberischen Art des Absprechens eines Verstehens feministischer Theorie zeigt sich dann zwangsläufig die i.d.F. von dir einseitig erklärte Bruchlinie bzw. Entsolidarisierung im Geschlechterdiskurs, welche jede dialogische Verschränkung von Perspektiven schon vom Ansatz her – da ich eben keine Frau = als Bezieher patriarchaler Dividende diskreditiert – ausschließt.
Dankeschön.^^

I.

Popkontext 01.05.2012 | 21:04

Wenn du in Connells Sachen genauso viele Sachen reininterpretierst wie bei mir, die da gar nicht stehen, aber deinen Vorurteilen entsprechen ist es kein Wunder, wenn du das doch sehr speziell verstehst, was sie geschrieben hat. Wenn man Fachbegriffe so verbiegt, dass sie auf die eigene Perspektive passen, ist das allerdings keine Grundlage für eine Diskussion.

Niemand hat geschrieben, dass Männer nicht auch Opfer sein können, dass es keine anderen Diskriminierungslinien außer Geschlecht gibt etc. - im Gegenteil steht das alles sogar da, aber du willst es nicht lesen, weil du offenbar dein Bild von egoistischen, unsolidarischen Feministinnen und weltfremden Soziolog/innen aufrecht erhalten musst, kann ich dir dann auch nicht helfen.

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Ehemaliger Nutzer 01.05.2012 | 22:36

Zurechtgebogen hast m.A.n. Du bzgl. der Verallgemeinerung, daß alle Männer patriarchale Dividende beziehen (p.D.) und sehe auch nicht wo er/sie behauptet, daß "die patriarchale Dividende fahren immer noch alle Männer ein, auch die untergeordneten, weil sie immer noch über den Frauen stehen"

denn:
"Unterordnung. Wenn Kampf um den Machterhalt des Patriarchats eine Konstante innerhalb der Geschlechterbeziehungen ist, dann haben die Anteilseigner des Patriarchats ein Interesse daran, jede Männlichkeit zu unterdrücken, die die hegemoniale Männlichkeit untergraben könnte. In der Logik der Hegemonie rücken diese Männlichkeiten in gefährliche Nähe zur Weiblichkeit, was sich auch durch symbolische Verweiblichung in der Betitelung mit Schmähwörtern ausdrückt. Als auffälligstes Beispiel unterdrückter Männlichkeit der Gegenwart nennt Connell schwule Männlichkeit. Noch weniger als bei der hegemonialen Männlichkeit entspricht die untergeordnete Männlichkeit einer definiten Gruppe"

Ich verstehe es - ähnlich wikipedia - bei Connell außerdem so, daß die p.D. nur durch die Komplizenschaft zum Patriarchat möglich ist, aber durchaus nicht in allen Fällen hegemonialer Männlichkeit auch zur Verteilung kommt.
"Komplizenschaft. Es gibt nur wenige Männer, die alle Elemente hegemonialer Männlichkeit auf sich vereinigen und damit der gerade aktuellen Norm entsprechen. Dennoch profitiert die Mehrheit der Männer von der Vormachtstellung des Patriarchats. Connell nennt dieses Phänomen die "patriarchale Dividende".

Folglich sind nicht nur wenige, aber temporär einflußreiche Männer vorübergehende exemplarische Vertreter der sog. hegemonialen Männlichkeit (sog. Wandlungsfähigkeit des Patriarchats), deren Hauptinteresse in der Unterdrückung von Männern die diese Hegemonie unter Männlichkeiten gefährden könnten und schon gar nicht beziehen daher alle Männer eine patriarchale Dividende, sondern nur die die in der Komplizenschaft eine möglichst widerspruchsfreie Einheit mit der gerade angesagten Formierung patriarchaler Eliten erlangen.

Der Fokus liegt mithin weniger auf dem Geschlechterverhältnis von Mann und Frau, sondern auf denen unter Männern, welche auf die gegengeschlechtlichen Beziehungen durchschlagen, weil hegemoniale Männlichkeit eben Abhängigkeiten und Hierarchien unter Männern erzeugt, die auf deren Bezüge zu Frauen abfärben bzw. durchschlagen.

