Wie war das mit der „Risikogesellschaft“?

Erinnerung Der Soziologe Ulrich Beck ist gestorben. Sein Verdienst war es, grundlegend verändert wahrgenommene Krisen auf einen Begriff gebracht zu haben

Der Begriff Krise mutet modern an. Krisenerscheinungen, seien sie persönlicher, gesellschaftlicher oder ökologischer Art, markieren einen Bruch, eine kathartische Wendung, aus der das Individuum oder die Gemeinschaft erneuert, gereinigt hervorgeht, geneigt, daraus zu lernen und sich gegen eine neue Krise zu versichern. Der aus den Unwägbarkeiten des aufkommenden Industriesystems erwachsene Versicherungsgedanke war der rationale Reflex auf derartige post faktum berechenbare Krisen.

Doch wissenschaftliche Entwicklung und Globalisierung bringen Risiken hervor, die mathematisch nicht mehr zu extrapolieren sind, denn es handelt sich, sagte der Anfang dieses Jahres verstorbene Soziologe Ulrich Beck in einem Interview, „um Katastrophen, die wir noch nicht erfahren haben und die wir auf keinen Fall erfahren dürfen“.

Eine solche, das herkömmliche „Versicherungsdenken“ erschütternde Krise war die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im April 1986. Damals lag Ulrich Becks Buch Risikogesellschaft bereits in der Druckerei, es wurde, mit einem neuen, brandaktuellen Vorwort versehen und in den diskursiven Kreislauf eingespeist, wo es zum Buch der Stunde wurde. Die in einer tiefen Legitimations- und Deutungskrise steckende Soziologie hatte plötzlich wieder eine Galionsfigur, das Werk las sich wie ein Kommentar auf einen Epochenbruch, den die mittendrin lebenden Zeitgenossen erst verzögert wahrnahmen.

Eine der Erfahrungen aus Tschernobyl war, dass der Super-GAU lokal und sozial nicht begrenzt, sondern sich die radioaktive Wolke über Grenzen hinweg und über alle legte, die darunter wohnen. Das deckte sich mit Becks Beobachtung, dass sich das Risiko nicht mehr hierarchisch verteilt, wie noch zu Beginn der Industriegesellschaft, sondern demokratisch: Eine ökologische Krise trifft scheinbar alle gleichermaßen, eine ökonomische rafft auch die Mittelschichten hinweg, und selbst die Familie ist kein Versicherungssystem mehr. Was dem Menschen zum Nutzen dienen sollte, ökonomischer und technischer Fortschritt, birgt ein nicht mehr berechenbares Bedrohungspotenzial, das die globalisierte Welt in einen Zustand permanenter Selbstgefährdung versetzt.

Aber der 1944 geborene, im saturierten, risikoabgewandten München lehrende Ulrich Beck war auch ein Kind des deutschen Wiederaufstiegs- und Fortschrittsglaubens. Die Verallgemeinerung des Risikos, lautete seine Analyse, berge Chancen in Form demokratischer Einflussnahme außerhalb einer Wissenschaft, die selbst zum Risiko werde, und Machtarenen, die das Risiko produzieren. Das verführte den durchaus scharfen und scharfzüngigen Denker zu appellativen, gelegentlich etwas naiven Interventionen gegen die „neoliberale Ökonomisierung der Politik“, wie er es in seinem thematischen Folgebuch Weltrisikogesellschaft nannte.

Ulrich Becks Verdienst ist es, grundlegend verändert wahrgenommene Krisen auf einen Begriff gebracht zu haben, der theoretisch zwar nicht über die Maßen belastbar ist, aber über den engen Wissenschaftsdiskurs hinaus anschlussfähig war und dem nervöser werdenden Zeitgeist Ausdruck gab. Vom Wissenschaftstyp her demokratisch und im Multitasking zwischen Akademie und Feuilleton lieber die offene Bühne suchend, bildete Ulrich Beck keine „Schule“ mehr. Als ob er das Risiko gescheut hätte, seine Theorie generationenübergreifend winterfest zu machen.

06:00 21.01.2015
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos. Wenn Sie danach weiterlesen, erhalten Sie das Buch "Oben und Unten" von Jakob Augstein und Nikolaus Blome als Treuegeschenk.

Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare