Wessen Freiheit der Forschung?

Wissenschaft Beim "March for Science" feierte sich das wissenschaftliche Establishment selbst. Dabei wäre durchaus auch Selbstkritik angebracht
Ulrike Baureithel | Ausgabe 17/2017 9
Wessen Freiheit der Forschung?
Ob sie auch mal über sich selber nachdenkt, die Wissenschaft?

Foto: Sarah Morris/Getty Images

Als ich Anfang der 1980er zu studieren begann, gab es an meiner damals über 20.000 Studierende zählenden Universität keine einzige Professorin. Das hatte sich auch nicht geändert, als ich die Uni verließ. Was wir in der Zwischenzeit in unserem kleinen Frauenforschungszirkel allerdings gelernt hatten, war, dass die „objektiven“ Tatsachen, die man uns dort angeblich lehrte, alles andere als objektiv waren, und das nicht nur innerhalb unseres kleinen geisteswissenschaftlichen Gärtchens. Dass die „friedliche Nutzung“ der Kernenergie ein ideologisches Konstrukt ist, wussten wir aus politischen Kämpfen. Dass die Fragen eines lesenden Arbeiters aber nicht unbedingt die einer lesefähigen Frau waren oder eine Kleinküche einem fabrikmäßigen Fließband ähneln konnte, haben wir in unserer studentischen Gruppe gelernt.

Solche Erkenntnisse verdankten wir der Freiheit der Forschung, die auf dem March for Science am vergangenen Wochenende in 600 Städten in aller Welt verteidigt wurde gegenüber „alternativen Fakten“ oder auch Fake News, die sich spätestens seit dem Amtsantritt von Donald Trump im politischen Olymp niedergelassen haben. Holocaust-Leugner gab es auch damals, aber es wäre für uns nicht vorstellbar gewesen, dass Fakten, sagen wir, aus der Evolutionstheorie noch einmal religiös zu hintergehen wären. Das Präfix „post“ machte sich damals erst langsam an den Universitäten breit, es war in allen möglichen Zusammenhängen umstritten, aber nie mit einer Postfaktizität verbunden.

Die Demonstrationen in aller Welt richteten sich gegen diese Einschränkung der Forschung, gegen die Verhinderung von Erkenntnis. Sie verteidigen aber gleichzeitig auch die Pfründe wissenschaftlicher Institutionen. Trump hat angekündigt, 18 Prozent aller Mittel der Gesundheitsbehörde, 31 Prozent der Umweltbehörde kürzen zu wollen. In anderen Ländern gibt es ähnliche Bestrebungen. Sich dagegen zu wehren, ist legitim. Aber es ist das wissenschaftliche Establishment, das hier protestiert, das Fußvolk hat andere Sorgen.

Vielmehr hätte es des selbstkritischen Blicks auf die Wissenschaft selbst bedurft: auf die Zurichtung ihres nur auf Karriere orientierten oder schlicht abhängigen Nachwuchses, auf ihre interessengeleiteten Fehlinterpretationen und ihre ganz gezielten Fälschungen. Wer bestimmt, was gesellschaftlich relevante Forschung ist? Wo verlaufen die Grenzen der Forschungsfreiheit? Welchen Einfluss haben Drittmittelgeber? Was bedeutet es für das wissenschaftliche Personal, immer mehr Gelder einwerben zu müssen? Warum sehen sich Forschende gerade in den Naturwissenschaften gezwungen, ihre Ergebnisse „anzugleichen“ oder gar zu fälschen? Und wie steht es um die Publikationspolitik?

Wissenschaftsdisziplinen dagegen, die solche Fragen überhaupt stellen, untersuchen und kritisieren, die den kritischen Blick auf die Belange der Gesellschaft nicht verloren haben und sich nicht einfach als „Akzeptanzwissenschaft“ vereinnahmen lassen, werden für überflüssig erklärt und sind chronisch unterfinanziert. Seitens der die „Objektivität“ vor sich hertragenden Wissenschaften werden sie selten verteidigt. Statt einer Feier der Wissenschaft hätte der March for Science den Blick schärfen können für die Bedingungen ihrer Existenz zwischen Patentschutz und Open Source, Reglementierung und Big Data – nicht nur in Trump-Land.

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