Sorry, aber Raewyn Connell (ehemals auch Bob Connell oder Robert William Connell, * 3. Januar 1944) thematisiert in "der gemachte Mann" u.a. eben ihre vorhergehende Geschlechtlichkeit, die nunmal eine männliche war - und nicht die "Sache der Frauen".
Eine solche Vereinnahmung ist m.A.n. unangebracht und kommt einer Instrumentalisierung für die populäre - aber latent reaktionäre - Frauentümelei einiger Strömungen im 3. wave - feminism gleich, denn:
"Sie hat einen emanzipatorischen Ansatz und verwendet Theorien und Konzepte der feministischen Geschlechterforschung, um die Situation von Männern in unserer Gesellschaft zu analysieren. Ihr bekanntester und grundlegenster Beitrag zur Männerforschung ist das Konzept einer hegemonialen Männlichkeit." (ebd)

Deine Argumentationen schrammen da nur sehr knapp dran vorbei, das finde ich bedenklich.
Dem ggü habe ich keine Vorurteile ggü Feministinnen (es sei den sie formulieren einen rechthaberischen Führungsanspruch auf dem Gebiet der Geschlechterverhältnisse - was allerdings ein gefühltes Massenphänomen zu sein scheint) und SoziologInnen, sondern teile nur die Einschätzungen von Bourdieu in Sachen weibl. Komplizenschaft im Patriarchat - nachzulesen (ähnlich kritisiert schon in div. Artikeln der dank Emma bzw. Schwarzers Kampagnenfeminismus untergegangenen Zeitschrift Courage) in dessen Klassiker "Die männliche Herrschaft".
Diese Lektüre möchte ich dir als Ex-Soziologie-Student dann doch ans Herz legen bzw. in deine Leseecke wünschen.

Zwecks Verortung:
Ein Teil meines Umfeld sind bspw diese Leute:
www.die-frankfurt.de/esprid/dokumente/doc-2000/jansen_lenz00_01.htm

Abschließend meine ich deiner Hilfe beim Aufheben meiner von dir zu Vorurteilen umdeklarierten Kritik an vulgärfeministischen Positionen im pseudo/populärsoziologischem Gewand nicht zu bedürfen.

Wie frau in den Wald hineinruft...

schönen Abend noch.

I.

Popkontext 01.05.2012 | 23:33

Deine Ausführungen sind so für mich nicht nachvollziehbar und möchte mich gegen inhaltliche und auf meine Person bezogenen Unterstellungen und Zuordnungen, die du machst, verwehren, weil du wie gesagt Schlüsse ziehst, die nichts mit dem zu tun haben, was ich geschrieben habe, sondern das dein eigener Film ist.

Nochmal rein zum Faktischen: Laut Connell ist die patriarchale Dividende das, was *alle* Männer aufgrund ihres Geschlechts als Profit aus dem patriarchal strukturierten System ziehen. Das kannst du ja anders sehen, aber Connell hat es so gesagt und so gemeint und ich kann ihr da sehr gut folgen.

Ich glaube, auf der Ebene hat eine weitere Diskussion keinen Sinn.

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Ehemaliger Nutzer 02.05.2012 | 01:17

Im Übrigen ist mir die Kategorie der Nachvollziehbarkeit herzlich egal. Ebenso die Filme, die ich deiner Meinung nach schiebe.

Ich habe dir nichts unter - nur festgestellt. Verwehr dich gegen was auch immer. In Bezug auf meine Person und Äußerungen sind dies irrationale Projektionen.
Hab´Spass dabei und fühle dich in deiner community bestätigt. Ist mir auch herzlich egal.

"Laut Connell ist die patriarchale Dividende das, was *alle* Männer aufgrund ihres Geschlechts als Profit aus dem patriarchal strukturierten System ziehen"

Das ist bullshit. Es gibt keine patriarchale Dividende aufgrund von Geschlechtszugehörigkeit.

Es gibt nur eine Partizipation an patriarchalen Dividenden aufgrund der Komplizenschaft.

Ich behaupte, daß es viel mehr Frauen als Komplizinnen des Patriarchats gibt, als Männer.

Beweislastumkehr.

Schieb´ deine Geschlechter-Filme.
Ist mir sowas von egal...

I.

Popkontext 02.05.2012 | 04:53

@ideefix
Anstatt das Rumpelstilzchen zu geben und ausfallend werden lieber einfach mal nochmal nachschauen. Habe ich auch gemacht, weil meine intensivere Beschäftigung mit Connell, deren Arbeiten ich u.a. für meine Magisterarbeit benutzt habe, auch schon einige Zeit her ist (da war sie physisch noch ein Mann, und zumindest öffentlich nichts über ihre Transsexualität bekannt).

www.eduhi.at/dl/B_Maennlichkeitsentwuerfe.pdf

www.widersprueche-zeitschrift.de/article1176.html

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Ehemaliger Nutzer 02.05.2012 | 12:48

Herausgepickt aus dem Widersprüche-Link:
"Die Unterstützung der Emanzipation von Frauen ist (...) immer eine mögliche Haltung für die Männer. Sie wird getragen von Gefühlen und von Neigungen in der männlichen Persönlichkeit und von einigen Beziehungsinteressen, die fast alle Männer haben. Aber es ist eine Haltung, die quer zu den anderen, von beinahe allen Männer geteilten Interessen steht. Deshalb haben es antisexistische aktive Männer nicht leicht. Wahrscheinlich ernten sie Hohn und Spott von ihren Geschlechtsgenossen, die sie als Eunuchen, Schwule oder Verräter titulieren. Genausowenig werden sie unbedingt wohlwollende Unterstützung durch Feministinnen erfahren. Wenn also eine Veränderung der Geschlechterverhältnisse sowohl eine Neudefinition der persönlichen Beziehungen wie auch des öffentlichen Lebens erfordert, gibt es darin vielfältige Gelegenheiten für persönliche Kränkungen, falsch verstandene Urteile und Ärger" (ebd., S. 4f.).

nun ja. Wie mann sieht ist Emanzipation weiblich und neuere feministische Deutungshoheitsansprüche speisen sich aus dem wachsenden Akademisierungsgrad inkl. Bildungsstatusdünkel (intensivere Beschäftigung etc.).

Also grenzen wir uns mal hübsch voneinander ab, da du mir ja fortgesetzt ein Koalieren mit hegemonialen Männlichkeiten und eigennütziger Verwertung meiner sog. patriarchalischen Dividende = Komplizenschaft unterstellst.
So ist deine Lesart von Connell in der praktischen Auslegung bei mir als ziemlich schematisch angekommen.

Auf diesem Niveau macht es keinen Sinn.

I.

Popkontext 02.05.2012 | 13:02

@ideefix
Manchmal muss man auch einfach zugeben, wenn man Unrecht hat. In der Definition des Begriffs von Connell gibt es keine wirklichen Auslegungsmöglichkeiten, die ist ganz klar, ob du die Ansichten von ihr nun teilst oder nicht.

"Der Begriff der patriarchalen Dividende benennt die materiellen und immateriellen Vorteile, welche Männer aus der vorherrschenden hierarchischen Geschlechterordnung ziehen. Trotz der bestehenden Macht- und Herrschaftsverhältnisse zwischen Männern betont Connell, dass die Gemeinsamkeit dieser Männlichkeiten in einer strukturellen Unterdrückung von Frauen bestehe, an der auch unterlegene, d. h. nicht-hegemoniale Männlichkeiten, partizipieren."
www.eduhi.at/dl/B_Maennlichkeitsentwuerfe.pdf

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Ehemaliger Nutzer 02.05.2012 | 14:59

wir schreiben aneinander vorbei, denn aus deiner Auslegung von p.D., "an der auch unterlegene, d. h. nicht-hegemoniale Männlichkeiten, partizipieren"
ziehst du den Schluß, das so oder so alle Männer, ob sie nun wollen oder nicht an der p.D., partizipieren und damit an hegemonialer Männlichkeit mindestens passiv teilhaben bzw. an struktureller Unterdrückung von Frauen zumindest mittelbar beteiligt seien.
Damit konstruierst du eine Situation für Männer, wo sie qua Geschlecht einem quasi unausweichlichen Koalitionszwang mit hegemonialen Männlichkeiten unterliegen und folglich alle p.D. beziehen, Frauen unterdrücken etc. - egal wie sie sich zu h.M. stellen, sie haben keine Wahlfreiheit noch ist eine antagonistische Lebensweise möglich.
Mithin negierst du männl. Emanzipation vermittels einer Totalisierung hegemonialer Männlichkeit - was aus meiner unmaßgeblichen Sicht eine ziemlich abstruse Konstruktion des sozialen Geschlechts Mann - im Rahmen eines tendenziell populistischen 3-wave Feminismus - darstellt.

Selbstverständlich kann ich mich als Mann von hegemonialen Männlichkeiten abgrenzen, indem ich diese aktiv bekämpfe und mich auf Einhegungen und Einvernahmen in die strukturelle Unterdrückung und subtile Diskriminierung von Frauen und nicht-hegemonialen Männlichkeiten nicht einlasse - klar, bekomme ich dann von den Kumpels und h.M.-Leadern ggf die volle Breitseite - und werde z.B. in die schwule, feminisierte, verweichlichte usw. Opferecke gestellt und darin soweit wie möglich isoliert, das ist mein Preis. Und?

Wen interessiert das im aktuellen Diskurs über Männlichkeiten? Richtig: keine Sau.

Sich in einer sozial bzw. gesellschaftlich derart unterlegenen Position mit der Emanzipation von Frauen zu solidarisieren, macht auch keinen Sinn - denn der mögliche Beitrag meinerseits ist allenfalls marginal und wird insbesondere von feministischer Seite als überflüssig bis unwillkommen abqualifiziert.

