Wir hatten die Hoffnung aufgegeben

Zeitenwende Jahrelang wurden linke Aktivisten in Baden-Württemberg diffamiert und kriminalisiert. Für sie ändert sich nun mehr als nur die Regierung

Als Helmut Kohl 1998 nach 16 Jahren Kanzlerschaft abtreten musste, wurde häufig über Jungwähler sinniert, die in ihrem bisherigen Leben nur diesen einen politischen Leitwolf erlebt hatten, und die vielen Ermüdeten, die dieses Gesicht einfach nicht mehr sehen mochten. Die Wechselstimmung habe in der Luft gelegen. Gegenüber fast 58 Jahren christdemokratischer Herrschaft in Baden-Württemberg mutet Kohls Amtszeit fast wie eine Episode an. Nach einigen gescheiterten Anläufen in den siebziger und achtziger Jahren hatte meine Generation die Hoffnung auf einen bunteren Infanten auf dem Stuttgarter Thron längst aufgegeben.

Ähnlich wie Kohl hatten die kleinen Könige auch dort die Neigung, Jahrzehnte auszusitzen: Hans Filbinger überstand immerhin 16 Jahre Studentenbewegung und Jugendrevolte, und sein Nachfolger Lothar „Cleverle“ Späth hätte den Ex-Nazirichter vielleicht sogar übertroffen, wäre er nicht via Traumschiff-Affäre bei Carl Zeiss Jena gelandet; Erwin Teufel hat nach 14 Jahren einen würdigeren Abgang hingelegt.

Dialog mittels Tränengas

Dass sich mit Filbinger und seinem Vorgänger Kurt Georg Kiesinger auch zwei Werwölfe der NS-Zeit in den Hermelin gewickelt hatten, prägte das Land weit über die Nachkriegszeit hinaus. Wilhelm Hahn, Kultusminister zwischen 1964 und 1979, zog durch sein Schulreich mit dem geflügelten Wort, sein Lehrerheer trage den Marschallstab im Tornister. Wer mit dem Stab nicht Rückgrat brechen, sondern stärken wollte, wurde aussortiert. Die Folgen, die der politische Exodus einer ganzen Lehrergeneration für das viel beschworene „strukturkonservative Element“ in Baden-Württemberg hatte, können nicht hoch genug veranschlagt werden. „Brecht dem Hahn die Gräten, alle Macht den Räten“, intonierten die Freiburger Studenten 1968.

Dass es dann noch über 40 Jahre dauerte, bis nicht der Hahn, sondern der Mappus Federn lassen musste, gehört zu den Eigenheiten eines Landes, das in der Manier des aufgeklärten Absolutismus zwar an der Spitze der technischen Bewegung marschiert, aber bisher oft verhindert hat, die von Carl Benz oder Graf Zeppelin entfesselten Kräfte auf den politischen Motor zu lenken. Wer 1975 einmal den Bauplatz des geplanten Atomkraftwerk Wyhl besetzt hat mit den gleichen Argumenten, die auf den jüngsten Anti-Atom-Demonstrationen zu hören waren und gleichzeitig die Bilder aus Japan sieht, könnte schwermütig werden angesichts der Lernunfähigkeit in diesem Land. In Wyhl hetzte Filbinger Hundestaffeln auf die Protestierer, 35 Jahre später preschte Polizeikavallerie in die Menge und hielt sie mit Pfefferspray in Schach.

Noch vergangene Woche waren viele Baden-Württemberger skeptisch: So richtig mochten die, die so lange umsonst gehofft hatten, an den Wechsel nicht glauben. Am Ende, so eine wiederkehrende Einschätzung, würden alle das Bewährte wählen.

Erstmals Grund zum Feiern

Das Bewährte? Das den Planet unbewohnbar macht und die Einwohner tagtäglich unberechenbaren Risiken aussetzt? Es stimmt schon, es gibt im Land das traditionelle Misstrauen gegen alles Neue, den Argwohn gegen Fremde und die eigennützige Besitzstandsmentalität, an die die Landes-CDU seit Jahrzehnten anknüpfen konnte. Das bekommen nicht-einheimische „Sozialschmarotzer“ ebenso zu spüren wie erfolgreiche chinesische Unternehmer, die sich im Land ansiedeln. Das wird sich auch mit dem Votum für die Grünen nicht über Nacht verändert haben, und niemand hat bislang erklärt, wohin eigentlich die rechten männlichen Jungwähler gewandert sind, die vor 20 Jahren zwei Mal hintereinander die Republikaner in den Landtag gehievt haben. Vielleicht sind auch davon einige im grünen Sammelbecken gelandet.

Doch dass auf der einst rabenschwarzen Landkarte von Baden-Württemberg dort, wo die großen Städte liegen, nun grüne Wiesen blühen, lässt den Himmel ein bisschen blauer leuchten. Sie fühle sich endlich rehabilitiert, schreibt eine Atomkraftgegnerin, die sich jahrelang diffamieren und kriminalisieren lassen musste. Noch nie habe sie das Bedürfnis gehabt, eine Landtagswahl zu feiern, es sei das erste Mal.

Offensichtlich braucht es Ereignisse wie die Katastrophe in Japan, um ein politisches Beben wie in Baden-Württemberg auszulösen. Das ist schlimm. Über dem Jubel, ausgerechnet in diesem Land den ersten grünen Ministerpräsidenten zu stellen, sollte man nicht vergessen, dass es auch nach dem 27. März große Konzerne sind, die „den Marschallstab im Tornister tragen“. Und die Konflikte zwischen der Öko-Partei und ihren Wählern sind schon jetzt programmiert, egal ob es um Stromtrassen, Windräder, Pumpspeicheranlagen oder Umweltabgaben geht. Aber selbst wenn das grüne Lüftchen an einheimischem Geschäftssinn und Beharrungsvermögen bricht: In Stuttgart wird die CDU nie wieder regieren können wie in den letzten 58 Jahren.

Ulrike Baureithel stammt aus Baden und hat sich seinerzeit unter anderem gegen den Bau des Atomkraftwerks in Wyhl engagiert

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08:10 31.03.2011

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