Ulrike Baureithel
Ausgabe 1717 | 26.04.2017 | 12:24 13

Wessen Freiheit der Forschung?

Wissenschaft Beim "March for Science" feierte sich das wissenschaftliche Establishment selbst. Dabei wäre durchaus auch Selbstkritik angebracht

Wessen Freiheit der Forschung?

Ob sie auch mal über sich selber nachdenkt, die Wissenschaft?

Foto: Sarah Morris/Getty Images

Als ich Anfang der 1980er zu studieren begann, gab es an meiner damals über 20.000 Studierende zählenden Universität keine einzige Professorin. Das hatte sich auch nicht geändert, als ich die Uni verließ. Was wir in der Zwischenzeit in unserem kleinen Frauenforschungszirkel allerdings gelernt hatten, war, dass die „objektiven“ Tatsachen, die man uns dort angeblich lehrte, alles andere als objektiv waren, und das nicht nur innerhalb unseres kleinen geisteswissenschaftlichen Gärtchens. Dass die „friedliche Nutzung“ der Kernenergie ein ideologisches Konstrukt ist, wussten wir aus politischen Kämpfen. Dass die Fragen eines lesenden Arbeiters aber nicht unbedingt die einer lesefähigen Frau waren oder eine Kleinküche einem fabrikmäßigen Fließband ähneln konnte, haben wir in unserer studentischen Gruppe gelernt.

Solche Erkenntnisse verdankten wir der Freiheit der Forschung, die auf dem March for Science am vergangenen Wochenende in 600 Städten in aller Welt verteidigt wurde gegenüber „alternativen Fakten“ oder auch Fake News, die sich spätestens seit dem Amtsantritt von Donald Trump im politischen Olymp niedergelassen haben. Holocaust-Leugner gab es auch damals, aber es wäre für uns nicht vorstellbar gewesen, dass Fakten, sagen wir, aus der Evolutionstheorie noch einmal religiös zu hintergehen wären. Das Präfix „post“ machte sich damals erst langsam an den Universitäten breit, es war in allen möglichen Zusammenhängen umstritten, aber nie mit einer Postfaktizität verbunden.

Die Demonstrationen in aller Welt richteten sich gegen diese Einschränkung der Forschung, gegen die Verhinderung von Erkenntnis. Sie verteidigen aber gleichzeitig auch die Pfründe wissenschaftlicher Institutionen. Trump hat angekündigt, 18 Prozent aller Mittel der Gesundheitsbehörde, 31 Prozent der Umweltbehörde kürzen zu wollen. In anderen Ländern gibt es ähnliche Bestrebungen. Sich dagegen zu wehren, ist legitim. Aber es ist das wissenschaftliche Establishment, das hier protestiert, das Fußvolk hat andere Sorgen.

Vielmehr hätte es des selbstkritischen Blicks auf die Wissenschaft selbst bedurft: auf die Zurichtung ihres nur auf Karriere orientierten oder schlicht abhängigen Nachwuchses, auf ihre interessengeleiteten Fehlinterpretationen und ihre ganz gezielten Fälschungen. Wer bestimmt, was gesellschaftlich relevante Forschung ist? Wo verlaufen die Grenzen der Forschungsfreiheit? Welchen Einfluss haben Drittmittelgeber? Was bedeutet es für das wissenschaftliche Personal, immer mehr Gelder einwerben zu müssen? Warum sehen sich Forschende gerade in den Naturwissenschaften gezwungen, ihre Ergebnisse „anzugleichen“ oder gar zu fälschen? Und wie steht es um die Publikationspolitik?

Wissenschaftsdisziplinen dagegen, die solche Fragen überhaupt stellen, untersuchen und kritisieren, die den kritischen Blick auf die Belange der Gesellschaft nicht verloren haben und sich nicht einfach als „Akzeptanzwissenschaft“ vereinnahmen lassen, werden für überflüssig erklärt und sind chronisch unterfinanziert. Seitens der die „Objektivität“ vor sich hertragenden Wissenschaften werden sie selten verteidigt. Statt einer Feier der Wissenschaft hätte der March for Science den Blick schärfen können für die Bedingungen ihrer Existenz zwischen Patentschutz und Open Source, Reglementierung und Big Data – nicht nur in Trump-Land.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 17/17.

Kommentare (13)

Rüdiger Heescher 26.04.2017 | 13:56

Sehr schön. Es gäbe noch viel mehr zu sagen. Aber es sammelt sich langsam.

Ich würde es kurz auch noch mal auf einen anderen Nenner bringen:

Es war der Marsch der nützlichen Idioten für den Neoliberalismus. Wissenschaft muss Wissenschaft bleiben und nicht politisiert werden. Wissenschaftler sollen an Erkenntnissen arbeiten und nicht Propaganda machen. Für die Propaganda sind andere zuständig. Das sind Journalisten. Man braucht auch keinen politischen PRessesprecher in einem wissenschaftlichen Institut. Entweder sprechen die Fakten für sich oder sind nur irgend welche Wünsch Dir was Ergebnisse. Die Wissenschaft hat sich selbst in Verruf gebracht durch immer mehr gehypte Luftblasen.
Zum anderen: Wo waren die ganzen Wissenschaftler, als es um Bologna ging? Wo waren die Wissenschaftler als es um G8 ging? Da konnte man keine Stimmen hören und nun lassen sie sich vor den Karren einer Soros inszenierten Show spannen.
Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Wissenschaft ist das einzige, was wir haben für eine aufgeklärte Gesellschaft, aber was uns heute präsentiert wird sind letztlich nur nütztlich Idioten für das Kapital. Mehr nicht.

miauxx 26.04.2017 | 18:57

Dieser Kommentar 26.04.2017 | 14:22 an R. Heescher.

@U. Baureithel

Ich habe keine der Demos selbst erlebt. Offenbar haben diese allein auf einen tendenziell wissenschaftsfeindlichen Politikapparat, der wohl auch einen neuen Namen - Trump - zu haben scheint, fokussiert. Das ist an sich freilich nicht verkehrt - auch wenn ein Trump vielleicht gegenwärtig nur der lauteste Gewährsmann wissenschaftsfeindlicher Politik ist. Das liegt - leider! - wohl auch in der politischen "Natur" begründet. Man kann das allerorten, jeden Tag beobachten. Merkel etwa war und ist wahlweise "Klimakanzlerin" oder die Kanzlerin der deutschen Automobilindustrie - je nachdem, was nach großpolitischer Tagesstimmung gerade angesagt ist.

Richtig ist aber in jedem Falle, dass es auch Zeit wäre, den Wissenschaftsbetrieb im Ganzen auf den Prüfstand zu stellen. Fortschreitende Rationalisierung und anwendungs- wie pekuniär ummünzbare Zurechtstutzungen werden nahezu nie vom Wissenschaftsbetrieb selbst kritisch geprüft und hinterfragt. So ist es richtig, wenn R. Heescher hier beklagt, dass man z.B. nichts aus dem Betrieb vernehmen konnte, als mit dem Bologna-Prozess wie mit einem Stahlrechen durch die akademische Ausbildung gepflügt wurde. Eine solche Kritik besagt aber eben, dass auch der Wissenschaftler sich in die realpolitischen Niederungen herablassen und aktiv werden muss.

Moorleiche 26.04.2017 | 19:18

So gefällt es mir besser. Es stimmt ja beides. Rüdiger Heescher hat Recht mit dem, was er im ersten Teil sagt und Sie ebenfalls, mit ihrer Kritik.

Wissenschaftler können (und sollten) sich als Bürger poltisch einmischen, auch in ihre Belange.

In ihrer Funktion als Wissenschaftler ist es allerdings ihre höchste Aufgabe, neutral zu sein und dazu müssen sie lernen (wobei die meisten das glaube ich können), ins Amt zu gehen.