Mein Ansatz geht über den von Connell insoweit hinaus, als ich einer überwiegenden Mehrheit von - objektiv unterdrückten - Frauen eine Koalition und Komplizenschaft mit h.M. inkl. Partizipation an p.D. unterstelle, da sie in der partnerschaftlichen Assoziation mit diesen Männlichkeitsmustern arrangieren und in Ehe und Familie ganz klar materiell und ideell (an seinem Status) partizipieren und diese Vorteile ggü anderen Frauen, aber auch und gerade ggü im sozioökonomischen Status faktisch unterlegenen Männern, ausspielen bzw. zur Geltung bringen.

Hegemonie bedarf eben der Zustimmung der Beherrschten und sei´s (frei nach Bernard/Schlaffer) der "Identifikation mit dem Aggressor" in einer vermeintlich geschlossenen Gesellschaft.

"Hegemonie bedeutet soziale Überlegenheit (ascendancy) - eine Überlegenheit, die nicht allein auf physische Gewalt (oder ihrer Androhung) beruht, sondern ein hohes Maß an Einverständnis und Konsensbildung mit den Beherrschten erfordert. Eine Überlegenheit also, die eingebettet ist in weitreichende und differenzierte kulturelle Prozesse."
Mithin müsste hier Gramscis Analyse und Kritik der kulturellen Hegemonie als theoretischer Unterbau der Connellschen zum Tragen kommen, damit die Auseinandersetzung etwas differenzierter wird.

Erst dann nämlich wird sichtbar, das männliche Emanzipation - eingebettet in eine kämpferische kulturkritische Gegenkultur - möglich ist.

Damit fiele aber auch der feministische Alleinvertretungsanspruch in Fragen der Emanzipation der Geschlechter - der, nicht zufällig, vom radikal-bürgerlichen bzw. neoliberalen Flügel der im Establishment längst angekommenen Frauenbewegung aufgestellt, nicht zuletzt der Abwehr von links orientierten Männern dient, die im Rahmen ihrer Emanzipation zuvorderst die soziale Frage - und damit auch den Führungsanspruch der privilegierten weibl. (Bildungs Status) Eliten infrage stellen.
Diese Gruppierung hat ein hohes Interesse an Frauentümelei à la "wir-Frauen", welche den modernisierten hegemonialen Männlichkeiten insoweit in die Hände spielt, als damit jedwede Kritik von Männern die durch p.D. lizensierte Männer (oft die Partner dieser Damen) unterdrückt und diskriminiert werden aus dem Diskurs heraus gedrängt und in die marginale Ecke gestellt werden.

So erledigt der rechte Flügel einer institutionalisierten und etablierten sog. Frauenbewegung unter der Flagge eines populistischen Feminismus das Geschäft der Herren in vorauseilendem Gehorsam, da sie mit diesen an deren Fleischtöpfen sitzen und daher ein hohes Interesse an der Aufrechterhaltung des Status Quo haben.
Diese Frauen wissen, wie Büttner - Janz ganz gewiß auch, daß sozialer Aufstieg / Karriere für Frauen ohne männl. Protektion - die gnädige Rückseite der männl. Seilschaften - nahezu unmöglich ist und bestätigen damit diese kulturgewordene Hegemonie des väterlichen Mentors zum eigenen Vorteil.

Wer als Feministin die Häufung dessen im Zuge vermeintlicher Gleichstellung nicht sieht, muß sich Einäugigkeit zugunsten von unkritisch übernommenen Lagerdenken vorhalten lassen, meine ich.

Ohne eine radikale Kritik an der Indienstnahme feministischer Theorie und Praxis durch die weibl. Agentinnen hegemonialer Männlichkeiten, wird sich der Gender-Diskurs weiterhin im Kreis bewegen bzw. auf der Stelle treten - denke ich.

I.

Popkontext 02.05.2012 | 15:46

@ideefix
Da gibt es nichts *aneinander* vorbei zu schreiben - da gibt es nur zu verstehen. Die Definition nach Connell ist ganz klar und besagt, dass JEDER Mann, auch Connell (zumindest solange sie sich noch als physischer Mann in dieser Männerhierarchie bewegt hat) und oder andere, die sich aktiv gegen die hierarchische Geschlechterordnung stellen, von dieser profitieren, ob sie das wollen oder gut finden nicht.

Mein Eindruck ist, dass du das als Vorwurf gegen dich persönlich auffasst und dich angegriffen fühlst und deshalb vehement dagegen sträubst, das einfach als Beschreibung eines gesellschaftliche Fakts (der nicht als konkreter persönlicher Vorwurf gegen jeden einzelnen Mann geht) zu sehen - so wie ihn Connell, ich und ganz viele Soziolog/innen begreifen (Connell ist bekanntlich einer der anerkanntesten Geschlechterforscher weltweit). Wie du das selber siehst kann dir niemand vorschreiben (ich folge dir da schon deshalb nicht, weil du in der Tat an der Defintion vorbeischreibst, und mehrere Ebenen durcheinander bringst), aber darum geht es auch gar nicht.

