Ulrike Baureithel
Ausgabe 1817 | 17.05.2017 | 06:00

Westberlin aussitzen zur Person

Prosa In „Ein Mann, der fällt“ verfeinert Ulrike Edschmid ihre Mischung aus Biografie, Fiktion und Zeitgeschichte weiter

Westberlin aussitzen zur Person

Schicksalhafte Wendepunkte sind im Werk von Ulrike Edschmid keine Seltenheit

Foto: Laura Petermann/Plainpicture

Die Welt ist alles, was der Fall ist“, lautet der erste Satz in Ludwig Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus. Hätte sich ein Fließenleger nicht in diesem Traktat verloren, sondern wäre zum verabredeten Renovierungstermin erschienen – oder hätte die Ich-Erzählerin ihrer Flugangst nachgegeben und wäre in Berlin geblieben –, dann wäre der namenlose Protagonist in Ulrike Edschmids neuem Roman Ein Mann, der fällt nicht von der Leiter gefallen und hätte sich diese folgenreiche Verletzung nicht zugezogen. Das Paar wäre, ganz wie es Wittgenstein in seiner Schrift insinuiert, nicht gezwungen gewesen, die sorgsam aufgebaute Beziehungsleiter, deren nächste Sprosse es gerade mit der neu gemieteten renovierungsbedürftigen Altbauwohnung erklimmt, wegzuwerfen, um ganz von vorne zu beginnen.

Hätte, wäre, könnte. Schicksal oder Zufall. Im Berliner Geschehensraum von 1990, als sich dieser banale und zugleich schreckliche Hausunfall ereignet, hat er Bedeutung nur für das Paar, und er wird mit all seinen Folgen erst in der Vorstellung der nicht anwesenden Erzählerin zu einer literarischen Realität. Während sie bereits wieder im Flugzeug nach Berlin sitzt, vergegenwärtigt sie sich ihren Partner noch „in fliegender Jacke, mit weit ausholenden Schritten, die Hände in den Hosentaschen. Er läuft mir entgegen“. Doch er liegt bewegungsunfähig im Krankenhaus, ein stummer Körper, der nur noch bis zur Brust erspürt werden kann und an Schläuche gefesselt ist. Sich in den Mann hineintastend, erlebt die Frau den Sturz, seine Hilflosigkeit. Stauchung des Rückenmarks, werden die Ärzte diagnostizieren, die Prognosen sind bescheiden.

Zur Person

Ulrike Edschmid, geb. 1940, gehört zu den interessantesten deutschen Gegenwartsautorinnen. Neben den in unserer Rezension erwähnten Werken ist unbedingt noch ein weiterer Roman zu nennen. Biografisches spielt auch in ihm eine große Rolle. Allerdings nicht nur in Gestalt der Burg Schwarzenfels, wo sie aufgewachsen ist. „Schon ihr Schwiegervater, der expressionistische Schriftsteller Kasimir Edschmid, war ein Autonnarr, der 1938 ein ‚Auto-Reisebuch‘ veröffentlichte. In ihrem eigenen Roman Die Liebhaber meiner Mutter von 2006 werden Familiengeschichte und westdeutsche Nachkriegsgeschichte dann automobil erschlossen und enggeführt“, schrieb Robert Stockhammer. MA

Foto: Jan-Philipp Strobel/dpa

Schicksalhafte Wendepunkte sind im Werk von Ulrike Edschmid keine Seltenheit. Ihre Werke bewegen sich oft an der Nahtlinie zwischen Biografie, Zeitgeschichte und Fiktion. So auch in ihrem viel gelobten und preisgekrönten letzten Roman Das Verschwinden des Philip S., in dem sie sich an einen jungen Filmstudenten wieder annäherte, der sich in den früher 1970er Jahren der Bewegung 2. Juni angeschlossen hatte und bei einer Schießerei mit Polizisten ums Leben kam.

Dabei sind es die kleinen Momente, die das Leben der Protagonisten auf eine neue Spur setzen: der Moment des Untertauchens des aus einer wohlhabenden Zürcher Familie stammenden Philip Sauber, der kurze Gefängnisaufenthalt, der seine damalige Gefährtin trotz aller Komplizenschaft die selbst gesteckte Grenze nicht überschreiten ließ.

Wie Philip S. hat auch der neue, fast 25 Jahre umfassende Roman eine lange Inkubationszeit hinter sich. Es muss etwas reifen und hochkommen, sagt Edschmid, bevor es auf Papier gebracht werden kann. Das betrifft nicht nur die notdürftig verschorften Wunden der Zeitgeschichte, sondern auch die Wechselfälle des Lebens.