Die Wissenschaft ist m.E. für einiges zu kritisieren, aber natürlich sind es die Feinde und allzu billigen Kritiker der Wissenschaft erst recht, die an der Wissenschaft primär das vermeintlich Elitäre kritisieren. Hoffentlich ist Wissenschaft elitär, gefährlich wird es dort, wo sie es nicht ist und sich mit allzu durchschaubaren Interessengruppen (auch im eigenen Betrieb) gemein macht.

Kritik an der Wissenschaft muss von dort kommen, wo der Ansatz der Wissenschaft nicht mehr genügt, auch das gibt es durchaus, aber das ist von dieser laxen Nummer wie Elite, oder Steigbügelhalter des Herrschaftsapparats zu differenzieren.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 26.04.2017 | 20:27

Noe,

die Mathe - Inder sind in den USA, na ja, bei 800 Millionen kann ja mal der ein oder andere gute Math - rauskommen.

Oder hat Trump die Einreisekeule sogar bei den Indern rausgeholt? Da sehen die bei der MIT aber alt aus.

:-D

Die mexikanischen Math's gehen auch lieber in die Schweiz oder Frankreich, wer will schon in die USA? Da wirst du vom Nachbarn erschossen wenn du die falschen Pfandflaschen zum Kiosk bringen willst.

:-D

Aber es soll ja noch Schlupfloecher in Dresden und Leipzig geben, hat mir der Bunte aus Nigeria gesagt...

:-D

Moorleiche 26.04.2017 | 22:11

"Die mexikanischen Math's gehen auch lieber in die Schweiz oder Frankreich, wer will schon in die USA? Da wirst du vom Nachbarn erschossen wenn du die falschen Pfandflaschen zum Kiosk bringen willst."

Ganz wie zu Hause, oder?

Habe gerade erfahren, dass die Mexikaner zwar arm, dick, bedroht aber super glücklich sind. Gerade weil's so schrecklich ist, soll man feiern. Stimmt das?

Reinhardt Gutsche 27.04.2017 | 11:40

„Make Science, Not War!“


Diese auf den ersten Blick sympathische Kampagne gewänne an Glaubwürdigkeit, stünde sie unter dem Motto „Make Science, Not War“. Dazu hat es bisher bei den Akademischen Eliten allerdings wohl nicht gereicht. Aber genau hier liegt der Hund begraben, wenn man bedenkt, daß jeder entscheidende wissenschaftliche Fortschritt in der Weltgeschichte stets aus dem Impuls erstrebter militärischen Nutzbarkeit erwuchs, um die Technologie des massenhaften Tötens und der Überlistung des Gegners zu rationalisieren. Die größten staatlichen Forschungsbudgets in der USA sind daher auch im Haushalt des Pentagons oder seinen Schattenbudgets eingestellt. Daß da nebenbei gelegentlich auch mal was für den zivilen Gebrauch abfällt, ist bestenfalls als Kollateralnutzen zu betrachten. Daher wird sich die "akademische Elite“ wohl hüten, mit dem Plakat "Make Science, Not War“ etwa vor das Pentagon zu ziehen. Sie würden damit an dem Ast sägen, auf dem sie sitzen. Es ist auch nichts darüber bekannt, daß unter den Wissenschaftsmarschierern in den USA auch die Labore der Waffenschmieden vertreten waren. Insofern erscheint die ganze "March-for-science“-Bewegung in der Tat wie ein orchestriertes Manöver, diese Evidenz absichtsvoll im Dunkeln lassend.

Moorleiche 27.04.2017 | 17:17

Kann ich nachvollziehen. Habe ich auch ähnlich schon mal gehört, von einem sehr begabten Percussionisten, der mal mit seinem Auto durch Puerto Rico oder so fuhr und eine Panne hatte. Der nächste Fahrer hielt auch brav und fragte, was los sei. Helfen konnte er wohl nicht, wollte aber Hilfe holen. Tat er dann, das Ergebnis war, dass die Karre am Abend zwar immer noch dort stand, aber inzwischen die geilste Percussion Party lief. :-)

Ich find's gut, aber das ist natürlich völlig undeutsch.