Apopos Lagerdenken: Ich habe damals für meine Arbeit ganz gezielt die Arbeit eines männlich sozialisierten Menschen als Grundlage benutzt, eben um die Erfahrungen zusammenzuführen. Ich interessiere mich auch sehr für Männerforschung und arbeite auch sehr gern mit Männern zusammen bei Gender-Themen - wenn sie sachlich, respektvoll, kenntnisreich und an Fakten und dem von der anderen Person tatsächlich Geäußerten orientiert diskutieren, was ich bei dir leider nicht sehe. Du nutzt das gerade nur als Plattform für einen antifeministischen rant, und es ist eigentlich völlig egal, was ich sage.

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Ehemaliger Nutzer 02.05.2012 | 17:05

ach, jetzt möchtest du mich auch noch, mit Verweis auf den mainstream in der Connell-Rezeption auch noch in die antifeministische Ecke stellen?

Du arbeitest gern mit Männern zusammen, wenn sich an dem von dir tatsächlich Geäußerten orientieren?
Offenbar ziehst du durchpädagogisierte Diskursebenen mit Wohlverhaltensbonus für bis zum Erbrechen geduldige Teilnehmer vor?
Sorry, aber derart weichgespülte Männlichkeit ist nicht mein Fall. Es mangelt hier nicht an Respekt, sondern an inhaltlicher Auseinandersetzung. Du blendest fortgesetzt die Kollaborations - und Korrumpierungsebenen von Frauen in heterosexueller Partnerschaft, bürgerlicher Ehe und Familie - als der Ausgangsbasis hegemonialer Männlichkeit (laut Connell u.a.) aus.
In den bürgerlichen Privatgemächern und der häuslichen Erziehung aber wirken Töchter, Frauen und Mütter auf Söhne und Partner - und haben folglich einen großen Anteil an dem was in dieser Reproduktionsstätte geschieht und was darin, im Verbund mit institutionalisierter Geschlechterkonstruktion, an Geschlechtlichkeiten produziert wird.
Oder möchtest du die zentrale Stellung der Mutter in der modernen Kleinfamilie jetzt auch noch leugnen und diese als von fiktiven Männlich/Väterlichkeiten unterjochte tragische Figur beschreiben?

Zugleich sehe ich nicht, wo deine Behauptung, daß JEDER Mann - auch der der sich gegen die hierarchische Geschlechterordnung stellt - von dieser profitiert.

Ich sage nur dagegen, daß sich dieser Profit sehr schnell in sein Gegenteil verkehren kann, wenn mann denn bspw offen gegen Sexismen und Geschlechtsrollenzurichtungen aller Art vorgeht.
Der Mann, der das macht zieht eine Menge Diskriminierung und Abqualifizierung - auch und gerade von Frauen - auf sich. Seine Existenzberechtigung tendiert in diesen Horizonten nahe Null.

Um von der Geschlechterhierarchie zu profitieren genügt es eben nicht einfach nur ein Mann im biologischen Sinne zu sein, dazu gehört auch die Annahme des sozialen Geschlechts, d.h. die Einwilligung, Übernahme und Identifikation mit diesem - das setzt ein zumindest teilweises Einverständnis mit dieser Hierarchie voraus - nur dann kann mann nämlich die p.D. überhaupt als individuellen Vorteil realisieren.

Was meine Person und ihre "Angegriffenheit" an dieser Stelle betrifft, liegst du völlig schief. Ich sehe mein Mannsein in erster Linie als eine politische Angelegenheit und lasse mich dahingehend nicht von dem Ziel einer selbstbestimmten männlichen Identität abbringen, daher lasse ich mich auch nicht auf deine schematischen und defizitorientierten Psychologisierungen ein, die in der nunmehr offenen Verpersönlichung der Streitfragen nichts weiter sind als der Versuch durch die Hintertür versteckter Herabsetzung zu definieren "worum es geht".

Entschuldige bitte, aber auf diesen alten und simplen Trick sich durch die Giftspritze der inhaltsleeren Polarisierung die Themen - und Deutungshoheit anzueignen, falle ich nicht rein.

Wenn du schreibst, du hättest:
"für meine Arbeit ganz gezielt die Arbeit eines männlich sozialisierten Menschen als Grundlage benutzt, eben um die Erfahrungen zusammenzuführen"
dann ist das gut und schön für dich, aber das zusammenführen von Erfahrungen halte ich unter den Vorzeichen hegemonialer Männlichkeit für wissenschaftlich fragwürdig.
Mir erscheint es eher so, als wenn sich Connells Kernaussagen in deinem Umfeld durchweg bestätigen bzw. deine Einschätzung seiner Thesen sich auch wiss. hinterlegen lassen und so den Anschein einer Richtigkeit seiner Theoreme im Range unwiderlegbarer Axiome einnehmen.

Diese theoret. Konstrukte stürzen aber ein, sobald Frauen und Mütter als Koalitionäre und Komplizinnen hegemonialer Männlichkeit ins Spiel kommen - da wird das sog. Private dann nämlich wirklich politisch.
Der 2 wave der Frauenbewegung wusste das noch, der 3 wave verdrängt und verleugnet dies - aus sehr eigennützigen Gründen - wie´s scheint.

Ohne eine Einlassung auf diese Thematik deinerseits ist mir allerdings, da bin ich ganz offen, herzlich egal was du dir zusammenreimst bzw. aus Gender-Seminaren wiedergibst. Es ist durchaus nicht respektlos dem gegenüber zu sagen, daß mir diese Diskurs-Extrakte als politisch irrelevant erscheinen.
Das muß die individuelle Bedeutung für die eigene - feministisch inspirierte - Lebensphilosophie nicht schmälern, gehört doch der postfeministische Utilitarismus und Pragmatismus inzwischen zum festen Inventar dieser recht unpolitisch geführten Debatten.

Ich habe, ableitbar aus meinem Umgangston, jetzt bestimmt auch ein verborgenes Beziehungsproblem mit irgendwem, mal sehen was du noch so an Spekulation über meine miese Kindheit, meine vertane Jugend, meine vermutlich gescheitere männl. Existenz etc. noch so an Weisheiten zutage förderst, wenn du ganz tief in dich gehst und einen vergleichbaren Typen irgendwo in deiner Biographie erinnerst^^?

Respektlos ausgedrückt, mache ich im alltäglichen Leben lieber einen Riesenbogen um Männerversteherinnen, die mir in gutmeinender - fast mütterlich belehrender - Art mein Mannsein und mein auswegloses Verhaftetsein in den Geschlechterhierarchien erklären wollen - womit ich denn in Sachen meiner männl. Emanzipation auf die frohe feministische Botschaft angewiesen, die zu erhalten aber diskursives Wohlverhalten und die Anerkennung der in diesen Fragen überlegenen weibl. Kompetenzen voraussetzt.

Sorry, aber ich muß bei solchem - den Jungen im Mann herbeizitierenden - Duktus immer herzhaft lachen - da fehlt mir einfach was, z.B. eine Mutterbindung...

;-)

Nichts für ungut, lassen wir´s einfach mal so stehen bzw. offen.

Mir liegt nichts daran in diesem Disput der Gewinner zu sein, von mir aus hast du auf ganzer, nämlich deiner, Linie gewonnen.

ciao
I.

rheinhold2000 03.05.2012 | 11:33

Also ich persönlich bevorzuge auch einen gleichgeschlechtlichen Arzt wenn ich Untersuchungen habe die es erfordern das ich unbekleidet bin (z.B. Hautarzt). Einfach deswegen weil eine nichtsexualisierung garantiert ist. Deswegen gehe ich nicht zu einer Hautärztin und ich würde auch nicht zu einem schwulen Hautarzt gehen. Wahrscheinlich hätte ich aber in der Tat keinerlei Probleme mit einer lesbischen Hautärztin.
Ich denke mal das geht vielen so, ein Grund warum viele Frauen Frauenärztinnen bevorzugen (und mit lesbischen Frauenärztinnen Probleme hätten ) und warum Frauen lieber in reine Frauensaunen gehen und Männer z.B. durchaus mit Kollegen in eine Sauna gehen würden (und sich nach dem Sport duschen) sicher aber nicht mit KollegINNEN oder schwulen Kollegen