Für das Paar, dessen erträumtes gemeinsames Leben unter „Schutt, Dreck und abgerissenen Tapeten“ begraben liegt, beginnt eine äußerst schwierige Zeit. Der von objektiven Messwerten abgesicherten Diagnose begegnet der Mann, indem er sich ihrer Bemächtigung seines Körpers zu entziehen versucht. Die winzigen Fortschritte und Rückschläge werden von Ulrike Edschmid sachlich-unterkühlt protokolliert, während der Mann in der Klinik umgeben ist von heroisch verunfallten Motorradfahrern und gescheiterten Selbstmörderinnen.

Als sich seine Blase unkontrolliert entleert, empfindet er das als Glück, jeder Zentimeter Bewegung ist Gewinn, aber auch neue Ausgesetztheit: „Es sind einsame Versuche, wieder anzukommen und zu Hause zu sein in seinem verstörten Leib.“

Währenddessen versucht die Erzählerin die Wohnung im alten Westen fertigzustellen und den neuen Verhältnissen anzupassen. Dabei beobachtet sie ihre Nachbarn: In der vierten Etage links stirbt der Steuerberater, im Block gegenüber sitzt Abend für Abend ein Mann unbeweglich beim Abendbrot, die Griechin, der das Haus gehört, bis es zum Spekulationsobjekt wird, bietet einer orthodoxen Gemeinde Unterschlupf. Deren Lieder hallen durchs Haus, später sekundiert von den betenden Koreanern im oberen Stockwerk. Gerade eingezogene Mieter verschwinden bald wieder, was bleibt, ist der Kampf gegen das spanische Lokal, das die Nächte lärmend zertrümmert, und gegen die durchreisenden Autofahrer, die rücksichtslos den Behindertenparkplatz besetzen.

Die immer schnelllebiger werdende historische Zeit, die in der wie nebenbei entworfenen Erzählung des Hauses aufbewahrt wird, welche die Veränderungen Westberlins einfängt, wird konterkariert durch die Verlangsamung, die dem Paar durch die Behinderung des Mannes auferlegt wird, als er in die Wohnung zurückkehrt. Den Rollstuhl missachtend und auf die Erzählerin und den Stock gestützt, stellt er sich, gefragter Stadterneuerer, langsam wieder dem Leben und entzieht sich dem amtlich beglaubigten Behindertenstatus. Während er lernt zu gehen und immer wieder zu fallen und sein „eigenes Maß“ zu entwickeln, erwacht der Nachbar von gegenüber aus seiner Erstarrung, bewegt sich nahezu tänzerisch. Nichts ist, wie es scheint, Dinge und Menschen müssen nichts beweisen, außer da zu sein.

Wie die textilen Decken, die die Chronistin – übrigens auch im realen Leben – kunstvoll zusammensetzt, ist auch dieses etwas schnöde „Roman“ genannte Erinnerungsstück ein raffiniert ineinander gefügtes Patchwork, das die Jahrzehnte zurückliegenden frühen Arbeiten Edschmids wieder aufruft. Sie schrieb damals vor allem über Frauen, über schreibende, aber auch politisierte, wie in Frau mit Waffe. Zwei Geschichten aus terroristischen Zeiten. In Diesseits des Schreibtischs las man Porträts von Frauen berühmter Schriftsteller, die als Musen und lebende Schreibmaschinen und später als Nachlassverwalterinnen fungierten. Sie kann auf keine solche „Muse“ zurückgreifen, nur zeitweise auf René, einen abgehalfterten Butler, der eines Tages spurlos verschwindet. Während er seine eigene Zeit lebt und verteidigt, hat die ihre Geschwindigkeit aufgenommen und es ist an ihr, diese Kluft überbrückbar zu halten und auf einen gemeinsamen Rhythmus zu hoffen.

Auch wenn manche Szenen wie der vereitelte Bombenanschlag oder der Neonazi-Angriff auf den Kiosk-Besitzer etwas zusammengestückelt und zufällig wirken, spürt man doch das Gefühl zunehmender Unbehaustheit und Leblosigkeit, das die durchreisenden Mieter und Gäste verbreiten und das die einstige Westberliner Wohlfühlluft abkühlt.

Der Auftrag der Iranerinnen, die nebenan eingezogen sind, hat nichts mehr zu tun mit dem der früheren politischen Kombattanten, die sich nun nur noch auf Festen treffen. Es sind „nur Nachbarn, keine Weggefährten“.

Am Ende bleibt nur der biblische Traum, der davon handelt, dass der Mann, der fällt, eines Tages seine Krücken wegwerfen könnte. Doch als die Erde dann wirklich bebt, springt sie auf und rennt, er bleibt liegen. „Ich stehe unter dem Türrahmen und begreife, was ich getan habe. Ich habe versucht, mich zu retten. Nur mich.“ In seinem Gesicht steht geschrieben, dass er keine Chance hat. Sie bleiben stumm, „jeder allein auf seiner Seite des Lebens“.

Info

Ein Mann, der fällt Ulrike Edschmid Suhrkamp 2017, 187 S., 20 €

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 18/17.