rheinhold2000 03.05.2012 | 12:29

Im Biologieunterricht wird Sexualität ausschließlich im Hinblick auf Schwangerschaft und Geburt unterrichtet, die sich ja auch thematisch an das Themengebiet Pubertät und Sex anschließt. Zusätzlich gibt es noch Verhütung, Geschlechtskrankheiten und Aids. Und das ist natürlich heteronormativ, alles wird auf eine heterosexuelle Beziehung hin ausgerichtet die nach einer Phase der Verhütung nach Möglichkeit zu einem besser 2 Kinder führen soll.
Dabei geht’s noch nicht mal nur um Schwule Männer und lesbische Frauen (die in einigen Büchern inzwischen immerhin in einem Kapitel kurz thematisiert werden) , andere Dinge werden auch komplett ausgeklammert, z.B. Masturbation als eigenständige Form von Sex ( es wird in den Büchern nur thematisiert das Jungen (in sehr wenigen Büchern auch Mädchen) übergangsweise Masturbieren bis sie eine Beziehung eingehen und „echten“ Sex haben) zumindest wird Masturbation nicht mehr verteufelt was ja schon ein Fortschritt ist.
Frauen die sich bewußt GEGEN Kinder entscheiden und keine haben kommen auch nicht vor, Schüler und Schülerinnen müssen davon ausgehen das Kinder irgendwie sein müssen, zumindest für Frauen. Und Frauen die keine Kinder haben irgendwie defizitär sind. Die allgemeine Problematik anderer Geschlechter als Mann und Frau kommt überhaupt nicht vor.
Und mit nichtheterosexuellen Lehrern und Lehrerinnen werden Schüler und Schülerinnen praktisch nie konfrontiert ich kenne keinen einzigen bekennenden Schwulen Lehrer oder eine bekennend lesbische Lehrerin.

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Ehemaliger Nutzer 03.05.2012 | 13:21

Heteronormativität speist sich im Zeitalter der Verwissenschaftlichung des Geschlechtlichen u.a. aus einer gewohnheitsmäßig androzentrischen humanbiologischen Forschung und einer ebensolchen Vermittlung der gewonnenen Erkenntnisse und Inhalte - was seinen Ausfluss bis in Sexualkunde - und Biologieunterricht findet.

Dazu schreibt Heinz-Jürgen Voß, seines Zeichens Dr. der Biologie und Transgender - Aktivist:
"Ausgehend von Tieren werden in der Biologie ›Erkenntnisse‹ über den Menschen
erzeugt. Dabei bildet das männliche Geschlecht den Ausgangspunkt, weibliches
Geschlecht wird dem Experiment als passiv und reagierend hinzugefügt.
Das zeigt sich – in ähnlicher Deutlichkeit wie in dem angeführten Fallbeispiel –
auch an den chromosomalen und genetischen Modellen zur primären Geschlechtsausprägung,
(Fausto-Sterling bspw arbeitet einen männlichen, heteronormativen Blickwinkel der Wissenschaftlerinnen heraus)
[...] Das Y-Chromosom wurde lange Zeit, mit Abstufungen wird es noch immer, als Agent eines aktiven Prinzips betrachtet,
das die weitere männliche Entwicklung, ausgehend von einer weiblichen Basis, darstelle. Für eine weibliche Entwicklung wurden lange Zeit keine aktiven Entwicklungsprozesse in Erwägung gezogen. Dies sei unabhängig von notwendiger weitergehender Kritik angeführt, die überdies die binär-geschlechtliche Ausrichtung
solcher Modelle kritisieren müsste [...] Der aktive, sich entwickelnde Anteil wird stets dem männlichen Geschlecht, dem Mann zugeschrieben."

www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Texte-42.pdf
S. 241-242

Im gleichen Band erzählt eine lesbische Sozial Jugendforscherin (in vergleichbarer Position und in Zusammenarbeit mit Lehrkräften) von den Schwierigkeiten ihre Untersuchung im schulischen Umfeld, als neben der Familie der Brutstätte heteronormativer Prägung schlechthin:
1.
"Mir ist bisher keine Studie bekannt, die sich damit befasst, wie sich die Positionierung
der ForscherIn als nicht-heteronormativ während der Forschung bzw. in der
Qualifikationsphase beispielsweise auf die Arbeitsmarktchancen auswirken. Allerdings
verweist Haller auf mögliche negative Auswirkungen, die einem ›outing‹
junger Wissenschaftler*innen folgen können." S. 254
und
2.
"Im Vorfeld der Forschung hatte ich mich nach Gesprächen vor allem mit erfahrenen
Kolleg*innen entschieden, in der Arbeit mit den Jugendlichen nicht über
meine Selbstverortung als queere Lesbe zu sprechen. Als zentrales Argument
hierfür wurde aufgeführt, dass besonders (aber nicht nur) streng muslimische
Schüler*innen negativ auf eine nicht-heteronormative Forscherin reagieren könnten und damit die Forschung gefährdet sei. Offensichtlich wollte ich ein Scheitern meiner Qualifikationsarbeit vermeiden – dabei vermied ich zunächst auch eine umfassende methodologische Auseinandersetzung mit dieser Entscheidung.
Erst die persönlichen Auswirkungen der Entscheidung gegen einen selbstverständlichen
Umgang mit meiner Selbstpositionierung nach Gender-Geschlecht-Sexualität
führten für mich zu einer Wiederaufnahme des Themas. Denn nach rund zehn
Jahren zunehmender privater und beruflicher Offenheit fiel es mir unerwartet
schwer, nun wieder über ›mein Privatleben‹ zu schweigen bzw. ausweichend zu
antworten, wenn ich danach gefragt wurde. Infolge dieses Unbehagens begann ich
auch, die Bedeutung von Gender-Geschlecht-Sexualität für die Forschung zu reflektieren,
blieb aber bei dem zum Forschungsbeginn gefassten Entschluss der
›Unsichtbarkeit‹.
Zumindest ging ich davon aus, dass ich nicht ›als Lesbe‹ wahrgenommen wurde. Diese von mir unterstellte Unsichtbarkeit
›als Lesbe‹ ist spezifischer gesprochen die Vereinnahmung meiner Positionierung als queere Femme als Ausdruck von Heterosexualität, die mir im Alltag und in der ›Szene‹ ärgerlich ist. Dieses ›passing‹ hatte aber für die Forschung die ähnlichen ambivalenten Vorteile wie im Supermarkt.
[...]
Im Verlauf der Forschung wurde deutlich, dass meine gewählte Zurückhaltung
auch Anlass für Neugier war. Denn auf die Frage nach meinem Familienstand antwortete ich den SchülerInnen, dass ich über ›mein Privatleben‹ nicht reden wolle
bzw. dies hier nicht Thema sei. Zu einer direkten Lüge konnte ich mich nicht
durchringen, auch wenn die Antwort, ich sei Single oder ich hätte einen Freund,
sicherlich der einfachere Weg gewesen wäre.
So war für die Neuntklässler Cemal, Muhamed und Mark meine Uneindeutigkeit
immer wieder Anlass für ›Späße‹. Sie sprachen mich wiederholt darauf an, dass
sie mir ›für meinen Freund‹ potenzsteigernde Präparate ›besorgen‹ könnten..."
S. 255-256

Ein solches Beispiel erklärt, denke ich, ganz gut die Gründe, warum es so wenig bekennend nicht-heterosexuell orientierte Menschen in den Erziehungs, Bildungs, Medizin/Pflege, Wissenschafts - und Forschungsbereichen gibt.

Das online verfügbar Buch ist sicher eine Empfehlung für die mit Genderthemen befasste Redaktion wert.

I.

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Ehemaliger Nutzer 03.05.2012 | 15:32

aber unauffällig bitte.

was nicht-hegemoniale Männlichkeiten mit anderen nicht-heteronormativen Identitäten verbindet, ist ja das "unsichtbare" vulgo unriechbare Dissidententum.

Der Dude ist einer dieser Gegenentwürfe zum (spieß)bürgerlichen Mann und seiner narzisstischen Statusverliebtheit, in der sich seine ach so pflegeleichte Muttersöhnchenseele, ggf. in der Variation des jungenhaften = harmlosen (irgendwann langweilt auch das) lassmichdeinFreundsein-Typus...
;-)

Lustigerweise ist das der Idealtypus für die seriellen Partnerschaften der schnüffelnd-damenhaft-frauenbewegten Fraktion, die an dem Manne-an-sich gern noch ein wenig herumerzieht und seine oberflächliche Männlichkeitsmaskerade auch gern entlang der neuesten populärwissenschaftlichen Ratgeberliteratur zum Geschlechterverhältnis psychologisiert.
Dabei ist da herzlich wenig los in dessen Psyche bzw. es ist aus Sicht eines Dude u.a. allenfalls für die Satire wert...^^
;-)

Es gibt leider auch die Betonkopf-Fraktion, die heterosexuell orientiertes männl. Dissidententum für unmöglich erklärt, weil ansonsten ja das Feindbild bzw. die geradezu fetischisierte, d.h. zum standard-lifestyle gehörende, totale strukturelle Benachteiligung von Frauen durch alle (!) Männer bzw. konstruierte Männlichkeiten unhaltbar wäre.

Nun ja, auch das ließe sich satirisch aufspießen - würde mann deswegen nicht fortgesetzt so übel abgestraft.

Aber auch das ist kein Anlaß zu heulen, oder ins antifeministische Greinen einzustimmen - sondern nur eine weitere Gelegenheit sich als Zaungast des Geschlechterzoos über die Verrenkungen der InsassInnen und ihre todernsten Mienen bei den Sandkastenspielen mal wieder in herzlichen - sokratischen - Lachen zu ergehen.
Denn: Irgendwie erinnert mich das Treiben frappierend an Platons Höhlengleichnis, wenn Sie verstehen?

Das Leben ist eine Tragikkomödie zuweilen - erträglich nur im Vorbeiziehen bzw. Vorbeiziehenlassen der Nebensächlichkeiten.
;-)

I.